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Achtes Kapitel

Die Überanstrengung des Morgens – da er sich doch im Wachstum befand! Weiter war es nichts! Er kam sehr rasch wieder zu sich und ging ohne Hilfe zu Bett. Zu dumm! Noch nie hatte sich jemand über eine kleine Schwäche so geschämt wie dieser Junge. Nun, da er sich wirklich etwas unwohl fühlte, fand er die Idee, sich pflegen oder warten zu lassen, einfach unerträglich. Mit fast verletzender Eile war er weggegangen. Erst nachdem er im Bette lag, erinnerte er sich an den Ausdruck ihres Gesichtes, als er sie verlassen hatte. Wie gedankenvoll. und unglücklich, als schiene sie ihn anzuflehen, ihr zu verzeihen! Als ob es etwas zu verzeihen gäbe! Als ob sie ihn nicht ganz selig gemacht hätte, wie sie mit ihm tanzte! Er sehnte sich, ihr zu sagen: Könnte ich jeden Tag eine einzige Minute so dicht bei dir verbringen, dann läge mir nichts an allem übrigen! Vielleicht würde er den Mut haben, ihr das morgen zu sagen. Wie er so dalag, fühlte er sich noch immer etwas schwindlig. Er hatte vergessen, die Rippen der Jalousien zu schließen, und das Mondlicht strömte voll herein; aber er fühlte sich zu träge, zu schlaftrunken, um jetzt noch aufzustehen. Man hatte ihm Kognak gegeben, vielleicht zu viel, das konnte die Ursache sein, warum er sich so sonderbar fühlte; nicht gerade krank, sondern betäubt, als träume er, als wünsche er gar nicht mehr, sich jemals wieder bewegen zu können. Nur so dazuliegen und das fließende Mondlicht zu betrachten und weit entfernte Musik heraufzittern zu hören und noch immer ihre Berührung zu fühlen, wie sie mit ihm im Tanze schwebte, und immerfort den Duft von Blumen einzuatmen! Seine Gedanken waren Träume, seine Träume die Verkörperung seiner Gedanken – alles herrliche Unwirklichkeit. Und dann war ihm, als ob sich das Mondlicht zu einem einzigen blassen Streifen verdichtet hätte – es hämmerte und bebte lauter, und der Streif Mondlicht kam auf ihn zu. Er kam ihm so nahe, daß er es warm an seiner Stirne wehen fühlte; er seufzte, schwebte hin und her, wich lautlos zurück und war wieder verschwunden. Danach mußte er in traumlosen Schlaf gesunken sein …

Wie spät war's eigentlich, als er, durch ein schwaches Klopfen aufgeweckt, seinen Professor, eine Tasse Tee in der Hand, in der Tür stehen sah?

War Lennan wieder ganz wohl? Ja, er fühlte sich wieder vollkommen wohl – er würde gleich unten sein! Es war ganz ungeheuer nett vom Herrn Professor, zu ihm zu kommen! Er brauchte wirklich nichts.

Schön, schön, aber Lahmen und Krüppeln müsse man beistehen!

Sein Gesicht schien dem Jungen in diesem Augenblick recht gütig, ihn nur ein wenig anzulächeln, aber gerade genug. Und es war doch höchst anständig von ihm, gekommen zu sein und zu warten, bis er den Tee ausgetrunken hatte. Es fehlte ihm wirklich nichts, nur ein wenig Kopfweh hatte er noch. Beim Ankleiden hielt er oft inne und versuchte sich zu erinnern. Jener weiße Streifen Mondlicht – war es wirklich Mondlicht, oder war es nur ein Traum gewesen? Oder war es, konnte sie es gewesen sein, in ihrem mondlichtfarbenen Kleid? Warum war er nicht wach geblieben? Er würde nicht den Mut haben, sie zu fragen, und daher auch nie erfahren, ob der warme Hauch auf seiner Stirn, an den er sich dunkel erinnerte, ein Kuß gewesen war.

