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Vierundvierzigstes Kapitel

Klub-Snobs

Warum – warum nur mußten Wagley und ich die so grausame Tat vollbringen, den jungen Sackville Maine in diesen abscheulichen »Sarcophagus-Club« einzuführen! Möge unsere Unvorsichtigkeit und sein Beispiel anderen Gentlemen als Warnung dienen; möge sein und seiner armen Frau Geschick sich jede englische Gattin vor Augen halten! Die Folgen seines Eintritts in den Klub machten sich nur zu bald bemerkbar.

Eins der ersten Laster, welches der unselige Unmensch in diesem Abgrund der Leichtfertigkeit annahm, war das Rauchen. Einige Dandys im Klub, wie der Marquis von Macabaw, Lord Doodeen und andere Bürschchen von ähnlich hohem Stande, pflegten dieser Neigung oben in den Billardzimmern des »Sarcophagus-Clubs« zu frönen – und teils um ihre Bekanntschaft zu machen, teils auch aus einem angeborenen Hange zur Sünde folgte ihnen Sackville Maine und wurde ein Anhänger dieser hassenswerten Gewohnheit. Wird das Rauchen erst einmal im Familienkreise ausgeübt, so brauche ich wohl nicht erst auf die daraus sich ergebenden traurigen Folgeerscheinungen in bezug auf die Möbel und die guten Sitten hinzuweisen. Sackville rauchte zu Hause in seinem Eßzimmer und verursachte damit seiner Frau und seiner Schwiegermutter unbeschreibliche Angstzustände.

Danach wurde er passionierter Billardspieler und schlug bei diesem Vergnügen Stunde auf Stunde tot; er wettete ziemlich hoch, spielte aber, nur mäßig und verlor ganz unglaublich an Kapitän Spot und Oberst Cannon. Er spielte Partien von hundert Bällen mit diesen Herren und setzte das Spiel nicht allein bis vier oder fünf Uhr morgens fort, sondern war auch bereits vormittags wieder am Billard im Klub zu finden, sehr zum Schaden seines Geschäftes, seiner Gesundheit und seiner Frau, die er vollkommen vernachlässigte.

Vom Billard zum Whistspiel ist nur ein Schritt – und wenn man sich an den Spieltisch hinsetzt und den Rubber zu fünf Pfund spielt, so ist meiner Meinung nach das Ende da. Wie kann das Kohlengeschäft gehen und der Verkehr mit dem Kontor aufrechterhalten werden, wenn der Chef stets am Kartentisch ist?

Seitdem Sackville mit vornehmen Herren und Gecken aus Pall Mall verkehrte, schämte er sich seiner behaglichen kleinen Residenz in Kennington Oval und zog mit seiner Familie nach Pimlico, wo seine Schwiegermutter Mrs. Chuff sich zuerst zwar glücklich fühlte, weil der Stadtteil elegant und in der Nähe ihres Königs lag, die arme Laura und die Kinder dagegen um so mehr einen betrübenden Abstand wahrnahmen. Wo waren ihre Freundinnen, die sie morgens mit ihren Handarbeiten besuchten? In Kennington und in der Gegend von Clapham. Wo waren die kleinen Spielgefährten ihrer Kinder? Auf der Wiese zu Kennington. In den großen rasselnden Kutschen, die die gelbbraunen Straßen des neuen Stadtteiles auf und ab rumpelten, fuhren keine Freundinnen der geselligen kleinen Laura. Die Kinder, die unter Aufsicht einer Wärterin oder gezierten Gouvernante auf den Plätzen umherliefen, gehörten nicht zu jenen glücklichen Geschöpfen, die auf dem vielgeliebten alten Wiesenplan Drachen steigen lassen oder Reifen spielen durften. Und ach! Dazu noch der Unterschied in der Kirche! Zwischen der St. Benedictus-Kirche in Pimlico mit offenen Bänken, Gottesdienst mit Gesang, Wachskerzen – Blumen – Chorhemden – Girlanden und Prozessionen – und den alten ehrwürdigen Gebräuchen in Kennington! Auch die Diener, welche vor der St. Benedictus-Kirche warteten, waren so prächtig anzuschauen und so überlebensgroß, daß James, der tölpelhafte Boy von Mrs. Chuff, in deren Gegenwart das Zittern bekam und sagte, er wollte lieber den Dienst kündigen, als noch weiter die Gesangbücher zur Kirche tragen.

Auch im Haushalt ging es nicht ohne vermehrte Kosten ab. Und oh, ihr Götter! Was für ein Unterschied war doch zwischen den traurigen französischen Gelagen Sackvilles in Pimlico und den vergnügten Zeiten in Oval. Keine Hammelkeule wurde mehr aufgetragen, kein »bester Portwein von ganz England« mehr gereicht; dafür aber Entrees auf Silbergeschirr, schlechter billiger Schaumwein, Lohndiener in Handschuhen und als Gäste – die Gecken aus dem Klub, unter denen sich Mrs. Chuff unbehaglich fühlte, während Mrs. Sackville gänzlich verstummte.

