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Dritter Teil.
Herbst


Erstes Kapitel

Als Lennan sich an jenem Novemberabend zu der offenen Tür seines Ankleidezimmers stahl und seine schlafende Frau betrachtete, wartete das Schicksal noch immer auf eine Antwort.

Ein kleines Feuer brannte im Kamin, eines jener Feuer, die überallhin ihre schwachen Schatten werfen und ab und zu aufflackern, so daß ein Gegenstand für einen Augenblick leuchtet, eine Linie deutlich hervortritt. Die Vorhänge waren nicht ganz zugezogen, und ein Ast des Platanenbaumes, der ihnen all die fünfzehn Jahre, die sie hier gewohnt, Gesellschaft geleistet hatte und der noch immer seine Blätter trug, schwankte dunkel im Winde und pochte jetzt leise an die Scheiben, als ob er den, der so viele Stunden in diesem Wind herumgestreift war, um Einlaß bäte. Treue Kameraden, die Londoner Platanenbäume!

Er hatte nicht zu hoffen gewagt, daß Sylvia schlafen würde. Es war eine Wohltat, daß sie schlief, was auch das Ende sein mochte – das grausame Ende! Ihr Antlitz war dem Feuer zugekehrt, und die eine Hand ruhte unter ihrer Wange. So schlief sie oft. Selbst wenn die Wogen des Lebens hochgingen und nirgends Land zu sehen war, ließ man doch nicht von seinen Gewohnheiten ab. Armes, weichherziges Wesen – sie hatte nicht geschlafen, seit er es ihr gesagt vor achtundvierzig Stunden – Jahre schien es her! Wie sie so dalag mit dem flachsblonden Haar und ihrer selbst im Schlafe rührenden Aufrichtigkeit, sah sie aus wie ein Mädchen, fast genauso wie in jenem Sommer von Cicelys Heirat in Hayle. Ihr Gesicht war in den ganzen achtundzwanzig Jahren nicht gealtert. Bis jetzt war auch kein besonderer Grund hiezu vorhanden gewesen. Denken, leidenschaftliche Gefühle, Kummer – die konnten ein Gesicht ändern; Sylvia hatte bis jetzt nie sehr tief gedacht, nie viel gelitten. Und mußte nun gerade er, der sie bisher behütet, eigentlich sehr sorgsam behütet hatte, trotz der Selbstsucht des Mannes, obwohl sie niemals seine innersten Gedanken verstanden, mußte nun von allen Menschen gerade er sie so kränken, ihrem Gesichte Leidensspuren aufprägen, sie vielleicht gänzlich zugrunde richten?

