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Siebzehntes Kapitel

Als Mark Sylvia bei dem Felsblock fand, überraschte es ihn weniger, als wenn er nicht gewußt hätte, daß sie dort war – er hatte sie ja fortgehen sehen. Sie saß zusammengekauert, brütend über dem Wasser da, den Sonnenhut im Genick, und ihr Haar, in dem sich sein Stern verfangen, leuchtete wie blasses Gold in der Sonne. Er ging leise durch das Gras auf sie zu, und als er dicht bei ihr war, hielt er es für am besten stehenzubleiben. Wenn er sie erschreckte, könnte sie weglaufen, und er hätte dann nicht das Herz, ihr zu folgen. Wie still sie war, in ihr Sinnen verloren! Er wünschte, ihr Gesicht sehen zu können. Schließlich sagte er leise: »Sylvia! … Darf ich?«

Da sie sich nicht rührte, ging er zu ihr hin. Sie konnte ihm doch nicht immer noch böse sein!

»Ich dank dir tausendmal für das Buch – es sieht prachtvoll aus!«

Sie gab keine Antwort. Er lehnte seine Angel gegen den Stein und seufzte. Ihr Schweigen schien ihm ungerecht. Was wollte sie denn von ihm? Was sollte er sagen oder tun? War es überhaupt der Mühe wert zu leben, wenn man so verschlossen blieb?

»Ich hab dich ja nicht kränken wollen. Ich möcht überhaupt niemand kränken. Es war nur deshalb, weil meine Tiere so schlecht geraten sind – ich kann's nicht vertragen, daß sie jemand anschaut – besonders du – ich möcht dir Freude machen – wahrhaftig! Das war also der Grund. Du könntest mir wirklich verzeihen, Sylvia!«

Ein Geräusch hinter der Mauer, ein Rascheln, Tritte im Farnkraut – Rehe wahrscheinlich! Und wieder sagte er eifrig und leise:

»Wahrhaftig, du könntest mir wieder gut sein, Sylvia!«

Sie wandte das Gesicht ab und sagte rasch:

»Das ist es nicht. Es ist – es, ist etwas andres.«

»Was denn?«

»Gar nichts – nur daß dir nichts an mir liegt – jetzt …«

Er kniete neben ihr nieder. Was meinte sie denn? Aber er wußte es nur zu gut.

»Natürlich liegt mir was an dir! Ganz furchtbar viel! Kränk dich doch nicht! Ich kann's nicht ertragen, jemand unglücklich zu sehen. Kränk dich doch nicht, Sylvia!« Und er begann ihren Arm sanft zu streicheln. Alles war so sonderbar verworren in ihm; nur eines war ihm klar: Er durfte ihr nichts eingestehen! Als hätte sie diesen Gedanken in ihm lesen können, schien ihm ihr Blick plötzlich bis ins Innerste zu dringen. Dann riß sie ein paar Grashalme ab und fing an, sie zu flechten.

»An ihr liegt dir was.«

Nun, er mochte nicht nein sagen! Das wäre schuftig gewesen! Selbst wenn ihm nichts mehr an ihr läge – lag ihm denn noch etwas an ihr? –, wäre es niedrig und gemein gewesen. Und seine Augen hatten jenen Ausdruck, um dessentwillen sein Professor ihn mit einem verängstigten Löwenjungen verglichen hatte.

Sylvia berührte seinen Arm.

»Mark!«

»Ja?«

»Nicht!«

Er stand auf und ergriff seine Angel. Welchen Zweck hatte es? Er konnte nicht länger bei ihr bleiben, da er nicht sprechen konnte, nicht sprechen durfte.

»Du gehst?«

»Ja.«

»Bist du böse? Bitte, sei nicht bös mit mir!«

Es würgte ihn in der Kehle, er beugte sich über ihre Hand und küßte sie, schulterte dann seine Angel und ging davon. Als er sich einmal umwandte, sah er sie noch immer in Sinnen verloren bei dem großen Stein sitzen und ihm nachschaun. In diesem Augenblick schien es ihm, daß er jetzt nirgends hingehen könnte, nirgends als zu den Vögeln und Tieren und Bäumen, denen es nichts bedeutete, ob man innerlich ganz zerrissen und zerfahren war. Am Ufer legte er sich ins Gras nieder. Er konnte die winzigen Forellen zwischen den Steinen durchschlüpfen sehen; die Schwalben, die sehr tief flogen, umkreisten ihn, und eine Hornisse leistete ihm eine Zeitlang Gesellschaft. Aber er hatte für nichts Interesse; es war, als läge sein Geist gefangen. Es wäre wahrhaftig schön gewesen, das Wasser zu sein, das niemals stillstand, immer weiter-, immer weiterfloß, oder der Wind, der alles schrankenlos berührte. Nichts tun können, ohne jemand zu kränken – das war so entsetzlich! Wenn man nur wie eine Blume wäre, die erblühte, ihr Leben ganz für sich lebte und wieder starb! Aber was er jetzt auch tat und sagte, glich entweder einer Lüge oder einer Grausamkeit. Das einzig Richtige war, sich von den Menschen fernzuhalten. Doch wie konnte er sich von seinen eigenen Gästen fernhalten?

