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Dreizehntes Kapitel

Oberst Ercott war kein regelmäßiger Besucher der Rennen, aber er hegte, wie so viele seiner Landsleute, fast eine religiöse Verehrung für das Derby. Seine Erinnerungen daran erstreckten sich bis in die frühe Jugend, denn er war ganz nahe an der Landstraße nach Epsom geboren und auferzogen worden. An jedem Derby- und Oakstag war er auf seinem Pony hinausgeritten, um das Vorbeiziehen der hohen Zylinder und den Staat der Großen, der steifen Hüte und den Staat der Kleinen zu verfolgen; und daheim auf den Wiesen hatte er nachher mit dem braven Lindsay Rennen abgehalten, wobei sie zwischen einer Kuh, die Schiedsrichter war, und einem Binsenbüschel, das die große Tribüne darstellen sollte, durchs Ziel gingen.

Aus dem oder jenem Grunde hatte er sich jedoch bisher noch nie das große Rennen angesehen, und der Gedanke, daß es seine Pflicht sei, es zu besuchen, hatte sich nun seiner bemächtigt. Etwas schüchtern schlug er den Plan Mrs. Ercott vor. Sie las so viele Bücher – er war nicht ganz gewiß, ob sie zustimmen würde. Als sie aber ja sagte, fügte er unschuldig hinzu: »Wir könnten auch Olive mitnehmen.«

Mrs. Ercott gab trocken zurück:

»Du weißt doch, daß das Parlament Ferien hat?«

Der Oberst murmelte:

»So! Den Kerl kann ich nicht brauchen!«

»Vielleicht«, sagte Mrs. Ercott, »war dir Mark Lennan lieber.«

Der Oberst sah sie ganz perplex an. Wie konnte Dolly es eine Tragödie heißen und eine – eine ›grande passion‹ und dabei eine solche Andeutung machen? Dann begannen seine Runzeln allmählich lebendig zu werden, und er schlang den Arm um ihre Taille.

Mrs. Ercott widersetzte sich dieser Behandlung nicht.

»Geh du allein mit Olive«, erklärte sie, »mir liegt wirklich nichts am Rennen.«

Als der Oberst zu seiner Nichte kam, um sie abzuholen, fand er sie zum Ausgehen bereit, und nur mit großer Überwindung fragte er anstandshalber nach Cramier. Sie hatte ihm anscheinend nichts gesagt.

Erleichtert und doch etwas aus der Fassung gebracht, murmelte er:

»Er macht sich doch nichts draus, nicht mitzugehn?«

»Wenn er ginge, bliebe ich zu Hause.«

Diese ruhige Antwort rief in dem Obersten alle Befürchtungen von neuem wach. Er stellte seinen weißen Zylinder hin und nahm sie bei der Hand.

»Meine Liebe«, sagte er, »ich möchte mich nicht aufdrängen; aber – aber kann ich nicht etwas für dich tun? Es tut mir weh, zu sehen, daß du nicht glücklich bist!« Er fühlte, wie seine Hand emporgehoben wurde und ihr Gesicht sich fest dagegenschmiegte; und da ihn das ergriff, streichelte er mit der andern Hand, die in einem neuen hellen Handschuh steckte, ihren Arm. »Wir wollen uns einen recht schönen Tag machen, liebes Kind«, sagte er, »und überhaupt nicht dran denken!«

Sie drückte einen Kuß auf seine Hand und wandte sich ab. Und der Oberst schwur sich, daß sie nicht unglücklich sein sollte – dieses reizende Geschöpf, so schlank und zart und elegant in ihrem perlfarbenen Kleid! Und er nahm sich zusammen und strich mit dem Ärmel eifrig über seinen weißen Zylinder, wobei er ganz vergaß, daß diese Art von Hüten keine Haare hat.

