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Zweites Kapitel

Er ging durch die Seitengassen nach der Rückseite ihres Hotels und stand am Gitter des Gartens – eines jener Hotelgärten, die nur existieren, um in Annoncen angeführt zu werden, mit ein paar dürren Palmen, grellweißen Wegen dazwischen und einer Einfassung von staubigem Flieder und Mimosen.

Und das seltsamste Gefühl beschlich ihn – daß er schon einmal hier gewesen wäre und durch Blüten nach den grelleuchtenden Wegen und den mit Läden verschlossenen Fenstern geblickt hätte. Ein Geruch von brennendem Holz lag in der Luft, und eine ausgedörrte Pflanze raschelte ganz leise in dem kaum merkbaren Windhauch. Was für eine Erinnerung weckte diese Nacht, dieser Garten nur? Ein unsichtbares, dunkles, süßes Etwas, dessen Gegenwart höchstes Entzücken in ihm wachrief und zugleich einen Durst in ihm erregte, der unersättlich war und sich nicht stillen ließ.

Und er ging weiter. Häuser, nichts als Häuser! Endlich hatte er sie hinter sich und war allein auf der Landstraße, jenseits der Grenze von Monaco. Und wie er so durch die Nacht dahinging, kamen ihm Gedanken, von denen er glaubte, daß sie vor ihm noch nie jemand gedacht. Das Bewußtsein, daß sie ihn liebte, hatte alles so heilig und so verantwortungsschwer gemacht. Was er auch tat, er durfte sie nicht gefährden. Frauen waren so hilflos!

Denn trotz seiner sechsjährigen Kunststudien in Rom und Paris hatte er, noch immer wählerisch, sich seine Verehrung für die Frauen bewahrt. Wenn sie ihren Gatten geliebt hätte, wäre sie vor ihm ganz sicher gewesen; doch zu einer Gemeinschaft gezwungen zu sein, die sie nur unwillig erduldete, war ihm ganz abscheulich vorgekommen, schon lang ehe er sie geliebt hatte. Wie konnte ein Gatte nur so etwas verlangen! So wenig Stolz, so wenig Mitleid zu haben! Es war unverzeihlich! Konnte man eine solche Ehe überhaupt achten? Aber er durfte sie nicht gefährden! Doch nun, da ihre Augen eingestanden hatten: Ich liebe dich – was nun? Es war unfaßbar, dies Wunder holder Gewißheit, unter den Sternen dieser warmen südlichen Nacht, der Bäume und Blumen Weihrauch streuten!

Er kletterte über die Straßenböschung empor und warf sich hin. Wenn sie doch bei ihm wäre! Der Duft der Erde, die noch nicht erkaltet war, stieg zu ihm auf; und einen Augenblick lang glaubte er, daß sie ihm nahe. Oh, wenn er sie doch für immer in dieser Umarmung halten könnte, die keine Umarmung war – in solch zauberischer Verzückung, auf diesem duftigen Bette der Natur, auf dem noch kein Liebender vor ihm geruht, nur Blumen und Tiere, Sonnenschein und Mondlicht und der Wind, der die Erde küßt! …

Dann war sie fort. Seine Hände berührten nichts als trockene Fichtennadeln und die schlummernden Blüten des wilden Thymians.

Er stand am Rande der kleinen Klippe über der Landstraße zwischen den dunklen Bergen und der tiefschwarzen See. Keine Seele war mehr auf der Straße; so weit entrückt war er allem, was Menschen dachten, sagten und taten, wie die Nacht selbst mit ihrer flüsternden Wärme. Und er zauberte sich ihr Gesicht vor Augen in allen Einzelheiten: die klaren, braunen, weit auseinanderstehenden Augen; den geschlossenen süßen Mund; das dunkle Haar; ihre ganze duftige Anmut.

Dann sprang er hinunter auf die Straße und fing zu laufen an – man konnte nicht gehen, wenn man solch Wunder erlebte, wie es noch keiner vor ihm erlebt: das Wunder der Liebe.


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