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Sechzehntes Kapitel

Vor ihrem Landhaus stand Olive oft am Fluß.

Was lag unter all dem hellen Wasser, welches seltsame, tiefe, flutende Leben, so weit unter den windgekräuselten Wellen und den Schatten der Weiden? War dort unten auch Liebe? Liebe zwischen fühlenden Wesen, wo es fast finster war; oder war alle Leidenschaft emporgestiegen, um im Schilf zu rauschen und mit den Seerosen im Sonnenlicht zu treiben? War dort auch Farbe? Oder war die Farbe ertränkt worden? Kein Duft und keine Musik, aber Bewegung mußte wohl dort sein, unter all dem dunklen, krabbelnden Getier, das stets in der Richtung des Stromes floß, nicht weniger Bewegung als in dem nie ganz stillen Espenlaub und in den geflügelten Zügen der Wolken. Und war's dort unten finster, so war's auch über dem Wasser finster; und die Herzen litten geradeso, und die Augen forschten ganz so eifrig nach dem, was nicht kommen wollte.

Wie es immerfort vorüberfloß, dem Meere zu, sich niemals umkehrte, niemals hierhin oder dorthin schwankte, still wie das Schicksal dahintrieb – schwarz oder leuchtend vom Gold dieser herrlichen Tage und vom Mondlicht der Nächte, da jede Blume in ihrem Garten, auf den Wiesen und am Flußufer voll süßen Lebens war, da die wilden Rosen an den Heckenwegen blühten und das Farnkraut im Wald fast einen Fuß hoch stand!

Sie war nicht allein dort, obgleich ihr das weit lieber gewesen wäre; zwei Tage, nachdem sie London verlassen, waren ihr Onkel und ihre Tante angekommen. Cramier hatte sie eingeladen. Er selbst war noch nicht dort gewesen.

Jeden Abend, nachdem sie Mrs. Ercott gute Nacht gesagt und die breiten, niedrigen Stufen zu ihrem Zimmer emporgestiegen war, setzte sie sich ans Fenster, um an Lennan zu schreiben; eine Kerze stand neben ihr, deren bleiche Flamme mit ihr wachte – es mochte sein Geist sein. Jeden Abend schüttete sie ihm ihr Herz aus und endete jedesmal: ›Hab Geduld!‹ Sie wartete noch immer auf den Mut, der ihr hinweghelfen sollte über das dunkle Hindernis von ungreifbaren Befürchtungen, Zweifeln und Gewissensbissen und über ein Angstgefühl, das sie sich selbst nicht erklären konnte. Wenn sie dann fertig war, lehnte sie sich in die Nacht hinaus. Der Oberst, dessen dunkle Gestalt zum Schutz gegen den Tau in einen Mantel gehüllt war, schritt auf dem Rasen hin und her mit seiner Gutenachtzigarre, deren feuriges Glühen sie gerade noch wahrnehmen konnte; und hinter ihm das gespenstige Taubenhaus und den fließenden Strom. Dann umschlangen ihre Arme fest den eigenen Körper, denn sie fürchtete sie auszustrecken und dabei gesehen zu werden.

Jeden Morgen stand sie zeitig auf, zog sich an und schlüpfte fort zum Dorf, um ihren Brief aufzugeben. Aus den Wäldern jenseits des Flusses drang der Ruf der wilden Tauben, als flehte die Liebe selbst sie jeden Tag von neuem an. Sie war rechtzeitig zurück, um auf ihr Zimmer zu gehen und zum Frühstück wieder herunterkommen zu können, als wäre es zum erstenmal. Der Oberst, der sie auf den Treppen oder im Vorraum traf, sagte dann: »Ah, meine Liebe, bin doch der erste! Gut geschlafen?« Und während ihre Lippen seine Wange berührten, die er so hinhielt, wie es sich für einen Onkel ziemte, kam es ihm niemals in den Sinn, daß sie bereits drei Meilen durch den Tau gegangen war.

Nun, da sie die Qualen der Unentschlossenheit litt, deren Ausgang, wie er sich auch gestalten mochte, von solcher Folgenschwere war, nun, da sie sich sozusagen mitten im Wirbel des Stroms befand, war ihr auch nicht das geringste anzumerken; der Oberst und sogar seine Frau ließen sich so weit täuschen, daß sie glaubten, das Malheur sei am Ende gar nicht so groß. Es gewährte ihnen Erleichterung, das zu glauben, weil sie doch ihre Vormundschaftspflichten in Monte Carlo nicht allzu großartig erfüllt hatten. Die warmen, schläfrigen Tage, an denen sie ein wenig Krocket spielten, ein wenig auf der Themse herumgondelten und viel im Freien saßen, wobei der Oberst laut aus Tennyson vorlas, waren recht angenehm. Er empfand es vielleicht mehr denn Mrs. Ercott als Wohltat, zu ›dieser verdammt überfüllten Zeit‹ von der Stadt fort zu sein. Und so verstrichen die Tage des frühen Juni, einer schöner als der andere.

