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Fünfzehntes Kapitel

Von Mattigkeit erfaßt, doch nicht ganz verzweifelt, kam er in seine Wohnung zurück. Er hatte sein Bestes versucht, wenn auch vergeblich, aber noch immer hatte er sich die unbesiegbare Hoffnung des leidenschaftlich Liebenden bewahrt … Ebenso mochte man versuchen, im blühenden Juni dem pochenden Herzen des Sommers Einhalt zu tun, den Blumen ihre stets satter werdenden Farben, dem geflügelten Leben ein schläfriges Gesumme nehmen zu wollen, als in einem solchen Liebenden die Zuversicht auf Erfüllung zu ersticken …

Er legte sich aufs Sofa hin und blieb, die Stirn auf die Wand gepreßt, lange ganz ruhig liegen. Seine Willenskraft fing bereits an, sich zu neuem Angriff zu heben. Es war eine Wohltat, daß sie von Cramier fortging, dorthin ging, wo er sie in der Phantasie beobachtet hatte, wie sie ihre Tauben fütterte. Weder Gesetze noch Befürchtungen, nicht einmal ihre Gebote vermochten ihn davon abzuhalten, sie in seinen Gedanken Tag und Nacht heraufzubeschwören. Er brauchte nur die Augen zu schließen, und sie stand vor ihm.

Ein mehrmals wiederholtes Klingeln scheuchte ihn auf, so daß er endlich zur Tür ging. Sein Besucher war Robert Cramier. Und bei seinem Anblick verwandelte sich Lennans ganze Lethargie in starre Unbeugsamkeit. Was hatte ihn hierhergeführt? Hatte er seiner Frau nachspioniert? Seine einstige Rauflust überkam ihn wieder. Cramier war vielleicht fünfzehn Jahre älter, aber größer, schwerer, kräftiger. Die Chancen waren also ziemlich gleich!

»Wollen Sie nicht näher treten?« sagte er.

»Danke!«

In seinem Ton lag dasselbe Spötteln wie am Sonntag; und der Gedanke durchfuhr Lennan, daß Cramier seine Frau hier zu finden geglaubt hatte. Wenn dem so war, so verriet sich Cramier doch durch keinen einzigen allzu neugierigen Blick im Zimmer. Er kam bedächtigen Schritts herein, verhältnismäßig leicht und elastisch für einen so starken Mann.

»Hier also«, sagte er, »bringen Sie Ihre Meisterwerke hervor! Irgendwas Großes geleistet, seit Sie zurück sind?«

Lennan hob die Tücher von der halbvollendeten Gestalt seines Stiermenschen. Er empfand dabei ein boshaftes Vergnügen! Würde Cramier sich wiedererkennen in dem Geschöpf mit den gehörnten Ohren und der großen, verbeulten Stirn? Wenn dieser Mann, von dessen Willen ihr ganzes Glück abhing, hergekommen war, um zu spötteln, dann sollte er auf alle Fälle das erhalten, was er hergekommen war zu geben. Und er wartete.

»Aha! Sie haben dem armen Teufel Hörner aufgesetzt!«

Wenn Cramier das Bildnis verstanden hätte, so hätte er es gewagt, bei seiner Bemerkung eine Spur von zynischem Humor durchhören zu lassen, an den der Künstler selbst nie gedacht hatte. Und das allein schon rief in dem jungen Mann etwas wie schuldbewußte Bewunderung hervor.

»Das sind keine Hörner«, sagte er ruhig, »nur Ohren.«

Cramier erhob die Hand und berührte die Kante seines eigenen Ohres.

»Doch nicht ganz so wie menschliche Ohren? Aber vermutlich haben Sie da etwas Symbolisches schaffen wollen. Was soll es vorstellen, wenn ich fragen darf?«

In Lennan erstarb alle Sanftmut.

»Wenn Ihnen der bloße Anblick das nicht sagen kann, dann taugt es nichts.«

»Ganz und gar nicht. Wenn ich nicht irre, so fehlt noch etwas, worauf die Gestalt herumtrampelt, um die volle Wirkung zu erzielen, nicht wahr?«

Lennan zeigte auf den Sockel.

»Die abgebrochene Kurve hier …«, dann schwieg er, von plötzlichem Ekel über dies unaufrichtige Getue erfaßt. Wozu war der Kerl hergekommen? Er wollte doch gewiß etwas. Und wie als Antwort sagte Cramier:

»Um auf ein anderes Thema zu kommen – Sie sehen meine Frau recht oft. Ich hab Ihnen nur sagen wollen, daß mir das nicht sehr erwünscht ist. Ich glaube, es ist am besten, wenn ich ganz offen mit Ihnen rede.«

Lennan verbeugte sich.

»Ist das nicht vielleicht eine Sache«, sagte er, »in der eher ihr die Entscheidung zusteht?«

Diese schwere Gestalt – diese drohenden Augen! Das Ganze war wie ein zur Wirklichkeit gewordener Traum!

»Meinem Gefühl nach nicht. Ich gehöre nicht zu jenen, die den Dingen ihren Lauf lassen. Verstehen Sie mich recht! Sie treten zwischen uns auf Ihre eigene Gefahr hin!«

Einen Augenblick schwieg Lennan, dann sagte er ruhig:

»Kann man zwischen zwei Leute treten, die nicht mehr das geringste miteinander gemein haben?«

Die Adern auf Cramiers Stirn traten hervor, sein Gesicht und Nacken waren dunkelrot geworden. Und Lennan dachte mit seltsamer, freudiger Erwartung: Jetzt holt er zum Schlage aus! Er konnte sich kaum zurückhalten, daß seine Hände nicht emporfuhren und jenen großen, starken Nacken schon im voraus ergriffen. Wenn er ihn nur erwürgen könnte, um ein für allemal mit ihm fertig zu sein!

Aber ganz unerwartet machte Cramier kehrt. »Ich habe Sie gewarnt«, sagte er und ging.

Lennan holte tief Atem. Gut! Das war also überstanden, und er wußte nun, woran er war. Wenn Cramier losgeschlagen hätte, so hätte er ihn sicher an der Kehle gepackt und so lange festgehalten, bis es mit ihm vorbeigewesen wäre. Nichts hätte ihn abschütteln können. In Gedanken sah er sich schwanken, sich winden, taumeln, von jenen schweren Fäusten bearbeitet, doch stets die Hände an dem starken Hals, aus dem er alles Leben preßte. Er konnte fühlen, buchstäblich fühlen, wie der massige Körper zum letztenmal sich drehte, wankte und krachend zu Boden fiel, ihn mit sich reißend, bis er auf dem Rücken lag – bewegungslos. Er bedeckte die Augen mit den Händen … Gott sei Dank! Der Kerl hatte nicht losgeschlagen!

Er ging zur Tür, öffnete sie und lehnte sich gegen den Pfosten. Draußen in dieser ruhigen Sackgasse war alles still und schläfrig. Keine Seele zu erblicken! Wie ruhig, in London! Nur die Vögel. In einem benachbarten Atelier spielte jemand Chopin. Seltsam. Er hatte fast vergessen, daß so etwas wie Chopin existierte. Eine Mazurka! Um und um, wie ein Kreisel sich dreht, erklang immer wieder die kurze, unheimliche Melodie … Was nun? Nur eins stand fest: eher das Leben aufgeben als sie! Weit eher! Sie lieben, sie erringen, oder alles aufgeben und untergehen bei den unaufhörlichen Klängen dieses kurzen Trauertanzlieds des Sommers!


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