Aber er aß gar nicht mehr häufig zu Hause. Das Ungeheuer hatte sich zum vollkommenen Schlemmer ausgebildet und

dinierte für gewöhnlich im Klub mit einer Clique von Feinschmeckern; so mit dem alten Dr. Maw, dem Obersten Cramley, der so mager wie ein Windhund ist und Kinnbacken wie ein Nußknacker hat, und noch einigen anderen. Hier kann man den bösen Menschen Sillery-Schaumwein trinken und sich mit französischen Gerichten den Bauch füllen sehen, und oft sah ich bekümmert von meinem Tische hinüber (auf dem kaltes Fleisch, das Dünnbier aus dem Klub und ein Schoppen Marsala meine bescheidene Mahlzeit bildeten) und seufzte bei dem Gedanken, daß das alles meine Schuld wäre.

Und noch andere Wesen standen vor meinem reuigen Gemüt. Was macht wohl jetzt seine Frau? dachte ich. Wo mag sich die gute, liebe, kleine Laura aufhalten? Gerade jetzt ist es Zeit für die Kinder, ins Bett zu gehen, während dieser Tunichtgut seinen Wein pichelt – die Kleinen sitzen auf Lauras Knien und stammeln ihre Gebete; und sie lehrt sie beten: »Lieber Gott, ich bitte dich, schütze unseren Papa!«

Wenn sie die Kinder zu Bett gebracht hat, ist sie mit ihrem Tagewerk fertig. Und nun verbringt sie den ganzen Abend verlassen und traurig und wartet auf ihn. Oh! Schande über Schande! Geh nach Hause, du fauler Zecher, du!

Wie Sackville seine Gesundheit und sein Geschäft verlor, wie er in Zahlungsschwierigkeiten und Schulden geriet, wie er eine kleine Stellung bei der Eisenbahn erhielt, wie sein Haus in Pimlico aufgegeben werden mußte, wie er nach Boulogne ging – all das könnte ich erzählen, ich schäme mich aber, es zu tun wegen des Anteils, den ich an dem Unheil habe. Sie kehrten nach England zurück, weil zu jedermanns Überraschung Mrs. Chuff auf einmal mit einer großen Geldsumme (die sie gespart hatte und wovon niemand etwas wußte) herausrückte und seine Verbindlichkeiten bezahlte. Er befand sich jetzt in England, aber wieder in Kennington. Sein Name ist aus den Listen des »Sarcophagus-Club« schon seit langem gestrichen. Wenn wir uns treffen, so geht er auf die andere Seite der Straße hinüber, und ich vermeide es, ihn wieder zu besuchen, aus Furcht, einen vorwurfsvollen oder traurigen Blick aus Lauras süßem Gesicht ablesen zu müssen.

*

Mit Stolz darf ich aber behaupten, daß der Einfluß des »Snob von England« auf die Klubs im allgemeinen kein so ganz übler gewesen ist. Denn Kapitän Shindy scheut sich, die Kellner weiter anzufahren, und er ißt sein Hammelkotelett, ohne den Acheron in Bewegung zu setzen. Gobemouche nimmt zu seiner Privatlektüre nicht mehr als zwei Zeitungen auf einmal. Tiggs klingelt nicht mehr und läßt den Diener nicht mehr eine Viertelmeile rennen, um ihm Band 2 zu holen, der auf dem nächsten Tische liegt. Growler geht im Café nicht mehr von Tisch zu Tisch, um zu inspizieren, was jeder ißt. Trotty Veck nimmt seinen eigenen baumwollenen Schirm von der Diele mit – und der seidengefütterte Überzieher von Sydney Scraper wurde von Jobbins zurückgebracht, der ihn irrtümlich anstelle seines eigenen mitgenommen hatte. Waggle hat aufgehört, seine Geschichten über Eroberungen von Damen zu erzählen. Snooks hält es nicht mehr für gentlemanlike, Anwälten bei der Aufnahmewahl schwarze Kugeln zu geben. Snuffler hängt nicht mehr zur wahren Freude von zweihundert Gentlemen sein rot-baumwollenes Taschentuch am Feuer zum Trocknen auf. Wenn aber auch nur ein Klub-Snob auf den Pfad der Tugend zurückgebracht ist und wenn auch nur einem armen John ein Gang oder ein Ausschelten erspart ist, dann frage ich euch, meine Freunde und Brüder, ob diese Erzählungen über Klub-Snobs vergeblich geschrieben worden sind.


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