Und dann, an einem Freitagabend, erschien Cramier unerwartet. Es wäre heiß in London …, die Sitzungen langweilig … Das Jubiläum stelle alles auf den Kopf … Sie könnten sich glücklich schätzen, auf dem Land zu sein.

Ein schweigsames Abendessen war's.

Mrs. Ercott bemerkte, daß er Wein wie Wasser trank und seine Augen, die müde aussahen, als ob er nicht geschlafen hätte, oft minutenlang nicht auf das Gesicht seiner Frau, sondern auf ihren Hals heftete. Wenn Olive ihn wirklich nicht leiden mochte und ihn fürchtete, wovon John überzeugt war, so hielt sie doch ihre Gefühle recht gut im Zaum! Obwohl sie sonst so blaß war, sah sie an diesem Abend prachtvoll aus. Vielleicht hatte die Sonne ihre Wangen gerötet. Dieses schwarze, tief ausgeschnittene Kleid stand ihr gut mit den alten Mailänder Spitzen, die so recht zu ihrem Teint paßten, und einer Nelke von tiefstem Rot an der Brust. Ihre Augen glichen manchmal wirklich schwarzem Samt. Sie standen blassen Frauen gut, diese Augen, die bei Nacht so schwarz aussahen. Auch sprach und lachte sie mehr als gewöhnlich. Man hätte sagen können: eine Gattin, die hocherfreut war, ihren Mann zu bewillkommnen! Und doch lag etwas – etwas in der Luft, in der Spannung der Atmosphäre – die drohende Starrheit der Augen jenes Mannes ein nahendes Gewitter nach all der Hitze! Die Nacht war jedenfalls unnatürlich still und dunkel, kaum ein Lufthauch war zu spüren, und so viele Motten trieben sich da draußen umher, die durch den Lichtkegel schwirrten, wie kleine bleiche Geister einen Fluß durchkreuzen! Mrs. Ercott lächelte, denn das Bild gefiel ihr. Motten! Die Männer waren wie Motten, und es gab Frauen, von denen sie sich nicht fernhalten konnten. Jawohl, es war etwas an Olive, das die Männer anzog. Nichts Glitzerndes, Unechtes, um die Wahrheit zu gestehen, ganz und gar nicht, sondern etwas Sanftes und Verhängnisvolles, so wie eine dieser Kerzenflammen, die arme Motten anlockte. In Johns Augen, wenn er Olive ansah, lag nie ganz derselbe Ausdruck, wie sie ihn kannte; und Cramiers Augen – welch einen seltsamen, geradezu morphinistischen Ausdruck hatten sie nur! Und jener arme Junge – sie konnte sein Gesicht nicht vergessen, seit sie ihn im Park getroffen hatte.

Und als sie nach dem Abendessen auf der Veranda saßen, waren sie alle noch schweigsamer und sahen anscheinend nur zu, wie der Rauch ihrer Zigaretten ganz gerade in die Höhe stieg, als wäre aller Wind aus der Welt verbannt gewesen. Der Oberst versuchte zweimal über den Mond zu reden; er sollte jetzt schon draußen sein; sie würden Vollmond haben.

Und dann sagte Cramier: »Häng dir den Schal da um, Olive, und komm mit mir in den Garten!«

Mrs. Ercott gestand sich jetzt ein, daß John doch recht gehabt hatte. Nur ein flüchtiger Blick, der hin und her irrte, wie ein Vögelchen, das entfliehen will – dann war Olive aufgestanden und ruhig mit ihm den Weg hinuntergegangen, bis ihre schweigenden Gestalten dem Blick entschwanden.

Gänzlich aus der Fassung gebracht, stand Mrs. Ercott auf und ging zu dem Stuhl ihres Mannes hinüber. Er runzelte die Stirn und starrte seinen Lackschuh an, den er auf einer Zehe balancierte. Er blickte zu ihr auf und streckte die Hand aus. Mrs. Ercott drückte sie; sie brauchte Trost.

Der Oberst sprach: »Es ist schwül heut abend, Dolly. Die Atmosphäre behagt mir nicht.«


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