Er frühstückte allein in dem Saal, wo sie getanzt hatten. Zwei Briefe waren für ihn angekommen, der eine von seinem Vormund, der ihm Geld sandte und sich über die Furchtsamkeit der Forellen beschwerte, der zweite von seiner Schwester. Der Mann, mit dem sie verlobt war – ein angehender Diplomat und der Gesandtschaft in Rom zugeteilt –, befürchtete, daß man ihm den Urlaub verkürzen würde. Dann müßten sie sofort heiraten. Nötigenfalls müßten sie sogar um eine Speziallizenz nachsuchen. Es träfe sich gut, daß Mark so bald zurückkäme. Sie müßten ihn einfach zum Brautführer haben! Die einzige Brautjungfer würde Sylvia sein … Sylvia Doone? Ach, die war ja noch ein Kind! Und in seiner Erinnerung tauchte ein kleines Mädchen in einem ganz kurzen Röcklein von ungebleichtem Leinen, mit flachsblondem Haar, hübschen blauen Augen und einem so hellen Gesicht auf, daß man fast hindurchsehen konnte. So hatte sie freilich vor sechs Jahren ausgesehen; jetzt würde sie gewiß kein Röcklein mehr tragen, das ihre Knie freiließ, oder bunte Perlen, oder sich vor Stieren fürchten, die gar nicht existierten. Zu dumm, Brautführer sein zu müssen, gewiß hätte sich noch ein anderer anständiger Kerl dazu gefunden! Und dann vergaß er alles, denn sie stand draußen auf der Terrasse. In der Eile, sie zu treffen, ging er an ein paar ›englischen Moralhelden‹ vorbei, die ihn von der Seite anstarrten. Sein Betragen vom vorigen Abend war tatsächlich dazu angetan gewesen, sie aus der Fassung zu bringen. Ein Student aus Oxford – der in einem Hotel ohnmächtig wurde! Da war etwas nicht in Ordnung! …

Und dann, als er sie erreicht hatte, fand er doch den Mut, sie zu fragen:

»War es wirklich Mondlicht?«

»Nur Mondlicht.«

»Es war aber warm.«

Und als sie ihm darauf nichts erwiderte, empfand er genau das gleiche, fast berauschende Gefühl, wie wenn er in der Schule Sieger bei einem Wettlauf geblieben war.

Jetzt aber kam ein furchtbarer Schlag. Nach einer Klettertour mit einer deutschen Gesellschaft war der alte Führer seines Professors plötzlich erschienen. In Stormer regte sich wieder der einstige Kampfgeist. Er wollte noch am Nachmittag nach einer gewissen Schutzhütte aufbrechen und in der Dämmerung des nächsten Morgens eine gewisse Spitze erklettern. Lennan jedoch sollte nicht mitgehen. Warum nicht? Weil er vorigen Abend ohnmächtig geworden war und weil er noch nicht den dummen Titel ›Sachverständiger‹ beanspruchen konnte. Als ob …! Wo sie hingehn konnte, da konnte auch er hingehn! Man behandelte ihn ja wie ein Kind! Natürlich hätte er auch diesen verdammten Berg besteigen können! Es lag ihr nur nichts daran, ob er mitging! Er schien ihr nicht Mann genug dafür zu sein! Glaubte sie, er könne einen Berg nicht bewältigen, wenn – ihr Gatte es konnte? Und wenn es wirklich gefährlich war, dann sollte auch sie nicht gehn und ihn zurücklassen, das war geradezu grausam! Sie aber lächelte nur, und er stürzte von ihr fort, ohne zu merken, daß sie sein ganzer Jammer nur um so glücklicher machte.

Und am Nachmittag gingen sie tatsächlich ohne ihn weg. Welche finsteren, abgrundtiefen Gedanken erfüllten ihn da! Wie leidenschaftlich haßte er seine eigene Jugend! Was für Pläne heckte er da nicht aus, daß sie zurückkommen und ihn nicht antreffen sollte, weil er unterdessen auf einen noch viel gefährlicheren und anstrengenderen Berg geklettert war! Traute man ihm keine solche Klettertour zu, so würde er einfach allein eine solche Tour unternehmen! Jeder gab zu, daß wenigstens das gefährlich sei. Und sie würde Schuld daran tragen! Dann würde es ihr leid tun. Er wollte vor der Dämmerung aufstehn und sich auf den Weg machen; er legte sich die Sachen bereit und füllte seine Flasche. An diesem Abend war das Mondlicht wundervoller denn je zuvor, die Berge standen da wie riesenhafte Geister ihrer selbst. Und sie war droben auf der Schutzhütte, so nah bei ihnen! Es dauerte recht lange, bis er einschlief, denn er brütete unablässig über das ihm widerfahrene Unrecht – er wollte überhaupt nicht schlafen, damit er um drei Uhr morgens aufbrechen könnte. Statt dessen wachte er um neun Uhr auf. Sein Zorn war verraucht, er fühlte sich nur ruhlos und beschämt. Wenn er, anstatt davonzustürzen, sich damit hätte abfinden wollen, so hätte er mit ihnen bis zur Schutzhütte gehen und dort die Nacht verbringen können. Und nun verwünschte er sich, daß er ein solcher Narr, ein solcher Idiot gewesen war. Vielleicht konnte er seine Dummheit zum Teil noch gutmachen. Wenn er sofort nach der Hütte aufbrach, konnte er vielleicht noch rechtzeitig hinkommen, um sie auf dem Rückweg zu treffen, und sie heimbegleiten. Er stürzte den Kaffee hinunter und machte sich auf den Weg. Den ersten Teil des Aufstiegs kannte er gut, verlor sich dann in den Wäldern, fand endlich den richtigen Pfad wieder, erreichte die Hütte jedoch nicht viel früher als zwei Uhr. Jawohl, die Gesellschaft wäre heute morgens aufgestiegen, man hatte sie auf dem Gipfel gesehn, sie dort jodeln gehört. Gewiß, gewiß! Sie würden aber nicht denselben Weg herunterkommen. Bestimmt nicht! Sie würden in westlicher Richtung absteigen und über den andern Paß zurückkehren. Sie würden sicherlich schon lange vor dem jungen Herrn wieder im Hotel zurück sein.

