Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zehntes Kapitel

Die Leidenschaft schert sich nicht um Recht und Gesetz. Sie ist frei von Selbstgefühl und Stolz; von Würde, Nervosität, Skrupeln, Heuchelei und Moral; von Verstellung, Grübelei und Angst um Geld und Gut in dieser Welt und in der nächsten. Sehr richtig hatten die alten Maler sie als einen Pfeil oder als Wind dargestellt. Wenn sie nicht so geschwind und stürmisch wäre, müßte die Erde schon längst durch leeren Raum treiben und ›zu vermieten‹ sein …

Nach jener fieberigen Nacht ging Lennan zur gewöhnlichen Stunde ins Atelier und tat natürlich keinen Strich an seiner Arbeit. Er mußte sogar sein Modell fortschicken. Der Bursche war einmal sein Haarschneider gewesen, war dann krank geworden und, als es ihm schlecht ging, eines Morgens ins Atelier gekommen, um offenbar verschämt anzufragen, ob sein Kopf etwas tauge. Nachdem Lennan seine Fähigkeit stillzustehen geprüft hatte und ihm ein paar Empfehlungen gegeben, hatte er folgende Notiz gemacht: ›Fünf Fuß, neun Zoll, schönes Haar, mageres Gesicht, etwas Gequältes und Rührendes im Ausdruck. Wenn möglich, ihn bald an die Reihe nehmen.‹ Er war jetzt an die Reihe gekommen, und der arme Kerl saß ihm in schwieriger Haltung und erzählte, sooft es erlaubt war, wie ihm alles schiefgegangen und wie herrlich es sei, Haare zu schneiden. An diesem Morgen verabschiedete er sich mit dem stillen Vergnügen eines Menschen, der voll bezahlt worden war für Dienste, die er nicht geleistet hatte.

Und so erwartete der Bildhauer, auf und ab, ab und auf wandernd, Nells Klopfen. Was würde jetzt geschehen? Das viele Nachdenken hatte die Dinge nicht klarer gemacht. Es ward ihm geboten, was jeder warmblütige Mann, dessen Frühling vorüber ist, begehrt. Jugend und Schönheit, und in dieser Jugend eine Wiederkehr seiner eigenen; und jeder Mann, nur Heuchler und Engländer ausgenommen, hätte sogar zugegeben, es zu begehren. Und es ward einem geboten, der weder religiöse noch moralische Skrupel hatte, wenigstens nicht die landläufigen. In der Theorie konnte er also annehmen. In der Praxis wußte er noch nicht, was er tun konnte. Nur eines war ihm bei seinem nächtlichen Sinnen klargeworden: daß die, die sich über das Prinzip der Freiheit lustig machten, keinen größeren Fehler hätten begehen können als den, die Freiheit für gefährlich anzusehen, weil sie den Mann zu einem Wüstling mache. Für die, die Charakter besaßen, war das Bekenntnis der Freiheit von allen das am meisten bindende. Es mochte leicht sein, Ketten zu brechen, die andere einem auferlegen, sich den Teufel um Gesetze zu scheren und für den Augenblick wenigstens auszurufen: Ich bin ungebunden, frei! Doch schwer war's in der Tat, das seinem ungebundenen Selbst zu sagen! Jawohl, sein eigen Selbst saß auf dem Richterstuhl; seinem eigenen Urteil, seiner eigenen Entscheidung mußte er sich unterwerfen. Und wenn er auch nach ihrem Anblick lechzte und sein Wille wie gelähmt schien, hatte er dennoch schon viele Male gedacht: Es darf nicht sein! Gott, steh mir bei!

Dann wurde es zwölf Uhr. Sie kam nicht. Würde ›das Mädchen auf dem Pferde Magpie‹ alles sein, was er heute von ihr zu sehen bekäme – dies unbefriedigende Werk, das so kalt und ohne Zauber war? Hätte er doch lieber versucht, sie zu malen mit einer roten Blume im Haar, einem Schmollen auf den Lippen und den schmachtenden oder umflorten Augen. Goya hätte sie malen können!

Und da, gerade als er sie aufgegeben hatte, kam sie.

Nach einem Blick auf sein Gesicht schlüpfte sie ganz ruhig herein, wie ein recht braves Kind … Erstaunlich – der Instinkt der Frauen, selbst in ihren jungen Jahren! … Keine Spur mehr von ihrer gestrigen verführerischen Gewalt, keine Andeutung, daß es überhaupt ein Gestern gegeben, nur zutraulich war sie wie eine Tochter. Sie saß da, erzählte ihm von Irland, zeigte ihm den kleinen Stoß Zeichnungen, die sie während ihrer Abwesenheit angefertigt. Hatte sie die mitgebracht, weil sie wußte, daß sie ihm dann leid tun würde? Was hätte gefahrloser sein, was mehr an seine fürsorglichen väterlichen Gefühle appellieren können als ihr Benehmen an jenem Morgen! Als wollte sie nur das, was Vater und Heim ihr nicht geben konnten, als wollte sie ihm nichts anderes als eine Tochter sein!

