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Fünftes Kapitel

Was wußte er denn von Frauen, daß er sie hätte verstehen sollen? Während seiner Schulzeit hatte er keine kennengelernt, in Oxford nur diese einzige. Wenn er in den Ferien zu Hause war, sah er nur seine Schwester Cicely. Die zwei Liebhabereien ihres Vormunds, Fischen und das Sammeln von Antiquitäten seiner heimatlichen Grafschaft, machten ihn jeder Gesellschaft abhold, so daß sein kleines Herrenhaus in Devonshire, mit dem dunkeln eichenen Holzwerk und dem verwilderten, von Steinmauern umschlossenen Park am Bach, jahrein, jahraus keine Weiberröcke zu sehen bekam, ausgenommen die von Cicely und der alten Gouvernante Miß Tring. Zudem war der Junge schüchtern. Nein, nichts hatte sich in seiner kaum neunzehnjährigen Vergangenheit ereignet, wonach er sich hätte richten können. Er gehörte nicht zu jenen Jünglingen, die stets an Eroberungen denken. Schon der bloße Gedanke an eine Eroberung schien ihm niedrig, gemein, entsetzlich. Es mußten schon viele Anzeichen vorhanden sein, ehe es ihm einfiel, daß eine Frau in ihn verliebt sein könnte, ganz besonders eine, zu der er emporsah und die ihm so herrlich dünkte. Denn angesichts der Schönheit war er demütig, kam er sich schwerfällig und unbeholfen vor. Unbewußt fühlte er, daß diese Seite des Lebens heilig war und man sich ihr nur zitternd nahen dürfe. Je mehr seine Bewunderung wuchs, um so scheuer und furchtsamer wurde er. Und daher fühlte er sich eingeschüchtert nach dem einen leidenschaftlichen Augenblick, als sie die Blüten gepflückt und über ihn gestreut hatte; und auf dem Heimweg ging er schweigsamer denn je neben ihr her, verlegen und in tiefster Seele aufgewühlt.

Wenn sein Herz, dem bisher jede Sorge fremd geblieben war, jetzt in Aufruhr geriet, was mußte dann in ihr vorgehen, die schon so lange im geheimen auf das Erwachen dieser Wirrnis gehofft hatte? Auch sie sprach kein Wort.

Als sie kurz vor dem Dorf an einer offenstehenden Kirchentür vorbeikamen, sagte sie:

»Warten Sie nicht auf mich, ich möchte eine Zeitlang hierbleiben.«

In dem Zwielicht der leeren Kirche war nur eine Gestalt zu sehen, eine Bäuerin in schwarzem Schal, die wunderbar regungslos auf den Knien lag. Er wäre gern dort geblieben. Die kniende Gestalt, das Glitzern des Sonnenlichts, das sich in das Halbdunkel ergoß! Lange genug zögerte er, bis er sah, wie auch Anna in der Stille niederkniete. Betete sie? Wieder empfand er die wilde Unruhe, die ihn erfaßt hatte, als sie die Blumen pflückte. Herrlich sah sie aus, wie sie so auf den Knien lag! Doch es war häßlich von ihm, sie zu bewundern, wo sie im Gebet versunken war! Und rasch wandte er sich um und ging weiter. Aber jenes heftige, wehe und doch süße Gefühl ließ ihn nicht mehr los. Er schloß die Augen, um ihr Bild nicht mehr vor sich zu haben – doch sofort stand sie zehnmal deutlicher vor ihm, wurde dies Gefühl zehnmal stärker. Er stieg zum Hotel empor; dort traf er auf der Terrasse seinen Professor. Und sonderbarerweise ließ ihn sein Anblick so kühl, als wäre er der Portier des Hotels gewesen. Stormer schien einfach gar nicht in Betracht zu kommen; er schien es gar nicht zu wünschen, in Betracht gezogen zu werden. Und obendrein war er ja so alt, fast fünfzig!