Seltsam, daß er dies fast mit Erleichterung vernahm! War es der lange einsame Weg gewesen, oder weil er so hoch oben war? Oder einfach, weil er sich sehr hungrig fühlte? Oder nur wegen dieser netten, freundlichen Leute in der Schutzhütte und ihrer jungen Tochter mit dem frischen Gesicht, dem seltsamen, langbebänderten Matrosenhütchen aus schwarzem Tuch, dem Samtmieder und ihrem entzückend einfachen Benehmen? Oder war's der Anblick der kleinen silbergrauen Kühe, die ihre breiten, schwarzen Schnauzen gegen die Hand des Mädchens rieben? Was hatte ihn eigentlich von seiner ganzen Ruhelosigkeit befreit, was machte ihn glücklich und zufrieden? … Er wußte nicht, daß immer nur das Allerneueste ein junges Hündchen auf seinen Sprüngen amüsiert … Er saß lange nach dem Mittagessen da, versuchte die kleinen Kühe zu zeichnen, beobachtete, wie die Sonne auf den Wangen jenes hübschen Kindes spielte, und gab sich Mühe, mit ihr deutsch zu sprechen. Und als er endlich »Adieu!« sagte und sie »Küß die Hand! Adieu!« murmelte, gab es ihm förmlich einen Stich … Das Herz des Mannes ist doch sonderbar und unergründlich … Als er sich dem Hotel wieder näherte, fing er trotz alledem zu eilen an, bis er buchstäblich rannte. Warum war er dort oben so lange geblieben? Sie war gewiß schon zurück, glaubte, daß er im Hotel sein würde, und dieses junge Ekel von einem Geiger war vielleicht statt seiner wieder mit ihr zusammen! Er kam noch gerade rechtzeitig ins Hotel zurück, um auf sein Zimmer zu eilen, sich umzuziehen und zum Abendessen hinunterzugehen. Ah! Sie waren gewiß müde – ruhten sich auf ihrem Zimmer aus. Er nahm das Essen, so ruhig er konnte, erhob sich vor dem Dessert vom Tisch und flog die Treppe empor. Eine Minute stand er zweifelnd da: An welche Tür sollte er klopfen? Dann pochte er schüchtern an die ihre. Keine Antwort! Er pochte fest an die Tür seines Professors. Wieder keine Antwort! Sie waren also noch nicht zurück. Noch nicht zurück? Was sollte das nur heißen? Oder vielleicht schliefen sie gar beide? Er klopfte noch einmal an ihre Tür; dann drückte er verzweifelt auf die Klinke und warf einen flüchtigen Blick ins Zimmer. Leer, in voller Ordnung, unberührt! Noch nicht zurück! Er wandte sich um und lief wieder hinunter. Die Gäste strömten aus dem Speisesaal, und er verwickelte sich in ein Gespräch mit einer Gruppe von ›englischen Moralhelden‹, die einen Touristenunfall in der Schweiz diskutierten. Wie er zuhörte, wurde ihm auf einmal ganz schlecht. Einer von ihnen, der kleine graubärtige ›Moralheld‹ mit der flüsternden Stimme, sagte zu ihm: »Heute abend wieder ganz allein? Die Stormers sind noch nicht zurück?« Lennan versuchte zu antworten, aber etwas hielt ihm die Kehle wie zugeschnürt; er konnte nur den Kopf schütteln.

