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Drittes Kapitel

Der Einfluß des Adels auf die Snobs

Letzten Sonntag vor einer Woche war ich in der Stadtkirche, und nach Schluß des Gottesdienstes hörte ich, wie zwei Snobs sich über den Pfarrer unterhielten. Der eine fragte den anderen über die Person des Geistlichen aus. »Er heißt Soundso und ist Hauskaplan bei dem Grafen Wieheißterdochgleich!« – »Oh, wirklich!« sagte der erste Snob mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Befriedigung. Für den Geist dieses Snob waren damit die Rechtgläubigkeit und die Persönlichkeit des Pfarrers unzweifelhaft festgestellt. Er wußte über den Grafen nicht mehr als über seinen Kaplan, aber aus dem Ansehen des ersteren schloß er auf den Charakter des letzteren; und äußerst befriedigt von Hochwürden ging er nach Hause – dieser kleine servile Snob.

Dieses Erlebnis gab mir mehr Anlaß zum Nachdenken als die Predigt, und ich staunte über die Verbreitung und Ausdehnung des Götzendienstes, der bei uns zulande mit einem hohen Adel getrieben wird. Was konnte es dem Snob bedeuten, ob Hochwürden bei Seiner Erlaucht Kaplan war oder nicht? Was haben wir doch für eine Vergötterung der Pairswürde in unserem freien Lande! Wie sind wir doch alle damit behaftet und liegen mehr oder minder auf dem Bauche vor ihr! – Und bei der Bedeutung dieser Frage stehe ich nicht an zu erklären, daß der Einfluß der Pairs auf das Snobtum größer ist als auf irgendeine andere Einrichtung. Das Blühen, Wachsen und Gedeihen der Snobs gehört, wie Lord John Russel sagt, zu den »unschätzbaren Verdiensten«, die wir dem Adel verdanken. Es kann ja auch gar nicht anders sein. Jemand wird beispielsweise sehr reich oder arbeitet mit Erfolg als rechte Hand eines Ministers oder gewinnt eine große Schlacht oder schließt einen vorteilhaften Vertrag ab oder ist ein geschickter Anwalt, der hohe Honorare und schließlich einen Sitz auf der Richterbank erhält, so belohnt ihn das Land sicherlich für alle Zeiten durch eine goldene Krone (mit mehr oder weniger Kugeln und Laub), durch einen Titel und die Stellung als Gesetzgeber. »Euer Verdienst ist so groß«, sagt die Nation, »daß auch eure Kinder in irgendeiner Form uns regieren sollen. Es ist ganz gleichgültig, daß euer ältester Sohn schwachsinnig ist. Wir halten eure Verdienste für so hervorragend, daß die von euch bekleideten Ehrenstellen dennoch auf ihn übergehen sollen, wenn der Tod euch eure erhabenen Schuhe auszieht. Seid ihr arm, so wollen wir euch und den Erstgeborenen eures Stammes für alle Zeiten so stellen, daß ihr in Glanz und Wonne leben könnt. Es ist unser Wunsch, daß in unserem glücklichen Vaterlande eine Sonderklasse leben soll, welche die erste Stelle einnimmt und vor allen anderen berufen ist, alle Regierungsämter und Patronate zu besetzen. Wir können nicht alle eure teuren Kinder zu Pairs machen, das würde der Pairswürde Abbruch tun, das Haus der Lords überfüllen und ungemütlich machen, aber die jüngeren Mitglieder eurer Familien sollen alles erhalten, was die Regierung ihnen sonst zu geben vermag. Sie sollen sich die Posten aussuchen dürfen, sie sollen mit neunzehn Jahren Kapitäne und Oberstleutnants werden, während altersgraue Leutnants dreißig Jahre hindurch exerzieren lassen müssen. Sie sollen mit vierundzwanzig Jahren das Kommando über ein Schiff und über altgediente Soldaten haben, die schon im Felde standen, ehe jene geboren wurden. Und da wir ein so hervorragend freies Volk sind und alle Leute in ihrem Streben ermutigen, so sagen wir jedem Mann von nur einigem Rang: bereichere dich, so sehr du kannst, nimm als Rechtsanwalt die kolossalsten Gebühren, halte große Reden, zeichne dich aus oder gewinne Schlachten, und du – auch du wirst in die auserwählte Klasse kommen, und dann werden natürlich auch deine Nachkommen über die unsrigen herrschen.«

Wie können wir das Snobtum verhindern bei solch einer hervorragenden nationalen Einrichtung, die wie zur Anbetung geschaffen ist? Wie können wir das Kriechen vor den Lords abwenden? Fleisch und Blut können nicht anders. Wie kann ein Mensch dieser großen Versuchung widerstehen? Beseelt von dem, was man edlen Wetteifer nennt, jagen viele den Ehrenstellen nach und erhalten sie auch schließlich. Andere, die zu schwach oder zu mittelmäßig sind, bewundern und kriechen blindlings vor denen, die welche errungen haben. Andere wieder, die nicht fähig waren, sie zu erreichen, hassen, beschimpfen und beneiden jene Glücklichen auf das wütendste. Es gibt nur wenige nüchterne und vorurteilslose Philosophen, die das Wesen der Gesellschaft, nämlich die ausgemachte Speichelleckerei, die gemeine und dabei vom Gesetz begünstigte Anbetung der Höherstehenden und des Mammons, mit einem Wort das verewigte Snobtum, erfaßt haben und dieses Faktum nun kühl registrieren. Und doch, gibt es selbst unter diesen kühlen Moralisten auch wohl nur einen, dessen Herz nicht vor Freude höher schlüge, wenn man ihn Arm in Arm mit Herzögen die Pall Mall auf und ab promenieren sehen könnte? Nein, unter den bei uns nun einmal herrschenden Gesellschaftszuständen ist es unmöglich, nicht bisweilen selbst ein Snob zu sein.

