Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Neuntes Kapitel

Als sie fort war, setzte er sich im Dunkel des wieder einsamen Ateliers mit wirbelnden Sinnen am Feuer nieder. Warum war er nicht wie der ganz gewöhnliche Durchschnitt der Männer, der genießen konnte, was ihm die Götter sandten? Es war, als hätte jemand an einem Novembertag die farblosen Vorhänge des Firmaments auseinandergezogen, und in einem Spalt dort hätte der April gestanden – in weißer Blütenpracht, mit einer purpurfarbenen Wolke, einem Regenbogen, saftiggrünem Gras, einem Licht, das strahlte, man wußte nicht woher, und alles von solch brausender Lebensleidenschaft erfüllt, daß einem das Herz stillstand! Das also war das wunderbare, bezaubernde, zum Wahnsinn treibende Ende dieses ganzen Jahres der Unrast und des Verlangens! Dies Stückchen Frühling, das ihm plötzlich inmitten des Herbstes zuteil geworden! Ihre Lippen, ihr Haar, ihre Augen, ihr rührendes Vertrauen; vor allem aber – so unglaublich ihre Liebe! Vielleicht keine wahre Liebe, sondern eine kindliche Zuneigung. Auf den Schwingen dieser Zuneigung jedoch würde das Kind, das unter dem leichten Firnis lächerlicher Ruhe so voll von Innigkeit und nachdenklichem Sehnen war, weit fliegen, vielleicht zu weit.

Wieder leben, wieder in Jugend und Schönheit untertauchen, noch einmal den Frühling fühlen, das Bewußtsein loswerden, daß es mit allem schon vorbei und nur der nüchterne Alltag häuslichen Glücks geblieben sei, Ekstase, wahre Ekstase wieder empfinden durch die Liebe eines Mädchens; alles neu entdecken, wonach die Jugend lechzt, was sie erhofft und fürchtet und doch liebt! Solch eine Verheißung konnte selbst einen charakterfesten Mann um den Verstand bringen …

Sobald er nur die Augen schloß, konnte er sie dort stehen sehen, den Schein des Feuers auf ihrem roten Kleide; konnte er wieder dasselbe selige Entzücken fühlen wie in dem halb unschuldigen, verführerischen Augenblick, als sie ihn an sich gedrückt, gleich nachdem sie eingetreten war; konnte er wieder fühlen, wie ihre Augen ihn anzogen – unwiderstehlich! Sie war eine Hexe, eine grauäugige, braunhaarige Hexe – sogar in ihrer Vorliebe für Rot. Sie besaß Hexenmacht, Fieber in den Adern zu entzünden. Und er staunte einfach, daß er, wie sie dort im Feuerschein gestanden, nicht niedergekniet war, seine Arme um sie geschlungen und sein Gesicht an sie gedrückt hatte. Warum hatte er es nicht getan? Aber er wollte nicht denken; er wußte: im Augenblick, da er zu denken anfing, würde er hin und her gerissen werden, hin und her geschleudert zwischen Vernunft und Verlangen, Mitgefühl und Leidenschaft. All seine Sinne mühten sich, ihn in der wohligen Wärme und dem Rausche der Entdeckung eingehüllt zu halten, daß er im vorgeschrittenen Herbst die Liebe des Frühlings erweckt hatte. Unglaublich, daß sie das für ihn empfinden konnte; es war jedoch Wirklichkeit. Ihr verändertes Benehmen vorhin Sylvia gegenüber war fast erschreckend gewesen; aus ihrem Blick hatte eine seltsame Kälte und Ungeduld gesprochen, die bei jemand, der noch vor drei Monaten so zärtlich gewesen, besorgniserregend war. Und als sie fortging, hatte sie wie früher zitternd zu ihm aufgeschaut, als wollte sie sich küssen lassen, und geflüstert: »Ich darf doch kommen, nicht wahr? Ach, bitte, sei nicht bös mit mir! Ich kann nichts dafür!« Etwas Ungeheuerliches bei seinem Alter, sich von einem jungen Mädchen lieben zu lassen, ihre Zukunft zu kompromittieren! Etwas Ungeheuerliches nach allen Vorschriften der Tugend und der guten Sitte! Und doch – welche Zukunft – bei einer solchen Natur – solche Augen – solcher Herkunft – bei einem solchen Vater und einem solchen Heim? Aber er wollte nicht, durfte ganz einfach nicht denken!