Ebenso wohlgesittet, wie sie gekommen, ging sie auch fort, hatte sich jedoch geweigert, zum Mittagessen zu bleiben, weil sie Sylvia offenbar nicht treffen wollte. Da erst ward ihm klar, daß sie, durch den gewaltsam beherrschten Ausdruck seines Gesichtes gewarnt, befürchtet haben mußte, er werde sie fortschicken; da erst ward ihm klar, daß sie, indem sie an seinen Schutz appellierte, ihn nur um so fester gebunden, es ihm nur um so schwerer gemacht hatte, sich loszureißen und sie zu kränken. Und das fiebrige Bangen fing von neuem an – schlimmer denn je – im Augenblick, als sie gegangen war. Und mehr denn je fühlte er sich in der Macht von etwas, wogegen er nicht ankämpfen konnte, etwas, das, sosehr er sich auch winden und dagegen sträuben mochte, sosehr er auch zurückzuweichen versuchte, doch immer näherrückte und stets neue Mittel fand, ihn an Händen und Füßen zu fesseln.

Am Nachmittag brachte Dromores Vertrauenswürdiger ihm einen Brief. Der Bursche mit den gesenkten Augen und dem schön gescheitelten Haar schien ihm zu sagen: Jawohl, gnädiger Herr, daß Sie den Brief außer Sehweite lesen, ist ganz natürlich, gnädiger Herr, aber ich weiß alles; glücklicherweise ist kein Grund zur Beunruhigung vorhanden, denn ich bin durchaus vertrauenswürdig.

Der Brief enthielt folgendes:

›Sie haben einmal versprochen, mit mir zu reiten – Sie haben es wirklich versprochen und niemals getan. Bitte, reiten Sie doch morgen mit mir! Dann werden Sie erst recht sehen, was Sie für die Statuette brauchen und sich nicht weiter so darüber ärgern müssen. Sie können Pas Pferd haben – er ist wieder nach Newmarket gefahren, und ich bin so allein! Bitte, morgen, um halb drei – von hier aus – Nell.‹

Vor diesen vertrauenswürdigen Augen zu zögern ging nicht an, er mußte ja oder nein sagen; und ein Nein hätte nur bedeutet, daß sie statt dessen am Morgen zu ihm kommen werde. Daher erwiderte er:

»Sagen Sie einfach: einverstanden.«

»Jawohl, gnädiger Herr.« Dann von der Tür aus: »Mr. Dromore wird bis Samstag fortbleiben, gnädiger Herr.«

Warum hatte eigentlich der Bursche das gesagt? Sonderbar, wie ihn dies verzweifelte, heimliche Empfinden die Worte des Dieners, Olivers gestrigen Besuch, kurzum alles falsch auslegen ließ. Sie waren nichtswürdig, diese Verdächtigungen! Er konnte fühlen, fast schon sehen, wie er anfing zu sinken mit diesem argwöhnischen Empfinden in der Seele. Bald würde es in seinem Gesicht geschrieben stehen! Doch was nützte es, sich Gedanken zu machen? Was kommen mußte, kam – so oder so.

Und plötzlich erinnerte er sich mit Schrecken, daß es der erste November war, Sylvias Geburtstag! Er hatte ihn bisher noch nie vergessen. Verwirrt über diese Entdeckung, war er nahe daran, zu ihr zu gehen und ihr die ganze Geschichte seiner Leidenschaft zu beichten. Welch ein herrliches Geburtstagsgeschenk das wäre! Statt dessen nahm er seinen Hut und rannte zum nächsten Blumenladen. Er gehörte einer Französin.

Was sie habe?

Was denn der Herr wünsche? Des œillets rouges? J'en ai de bien beaux ce soir.«

»Nein, die nicht! Weiße Blumen!«

»Une belle azalée?«

Ja, das wäre das rechte, sollte sofort geschickt werden – sofort!

Nebenan war ein Juwelierladen. Er hatte nie recht erfahren, ob Sylvia Juwelen gern habe, da er eines Tages zufällig die Bemerkung hatte fallenlassen, sie seien ordinär. Und mit dem Empfinden, daß er tatsächlich tief gesunken sei, wenn er mit elendem Tand wiedergutzumachen versuchte, daß er den ganzen Tag nicht an sie, sondern an eine andere gedacht, ging er hinein und kaufte den einzigen Schmuck, bei dessen Anblick sich ihm nicht der Magen umdrehte: zwei kleine birnenförmige schwarze Perlen, jede am Ende eines feinen Platinkettchens. Als er damit wieder ins Freie trat, erblickte er an dem klaren Himmel über der Straße, der sich rasch zu Indigo vertiefte, einen ganz schmalen Streif des Neumonds, gleich einer glänzenden Schwalbe, die mit zurückgebogenen Schwingen der Erde zuflog. Das bedeutete – schönes Wetter! Ach, könnte doch in seinem Herzen schönes Wetter sein! Und damit die Azalee zuerst ankommen sollte, ging er auf dem Platze auf und ab, auf dem Oliver und er am vorigen Abend umhergewandert waren.

Als er in den Salon trat, stellte Sylvia gerade die weiße Azalee aufs Fenstersims; er stahl sich von rückwärts an sie heran und schlang ihr das kleine Kettchen um den Hals. Sie wandte sich um und umarmte ihn. Er konnte fühlen, daß sie sehr bewegt war. Und immer wieder warf ihm sein Gewissen vor, daß er sie mit einem Kuß betrog.

Aber selbst während er küßte, verhärtete sich sein Herz.


 << zurück weiter >>