Er ging zum Mittagessen ins Haus zurück, aber seine beiden Gäste waren fort, und niemand schien recht zu wissen, wohin. Ruhelos, wirr und verstört wanderte er den ganzen Nachmittag umher. Gerade vor dem Abendessen sagte man ihm, daß Mrs. Stormer sich nicht wohl fühlte und daß beide morgen abreisten. Fort – nach drei Tagen! Das riß ihn nur noch tiefer in jene unbegreifliche, trostlose Verwirrung hinein. In starrem, brütendem Schweigen saß er da. Er wußte, daß er Aufmerksamkeit erregte, konnte es jedoch nicht ändern. Mehrere Male während des Essens bemerkte er, wie ihn Gordys Augen unter den geschwollenen, halbgeschlossenen Lidern fixierten, als mache er sich im geheimen seine Gedanken. Aber es war ihm einfach unmöglich zu sprechen – alles, was er hätte sagen können, erschien ihm unwahr. Ach, es war ein trauriger Abend, als ihm eine Ahnung aufging, wie sehr ein anderes Menschenherz litt, als ihn das unklare, nagende Bewußtsein quälte, daß etwas gebrochen, Treue verraten war; und dabei stets die verwunderte Frage: Wie hätt ich es verhindern können? Und stets Sylvias nachdenkliches Gesicht, das anzusehen er geflissentlich vermied.

Er ließ Gordy und den Professor bei ihrem Wein, stahl sich hinaus, strich lange Zeit im Garten umher und lauschte traurig den Eulen. Es war ein Segen, auf sein Zimmer gehen zu können, wenn er auch natürlich nicht schlafen würde.

