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Vierzigstes Kapitel

Klub-Snobs

Beide Arten von jungen Leuten, die ich in meinem letzten Artikel mit den geschwätzigen Namen Wiggle und Waggle bezeichnet habe, werden wohl in ziemlicher Menge überall in den Klubs anzutreffen sein. Beide, Wiggle wie Waggle, sind Nichtstuer. Sie sind aus dem Mittelstande hervorgegangen. Der eine möchte gerne glauben machen, daß er Anwalt sei, und der andere hat eine feudale Wohnung in der Gegend von Piccadilly. Man kann sie Dandys zweiter Klasse nennen. Sie haben noch nicht die famose Nachlässigkeit in ihrem Auftreten heraus und können auch noch nicht den blödsinnig leeren Gesichtsausdruck nachmachen, der die edlen und hochgeborenen Häupter ihres Stammes auszeichnet. Aber ihre Lebensführung ist (und sei es auch nur um des Vorbildes willen) fast genauso schlecht, wie sie auch persönlich ebensowenig nütze sind. Ich habe nicht die Absicht, diesen kleinen Pall-Mall-Faltern einen Donnerkeil an die Köpfe zu schleudern, denn sie schaden weder der Allgemeinheit, noch begehen sie in ihrem Privatleben Ausschreitungen. Sie werden nicht tausend Pfund verschwenden, um einer Tänzerin von der Oper Ohrringe zu schenken, wie Lord Tarquin es sich leisten kann. Auch wird keiner von ihnen eine Kneipe auftun oder, wie der junge Earl von Martingale, die Bank eines Spielklubs sprengen. Sie haben auch ihre liebenswürdigen Seiten, sind gutmütig und benehmen sich in Geldsachen anständig – nur eben ihre Charakterveranlagung als Lebemänner zweiter Klasse mit ihrem so überaus kläglichen, selbstzufriedenen und törichten Gebaren erfordert es, daß man sie in einem Werk, das von Snobs handelt, nicht übergehen kann.

Wiggle hat im Ausland gelebt und gibt jedermann zu verstehen, daß die Erfolge, die er bei deutschen Gräfinnen und bei italienischen Prinzessinnen gehabt hat, geradezu riesig gewesen sind. Alle Wände seiner Zimmer hat er mit Bildern von Schauspielerinnen und Ballett-Tänzerinnen bedeckt. Morgens pflegt er einen prächtigen Hausanzug zu tragen, Räucherpulver zu verbrennen sowie den »Don Juan« und französische Novellen zu lesen! (Nebenbei bemerkt, das Leben des Verfassers des Don Juan«, von ihm selbst geschrieben, ist geradezu das Urbild eines Snob-Daseins.) Er zeigt französische Zweiundeinhalb-Penny-Drucke von Damen mit schmachtenden Augen, die in Gondeln sitzend Gitarre spielen, und erzählt euch Geschichten zu den Bildern.

»Ich weiß, daß es nur ein schlechter Druck ist, ich habe aber meine Gründe, weshalb ich ihn schätze. Er erinnert mich an jemanden, an eine Dame, die ich unter einem anderen Himmelsstrich kennengelernt habe. Sie haben jedenfalls von der Principessa di Monte Pulciano gehört? Ich begegnete ihr in Rimini. Teure, teure Francesca! Was hatte das berückende Ding doch für schöne Haare und glänzende Augen! Und in ihrem Hut mit dem Paradiesvogel, mit ihrem türkischen Schal um die Schultern und dem Täubchen auf ihrem Finger, wette ich, hätte jeder sie für eine Dame, die du, mein lieber Waggle, vielleicht nicht kennst, die aber in München als die Gräfin Ottilie von Eulen-Schreckenstein allgemein bekannt ist, halten können. Oh, mein Gott, wie schön sah sie aus, als ich mit ihr am Geburtstage des Prinzen Attila von Bayern im Jahre 1844 tanzte! Prinz Carloman war unser Vis-à-vis, und Prinz Pipin tanzte mit uns in derselben Quadrille. Sie hatte eine Narzissenblüte in ihrem Bukett. Ach, Waggle, jetzt überkommt es mich wieder!« Seine Züge nehmen einen todtraurigen, geheimnisvollen Ausdruck an, er vergräbt seinen Kopf in die Sofakissen, als ob er sich in einen Strudel leidenschaftlicher Erinnerungen stürzen wolle.

