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Vierzehntes Kapitel

Anna erhielt den Brief des Jungen nicht mehr in Tirol. Er wurde ihr nach Oxford nachgesandt. Sie wollte grade ausgehen, als er ankam, und sie ergriff ihn mit jener fast ein Schwächegefühl hervorrufenden zitternden Glückseligkeit, die eine Frau empfindet, wenn sie den Brief des Geliebten berührt. Auf der Straße wollte sie ihn nicht öffnen, sondern trug ihn den ganzen Weg nach dem Garten eines zur Universität gehörigen Gebäudes in der Hand, wo sie sich unter einer Zeder niedersetzte, um ihn zu lesen. Der kleine Brief, so kurz, so knabenhaft, so trocken, hob sie beinahe in den Himmel. Sie sollte ihn also sofort wiedersehen, brauchte nicht wochenlang zu warten, in der steten Furcht, daß er sie ganz vergessen könne! Beim Frühstück hatte ihr Gatte gesagt, daß Oxford ohne ›die lieben jungen Clowns‹ ganz entschieden reizend wäre, aber Oxford ›voll von Touristen und anderen merkwürdigen Geschöpfen‹ sei das gerade Gegenteil. Wo sollten sie also hingehen? Gott sei Dank, man konnte ihm den Brief zeigen! Trotzdem ging ihr ein Stich durchs Herz, daß kein einziges Wort darin stand, das sie nicht hätte zeigen können. Dennoch war sie glücklich. Noch nie schien ihr ihr Lieblingsgarten, der vollkommen windgeschützt lag und in dem jeder Baum und jede Blume so gepflegt war, so schön gewesen zu sein, noch nie waren ihr die Vögel so zahm und zutraulich vorgekommen. Die Sonne schien warm hernieder, sogar die Wolken strahlten vor Freude. Lange Zeit saß sie nachdenklich da und ging nach Hause, ohne sich zu erinnern, wozu sie eigentlich ausgegangen war. Und da sie Mut und Entschlossenheit besaß, ließ sie den Brief nicht erst ein Loch in ihr Korsett brennen, sondern gab ihn beim Lunch ihrem Gatten, blickte ihm dabei ins Gesicht und sagte gleichgültig:

»Du siehst, die Vorsehung beantwortet deine Frage.«

Er las ihn, zog die Augenbrauen in die Höhe und murmelte lächelnd, ohne aufzublicken:

»Du gedenkst also diese romantische Episode fortzusetzen?«

Hatte er damit etwas sagen wollen, oder war es einfach seine Art, seine Gedanken auszudrücken?

»Selbstredend möchte ich lieber irgendwo anders sein als hier.«

»Vielleicht möchtest du allein hingehn?«

Er fragte das, obwohl er natürlich wußte, daß sie nicht ja sagen konnte. Daher entgegnete sie einfach: »Nein!«

»Dann wollen wir beide gehen – Montag. Ich will des jungen Mannes Forellen fangen; du sollst fangen – hm – er soll fangen – was schreibt er, daß er fängt – Bäume? Gut! Abgemacht!«

Und drei Tage später fuhren sie ab, ohne vorher noch ein Wort über diese Angelegenheit gewechselt zu haben.

War sie ihm dankbar? Nein. Kam er ihr lächerlich vor? Nicht ganz. Fürchtete sie ihn? Nein. Aber sich selbst fürchtete sie schrecklich. Wie würde sie es jemals fertigbringen, sich in der Hand zu haben, wie vor jenen Leuten verbergen, daß sie den Jungen liebte? Vor ihrer verzweifelten Stimmung fürchtete sie sich. Aber da sie ihm das Beste wünschte, was das Leben nur zu bieten hatte, würde sie gewiß auch stark genug sein, alles zu vermeiden, was ihm schaden könnte. Dennoch hatte sie Angst.