Er schlich näher heran und setzte sich in den Lehnstuhl am Kamin. Welche Erinnerungen doch ein Feuer heraufbeschwor, mit der flockigen Asche, den kleinen blättergleichen Flammen und seinem stillen Glühn und Flackern! Welch lange Geschichte der Leidenschaft! Wie glich doch das Herz des Mannes dem Feuer! Die ersten jugendlichen, launenhaften Sprünge, die plötzliche, alles versengende Gluthitze, das lange, stetige, nüchterne Brennen und dann – jenes letzte Aufflackern, jenes Haschen nach der eigenen entschwindenden Jugend, das letzte verlangende Aufzucken der Flamme, ehe die Asche sie für immer begrub! Visionen und Erinnerungen stiegen aus dem Feuer auf, die der Mensch nur dann sieht, wenn die Qualen eines langen Kampfes seinem Herzen solche Wunden geschlagen, daß es bei jeder Berührung neu erbebt. Liebe! Etwas Seltsames, vom Zufall Abhängiges war doch die Liebe, stets zwischen höchster Ekstase und tiefstem Leide schwankend. Etwas Schleichendes, Willkürliches, Verzweifeltes. Eine flüchtige Wonne, durchdringender, dunkler im Ursprung und im Ziel als irgend etwas auf Erden. Etwas ohne Vernunft und Zusammenhang. Das Liebesleben eines Mannes – welchen Einfluß hatte er auf seine Ebbe und Flut? Nicht mehr als die auf Schwärme der Zugvögel, die geflogen kommen, hier und da sich niederlassen und wieder von dannen ziehen. Die Geliebten, die man verlassen mußte, selbst wenn einer keineswegs ein Vagabund der Liebe war wie die meisten Männer! Die Liebe, die da meinte, der Himmel in Tirol müßte einstürzen, wenn er nicht der Begünstigte einer gewissen Dame wäre. Die Liebe, deren Stern sich in Sylvias Haar verfangen hatte, die jetzt schlafend dalag! Eine sogenannte Liebe: jenes verheißungsvolle und am Ende schmutzige Freudenmahl, das die Jugend, so feinfühlig sie auch sein mag, früher oder später, so scheint's, mit irgendeinem leichtfertigen Geschöpf genießen muß – ein Einblick ins Leben, der viel versprochen und zuletzt nur wenig gehalten, der schließlich nichts als Enttäuschung für ihn selbst und Mitleid für seine Gefährtin bedeutet hatte! Und dann die Liebe, deren Erinnerung er selbst nach zwanzig Jahren nicht ertragen konnte; jene allgewaltige Sommerleidenschaft, die in einer Nacht alles errungen und alles so grausam wieder verloren hatte, die seiner Seele eine Wunde geschlagen, die nie mehr ganz zu heilen war, die seinen Geist stets ein wenig einsam ließ, von dem Gedanken verfolgt an das, was hätte sein können! Daß er in jener tragischen Nacht dabei war, ein Zeuge jenes ›entsetzlichen Unfalls auf der Themse‹, hatte sich keiner auch nur träumen lassen. Und dann war die lange Verzweiflung, die wie das letzte Sterben der Liebe schien, allmählich geschwunden, und eine neue Liebe war auferstanden, eine farblose, nüchterne Liebe, die aber doch keine Einbildung war, sondern das Aufblühen eines langvergessenen Gefühles, jener fürsorglichen Ergebenheit seiner Knabenjahre. Er erinnerte sich noch genau an den Ausdruck in Sylvias Antlitz, als er sie in der Oxford-Straße traf, bald nach seiner Rückkunft von seinem vierjährigen Exil im Osten und in Rom, an jenen freudigen und doch vorwurfsvollen, dann wieder ruhig-ironischen Blick, als wollte sie sagen: Ach nein! Nachdem du mich vier Jahre und länger noch vergessen hast, kannst du mich jetzt nicht wiedererkennen! Und an die noch rührendere Freude in ihrem Gesicht, als er sie ansprach. Dann folgten Monate der Ungewißheit, deren Ende man ahnte, und hierauf ihre Ehe, die zwar recht schön und glücklich, aber nicht gerade sehr lebendig verlief. Auch traten sie sich geistig nicht viel näher – seine Arbeit war ihr seltsamerweise die ganze Zeit so fremd geblieben, wie sie es damals schon gewesen, als sie, um ihm eine Freude zu machen, Jasminblüten auf die Köpfe seiner Tiere gelegt. Eine gute, stille Ehe, die, wie er geglaubt, weder ihm noch ihr gar soviel bedeutet hatte, bis er es ihr vor achtundvierzig Stunden eingestanden und sie im Innersten getroffen zurückgeschaudert und gänzlich zusammengebrochen war. Und was hatte er ihr eingestanden?

Eine lange Geschichte war's –!

Wie er so am Feuer saß, ohne daß irgend etwas entschieden war, sah er das Ganze von Anfang an vor sich – mit seinen teuflisch-feinverschlungenen Fäden, seinem langsam wirkenden heimtückischen Zauber, der eher aus seinem eigenen körperlichen und geistigen Zustand hervorgegangen war als aus dem Bann, unter dem er gestanden hatte, als ob etwas wie eine Schicksalsmacht, die lang geschlummert, wieder in ihm erwacht wäre und sie zu einer dunklen Blume entfaltet hätte …


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