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Sechstes Kapitel

Anna, die mit der Bäuerin im schwarzen Schal in der Kirche allein war, betete nicht. Während sie auf den Knien lag, empfand sie nur ein schmerzhaftes Gefühl der Auflehnung. Warum hatte das Schicksal dies Empfinden in ihrem Herzen erweckt, ihr Dasein plötzlich aufgehellt, wenn Gott ihr die Erfüllung versagte? Ein paar halbzerdrückte Bergnelken waren in ihrem Gürtel steckengeblieben, und ihr Duft suchte sich gegen den leisen Geruch von Moder und Weihrauch zu behaupten. Solange sie diese verführerischen Blumen trug, die so voll von Erinnerungen waren, konnte sie unmöglich beten. Aber wollte sie denn beten? Wünschte sie in der Stimmung jener armen Seele im schwarzen Schal zu sein, die sich auch nicht um Haaresbreite von ihrem Platz gerührt hatte, seit sie sie betrachtete, sondern die ganz in demütiger, ruhevoller Andacht aufging, wie befreit von des Lebens Bürde, als ob sie in völligem Vergessen Erlösung fände? Aber ach, was wäre ein so mühsames, ein so wenig aufregendes Leben wert, tagein, tagaus, Stunde für Stunde, wenn es die höchste Freude sein sollte, in ergebener Gedankenlosigkeit so dazuknien? Ihr Anblick war schön, aber traurig. Und Anna überkam ein Verlangen, zu ihrer Nachbarin zu gehen und sie zu bitten: Sag mir doch deine Sorgen, wir sind ja beide Frauen! Vielleicht hatte sie einen Sohn verloren, vielleicht jemand, den sie liebte oder sich nur einbildete zu lieben. Die Liebe! … Warum sollte sich ein Geist unendlich sehnen, warum sollte ein Körper voll Kraft und Freude aus Mangel an Liebe langsam verschmachten? War in dieser weiten Welt nicht genug vorhanden, daß auch für sie, Anna, ein wenig übrigblieb? Sie wollte ihn nicht unglücklich machen, denn sie würde genau wissen, wann er von ihr genug hatte; sie würde dann sicher noch soviel Kraft und Stolz haben, ihn freizugeben. Denn natürlich würde er ihrer müde werden. In ihrem Alter konnte sie nicht mehr hoffen, einen jungen Menschen mehr als wenige Jahre, vielleicht nur wenige Monate festzuhalten. Aber würde sie ihn überhaupt jemals festhalten können? Die Jugend war so grausam, sie hatte kein Herz! Und darin kam ihr wieder die Erinnerung an seine Augen, wie sie verwirrt, fast wild zu ihr aufgeblickt, als sie die Blumen über ihn hatte rieseln lassen. Diese Erinnerung versetzte sie in eine Art Taumel. Ein Blick von ihr, eine Berührung nur – und er hätte sie in die Arme geschlossen. Dessen war sie sicher, doch wagte sie kaum an das zu glauben, was ihr so viel bedeutet hätte. Und plötzlich schien ihr alle Pein und Qual, die ihr bevorstand, welche Wendung die Sache auch nehmen mochte, doch zu grausam und unverdient! Sie erhob sich. Der letzte Sonnenstrahl fiel gerade durch die offene Tür; er war nur ein ganz kleines Stück von der Bäuerin entfernt, und Anna beobachtete ihn. Würde er sich weiterschleichen und sie berühren, oder würde die Sonne hinter den Bergen versinken und der Strahl erlöschen? Ohne etwas von dieser Frage an das Schicksal zu ahnen, lag die Gestalt im schwarzen Schal unbeweglich auf den Knien. Und der Sonnenstrahl schlich weiter. Wenn er sie berührt, wird er mich lieben, wenn auch nur für eine Stunde; wenn er zu früh vergeht … Und der Sonnenstrahl schlich weiter. Dieser schwache Lichtstreif mit den tanzenden Stäubchen, war er wirklich ein Bote des Schicksals, war er wirklich der Prophet der Liebe oder der Verzweiflung? Langsam bewegte er sich weiter und stieg empor, als die Sonne sank; er erhob sich über jenem gebeugten Haupt, schwebte wie in einem goldenen Nebel, strich weiter und war auf einmal erloschen.

Unsichern Schrittes, ohne etwas deutlich zu sehen, verließ Anna die Kirche. Warum sie auf der Terrasse an ihrem Gatten und dem Jungen vorbeiging, ohne sie anzusehen, hätte sie nicht genau sagen können – vielleicht, weil der Gefolterte die Folterknechte nicht grüßen mag. Als sie auf ihr Zimmer kam, fühlte sie sich todmüde, legte sich auf ihr Bett hin und schlief fast sofort ein.