Er war auf dem Bahnhof, um sie abzuholen, im Reitanzug, mit hübscher, rauher Norfolk-Jacke, die sie nicht wiedererkannte, obwohl sie geglaubt hatte, daß sie alle seine Kleider auswendig kenne; und als der Zug langsam anhielt, überwältigte sie fast die Erinnerung an jenen letzten Augenblick mit ihm in seinem Zimmer, wo sie ihm seine Sachen hatte packen helfen. Es schien ihr so schwer, ihm kalt und förmlich zu begegnen, wer weiß, wie lang auf eine Minute Alleinseins mit ihm warten zu müssen. Und dabei war er so höflich, so rührend besorgt um sie wie ein wahrer Gastgeber. Er hoffte, daß sie nicht müde wären, hoffte, daß Mr. Stormer seine Angel mitgebracht hätte, obzwar sie natürlich eine Menge hatten, die sie ihm leihen konnten, hoffte, daß das Wetter schön bliebe, hoffte, daß es ihnen nichts ausmachen würde, fünf Kilometer weit zu fahren, und beschäftigte sich mit ihrem Gepäck. Und all das, wo sie ihn am liebsten in die Arme genommen hätte, ihm das Haar aus der Stirn gestrichen und ihn angeblickt hätte!

Er fuhr nicht mit ihnen – er hatte gefürchtet, sie würden zu gedrängt sitzen –, hielt sich aber ganz dicht hinter ihnen im Staub auf dem ›Damenpferd‹, wie ihr Gatte den Rotschimmel mit dem buschigen schwarzen Schweif nannte, und erklärte ihnen die Landschaft.

Diese ländliche Gegend, so fruchtbar und dennoch ein wenig romantisch, die unabhängig aussehenden Bauernhäuser, das alte, dunkle, trauliche Herrenhaus, das alles schien ganz neu für sie, die nur Oxford, London und sonst sehr wenig von England kannte. Alles war einfach entzückend! Sogar Marks Vormund schien ihr entzückend. Denn wenn Gordy unbedingt gezwungen war, einer fremden Dame gegenüberzutreten, gelang es ihm, eine gewisse ungeschliffene Liebenswürdigkeit zu entfalten. Auch seine Schwester Mrs. Doone kam ihr in ihrer farblosen Sanftheit beruhigend vor.

Als Anna allein in ihrem Zimmer war, zu dem man auf einer kleinen versteckten Treppe gelangte, betrachtete sie das geschnitzte Doppelbett, das weite Fenster mit den bleigefaßten Scheibchen und den Kattunvorhängen und die Blumen in einer blauen Schale. Ja, alles war entzückend. Und dennoch! Was war es nur? Was vermißte sie? Ach, sie war eine Närrin, sich Gedanken zu machen. Es war gewiß nur eine Sorge für ihr Wohlbefinden, die Angst, daß er sich verraten könnte. Wenn sie an seine Augen dachte – die letzten Tage in Tirol! Und nun? Sie sann ernsthaft darüber nach, welches Kleid sie anziehen sollte. Sie, die so schnell braun wurde, hatte während der Reisewoche und dann in Oxford fast ganz ihre dunkle Farbe verloren. Heute blickten ihre Augen müde drein, und sie war blaß. Sie war nicht gewillt, irgend etwas unversucht zu lassen, das ihr zu einem bessern Aussehen verhelfen würde. Im vergangenen Monat war sie sechsunddreißig alt geworden, und er wurde morgen neunzehn! Sie entschied sich für schwarz. Sie wußte, daß in Schwarz ihr weißer Hals und die eigenartige Farbe ihres Haars und ihrer Augen am besten zur Geltung kamen. Sie legte keinen Schmuck an, heftete nicht einmal eine Rose an ihre Brust und trug weiße Handschuhe. Da ihr Gatte nicht auf ihr Zimmer kam, stieg sie die kleine Treppe zu seinem empor. Sie überraschte ihn, wie er – bereits zum Diner gekleidet – am Kamin stand und leise lächelte. Woran dachte er nur, wie er so lächelnd dastand? Hatte er überhaupt Blut in den Adern?

Er neigte den Kopf ein wenig vor und sagte:

»Bravo! Keusch wie die Nacht! Schwarz steht dir gut. Sollen wir den Weg zu jenen wüsten Hallen suchen?«

Und sie gingen hinunter.

Alle waren bereits versammelt und warteten. Ein unverheirateter Gutsherr aus der Nachbarschaft, zugleich Richter, namens Trusham, war eingeladen worden, um die Paare vollzählig zu machen.