Nichtsdestoweniger merkte man ihm leicht das viele Denken an, und nach dem Abendessen sagte Sylvia, indem sie ihm die Hand auf die Stirn legte:

»Mark, du arbeitest zuviel. Du gehst nicht genug aus.«

Er hielt ihre Finger fest. Sylvia! Nein, tatsächlich, er durfte an nichts denken! Er ergriff jedoch die Gelegenheit und sagte, er wolle ausgehen, um etwas Luft zu schöpfen.

Er ging mit großen Schritten, um jeden Gedanken zu verscheuchen, bis er an die Themse nahe bei Westminster kam, und einem plötzlichen Impulse folgend, vielleicht um ein Gegengift zu finden, bog er in jene kleine Straße ein, an der großen Wren-Kirche vorbei, wo er seit jener Sommernacht, als er das verloren hatte, was ihm damals mehr als das Leben bedeutete, nicht wieder gewesen war. Dort hatte sie gewohnt; dort war das Haus – jene Fenster, zu denen er so voll Leid und Sehnsucht emporblickte, als er vorbeigeschlichen war. Wer wohl jetzt dort wohnte? Und wieder schien er das Gesicht aus der Vergangenheit auftauchen zu sehen, das dunkle Haar, die dunklen sanften Augen und seine ernste Anmut; es machte ihm keinen Vorwurf. Denn dies neue Gefühl war nicht eine Liebe wie jenes gewesen. Nur einmal konnte ein Mann die Liebe empfinden, die alles überdauert, die Liebe, der die Welt nicht mehr als ein Funken in einem Windstoß bedeutet; die Liebe, die einzig und allein Friede, Freude und Ehre in sich birgt, wieviel Unehre, Leid und Ruhelosigkeit sie auch mit sich bringen mag. Das Schicksal hatte ihm jene Liebe entrissen, sie zerstört, wie ein schneidender Wind eine wunderschöne Blume zerstört. Dies neue Gefühl war nur ein Fieber, ein leidenschaftliches Verlangen, ein letztes Sichklammern an die Lebenswärme, an die Jugend. Ganz recht! Aber es war doch keine Einbildung. Und in einem jener Augenblicke, da ein Mensch außerhalb seines eigenen Selbst steht, dem Irdischen entrückt zu sein scheint und sein eigenes Leben vorbeitreiben sieht, vermeinte Lennan einen hin und her gejagten Schatten zu schauen; einen Strohhalm, der sich immer wieder um sich selbst dreht; eine Mücke, von einem Wirbelstoß erfaßt. Wo war die Heimat dieses allmächtigen, geheimen Gefühles, das so plötzlich aus dem Dunkel hervorsprang und einen an der Kehle packte? Warum kam es jetzt und nicht ein andermal, warum zu diesem und nicht zu jenem? Was wußte eigentlich der Mensch mehr davon, als daß es ihm allen Halt nahm, ihn umherwirbelte – wie eine vom Licht geblendete Motte oder eine von einer dunklen duftenden Blume berauschte Biene; als daß es ihn zu einem zerfahrenen, erdrückten, rastlosen Wesen, einem Spielball seiner Laune machte? Hatte es ihn nicht schon einmal dem Tode nahe gebracht? Und mußte es ihn jetzt wieder überfallen mit seinem holden Wahn, seinem berückenden Duft? Was war es? Warum war es? Warum diese leidenschaftliche Besessenheit, die nicht auf anständige Weise befriedigt werden konnte? War die Zivilisation beim Menschen so weit gegangen, daß seine Natur in zu enge Schuhe gezwängt wurde – wie die Füße einer Chinesin? Was war es? Warum war es?