Ein Geräusch weckte sie auf, und da sie das rücksichtsvolle Klopfen ihres Gatten erkannte, gab sie keine Antwort, denn es war ihr gleichgültig, ob er hereinkam oder nicht. Er trat leise ein. Wenn sie ihm nicht zeigte, daß sie wach war, würde er sie auch nicht wecken. Sie lag still und beobachtete ihn, wie er sich rittlings auf einen Stuhl setzte, die Arme auf der Lehne kreuzte, sein Kinn darauf ruhen ließ und sie anstarrte. Es fügte sich so, daß sein Gesicht das einzige war, was sie durch den Schleier ihrer Wimpern genau sehen konnte, und um so deutlicher schien es, weil sie sonst nichts andres wahrnahm. Sie schämte sich gar nicht dieser langen gegenseitigen Betrachtung, bei der ihre Lage so vorteilhaft war. Er hatte ihr nie gezeigt, was in ihm vorging, hatte ihr nie enthüllt, was hinter jenen hellen, spöttischen Augen sich abspielte. Vielleicht würde sie es jetzt zu sehen bekommen! Und sie lag da und vertiefte sich in seinen Anblick mit dem gespannten Interesse, mit dem man ein kleinwinziges Unkraut durch ein Mikroskop betrachtet und gewahr wird, wie seine unbedeutende Gestalt die Größe und Wichtigkeit eines Treibhausgewächses annimmt. Der Gedanke arbeitete in ihr: Er sieht mich mit seinem wahren Selbst an, da er jetzt keinen Grund hat, sich vor mir zu verstellen. Zuerst schienen seine Augen durch ihren gewöhnlichen hellen Ausdruck maskiert, sowie sein ganzes Gesicht durch seine gewohnte schickliche Förmlichkeit; allmählich aber veränderte er sich so sehr, daß sie ihn kaum wiedererkannte. Diese Förmlichkeit, dieser helle Ausdruck lösten sich von dem los, was hinter ihnen lag, wie sich Reif und Tau vom Gras loslösen. Und ihr war's, als ob sich ihre innerste Seele zusammenkrampfte, als ob sie wirklich zu dem würde, was er in ihr sah: ein Etwas, das man einfach übergehen konnte, ein Garnichts. Ja, sein Gesicht verriet deutlich, daß er etwas ihm Unverständliches und daher nicht Beachtenswertes betrachtete; etwas, das keine Seele hatte; etwas von einer andern und inferioren Gattungsart, das einen Mann nicht sonderlich interessieren konnte. Sein Gesicht war wie das lautlose Geständnis eines von ihm gezogenen Schlusses, ein so intimes und bestimmt ausgeprägtes Geständnis, daß es unbedingt aus seinem innersten Herzen kommen, instinktiv, unabänderlich sein mußte. Das also war sein wahres Selbst! Ein Mann, der das Weib verachtet! Ihr erster Gedanke war: Und der ist verheiratet – welch ein Los! Ihr zweiter: Wenn er das fühlt, fühlen es vielleicht Tausende von anderen Männern! Bin ich und sind alle übrigen Frauen tatsächlich das, wofür sie uns halten? Die Überzeugung in seinem starren Blick, die felsenfeste, unerschütterliche Überzeugung, hatte sie angesteckt; und einen Augenblick lang fühlte sie sich darunter wie vernichtet. Dann revoltierte ihr Geist mit solcher Heftigkeit dagegen, und das Blut pulsierte so stark in ihr, daß sie kaum richtig dazuliegen vermochte. Wie wagte er es, sie für so etwas zu halten – für ein Nichts, für ein Bündel unerklärlicher Launen, Stimmungen, für seelenlose Materie? Tausendmal: nein! Er war der Prosaische, der Seelenlose, der Gottlose, der in seiner widerlichen Überlegenheit ihr Sein und mit ihr das Sein aller Frauen so leugnen konnte! Sein starrer Blick schien ihr zu sagen, daß er in ihr – nur eine Puppe sah, die mit soundso vielen Gewändern herausgeputzt war, als da hießen: Seele, Geist, Rechte, Verantwortung, Würde, Freiheit – nichts weiter als so viele leere Worte. Es war schändlich, es war entsetzlich, daß er sie in diesem Licht betrachten sollte! Und ein wahrhaft furchtbarer Kampf hob in ihr an zwischen dem Wunsch, aufzuspringen und es laut herauszuschreien, und dem Bewußtsein, daß es lächerlich, jeder Würde bar, geradezu verrückt wäre, ihm zu zeigen, daß sie etwas verstünde, was er nie zugeben, ja nicht einmal wissen würde, daß er's ihr enthüllt hatte. Und dann kam ihr etwas wie Zynismus zu Hilfe. Wie komisch doch das Eheleben war – all die langen Jahre mit ihm verbracht zu haben und nicht zu ahnen, was sich im Grunde seines Herzens verbarg! Sie hatte das Gefühl, daß, wenn sie jetzt auf ihn zuginge und ihm sagte: Ich bin in den Jungen verliebt, er nur die Mundwinkel hängen lassen und mit der denkbar spöttischsten Stimme erklären würde: Wirklich! Das ist aber interessant!, daß es nicht um ein Jota seine Meinung von ihr ändern und ihn nur in seiner Überzeugung bestärken würde, daß sie nicht der Beachtung wert, unverständlich, nur eine inferiore, sonderbare Abart von Lebewesen und von keinem wirklichen Interesse für ihn wäre.