Das Diner wurde angekündigt. Sie traten in das von vielen Kerzen erhellte Speisezimmer, das ganz in schwarzem Eichenholz gehalten war und an dessen Wänden entsetzliche Porträts verblichener Vorfahren hingen. Anna saß an dem runden Tisch zwischen Gordy und dem Richter. Marks Platz war ihr gegenüber zwischen einer sonderbar aussehenden alten Dame und einem jungen Mädchen, das man nicht vorgestellt hatte, einem Mädchen in Weiß mit sehr blondem Haar, sehr weißer Haut, blauen Augen und etwas geöffneten Lippen – offenbar eine Tochter der farblosen Mrs. Doone. Ein Mädchen, das einer silbrigen Motte glich, einem Vergißmeinnicht! Anna fand es schwer, den Blick vom Antlitz dieses Mädchens zu lassen; nicht, daß sie es gerade bewundert hätte – hübsch war es schon, jawohl, aber schwach, mit den halb geöffneten Lippen und dem weichen Kinn, den tiefblauen, halb fragenden Augen. Doch es war jung – so blutjung! Und deshalb schien's unmöglich, es aus dem Auge zu lassen. Sylvia Doone? Ach so! Aha! Ein sanfter Name, ein hübscher Name, der so gut zu ihr paßte! Jedesmal, wenn es anging, daß sie vom Gutsherrn Trusham und von Gordy, auf die sie offenbar Eindruck machte, wegblicken konnte, sah sie nach diesem Mädchen, das dort neben dem Knaben saß, und jedesmal, wenn die beiden jungen Geschöpfe lächelten und miteinander sprachen, fühlte sie, wie sich ihr das Herz zusammenkrampfte. War deshalb dieses Etwas aus seinen Augen geschwunden? Ach, sie war kindisch! Wenn jedes Mädchen und jede Frau, die der Junge kannte, solch ein Gefühl in ihr entfesseln würde, wie sollte sie dann weiterleben? Doch ihr fester Wille bäumte sich gegen die Befürchtungen auf. Sie sah brillant aus, und sie merkte, wie auch das Mädchen sie immerzu betrachten mußte – neugierig, nachdenklich, etwas verwirrt, hassenswert in seiner Jugend. Und der Junge? Anna konnte fühlen, wie sie ihn anzog, langsam, aber sicher, wie der Magnet anzieht, konnte sehen, wie seine Blicke bei jeder Gelegenheit heimlich zu ihr herüberflogen. Einmal überraschte sie ihn ganz unerwartet. Was für angstvolle Augen! Nicht voller Anbetung wie früher. Dennoch verriet ihr Ausdruck, daß sie noch immer die Sehnsucht nach ihr in ihm erwecken, ihn eifersüchtig machen, ihn leicht mit ihren Küssen entflammen könnte.

Das Diner ging seinem Ende zu, und der Augenblick nahte, wo sie und das Mädchen unter den Augen der Mutter und jener klugen, sonderbaren alten Gouvernante sich treffen mußten. Ein schwerer Augenblick für sie! Und er kam, ein schwerer und ein langer Augenblick, denn nachdem die Damen sich zurückgezogen hatten, saß Gordy so lange wie möglich über seinem Wein. Aber Anna hatte nicht umsonst ihre Zeit unter den Augen der Gesellschaft in Oxford abgedient; es gelang ihr, sich entzückend zu benehmen, voll von Interesse und Fragen in ihrem immer noch etwas ausländischem Akzent zu sein. Miß Doone – bald hieß sie Sylvia – müßte ihr alle Schätze und Antiquitäten zeigen. War es zu dunkel, um hinauszugehen und einen Blick auf das alte Haus bei Nacht zu werfen? Ach nein. Ganz und gar nicht. Im Vorraum standen ja Gummischuhe. Und sie gingen, das Mädchen voraus, und Sylvia redete allerhand, worauf Anna nicht achtgab, so sehr nahm sie der Gedanke in Anspruch, wie sie es einrichten könnte, einen Augenblick, nur einen einzigen Augenblick mit dem Jungen allein zu sein.

Es war nichts Besonderes, dieses alte Haus, doch es war sein Heim – würde vielleicht einmal ihm gehören. Und Häuser bei Nacht mit ihren Fensteraugen schienen ihr seltsam lebendig zu sein.

»Das ist mein Zimmer«, sagte das Mädchen, »wo der Jasmin blüht – man kann es grade von hier sehn. Marks Zimmer ist darüber – dort unter dem Dachvorsprung, weiter links. Unlängst nachts …«

»Ja, unlängst nachts?«

»Ach nichts – hören Sie nur! Das ist eine Eule. Wir haben eine Menge Eulen. Mark hat sie gern. Ich mag sie nicht besonders.«

Immer nur Mark!