Und schneller als sonst ging er davon.

Pall Mall rief ihn wieder in die Wirklichkeit zurück, den falschen Abklatsch dessen, was ›wirklich‹ war. Dort in der St.-James-Straße war Johnny Dromores Klub, und wieder von einem Impuls getrieben, stieß er die Drehtür auf. Er brauchte nicht nach ihm zu fragen, denn Dromore stand in der Halle, auf dem Wege vom Speisesaal ins Spielzimmer. Das glänzende Rotbraun, das von gründlichem Sport und gutem Leben herrührt, lag auf seinen Wangen wie dicker Rahm auf der Milch. Seine Augen zeigten das eigenartige Leuchten überschäumender Kraft; etwas fast Festliches in Gesicht, Bewegungen und Stimme, das er halb zu verbergen suchte, ließ darauf schließen, daß er sich diese Nacht tüchtig amüsieren wollte. Und der teuflische Gedanke durchzuckte Lennan: Soll ich's ihm sagen?

»Hallo, alter Knabe! Freu mich furchtbar, dich zu sehn! Was treibst du eben? Viel Arbeit? Wie geht's deiner Frau? Fort gewesen? Was Großes geschaffen?« Und dann die Frage, die ihm Gelegenheit geboten hätte, wenn er so grausam hätte sein wollen:

»Nell gesehn?«

»Ja, sie ist heute nachmittag bei uns gewesen.«

»Was hältst du von ihr? Entwickelt sich nicht übel, wie?«

Die alte Frage, halb schüchtern und halb stolz, als ob er sagen wollte: Sie steht zwar nicht im Zuchtbuch, aber hol's der Kuckuck, ich hab sie gezeugt! Und dann die alte plötzliche Verstimmung, die jedoch nur einen Augenblick anhielt, um wieder dem Spötteln zu weichen.

Lennan blieb nicht lange. Nie hatte er sich seinem alten Schulkameraden gegenüber fremder gefühlt.

Nein, was immer auch kommen mochte, Johnny Dromore mußte aus dem Spiele gelassen werden. Diese Rolle kam ihm kraft seiner Glotzaugen und seiner schlauen Philosophie zu; er sollte nicht darin gestört werden.

Er ging am Geländer des Greenparks entlang. Ein leichter Nebel und der durchdringende Geruch von kleinen Feuern dürrer Blätter hing in der kalten Luft dieser letzten Oktobernacht. Was lag nur in dem Geruch des Rauches brennender Blätter, das ihn immer wieder so ergriff? Das Symbol des Scheidens: – das traurigste im ganzen Leben! Denn was wäre selbst der Tod, wenn er nicht Scheiden bedeutete? Nur ein langer süßer Schlaf oder ein neues Abenteuer. Aber wer andere Menschen liebte – sie verlassen zu müssen oder verlassen zu werden! Ach, es war nicht der Tod allein, der Scheiden brachte!

Er kam zu der Seitengasse, wo Dromore wohnte. Sie war gewiß dort oben, saß in dem großen Sessel am Kamin, mit einem Kätzchen spielend, in Gedanken versunken, in Träume und – allein! Er eilte so geschwind weiter, daß ihm die Leute nachsahen, bis er an der letzten Ecke vor seinem Haus Oliver Dromore fast in die Arme lief.

Der junge Mann bewegte sich mit einer bei ihm seltenen Unentschlossenheit, sein Pelzmantel stand offen, den Claquehut auf dem Kraushaar trug er im Genick. Sein Antlitz mit den dunklen Ringen unter den Augen ließ den erforderlichen Glanz eines Dromore um diese Jahreszeit vermissen.