Voriges Jahr erregte er großes Aufsehen mit einem kleinen Kästchen, das durch einen kleinen goldenen Schlüssel verschlossen wurde, den er stets um den Hals trug und auf welchem eine Schlange als Sinnbild der Ewigkeit mit dem Buchstaben M. in der Mitte eingeprägt war. Manchmal legte er ihn auf die lederüberzogene Platte seines kleinen Schreibtisches wie auf einen. Altar – für gewöhnlich standen Blumen darauf – und konnte dann mitten in einer Unterhaltung aufstehen und ihn küssen. Aus seinem Schlafzimmer heraus rief er auch zuweilen seinem Diener zu: »Hicks, bringe mir mein Kästchen!«

»Ich weiß nicht, was für eine Bewandtnis es damit hat«, pflegte Waggle zu sagen. »Wer kennt all die Liebeshändel dieses Gesellen! Ich sage Ihnen, mein Herr, Desborough Wiggle ist der Sklave seiner Leidenschaft. Ich nehme an, Sie kennen die Geschichte der italienischen Principessa, die in das Kloster der heiligen Barbara in Rimini eingesperrt worden ist – wenn er sie Ihnen nicht erzählt hat, so habe ich kein Recht, darüber zu sprechen – oder die der Gräfin, wegen der er beinahe ein Duell mit dem Prinzen Wittekind von Bayern hatte? Vielleicht haben Sie sogar nicht einmal etwas von dem schönen Mädchen von Pentonville, der Tochter eines sehr geachteten Dissidentenpredigers gehört? Ihr brach das Herz, als sie erfuhr, daß er bereits verlobt sei (und zwar mit einem höchst anmutigen jungen Geschöpf hoher Herkunft, das ihm später untreu wurde), und jetzt verbringt sie ihre Tage in einer Anstalt zu Hanwell.«

Waggles Glauben an seinen Freund versteigt sich manchmal zu schwärmerischer Anbetung. »Was wäre er für ein Genie, wenn er sich nur mit sich selbst beschäftigen wollte!« flüsterte er mir zu. »Was könnte aus ihm ohne seine Leidenschaften werden, mein Herr! Seine Gedichte sind die schönsten, die ich je zu Gesicht bekommen habe. Er hat eine Fortsetzung des Don Juan« unter Benutzung seiner eigenen Liebesabenteuer geschrieben. Haben Sie schon einmal seine Verse an Mary gelesen? Sie sind Byron überlegen, mein Herr, tatsächlich Byron überlegen.«

Ich freute mich, dies aus dem Munde eines so kompetenten Kritikers wie Waggle zu hören, denn tatsächlich hatte ich selbst die Verse für den braven Wiggle gefertigt, als ich ihn eines Tages in seinem Zimmer vor einem sehr schmutzigen alten Poesiealbum brütend sitzen sah, in das er bis zu dem Augenblicke noch nicht ein einziges Wort hineingeschrieben hatte.

»Ich bringe heute nichts fertig«, sagte er. »An manchen Tagen kann ich ganze Gesänge schreiben, und heute fällt mir auch nicht eine Zeile ein. O Snob, welche günstige Gelegenheit! Was für ein Götterweib! Sie bat mich um einige Verse für ihr Album, und ich bekomme heute nichts fertig.«

»Ist sie denn reich?« fragte ich. »Soweit ich mich erinnere, wollten Sie ja nur eine reiche Erbin heiraten.«

»Oh – Snob! Sie ist das vollkommenste Geschöpf und mit den höchsten Kreisen verwandt! – Und ich – ich bringe heute keine Zeile zustande.«

»Wie wollen Sie die Verse haben?« fragte ich. »Heiß, mit Zucker?«

»Oh, sprechen Sie nicht so, nicht so! Sie verletzen meine heiligsten Gefühle, Snob. Ich möchte gerne etwas Wildes und doch Zartes haben – ähnlich wie bei Byron. Ich möchte ihr sagen, daß inmitten der Festesfreude – oder so ähnlich, Sie wissen ja schon ..., ich nur an sie denke, Sie wissen ja schon, daß ich die Welt verachte, daß ich ihrer überdrüssig bin, Sie wissen ja schon; und dann bringen Sie doch etwas von einer Gazelle und von einer Nachtigall hinein, Sie wissen ja schon ...«

