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Siebentes Kapitel

Für den jungen Lennan brach eine seltsame Zeit an, eine Zeit, da er keinen Augenblick lang recht wußte, ob er glücklich war – stets bemüht, mit ihr zusammen zu sein, ruhelos, wenn es nicht möglich war, betrübt, wenn sie mit andern sprach und sie anlächelte; aber auch wenn er mit ihr zusammen war, fühlte er sich ruhelos, unbefriedigt und litt unter seiner Schüchternheit.

Eines Morgens, als es regnete, spielte sie auf dem Klavier des Hotels, er hörte zu und glaubte mit ihr allein sein zu können. Da kam ein junger deutscher Geiger herein, blaß, in einem braunen Rock mit enger Taille, mit langen Haaren und kurzem Backenbart – ein Ekel, wahrhaftig! Natürlich forderte sie dieses junge Ekel bald auf, ihn zu begleiten, als hätte irgend jemand sein widerliches Gefiedel hören wollen! Jedes Wort, das sie an den Geiger richtete, und jedes Lächeln verletzte ihn furchtbar, da er deutlich merkte, um wieviel interessanter dieser Fremde als er selbst war. Und das Herz ward ihm schwerer und schwerer, und er dachte: Es sollte mir eigentlich nichts dran liegen, daß er ihr gefällt – 's liegt mir aber doch was dran! Was kann ich dafür? Es war abscheulich, zusehen zu müssen, wie sie lächelte und wie sich das junge Ekel zu ihr herabbeugte. Und obendrein sprachen sie deutsch miteinander, so daß er keine Ahnung hatte, was sie sagten, und alles noch unerträglicher wurde. Er hatte bisher nicht gewußt, daß solche Qualen möglich waren.

Und dann empfand er das Bedürfnis, sie zu verletzen. Aber das war ein häßlicher Gedanke – und übrigens, wie konnte er sie denn verletzen? Ihr lag ja nichts an ihm, für sie war er nur – ein Kind! Wenn sie ihn, der sich so alt fühlte, wirklich für ein Kind hielt, so wäre das einfach entsetzlich! Der Gedanke durchzuckte ihn, daß sie vielleicht den jungen Geiger gegen ihn ausspielte! Nein, so was würde sie niemals tun! Aber das junge Ekel sah gerade so aus wie einer, der ihr Lächeln falsch auslegen könnte. Wenn er doch nur etwas Ungehöriges täte, wie herrlich wär's, ihn zu einem Gang in den Wald aufzufordern und ihn nach der nötigen Aufklärung ordentlich zu verprügeln! Er wollte ihr nichts davon erzählen, er würde sich dadurch in ihren Augen nicht besser machen wollen. Er würde sich von ihr fernhalten, bis sie ihn wieder zurückrief. Doch plötzlich wurde der Gedanke, was er wirklich fühlen würde, wenn sie diesen jungen Mann statt seiner zum Freunde nähme, so lebendig, so schmerzhaft, so entsetzlich qualvoll, daß er unerwartet aufstand und zur Tür ging. Wollte sie ihm denn kein Wort sagen, ehe er das Zimmer verließ, wollte sie nicht versuchen, ihn zurückzuhalten? Tat sie es nicht, dann war gewiß alles zu Ende; das würde ihm beweisen, daß ihr jeder andere mehr bedeutete als er. Dieser kurze Weg zur Tür dünkte ihm wirklich wie der Gang zum Schafott. Wollte sie ihm nicht nachrufen? Er blickte zurück. Sie lächelte. Doch er konnte nicht lächeln; sie hatte ihn zu sehr verletzt! Er wandte den Kopf weg und stürmte zur Tür hinaus, barhäuptig in den Regen. Das Gefühl der Feuchtigkeit auf den Wangen gewährte ihm eine klägliche Genugtuung. Bald würde er bis auf die Haut durchnäßt sein! Vielleicht würde er noch krank! Hier, weit weg von seinen Angehörigen, würde sie ihn pflegen müssen; und vielleicht – vielleicht würde er ihr in seiner Krankheit nach und nach doch interessanter scheinen als jenes junge Ekel, und dann –! Ach, wenn er nur krank werden könnte!