»Mr. Lennan! Ich bin grad bei Ihnen gewesen!«

Und Lennan erwiderte verwirrt:

»Wollen Sie hereinkommen, oder soll ich ein Stück mit Ihnen gehn?«

»Ich möcht lieber – hier draußen, wenn's Ihnen recht ist.«

Daher gingen sie schweigend auf den Platz zurück. Und Oliver sagte:

»Gehn wir dort am Geländer entlang.«

Sie schritten zu dem Gitter des dunklen Gartens am Platz hinüber, wo niemand vorbeikam. Und bei jedem Schritte fühlte sich Lennan gedemütigter. Es schien ihm wie ein unwürdiger Vertrauensbruch, mit diesem jungen Mann auf und ab zu gehen, der ihm, einst seine Liebe zu Nell gebeichtet hatte.

Und plötzlich merkte er, daß sie einen vollkommenen Rundgang um den viereckigen Garten des Platzes gemacht hatten, ohne ein einziges Wort zu reden.

»Ja?« sagte er.

Oliver wandte sein Gesicht ab.

»Erinnern Sie sich noch an das, was ich Ihnen im Sommer sagte? Na, jetzt ist's noch schlimmer. Ich hab mich in allerhand Geschichten eingelassen, nur um mich zu betäuben. Alles umsonst. Ich komm nicht von ihr los!«

Und Lennan dachte: Du bist nicht der einzige! Doch er schwieg. Am meisten fürchtete er, daß er noch etwas sagen könnte, was er später als Judaswort empfinden würde.

Da platzte Oliver plötzlich heraus:

»Warum kann sie mich nicht liebhaben? Ich bin zwar nicht viel, aber sie kennt mich schon von Kindheit an, und früher hat sie mich auch gern gehabt. Da ist was im Spiel, das ich nicht verstehen kann. Könnten Sie nicht was für mich bei ihr erreichen?«

Lennan zeigte über die Straße.

»In jedem zweiten Hause, Oliver«, sagte er, »ist wahrscheinlich ein Mensch, der nicht verstehen kann, warum ein andrer ihn nicht liebhat. Die Leidenschaft kommt und geht, wann es ihr beliebt; wir armen Teufel haben dabei nichts zu sagen.«

»Was raten Sie mir dann?«

In Lennan stieg der fast überwältigende Wunsch auf, kehrtzumachen und den jungen Menschen stehenzulassen. Aber er bezwang sich und blickte ihm ins Gesicht, das selbst in diesem Augenblick anziehend war – vielleicht jetzt mehr denn je, ja, so bleich und verzweifelt sah es aus. Und er sagte langsam, im Geiste gleichsam jedes Wort anstarrend:

»Ich bin nicht imstande, Ihnen zu raten. Nur das eine möcht ich sagen: Man soll sich nicht aufdrängen, wo man nicht gewünscht wird; nichtsdestoweniger – wer weiß? Solange sie fühlt, daß Sie in der Nähe sind und warten, kann sie sich Ihnen jeden Augenblick zuwenden. Je ritterlicher Sie sich benehmen, Oliver, je geduldiger Sie warten, desto mehr Aussicht haben Sie.«

Oliver nahm diese wenig tröstlichen Worte hin, ohne mit der Wimper zu zucken. »Sie haben recht«, sagte er, »danke! Aber bei Gott, es ist schwer! Ich hab nie warten können.« Und bei diesem Epigramm auf sich selbst hielt er ihm die Hand hin und wandte sich um.

Lennan ging langsam nach Hause und versuchte genau abzuwägen, wie jemand, der alles wußte, ihn beurteilen würde. Es war ein wenig schwierig, in dieser Geschichte auch nur einen Schimmer von Würde zu wahren.

Sylvia war noch nicht zu Bette gegangen, und er merkte, wie sie ihn ängstlich ansah. Der einzige seltsame Trost bei alldem blieb, daß sein Gefühl für sie sich jedenfalls nicht geändert hatte. Es schien ihm sogar vertieft, mehr Wirklichkeit gewonnen zu haben.

Wie hätte er in jener Nacht auch schlafen sollen? Wie hätte er da nicht nachdenken sollen? Und lange lag er so und starrte ins Dunkel.

Als ob Nachdenken das Fieber in den Adern lindern könnte!


 << zurück weiter >>