Und als sie gerade fühlte, daß sie sich nicht länger zurückhalten könne, stand er auf, schlich auf den Zehen zur Tür, öffnete sie geräuschlos und ging hinaus.

Im nächsten Augenblick sprang sie auf. So! Sie war also an einen gekettet, für den sie nicht, für den gewissermaßen kein Weib zu existieren schien! Es war ihr, als hätte sie jetzt unvermutet eine Erfahrung von geradezu überwältigender Wichtigkeit gemacht und damit den Schlüssel zu allem gefunden, was ihr bisher so rätselhaft und hoffnungslos in ihrer Ehe erschienen war. Wenn er sie wirklich aus ganzem Herzen heimlich verachtete, brauchte auch sie für einen so trockenen, so engherzigen und von vornherein stupiden Menschen nur ein Gefühl der Verachtung übrig zu haben. Aber sie wußte recht gut, daß sogar Verachtung das nicht erschüttern könnte, was sie in seinem Gesicht gelesen hatte; durch seine pedantische, langweilige Überzeugung von seiner Überlegenheit hatte er sich wie mit undurchdringlichen Mauern umgeben. Er hatte sich auf immer verschanzt, und sie würde stets Sturm gegen ihn laufen müssen. Doch – was lag jetzt noch daran?

Während sie sich sonst rasch und fast sorglos ankleidete, verwandte sie an diesem Abend lange Zeit auf ihre Toilette. Ihr Hals war von der Sonne stark verbrannt, und sie zögerte, ungewiß, ob sie seine Zigeunerfarbe durch Puder verbergen oder sie zeigen sollte. Sie puderte sich am Ende doch nicht, denn sie merkte, daß ihr die braune Farbe zu ihren Gletschereisaugen unter den schwarzen Wimpern und ihrem Haar mit seinem oft überraschend aufblitzenden Flammenglanz besonders gut stand.

Als die Glocke zum Abendessen läutete, schritt sie an der Zimmertür ihres Mannes vorbei, ohne wie gewöhnlich anzuklopfen, und ging allein hinunter.

In der Vorhalle bemerkte sie einige von der englischen Gesellschaft aus der Schutzhütte. Sie grüßten sie nicht, sondern zeigten auf einmal Interesse für das Barometer, doch konnte sie fühlen, daß sie sie scharf ins Auge faßten. Sie setzte sich nieder, um zu warten, und merkte sogleich, wie der Junge von der andern Seite des Saales fast wie schlafwandelnd herüberkam. Er sprach kein Wort. Aber wie er aussah! Und das Herz begann ihr zu klopfen. War das der Augenblick, nach dem sie sich gesehnt? Wenn er jetzt wirklich gekommen war, würde sie es wagen, ihn auszunützen? Dann sah sie ihren Gatten die Treppe herunterkommen, sah ihn die englische Gesellschaft begrüßen, hörte ihre langgezogene schläfrige Unterhaltung. Sie blickte den Jungen an und sagte rasch: »War es schön heute?« Es bereitete ihr einen so unaussprechlichen Genuß, diesen Blick in seinem Gesicht festzubannen, diesen Blick, als hätte er in ihrer Betrachtung alles andere vergessen! Aus seinen Augen schien in dem Moment etwas Heiliges, etwas von der Wundersehnsucht der Unschuld und Natur zu sprechen. Das Bewußtsein war entsetzlich, daß dieser Blick im Handumdrehn verschwinden mußte, um vielleicht nie wieder in seinem Antlitz zu erscheinen – dieser herrlich schöne Blick! Ihr Gatte kam jetzt auf sie zu. Er sollte es nur sehen, wenn es ihm Vergnügen machte! Er sollte sehen, daß jemand sie bewundern konnte, daß sie nicht für jeden bloß eine Art von minderwertigem Lebewesen war. Ja, er mußte das Gesicht des Jungen gesehen haben; und dennoch veränderte sich sein Ausdruck nicht im geringsten. Er hatte also nichts bemerkt! Oder hielt er's für unter seiner Würde, etwas zu bemerken?


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