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Viertes Kapitel

Als Mark ein leises Pochen an seiner Tür vernahm, war er zwar schon aufgestanden, kleidete sich jedoch nur langsam und verträumt an – es war so lustig, die Berge zu betrachten, die im Morgenlicht wie ungeheure Tiere dalagen. Der Kerl da, der den Kopf gerade über die Tatzen erhoben hatte und den sie heute besteigen wollten, schien sehr weit entfernt zu sein. Er öffnete die Tür nur einen Spalt weit und flüsterte:

»Ist es schon so spät?«

»Fünf Uhr; sind Sie noch nicht fertig?«

Es war furchtbar unhöflich von ihm, sie warten zu lassen! Und schnell war er unten in dem leeren Speisezimmer, wo eine verschlafene Kellnerin schon den Kaffee hereinbrachte. Anna saß allein da. Sie trug eine flachsblumenblaue Hemdbluse, die den Hals frei ließ, einen kurzen grünen Rock und einen kleinen graugrünen Samthut mit einer Birkhahnfeder. Warum konnten die Frauen nicht immer so hübsche Sachen tragen und so famos aussehen? Und er sagte:

»Wie prachtvoll Sie aussehn, Mrs. Stormer!«

Sie gab ihm lange keine Antwort, so daß er fürchtete, seine Bemerkung wäre vielleicht unhöflich gewesen. Aber sie sah wirklich prachtvoll aus, so lebhaft, kernig und glückstrahlend!

Sie gingen durch einen Lärchenwald den Hügel hinunter nach dem Bach, schritten über die Brücke und begannen sofort den Aufstieg auf einem Pfad durch die Heufelder. Wie konnte nur der alte Stormer an einem solchen Morgen im Bette bleiben! Bauernmädchen in blauleinenen Röcken waren schon an der Arbeit, in Bündel zu sammeln, was die Männer gemäht. Eines der Mädchen, das am Rande des Feldes rechte, hielt inne und nickte ihnen schüchtern zu. Sie hatte ein Madonnengesicht, so ruhig, ernst und lieb, mit feingeschwungenen Brauen – es war eine Freude, dies Antlitz zu betrachten. Der Junge sah sich nach ihr um. Ihm, der zum erstenmal von England fort war, schien alles seltsam und märchenhaft. Die Hütten mit ihren langen, breiten, dunkelbraunen Holzgalerien und den weit vorstehenden Strohdächern, die tief herunterreichten; die hellen Kleider der Bauersfrauen; die freundlichen, kleinen, braunweißen Kühe mit den stumpfen, rauchgrauen Mäulern. Sogar die Luft empfand man anders, diese frische, köstliche, brennende Wärme, die nur leicht das eisige Schweigen dort oben zu streifen schien; und die entzückende Anmut der Dörfer am Fuße der Berge – Duft von Fichtenharz, sonnige Lärchenwälder und die Blumen und Gräser der Matten! Doch am seltsamsten war das Gefühl in ihm: etwas wie Stolz, ein Bewußtsein von Wichtigkeit, eine sonderbare Freude, mit ihr allein, von einer so herrlichen Frau zum Gefährten erwählt zu sein.

Sie überholten alle übrigen Wanderer, die denselben Weg gingen, breitschultrige, unrasierte Deutsche, die ihre Röcke aufgeschnallt hatten, schwere Alpenstöcke nachschleiften, grüne Rucksäcke trugen und schwerfällig immer in gleichem Tempo marschierten. Sie brummten, als Anna und der Junge vorbeikamen: »Nur keine Eile!«