»Er interessiert sich nämlich furchtbar für allerhand Tiere und Vögel, er modelliert sie ja. Soll ich Ihnen sein Atelier zeigen? 's ist ein altes Gewächshaus. Da, Sie können hineinschaun.«

Durch das Glas konnte Anna tatsächlich die seltsamen Geschöpfe des Jungen undeutlich erblicken, eine groteske Gesellschaft kleiner Ungeheuer, die im Dunkeln auf dem Boden zusammenhockten. Sie murmelte:

»Ja, ich kann sie sehn, aber ich will sie nicht genauer anschaun, wenn er sie mir nicht selber zeigt.«

»Oh, das tut er gewiß. Er interessiert sich mehr dafür als für irgend etwas andres auf der Welt.«

Trotz aller ihrer guten Vorsätze konnte Anna unmöglich die Frage unterdrücken: »Was, mehr als für Sie?«

Das Mädchen starrte sie nachdenklich an, ehe sie erwiderte: »Ach, aus mir macht er sich nicht viel.«

Anna lachte und ergriff ihren Arm. Wie weich und jung er sich anfühlte! Ein Stich ging ihr durchs Herz, halb Eifersucht, halb Gewissensbiß.

»Wissen Sie auch«, sagte sie, »daß Sie sehr herzig sind?«

Das Mädchen gab keine Antwort.

»Sind Sie seine Kusine?«

»Nein, Gordy ist nur Marks Onkel durch Heirat; meine Mutter ist Gordys Schwester – so bin ich also nichts.«

Nichts!

»Aha, wohl nur so eine entfernte Verwandte?«

Beide schwiegen und betrachteten anscheinend die Nacht; endlich sagte das Mädchen:

»Ich hab Sie so gern kennenlernen wollen! Sie sind gar nicht so, wie ich Sie mir vorgestellt hab.«

»Oh! Und welche Vorstellungen haben Sie sich denn von mir gemacht?«

»Ich dachte, Sie hätten dunkle Augen und venezianisch rotes Haar und wären nicht ganz so groß. Freilich, ich hab gar keine Phantasie.«

Sie standen wieder an der Tür, als Sylvia das sagte, und das Licht aus dem Vorraum fiel auf sie; ihre weiße, unfertige Gestalt war deutlich sichtbar. Wie jung, wie jung sah sie nur aus! Und alles, was sie sagte – so jung!

Und Anna murmelte: »Auch Sie sind – mehr, als ich dachte.«

In diesem Augenblick kamen die Herren aus dem Speisezimmer; ihrem Gatten konnte man ansehen, daß man ihm aufmerksam zugehört hatte; Gutsherr Trusham lachte wie ein Mann, der keinen Sinn für Humor hat; Gordy verzog den Mund und sah etwas beklommen aus; der Junge noch immer blaß und vor sich hin brütend, als hätte er die Fühlung mit der Umwelt verloren. Er schwankte, als wollte er auf sie zugehen, schien zu vergessen, was er vorhatte, und setzte sich dann zu der alten Gouvernante. Wagte er nicht, zu ihr zu kommen, oder war es nur deshalb, weil er die alte Dame allein sitzen sah? Das konnte es recht gut sein.

Der Abend, so ganz anders als der, den sie sich erträumt, ging zu Ende. Gutsherr Trusham war in seinem hohen Dogcart mit der berühmten Stute, deren Heldentaten sie während des ganzen Essens unterhalten hatten, fortgefahren. Sie hatte ihre Kerze erhalten und allen gute Nacht gesagt, nur Mark noch nicht. Was sollte sie tun, wenn seine Hand in der ihren lag? In diesem Händedruck, dessen Innigkeit kein anderer fühlen konnte, würde sie mit ihm allein sein. Und sie wußte nicht, ob sie sie leidenschaftlich fassen oder sie kühl wieder loslassen, ob sie Anspruch auf ihn erheben oder ob sie warten solle. Aber sie konnte nicht anders, sie mußte seine Hand fieberisch drücken. Sofort sah sie wieder jene Angst in seinen Augen, und das Herz tat ihr weh. Sie ließ die Hand los, und um nicht zusehen zu müssen, wie er dem Mädchen gute Nacht sagte, wandte sie sich um und stieg zu ihrem Zimmer empor.

Ohne sich auszukleiden, warf sie sich übers Bett hin und nagte an ihrem Taschentuch.


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