»Sie hatten doch einen Führer?« fragte der ›englische Moralheld‹.

Diesmal konnte Lennan »Jawohl« hervorbringen.

»Soviel ich weiß, ist Stormer doch ein geübter Kletterer.« Und sich an die Dame wendend, welche die jungen ›Moralhelden‹ mit ›Madre‹ angeredet hatten, setzte er hinzu:

»Der hohe Reiz des Bergsteigens liegt für mich stets in dem Abgeschiedensein von den übrigen Menschen, in der Einsamkeit.«

Die Mutter der jungen ›Moralhelden‹, die Lennan mit ihren halbgeschlossenen Augen ansah, erwiderte:

»Das ist mir gerade unsympathisch; ich schließe mich immer gerne meinesgleichen an.«

Der graubärtige ›Moralheld‹ murmelte gedämpft: »Gefährlich, so was in einem Hotel zu sagen!«

Und sie redeten weiter, doch Lennan, ganz krank vor Angst, wußte nicht mehr, wovon. In der Gegenwart dieser ›englischen Moralhelden‹, die sich über alle niedrigen Gefühlsausbrüche so erhaben dünkten, durfte er seiner Unruhe keine Worte verleihen; sie betrachteten ihn sowieso schon als nicht ganz normal, weil er in Ohnmacht gefallen war. Dann kam es ihm zum Bewußtsein, wie sich die Leute um ihn her den Kopf darüber zerbrachen, was den Stormers zugestoßen sein könnte. Der Abstieg war höchst unangenehm; ein gewisser Übergang war besonders schwierig. Der ›Moralheld‹, dessen Kragen jetzt nicht zerknüllt war, sagte, er halte es nicht für richtig, daß die Frauen auf die Berge klettern. Es wäre ein Zug der Zeit, den er am meisten bedauere. Die Mutter der jungen ›Moralhelden‹ parierte sofort den Hieb: In der Praxis stimmte sie ihm bei, daß es nicht geschmackvoll war, in der Theorie aber konnte sie nicht einsehen, warum sie nicht klettern sollte. Ein Amerikaner, der daneben stand, versetzte alle in einen gelinden Schrecken durch den Einwurf, daß es am Ende zur Entwicklung ihrer Beine beitragen könnte. Lennan ging nach der Eingangstür. Der Mond war soeben im Süden aufgegangen, und genau darunter konnte er ihren Berg erblicken. Was für Vorstellungen stiegen da in ihm auf! Er sah sie tot daliegen, sah sich selbst im Mondlicht herunterklimmen und ihren noch atmenden, aber halb erstarrten Körper aus irgendeinem gefährlichen Felsspalt herausziehen. Selbst das schien ihm fast besser, als überhaupt nicht zu wissen, wo sie sich befand und was geschehen war. Die Leute traten ins Mondlicht hinaus und blickten neugierig in sein starres Gesicht, das so unbeweglich dreinsah. Einer oder der andere fragte ihn, ob er sich ängstige, und er erwiderte: »Ach nein, gar nicht!« Man würde bald eine Rettungsexpedition aussenden müssen. Wie bald? Er wollte, er mußte sich ihr anschließen! Diesmal sollten sie ihn nicht zurückhalten. Und plötzlich dachte er: Ach, das alles geschieht ja nur, weil ich heute nachmittag dort oben so lange mit jenem Mädchen gesprochen, nur deshalb weil ich sie vergessen hatte!

Und dann vernahm er ein Geräusch hinter sich. Da waren sie, kamen gerade den Gang herunter, in den sie durch eine Seitentür eingetreten waren; mit Alpenstock und Rucksack ging sie voraus, ein Lächeln auf dem Gesicht. Instinktiv verbarg er sich hinter einer Pflanzengruppe. Sie schritten an ihm vorbei. Ihr sonnengebräuntes Antlitz mit den tiefliegenden Augen sah so glücklich aus, müde, doch lächelnd, triumphierend. Das konnte er nicht ertragen, und nachdem sie fort waren, stahl er sich in den Wald hinaus, warf sich im Dunkeln zu Boden, vergrub sein Gesicht und bemühte sich, ein furchtbares trockenes Schluchzen, das ihm immer wieder in der Kehle emporstieg, herunterzuwürgen.


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