Diese Zustände ermutigen einerseits den Bürger, sich snobhaft unterwürfig, und andererseits den Edelmann, sich snobhaft anmaßend zu betragen. Wenn eine edle Marquise in ihrer Reisebeschreibung Betrachtungen darüber anstellt, wie sehr die Passagiere auf den Dampfern darunter zu leiden haben, daß sie mit allem möglichen Volk in Berührung kommen, und damit zu verstehen gibt, daß es für die gnädige Frau peinlich sei, mit einer Anzahl göttlicher Geschöpfe, über denen sie zu stehen meint, zusammenzukommen, wenn, sage ich, die Marquise von X so etwas zu schreiben fertigbringt, so müssen wir uns vergegenwärtigen, daß keine Frau aus ihrem natürlichen Empfinden heraus eine solche Meinung sich bilden würde, daß aber die Gewohnheit des Dienerns und Kriechens, welche die ganze Umgebung im Verkehr mit dieser schönen und mächtigen Dame, dieser Besitzerin so vieler schwarzer und anderer Diamanten, angenommen hat, ihr die Überzeugung beibringen mußte, daß sie im allgemeinen hoch über ihren Mitmenschen steht und daß ihr deshalb die Masse des Volkes in respektvoller Entfernung vom Leibe gehalten werden muß. Ich erinnere mich, daß ich einmal gerade in Kairo war, als ein Prinz aus europäischem Königshause auf der Durchreise nach Indien gleichfalls dort weilte. Eines Abends herrschte im Hotel große Aufregung, weil ein Mann sich im Brunnen ganz in der Nähe ertränkt hatte. Die Gäste des Hotels eilten nach der Stelle, und unter ihnen befand sich auch Ihr ergebener Diener, der einen neben ihm stehenden jungen Mann nach dem Grunde des Auflaufs fragte. Wie konnte ich wissen, daß der junge Herr ein Prinz war? Er trug weder Krone noch Zepter, sondern einen weißen Anzug und Filzhut, aber er war sehr erstaunt darüber, daß ihn jemand ansprach, und antwortete mit irgendeinem unverständlichen Worte, dann winkte er seinen Adjutanten heran, der mit mir sprechen sollte.

Es ist unsere Schuld und nicht die der Großen, wenn sie sich so hoch über uns stehend dünken. Wenn Ihr Euch selbst unter die Räder werft, so wird »Juggernaut, der Herr der Welt« Euch seelenruhig überfahren, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Und wenn vor Euch, lieber Freund, und vor mir täglich Kotau gemacht würde und wenn, wo wir uns auch blicken ließen, das Volk in sklavischer Anbetung vor uns auf den Knien läge, so kämen wir uns natürlich wie höhere Wesen vor und würden die Erhabenheit annehmen, die das Volk uns beharrlich andichtet.

Hier ein Beispiel aus den Reiseschilderungen Lord L.s, aus denen erhellt, in welcher ruhigen, wohlwollenden und selbstverständlichen Weise ein großer Mann die Huldigung unter ihm Stehender entgegennimmt. Nachdem er einige tiefsinnige und geniale Bemerkungen über Brüssel gemacht, sagt Seine Herrlichkeit wörtlich: »Ich wohnte einige Tage im Hotel ›Bellevue‹, einem sehr überschätzten Hause, das nicht annähernd so vornehm wie das ›Hôtel de France‹ ist, und machte die Bekanntschaft des Dr. L., des Arztes der Missionsanstalt. Er war glücklich, mir die Honneurs im Hotel erweisen zu dürfen, lud mich zu einem ›dîner en gourmand‹ im Restaurant ein und behauptete, daß man hier besser äße als bei Rocher in Paris. Wir waren unser sechs oder acht Teilnehmer und waren uns alle darüber einig, daß das Gebotene nicht im entferntesten an Paris heranreichte und zudem viel teurer war.« Soweit die Erzählung.

Und nun noch ein Wort über den Herrn, der das Diner gab. Dr. L., »glücklich, Seiner Herrlichkeit die Honneurs im Hotel erweisen zu dürfen«, feiert ihn mit den auserlesensten Gerichten, die man für Geld haben kann; und Mylord findet das Essen teuer und schlecht. Teuer! Ihn kostet es doch nichts. Schlecht! Aber Herr L. tat doch sein Bestes, um diesen edlen Gaumen zu befriedigen, und Mylord nimmt das Mahl gnädigst entgegen und verabschiedet den Gastgeber mit einer Zurechtweisung. Er benimmt sich wie ein Pascha von drei Roßschweifen, der über ein ungenügendes Bakschisch brummt.

Aber wie sollte es auch anders sein in einem Lande, wo die Lordanbetung ein Teil unseres Glaubensbekenntnisses ist und wo es den Kindern schon eingeimpft wird, den Adelskalender als eine zweite Bibel der Engländer zu verehren.


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