Unter den triefenden Bäumen stieg er rasch zum Fuße des niederen Berges empor, der sich hinter dem Hotel erhob. Er schlug den Pfad ein, der zum Gipfel führte, und eilte sehr schnell vorwärts. Das Gefühl, daß ihm Unrecht widerfahren war, begann nachzulassen; er verspürte keine Lust mehr, krank zu werden. Der Regen hatte aufgehört, die Sonne kam hervor; er stieg weiter, immer höher. Er wollte rascher zum Gipfel kommen als jemals einer vor ihm! Das war wenigstens etwas, das er besser konnte als jenes junge Ekel! Die Fichten machten verkrüppelten Lärchen Platz und diese wieder dem Krummholz und Geröll; ganz außer Atem kletterte er weiter, wobei er sich an dem zähen Gebüsch emporzog; das Herz schlug ihm hörbar, der Schweiß strömte ihm vom Gesicht. Sein einziger Gedanke war jetzt, ob er die Spitze erreichen würde, ehe er erschöpft hinfiel. Er glaubte vor lauter Herzklopfen sterben zu müssen, aber lieber sterben als jetzt stehenbleiben und sich wenige Schritte vor dem Ziele besiegt erklären! Endlich stolperte er zu dem kleinen Plateau am Gipfel empor. Volle zehn Minuten lag er dort regungslos auf dem Gesicht, dann kugelte er sich auf die Seite. Sein Herz hatte aufgehört, so furchtbar zu schlagen; er atmete aus voller Brust auf, streckte die Arme über das dampfende Gras hin, fühlte sich wieder glücklich! Hier oben war's wundervoll! Die Sonne brannte heiß aus dem schon wieder hellblauen Himmel nieder. Wie winzig alles da drunten aussah, das Hotel, die Bäume, das Dorf, die Sennhütten, wie kleines Spielzeug! Noch nie zuvor hatte er die Freude, auf der Höhe zu sein, empfunden. Die zerrissenen Regenwolken, die längs der Berge nach Süden trieben, glichen in ihren gigantischen, weißen Gestalten einer flüchtenden Armee von Riesen mit Streitwagen und weißen Rossen. Plötzlich fiel ihm ein: Wie, wenn ich gestorben wäre, als mir das Herz so furchtbar schlug? Hätte es den geringsten Unterschied gemacht? Alles ginge geradeso wie bisher weiter, die Sonne schiene, der Himmel über mir wäre ebenso blau, und diese Spielsachen lägen ebenso im Tale unten. Seine ganze Eifersucht vor einer Stunde – ach, sie zählte nicht, er selbst zählte nicht! Was lag daran, ob sie zu dem Kerl im braunen Rock nett war? Was lag an irgend etwas, da doch das Weltall so groß war und er nichts weiter als ein Atom?

Am Rande des Plateaus war, um den höchsten Punkt zu bezeichnen, ein rohgezimmertes Kreuz errichtet worden, das sich deutlich vom blauen Himmel abhob. Es sah da oben häßlich aus und ganz am unrichtigen Platz, wie es so verkrümmt und hinfällig dastand; es schien ihm eine Taktlosigkeit, als hätten die Leute, von einer einzigen Idee besessen, es hier heraufgezerrt, ohne sich darum zu kümmern, ob es auch in die Umgebung paßte. Ebensogut hätte man einen jener Felsen in die schöne dunkle Kirche hineinstellen können, wo er Anna neulich zurückgelassen hatte, als hier ein Kreuz aufzurichten!

Das Bimmeln kleiner Glocken, Geschnüffel und Schlurfen weckte ihn aus seinen Gedanken; ein großer grauer Ziegenbock war heraufgekommen und roch an seinem Haar – der Führer einer Herde von Tieren mit sonderbar gelben Augen, länglichen Pupillen und possierlichen kleinen Bärten und Schwänzen, die sich voll ernsthafter Neugier bald um ihn sammelten. Furchtbar nette Biester – und freundlich! Was für famose Dinger zum Modellieren! Er lag still (diese in Gegenwart aller Tiere nötige Gewohnheit kannte er von seinem Vormund, der Fischer war), während der Führer eine Probe vom Geruch seines Nackens nahm. Es war ein angenehmes Gefühl, wie die lange rauhe Zunge über seine Haut fuhr, und erweckte in ihm ein merkwürdiges Bewußtsein guter Kameradschaft. Er unterdrückte den Wunsch, dem Tiere die Nase zu streicheln. Jetzt wollten sie scheinbar alle seinen Hals kosten; aber ein paar von ihnen waren zu schüchtern, und die Berührung ihrer Zunge kitzelte ihn nur, so daß er lachen mußte; bei diesem sonderbaren Laut wichen sie etwas zurück und starrten ihn an. Niemand schien bei ihnen zu sein, bis er in einiger Entfernung den Ziegenhirten gewahrte, einen Jungen von ungefähr seinem Alter, der ganz bewegungslos im Schatten eines Felsens saß. Wie einsam er hier oben den ganzen Tag sein mußte! Vielleicht unterhielt er sich mit seinen Ziegen. Er sah auch ganz danach aus. Hier oben mußte man auf seltsame Gedanken kommen, die Felsen und Wolken und Tiere und ihre eigentliche Bedeutung kennenlernen. Der Ziegenhirt stieß einen eigentümlichen Pfiff aus und etwas, Lennan konnte nicht recht sagen, was, war unter den Ziegen zu bemerken, ein Ruf wie ›Hier sind wir, Herr!‹ schien von ihnen zu kommen. Dann kam der Hirt aus dem Schatten hervor und ging zum Rande des Plateaus hinüber, und zwei Ziegen, die dort weideten, drückten ihre Nase in seine Hand und rieben sich an seinen Beinen. Es sah wunderschön aus, wie die drei so am Bergrand standen und wie die Gruppe sich vom Himmel abhob …