Aber er schlief dennoch die ganze Nacht hindurch und träumte unablässig; zuletzt lag er an einem Bergabhang, Anna blickte ihm in die Augen und beugte ihr Gesicht zu ihm herab. Gerade als ihre Lippen ihn berührten, wachte er auf. Er stand noch immer unter dem Bann dieses wirren Traumes, als das Geräusch von Rädern und Pferdehufen auf dem Kies an sein Ohr drang; er sprang aus dem Bett. Da fuhr der kleine Wagen gerade fort, der alte Godden kutschierte, das Gepäck lag neben ihm aufgestapelt, und die Stormers saßen sich im Wagen gegenüber. So fortzugehen nicht einmal Lebewohl zu sagen! Für einen Augenblick kam er sich vor wie einer, der jemand umgebracht hat, ohne es zu wollen – ganz betäubt und gebrochen. Dann fuhr er hastig in die Kleider. Er würde sie nicht so gehen lassen! Er wollte, er mußte sie noch einmal sehen! Was hatte er nur getan, daß sie so fortgehn sollte? Er stürzte hinunter. Der Vorraum war leer; neunzehn Minuten vor acht! Der Zug ging um acht Uhr. Hatte er noch Zeit, Bolero zu satteln? Er rannte nach den Ställen; das Pferd war fort, um beschlagen zu werden. Er würde, er mußte zur rechten Zeit hinkommen! Das würde ihr auf jeden Fall zeigen, daß er nicht ein durch und durch schlechter Kerl war. Er ging bis zur Biegung des Fahrweges und fing dann zu laufen an, so rasch er konnte. Ein halber Kilometer, und schon fühlte er sich wohler, nicht mehr so elend und zerknirscht; es war doch etwas: das Bewußtsein, eine schwere Aufgabe bewältigen, ein Ziel erreichen zu müssen, überlegen zu müssen, wie man seine Kraft aufsparte, die beste Gangart wählte, im Schatten lief, bergauf nicht außer Atem kam, einen Abhang förmlich hinunterflog. Es war noch immer kühl, und der Tau ließ keinen Staub aufkommen; auf der Straße waren keine Wagen und fast niemand, der ihm nachsehen konnte, als er vorbeilief. Was er zu tun gedachte, wenn er rechtzeitig hinkam, wie er diesen tollen Fünfkilometerlauf erklären wollte, daran dachte er nicht. Jetzt kam er an einer Farm vorbei, die, wie er wußte, auf der Hälfte des Weges lag. Er hatte seine Uhr vergessen. Er hatte nur die Hosen, das Hemd und die Norfolk-Jacke angezogen, keine Krawatte, keinen Hut, nicht einmal Strümpfe, nur Tennisschuhe, und er brannte wie Feuer, sein Haar flog im Wind – in der Tat ein merkwürdiger Anblick, wenn ihn jemand getroffen hätte. Doch er hatte jetzt jedes Gefühl verloren, nur nicht die Willenskraft, den Bahnhof rechtzeitig zu erreichen. Eine Schafherde kam aus einem Feld auf den Fahrweg. Er bahnte sich seinen Weg hindurch, verlor aber trotzdem einige Augenblicke. Noch immer mehr als anderthalb Kilometer. Und er war außer Atem, seine Beine begannen zu wanken! Bergab liefen sie freilich fast von selbst, aber dann kam noch ein langes, ganz ebenes Stück; und er konnte schon den Zug hören, der langsam durch das Tal dahinkeuchte. Da faßte er trotz seiner Erschöpfung wieder frischen Mut. Er wollte nicht wie eine Vogelscheuche hinkommen, halbtot, und eine Szene machen. Er mußte seine ganze Kraft zusammennehmen und daherschlendern, als wäre alles nur ein Scherz. Aber wie nur, wo ihm zumute war, als könne er jeden Augenblick in den Staub sinken und dort für immer liegenbleiben! Und im Weiterlaufen machte er schwache, verzweifelte Anstrengungen, sein Gesicht abzuwischen und die Kleider zu reinigen. Endlich – der Eingang zur Station, nur noch zweihundert Schritt! Den Zug hörte er jetzt nicht mehr. Er mußte im Bahnhof stehen. Und ein Stöhnen entrang sich seinen überarbeiteten Lungen. Gerade als er den Eingang erreichte, hörte er die Pfeife des Schaffners. Anstatt an den Schalter rannte er am Zaun entlang, wo das Tor zum Güterschuppen offenstand; er stürzte hindurch und fiel gegen die mit Geißblatt bewachsene Mauer. Die Maschine stand gerade vor ihm; er griff nach dem Ärmel und fuhr sich damit übers Gesicht, um den Schweiß wegzuwischen. Alles schwamm ihm vor den Augen. Er mußte sie sehen – er konnte doch unmöglich rechtzeitig hingekommen sein, um nichts mehr zu sehen! Er fuhr sich mit den Händen über Stirn und Haar und spähte halb betäubt nach dem langsam vorbeifahrenden Zug. Da war sie, am Fenster! Da stand sie, sah hinaus. Er wagte nicht vorwärts zu gehen, aus Angst umzusinken, aber er streckte die Hand aus. Sie sah ihn. Ja, sie sah ihn! Würde sie ihm kein Zeichen geben? Gar nichts? Und plötzlich merkte er, wie sie nach ihrem Kleid griff, etwas herauszog und aus dem Fenster warf. Es fiel dicht vor seine Füße. Er hob es nicht auf, er wollte ihr Gesicht sehen, bis sie fort war. Es sah wundervoll aus – so stolz und blaß. Sie führte die Hand an die Lippen. Dann schwamm ihm wieder alles vor den Augen, und als er wieder deutlich sehen konnte, war der Zug verschwunden. Doch zu seinen Füßen lag, was sie ihm zugeworfen hatte. Er hob es auf. Es war die Blume, jetzt ganz dunkel und verdorrt, die sie ihm in Tirol gegeben und die sie dann wieder an sich genommen hatte.

Er schleppte sich am Güterschuppen entlang hinaus ins Feld, warf sich zu Boden und preßte sein Gesicht an die verwelkte Blume, die noch immer ihren Duft besaß …

Der nachdenkliche, geheime Pläne verratende Blick seines Vormunds war nicht ohne Bedeutung gewesen. Mark ging nicht nach Oxford zurück. Statt dessen fuhr er nach Rom, wohnte bei seiner Schwester und besuchte eine Akademie für Bildhauer. Damit begann für ihn eine Zeit, wo seine Kunst ihm alles war.

Zweimal schrieb er an Anna, erhielt jedoch keine Antwort. Von seinem Professor kam ein kurzer Brief:

 

›Mein lieber Lennan!

So! Sie verlassen uns der Kunst zuliebe? Na ja, es war ja Ihr Mond, wenn ich mich recht erinnere – einer von Ihren Monden. Ein würdiger Mond, ein wenig verstaubt zwar in unserer Zeit, ein bißchen im Abnehmen begriffen, aber für Sie zweifellos eine jungfräuliche Göttin, deren Saum des Gewandes usw.

Wir werden Sie in freundlicher Erinnerung behalten trotz Ihrer Treulosigkeit.

Einst Ihr Lehrer und noch immer Ihr Freund

Harold Stormer.‹

Es war lang, sehr lang nach jenen Ferien, als er Sylvia wiedersah.


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