Der Mann, der so alt war, stand in charakteristischer Haltung da, die Hände in den Taschen seiner Norfolk-Jacke, die eine Schulter etwas in die Höhe gezogen und den Kopf ein ganz klein wenig auf die Seite geneigt, als hätte er über etwas spötteln wollen. Wie Lennan auf ihn zukam, lächelte er, ohne daß sich der Ausdruck seiner Augen veränderte.

»Nanu, junger Mann, wo haben Sie denn meine Frau gelassen?«

»In einer Kirche, Herr Professor.«

»Aha! Davon läßt sie nicht ab! Haben Sie sich die Beine ablaufen müssen? Nicht? Dann wollen wir ein wenig herumspazieren und plaudern.«

Mit ihrem Gatten so auf und ab zu gehen und sich zu unterhalten schien ganz natürlich, geriet mit jenen neuen Gefühlen nicht einmal in Konflikt, ließ ihn auch nicht die leiseste Scham darüber empfinden. Er wunderte sich nur ein wenig, daß sie ihn hatte heiraten können, doch nur ein ganz klein wenig. Nur ganz schattenhaft und akademisch war diese Verwunderung, so wie er sich in früheren Tagen darüber gewundert hatte, daß seine Schwester mit Puppen spielen konnte. Wenn noch ein anderes Gefühl daneben aufkam, so war es nur der Wunsch, von ihm loszukommen und wieder den Berg hinunter zur Kirche zu gehen. Alles schien jetzt kalt und einsam zu sein, nach dem langen mit ihr verbrachten Tage, als ob er sich dort oben zurückgelassen hätte, stundenlang mit ihr wandernd oder neben ihr in der Sonne liegend. Worüber redete der alte Stormer eigentlich? Über den Unterschied der Ehrbegriffe bei den alten Griechen und Römern. Stets in der Vergangenheit – schien rein zu glauben, daß die Gegenwart nichts mehr vom ›guten Ton‹ wüßte. Und er sagte:

»Auf dem Berge haben wir ein paar ›englische Moralhelden‹ getroffen, Herr Professor.«

»Ah! Irgendeine besondere Sorte?«

»Ein paar von ihnen modern, die andern nicht – waren sich aber eigentlich alle gleich, glaub ich.«

»Soso! ›Moralhelden‹ heißen Sie die Leute?«

»Jawohl, Herr Professor, aus unserm Hotel. Mrs. Stormer gab ihnen diesen Namen. Sie taten so großartig.«

»Aha!«

Es lag etwas Ungewöhnliches in dem Ton, womit er dieses kleine Wort äußerte. Und der Junge starrte ihn an, zum erstenmal schien ein wahrer Mann vor ihm zu stehen. Dann schoß ihm das Blut in die Wangen, denn sie kam daher. Würde sie zu ihnen kommen? Wie prachtvoll sie aussah, von der Sonne verbrannt, und ihr Gang so elastisch, als wäre sie eben erst aufgebrochen! Sie trat jedoch ins Haus, ohne sich nach ihnen umzuwenden. Hatte er sie vielleicht verletzt, beleidigt? Er entschuldigte sich und ging auf sein Zimmer.

Wieder stand er am Fenster, von dem er am selben Morgen die Berge betrachtet hatte, die im Dämmerlicht wie Löwen hingestreckt lagen, und blickte in die Sonne, die hinter dem Horizont versank. Was war ihm nur geschehen? Er kam sich so ganz anders vor, so ganz anders! Es war eine andere Welt. Und die seltsamste Empfindung beschlich ihn: als ob die Blumen wieder über Antlitz, Nacken und Hände rieselten, ihre weichen, ausgezackten Ränder ihn kitzelten, als ob er wieder ihren verwirrenden Duft einsöge. Und er schien ihre Stimme zu hören, wie sie sagte: ›Fühlen Sie nur!‹, und ihren Herzschlag wieder unter seiner Hand zu spüren.


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