Diese beiden aber konnten nicht schnell genug gehen, um mit ihrer Begeisterung Schritt zu halten. Es war kein schwieriger Aufstieg, sondern eigentlich nur ein Trainingsmarsch zur Spitze der Nuvolau empor; noch vor Mittag waren sie oben, und bald darauf begannen sie, beide sehr hungrig, den Abstieg. Als sie in das kleine Eßzimmer der Cinque-Torre-Hütte traten, fanden sie es von einer Gesellschaft von Engländern besetzt, die Omeletten aßen. Man konnte merken, daß sie Anna wiedererkannten, obwohl sie ihr Gespräch nicht unterbrachen, das mit gleichem Eifer weitergeführt wurde, und doch noch immer mit jenem affektierten müden Tonfall, der ihnen so vornehm schien. Die meisten von ihnen hatten Feldstecher umgehängt, und das Zimmer war besät mit Photographenapparaten. Ihre Gesichter sahen sich zwar nicht sehr ähnlich, doch ließen sie alle beim Lächeln die Mundwinkel hängen und zogen auf ganz eigene Art die Augenbrauen in die Höhe, so daß sie einem wie Vervielfältigungen eines einzigen Typus vorkamen. Auch hatten die meisten etwas vorstehende Zähne, als hätte das beständige Verziehen des Mundes sie nach vorne gedrängt. Und sie aßen, wie Leute zu essen pflegen, die ihre leiblichen Gelüste nicht gern zur Schau tragen und es vorziehen, überhaupt nichts riechen oder schmecken zu müssen.

»Aus unserm Hotel«, flüsterte Anna. Sie nahmen Platz und bestellten Rotwein und Schnitzel. Die Dame, die das Kommando der englischen Gesellschaft zu führen schien, erkundigte sich jetzt nach Mr. Stormers Befinden, er wäre doch hoffentlich nicht krank? Nicht? Nur zu bequem? Wirklich! Er wäre doch ein so ausgezeichneter Kletterer, wie sie gehört hätte. Dem Jungen schien es, als hätte die Dame etwas an ihnen auszusetzen. Die ganze Konversation wurde von ihr, einem Herrn mit zerknülltem Kragen, der ein Tuch zum Schutz gegen die Sonne um den Kopf gewickelt trug, und einem kleinen, untersetzten, graubärtigen Mann in dunkler Norfolk-Jacke geführt. Sobald ein jüngeres Mitglied der Gesellschaft sprach, nahm man die Bemerkung mit hochgezogenen Brauen und gesenkten Augenlidern hin, als hätte man sagen wollen: Ah! Aus dir kann noch was werden!

»Nichts in meinem Leben bereitet mir größeren Kummer als der Hang der menschlichen Natur, im Formwesen zu erstarren.« Die Dame, die das Kommando führte, sprach diese Worte, und die jungen Leute nickten wie zustimmend mit den Köpfen. Sie sehen genau wie Perlhühner aus, dachte der Junge, mit den kleinen Köpfen, den abfallenden Schultern und den gesprenkelten grauen Jacken!

»Ah, meine verehrte gnädige Frau« – der Herr mit dem zerknüllten Kragen sprach jetzt –, »ihr Schriftstellerinnen verhöhnt stets den löblichen Zustand der Gleichförmigkeit. Dieser Geist des Zweifels ist die traurigste Erscheinung unsrer Zeit. Noch nie ist der Aufruhr größer gewesen, besonders unter der Jugend. Daß ein jedes Individuum ein selbständiges Urteil haben soll, ist ein ernstliches Symptom nationaler Degeneration. Aber das ist kein Thema …«

»Das Thema ist zweifellos von höchstem Interesse für alle jungen Leute.« Und wieder erhoben die jungen Leute ihre Köpfe und bewegten sie langsam hin und her.

»Meine verehrte gnädige Frau, wir sind nur zu sehr geneigt, alles, was unser Interesse erregt, auch ohne weiters diskutabel zu finden. Wir lassen diese Theorien sich in unser Gedankenleben einschleichen, bis sie nach und nach unsern Glauben unterwühlen und am Ende vernichten.«

Einer der jungen Leute unterbrach ihn plötzlich: »Madre« – und schwieg sogleich.

»Ich hoffe«, fing die Dame wieder an, »man wird mich nicht der Zügellosigkeit beschuldigen, wenn ich – was stets meine Meinung war – erkläre, daß Gedanken nur dann gefährlich sind, sobald man sich nur von der rohen Intelligenz leiten läßt. Wenn uns die Kultur nichts zu bieten hat, dann fort mit aller Kultur! Wenn jedoch die Kultur, wie ich überzeugt bin, unentbehrlich ist, dann müssen wir die Gefahren, welche sie nach sich zieht, auch mit in den Kauf nehmen.«

Wieder nickten die jungen Leute mit den Köpfen, und wieder begann der jüngere der beiden jungen Männer: »Madre …«