»Und dann noch einen Yataghan, um allem ein Ende zu machen«, bemerkte der Schreiber dieses, und so fingen wir also an:

An Mary

»Ich scheine in heiterer Menge
Der Frohste zu sein.
Meines Lachens lustige Klänge
Hört man, bei Tanz und Wein.
Mein Lächeln wird jeder wähnen
Beziehen zu dürfen auf sich;
Doch mein Herz, mein Gefühl, meine Tränen
Sind immer für dich, nur für dich!«

»Finden Sie das nicht nett. Wiggle?« sagte ich. »Mich rührt es fast zu Tränen!«

»Was meinen Sie nun, wenn wir sagten, daß alle Weit mir zu Füßen läge – um sie eifersüchtig zu machen, wissen Sie, oder so was Ähnliches – und daß – daß ich in die Fremde gehen will. Das macht vielleicht großen Eindruck auf sie.«

So begannen wir (wie der verfluchte Kerl sagte) also von neuem:

»Die Alten und Jungen umweben
Mit Schmeicheln mich hold –
Ihre Herzen die Schönsten mir geben
Als Pfand – für mein Gold.
Hin zwinge die Kriecher ich nieder
Auf die Kniee vor mich.
Meine Treue, die Lieb' und die Lieder
Sind immer für dich, nur für dich!«

»Nun geht es auf die Reise, Wiggle, mein Sohn«, und ich begann mit vor Bewegung zitternder Stimme:

»Drum fort, denn nicht Ruh' ich mehr kenne,
Seit für dich nur zittert das Herz.
Was es fühlt, zu sagen ich brenne,
Doch ich vergrabe den Schmerz
Im Busen, die Leidenschaft soll ...«

»Ich meine, lieber Snob!« unterbrach hier Wiggle den begeisterten Barden, als ich gerade vier Zeilen so pathetisch vortragen wollte, daß Sie gewiß, wenn Sie es hätten hören können, hysterisch geworden wären. »Ich meine – ahem – könnten Sie nicht sagen, daß ich – daß ich Militär wäre und daß mein Leben in Gefahr sei? ...«

»Sie Militär? – Ihr Leben in Gefahr? – Was zum Teufel meinen Sie denn?«

»Warum nicht«, sagte Wiggle heftig errötend. »Ich erzählte ihr, daß ich ... daß ich mich einer Expedition nach Ecuador anschließen wollte.«

»Sie abscheulicher Betrüger«, rief ich aus, »machen Sie doch das Gedicht selber fertig!« Das hat er denn auch getan, ganz ohne Rücksicht auf jedes Versmaß, und nachher prahlte er damit im Klub und gab es als Erzeugnis seines eigenen Geistes aus.

Der gute Waggle glaubte unerschütterlich an das Genie seines Freundes, bis er vorige Woche eines Tages mit grinsender Miene im Klub erschien und zu mir sagte: ›O Snob, was für eine Entdeckung habe ich machen müssen! Als ich heute Schlittschuhlaufen ging, mußte ich Wiggle mit dem herrlichen Weib Spazierengehen sehen, jener Dame aus vornehmem Hause, mit dem unermeßlichen Vermögen, mit Mary, wissen Sie, für die er die schönen Verse gedichtet hat. Sie ist fünfundvierzig Jahre alt, hat rotes Haar und eine Nase wie einen Pumpenschwengel. Ihr Vater hat sein Geld mit einem Schinken- und Rindfleischladen gemacht – und Wiggle will sie nächste Woche heiraten.«

»Um so besser, mein liebster Waggle«, sagte ich, »um so besser für die Damenwelt, deren Herzen zu brechen dieser gefährliche Hund nun bleiben lassen muß – dieser Blaubart gibt also sein Geschäft auf? Und um so besser auch für ihn selbst! Denn da an allen Liebesgeschichten, die Sie so begierig verschlungen haben, kein wahres Wort ist, so hat er niemandem damit weh getan wie sich selbst, dessen Gefühle sich nun auf den Schinken- und Rindfleischladen konzentrieren werden. Aber es gibt Leute, die solche Sachen im Ernst vollführen, Mr. Waggle, und die dennoch eine geachtete Stellung in der Welt einnehmen. Aber diese Menschen sind nicht so lächerlich zu nehmen, denn obwohl sie Snobs sind, sind sie doch zugleich auch Schurken. Ihr Vergehen gehört vor einen höheren Gerichtshof.«


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