An jenem Abend wurde das Speisezimmer nach dem Diner zum Tanzen ausgeräumt, so daß sich die Gäste fröhlich und unbehindert fühlen konnten. Und bald darauf begann tatsächlich ein Paar in der schüchternen Art, wie sie Hotelgästen eigen ist, über den Boden hin und her zu walzen. Dann stürzten sich plötzlich drei Paare von Italienern in den Tanz, sie wirbelten in einem fort dahin und sahen einander heiß in die Augen; von ihrem Beispiel angeregt, fingen einige Amerikaner an, sich leicht hin und her zu drehen. Danach setzte sich ein englisches ›Moralheldenpaar‹ mit vorsichtig amüsierten Mienen in Bewegung. Lennan schien es, daß sie alle recht gut tanzen konnten, viel besser als er. Wagte er es, sie aufzufordern? Da sah er, wie der junge Geiger auf sie zuging, wie sie sich erhob, seinen Arm nahm und mit ihm in den Tanzsaal verschwand; mit einem wehen Gefühl des Besiegtseins preßte er die Stirn gegen eine Fensterscheibe und blickte ins Mondlicht hinaus, ohne etwas zu sehen. Er hörte seinen Namen, sein Professor stand neben ihm.

»Wir beide, Lennan, müssen einander trösten. Das Tanzen ist für die Jugend, eh?«

Glücklicherweise halfen Instinkt und Erziehung dem Jungen, seine Gefühle zu verbergen und auch dann nett zu sein, wenn er innerlich nicht im Gleichgewicht war.

»Gewiß, Herr Professor. Schönes Mondlicht da draußen, nicht wahr?«

»Ach ja, recht schön. Als ich in Ihrem Alter stand, schwang ich das Tanzbein mit den Besten. Aber nach und nach, Lennan, sah man ein, daß es ohne eine Partnerin nicht ging – da lag der Hase im Pfeffer! Sagen Sie mal: Nehmen Sie die Frauen überhaupt ernst? Ihre Ansicht darüber würde mich interessieren.«

Es war natürlich ironisch gemeint, doch lag etwas in diesen Worten – zweifellos!

»Ich glaube, Herr Professor, Sie sollten mir zuerst Ihre Ansicht sagen.«

»Mein lieber Lennan, meine Erfahrung auf diesem Gebiet zählt nicht.«

Das sollte ein Hieb auf sie sein. Er wollte lieber nichts entgegnen. Wenn Stormer ihn nur allein lassen wollte! Die Musik hatte aufgehört. Gewiß saßen sie irgendwo draußen und plauderten miteinander! Er nahm sich zusammen und sagte:

»Heute morgen war ich auf dem Berg hinterm Hotel, wo das Kreuz steht. Ich hab ein paar schöne Ziegen dort gesehn.«

Und plötzlich sah er sie allein daherkommen. Sie war erhitzt und lächelte; es fiel ihm auf, daß ihr Kleid den gleichen Schimmer wie das Mondlicht hatte.

»Harold, willst du tanzen?«

Jetzt würde er gewiß ja sagen, und sie würde wieder fortgehn! Aber sein Professor machte ihr nur eine kleine Verbeugung und sagte mit einem eigentümlichen Lächeln:

»Lennan und ich sind zu dem Schluß gekommen, daß das Tanzen nur für die Jugend ist.«

»Manchmal müssen sich die Alten opfern. Mark, wollen Sie tanzen?«

Er hörte seinen Professor hinter sich murmeln:

»Ah, Lennan, Sie verraten mich!«

Der kurze schweigsame Gang mit ihr zum Tanzsaal war vielleicht der seligste Augenblick, den er je gekostet hatte. Und er hätte wegen des Tanzes gar nicht solche Angst zu haben brauchen. Freilich war er nicht sehr vollendet, hinderte sie aber nicht, so leicht, sicher, so schwebend reigte sie dahin. Es ließ sich herrlich mit ihr tanzen! Erst als die Musik aufhörte und sie sich niedersetzte, fühlte er, wie ihm der Kopf wirbelte. Es war ihm sonderbar zumute, wirklich recht sonderbar! Er hörte sie sagen: »Was ist Ihnen nur, lieber Junge? Sie sind ja kreideweiß!«

Ohne recht zu wissen, was er tat, beugte er das Gesicht auf die Hand herab, die sie auf seinen Arm gelegt hatte, dann benahm ihm eine Ohnmacht die Sinne.


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