Und so war er denn die verkörperte Zärtlichkeit auf der Fahrt zur Rennbahn, befriedigte jeden ihrer Wünsche, ehe sie ihn noch aussprach, erzählte ihr Geschichten über das Leben in Indien und beriet sich umständlich mit ihr, welches Pferd sie wetten sollten. Das des Herzogs kam natürlich in Betracht, aber da war noch ein anderes Tier, das es ihm angetan hatte. Sein Freund Tabor hatte ihm den Tip gegeben, Tabor, der die besten Araber in ganz Indien hatte, und zu einem anständigen Preis. Obzwar der Oberst eigentlich nie wettete, war ihm doch das Gefühl angenehm, daß ihm sein Favorit etwas Ordentliches einbringen würde, wenn er gewann; der Gedanke, daß er verlieren könnte, beunruhigte ihn nicht allzusehr. Auf alle Fälle würden sie ihn ja im Paddock sehen und sich ihr eigenes Urteil bilden können. Der Sattelplatz war der rechte Ort, frei von allem Staub und Lärm – der Sattelplatz würde Olive schon gefallen! An der Rennbahn angelangt, versäumten sie das erste Rennen; es war weit wichtiger, glaubte der Oberst, daß sie zu Mittag essen sollten. Er wollte gern mehr Farbe in ihren Wangen sehn, er wollte sie lachen sehn! Er hatte von Kameraden seines alten Regiments eine Einladung in deren Wagen erhalten, wo der Champagner gewiß gut war. Und er war stolz auf sie, hätte um die Welt nicht auf die bewundernden Blicke der jungen Leute verzichten wollen, obgleich es eigentlich gegen die Regel war, eine junge Dame zu ihnen zu bringen! So gingen sie erstmals das zweite Rennen anfangen sollte, nach dem Sattelplatz. Hier wurden die Derby-Pferde feierlich hin und her geführt, und um jedes bemühte sich eine kleine Schar von Leuten, die an den Beinen der Tiere hinaufschauten und an den Rippen herunter, um herauszufinden, ob sie einer Unterstützung würdig seien; und ein paar waren unter ihnen, die gern ein ganzes Pferd zu gleicher Zeit sahen. Bald fanden sie das Tier, das dem Oberst empfohlen war. Es war kastanienfarben mit einem weißen Mal auf der Stirn und wurde abseits in einer Ecke hin und her geführt. Der Oberst, ein wahrer Pferdeliebhaber, war voll, begeisterter Bewunderung. Sein Kopf und seine Hechsen gefielen ihm, vor allem aber sein Auge. Ein Prachtgeschöpf, klug und feurig – vielleicht ein ganz klein wenig zu gerade in den Schultern, um den Hügel hinunterzurennen! Inmitten seiner Prüfung ertappte er sich dabei, wie er seine Nichte anstarrte. Wieviel Rasse das Kind doch zeigte, mit den zarten gewölbten Brauen, den kleinen Ohren und den schöngeformten, schmalen Nasenlöchern; und ihre Bewegungen – so sicher und elastisch! Sie war zu hübsch, um zu leiden! Ein Skandal! Wenn sie nicht so hübsch wäre, hätte sich der junge Kerl nicht in sie verliebt. Wenn sie nicht so hübsch wäre, dann würde dieser – würde ihr Gatte nicht –! Und der Oberst senkte den Blick, verwirrt ob der Entdeckung, über die er plötzlich gestolpert war. Ja, wenn sie nicht so hübsch wäre! War das die ganze Ursache! Der Zynismus seiner eigenen Betrachtungen versetzte ihm förmlich einen Schlag ins Gesicht. Und dennoch schien etwas in ihm sie zu bestätigen. Was nun? Sollte er zusehen, wie die beiden sie zwischen sich in Stücke rissen, sie zugrunde richteten, nur weil sie hübsch war? Und diese seine Entdeckung, daß die Leidenschaft in der Verehrung für Schönheit und Wärme, für Form und Farbe wurzelt, war ihm – er wußte nicht warum – entsetzlich unbehaglich, denn alles Philosophieren lag ihm fern. Der Gedanke kam ihm seltsam roh vor, ja unmoralisch, daß sie so zwischen zwei wahnsinnigen Wünschen stehen sollte, ein Vogel zwischen zwei Falken, eine Frucht zwischen zwei Mündern! Diese Art, die Dinge zu betrachten, war ihm vorher noch niemals in den Sinn gekommen. Der Gedanke, daß ein Gatte seine Frau nicht loslassen wollte; der Gedanke, daß der junge Mensch, der so sanft aussah, sich geradezu wie ein Raubvogel auf sie stürzte; und der Gedanke, daß, wenn sie altern, ihre Schönheit verlieren, verblühen, die Gier der beiden, ja die Gier jedes Mannes erkalten müßte, all diese entsetzlichen Gedanken quälten ihn um so mehr, als sie ganz plötzlich und unerwartet über ihn gekommen waren. Eine tragische Geschichte! Dolly hatte das gesagt. Seltsam, was für einen raschen Blick doch eine Frau hatte! Bald jedoch fiel ihm sein Entschluß, den Tag zu einem fröhlichen zu machen, wieder ein, und hastig nahm er die Besichtigung des Favoriten von neuem auf. Vielleicht sollten sie eine Zehnpfundnote auf ihn setzen; am besten kehrten sie jetzt zur Tribüne zurück! Als sie gingen, sah der Oberst in einiger Entfernung unter einem Baum einen jungen Menschen stehen, der – drauf hätte er schwören können – Lennan war! Wohl kaum anzunehmen, daß so 'n Kunstfex auf ein Rennen ging! Aber es war unzweifelhaft der junge Lennan, elegant, im Zylinder. Glücklicherweise jedoch blickte sein Gesicht nach einer andern Richtung. Er sagte Olive nichts davon, da er keine Verantwortung übernehmen wollte, besonders nicht nach jenen unerquicklichen Gedanken, und er lenkte ihre Schritte nach dem Tor hin und gratulierte sich, daß seine Augen so scharf gewesen waren. Dort wurde er im Gedränge eine Zeitlang von ihr getrennt, aber bald war sie an seiner Seite; und mehr denn je gratulierte er sich, daß nichts geschehen war, das sie hätte aus dem Gleichgewicht bringen und den Tag verderben können. Ihre Wangen waren jetzt gerötet, und ihre dunklen Augen glühten. Gewiß war sie über das Rennen aufgeregt und über den ›Zehner‹, den er für sie setzen wollte!

Er erzählte die Sache nachher folgendermaßen seiner Frau: »Der Kastanienfarbene, den Tabor mir aufgehalst hatte, ging überhaupt nicht durchs Ziel – konnte den Hügel nicht hinunterkommen – hab beim ersten Blick gewußt, daß er's nicht fertigbrächte. Aber das Kind hat sich amüsiert. Schade, daß du nicht mit warst, meine Liebe!« Von seinen tiefinnerlichen Gedanken und dem plötzlichen Auftauchen des jungen Lennan sprach er nicht, denn auf dem Heimweg hatte ihn ein häßlicher Verdacht beschlichen. Hatte sie der junge Mensch vielleicht doch gesehen und an sie herankommen können in dem Gedränge am Ausgang des Paddocks?


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