»Gefahren? Gibt es für kultivierte Menschen überhaupt Gefahren?«

Wer hatte das gesagt? Jede Augenbraue ging in die Höhe, jeder Mundwinkel zog sich nach abwärts, und Schweigen trat ein. Der Junge starrte seine Gefährtin an. Mit welch seltsamer Stimme sie diese paar Worte dazwischengerufen hatte! Und in ihren Augen schien eine Flamme aufzulodern. Da sprach der kleine graubärtige Mann – seine etwas flüsternde Stimme klang hart und schneidend:

»Wir sind alle nur Menschen, meine verehrte Gnädige.«

Der Junge fühlte sein Herz heftig schlagen, als Anna auflachte. Es war geradeso, als hätte sie damit gesagt: Freilich! Aber ihr auf keinen Fall! Und er erhob sich und folgte ihr zur Tür hinaus.

Die Gesellschaft der Engländer hatte bereits angefangen – vom Wetter zu sprechen.

Die beiden gingen eine Zeitlang schweigend nebeneinander, bis Anna sagte:

»Es war Ihnen wohl peinlich, daß ich lachte?«

»Ich fürchte, Sie haben sie verletzt.«

»Das hab ich ja gewollt – diese ›englischen Moralhelden‹! Bitte, seien Sie mir nicht böse! Es waren doch ›englische Moralhelden‹, nicht wahr – jeder einzelne?«

Sie blickte ihn scharf an, so daß er fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen schoß und ihn ein Schwindel ergriff, als ob ihn etwas vorwärts zöge.

»Sie haben kein Blut, diese Leute! Ihre Stimme, ihre hochmütigen Blicke, die einen auf und ab begaffen! Oh, ich kenne sie durch und durch! Diese Person mit ihrem Liberalismus – um kein Haar besser als die andern! Wie ich sie alle hasse!«

Er hätte sie auch gern gehaßt, weil sie es tat, aber ihn hatten sie nur amüsiert.

»Sie sind keine Menschen! Sie fühlen nicht! Eines Tages werden Sie sie kennenlernen. Dann werden sie Ihnen nicht mehr amüsant vorkommen!«

Sie fuhr mit ruhiger, fast träumerischer Stimme fort:

»Warum kommen sie eigentlich her? Hier ist die Welt noch immer jung und warm und schön. Warum bleiben sie nicht bei ihrer Kultur, wo keiner weiß, was Schmerz und was Hunger ist, und die Menschen kein Herz im Leibe haben? Fühlen Sie nur!«

Der Junge war so verwirrt und bestürzt, daß er nicht recht wußte, ob es in ihrem Herzen oder in seiner Hand so heftig pulsierte. Freute er sich, oder tat es ihm leid, als sie seine Hand losließ?

»Ach was! Diesen Tag können sie uns nicht verderben. Ruhen wir ein wenig aus.«

Am Rande des Lärchenwaldes, wo sie sich niederließen, blühten kleine Bergnelken mit zackigen Rändern und von wunderbar süßem Duft rund um sie her, und Anna erhob sich bald, um einen Strauß zu pflücken. Er jedoch blieb liegen, und ein seltsames Gefühl ergriff ihn. Das Blau des Himmels, das grüne Gefieder der Lärchenbäume und die Berge kamen ihm ganz anders vor als am frühen Morgen.

Sie kam zurück, beide Hände voll von den kleinen Bergnelken, und ließ sie zwischen ihren Fingern niederrieseln. Sie fielen ihm alle über Antlitz und Nacken. Noch nie hatte er solch süßen Duft verspürt, niemals ein solch sonderbares Empfinden wie in diesem Augenblick erlebt. Sie hängten sich in sein Haar, bedeckten seine Stirn, seine Augen, eine hatte sich sogar auf seine Lippen niedergelassen, und er blickte durch die gezackten Blütenblätter zu ihr auf. In seinem Auge mußte dabei etwas Wildes aufgeleuchtet haben, etwas von den Gefühlen, die sein Herz verwirrten, denn ihr Lächeln erstarb; sie trat ein paar Schritte von ihm zurück und stand mit abgewandtem Gesichte da. Bestürzt und unglücklich sammelte er die zerstreuten Blumen; und erst als er jede einzelne aufgelesen hatte, erhob er sich und brachte sie schüchtern zu ihr, die noch immer an demselben Fleck stand und in die Tiefen des Lärchenwaldes starrte.


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