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Zweites Kapitel

Der Königliche Snob

Lange Zeit ist es her, beim Regierungsantritt unserer jetzigen gnädigen Königin, da begab es sich an einem schönen Sommerabend, wie James sagen würde, daß einige junge Edelleute nach Tisch beim Wein in der von Frau Anderson in dem königlichen Dorfe Kensington geführten Wirtschaft zum »Königswappen« saßen. Es war ein herrlicher Abend, und die Ausflügler schauten auf ein liebliches Landschaftsbild. Die hohen Ulmen des alten Gartens standen in vollem Laub, und zahllose Karossen des englischen Adels rollten vor dem benachbarten Palais vor, wo der Prinz von Sussex (dessen Einkommen ihm neuerdings nur erlaubt, Tagesgesellschaften zu geben) aus Anlaß der Anwesenheit seiner königlichen Nichte ein Hoffest veranstaltete. Als die Equipagen des Adels ihre Insassen vor der Festhalle abgesetzt hatten, begaben sich die Kutscher und Diener in den benachbarten Garten des »Königswappens«, um dort eine Flasche nußbraunen Ales zu trinken. Wir beobachteten diese Burschen von unserem Fenster aus, und, beim heiligen Bonifatius, das war ein köstlicher Anblick.

Die Tulpen in Mynheer van Duncks Gärten konnten nicht farbenprächtiger sein als die Livreen dieser bunt gekleideten Mannen. Alle Blumen des Feldes blühten an ihrer in Falten abgenähten Brust, und alle Farben des Regenbogens leuchteten aus ihren Plüschpluderhosen, als sie mit ihren langen Stöcken den Garten in gravitätischer Feierlichkeit auf und ab spazierten unter jenem ergötzlichen Beben der Waden, das auf uns stets einen so berückenden Zauber ausübt. Der Weg schien nicht breit genug, um alle die ungeschlachten Kerle in kanariengelb, karmoisinrot und lichtblau leuchtenden Farben einherstolzieren zu lassen.

Da plötzlich, als sie sich in ihrer ganzen Pracht sonnten, ertönte eine kleine Glocke, und durch eine Seitenpforte traten, nachdem sie ihre königliche Herrin abgesetzt hatten, Ihrer Majestät höchsteigene Karmoisinlakaien mit Epauletten und schwarzen Plüschhosen.

Es war ein kläglicher Anblick, bei ihrer Ankunft die anderen armen Johanns sich fortschleichen zu sehen. Nicht einer der braven Privatplüschhosen konnte vor den königlichen Bedienten bestehen. Sie verließen den Weg und schlüpften in dunkle Ecken, wo sie still ihr Bier austranken. Der königliche Plüsch nahm Besitz von dem Garten, bis für sie das königliche Plüschdiner angerichtet war, dann zogen sie sich zurück, und wir hörten aus dem Pavillon, in dem sie speisten, staatserhaltende Hochs, Reden und frenetische Hurras. Die anderen Bedienten wurden nicht mehr gesehen.

Meine lieben Bedientenseelen, die ihr in einem Augenblick so unglaublich eingebildet und im nächsten so kleinmütig wäret, ihr seid mir nur die Abbilder eurer Herren. Merkt euch: wer Niedriges in niedriger Weise bestaunt, ist ein Snob. – Vielleicht ist dies die treffendste Bestimmung des ganzen Begriffs.

Darum habe ich auch, mit größtem Respekt natürlich, den königlichen Snob an die Spitze meiner Liste gesetzt, was zur Folge hat, daß ihm der Vortritt vor den anderen Snobs gelassen werden muß, so wie es die Bedienten vor ihren königlichen Kollegen im Kensingtongarten machten. Wenn ich von dem oder jenem allergnädigsten Landesherren sage, er sei ein Snob, so sage ich von Seiner Majestät nichts anderes, als daß er ein Mensch ist. Könige sind eben auch Menschen und Snobs. In einem Lande, wo die Mehrzahl der Bewohner Snobs sind, kann der hervorragendste unter ihnen sicherlich nicht untauglich zur Regierung sein. Beweis: ihre bewundernswürdigen Erfolge bei uns.

Zum Beispiel war Jakob I. ein Snob, und zudem ein schottischer Snob, also das denkbar anstößigste Geschöpf auf dieser Welt. Er scheint keine einzige Mannestugend besessen zu haben, weder Tapferkeit noch Edelmut, noch Ehre, noch Verstand; aber lesen wir einmal nach, was die großen Geistlichen und Gelehrten Englands über ihn gesagt haben!

Sein Enkel Karl II. war ein Schuft, aber kein Snob; während Ludwig XIV., sein querköpfiger Zeitgenosse, der große Perückenanbeter, mir stets und zweifelsfrei als königlicher Snob vorgekommen ist.

Ich will indessen weitere Beispiele von königlichen Snobs nicht aus der Geschichte meiner Heimat nehmen, sondern von einem benachbarten Königreich »Brentford« und seinem Monarchen, dem großen und vielbeweinten Georgius IV., berichten. Mit derselben Demut, mit der sich die Lakaien im »Königswappen« vor dem königlichen Plüsch zurückzogen, kroch der hohe Adel der Brentforder Nation vor Georgius zu Kreuz und erklärte ihn für den ersten Gentleman Europas. Muß man sich da nicht voll Verwunderung fragen, was denn nach der Ansicht des Adels einen Gentleman ausmacht, wenn er Georgius einen derartigen Ehrentitel gab?

Was heißt es eigentlich, ein Gentleman zu sein? Soll er nicht ehrbar, tapfer, edelmütig, mutig, klug sein? Und wenn er alle diese Eigenschaften besitzt, soll er sie dann nicht vor aller Welt in anmutiger Weise zur Schau tragen? Soll ein Gentleman nicht ein guter Sohn, ein treuer Gatte, ein sorgsamer Vater sein? Soll nicht sein Lebenswandel untadelig sein, soll er nicht seine Schulden bezahlen, soll nicht sein Geschmack entwickelt und elegant, sollen nicht seine Liebhabereien erhaben und vornehm sein? Mit einem Wort, sollte nicht der Lebenswandel des ersten Gentleman von Europa derart sein, daß seine Biographie in höheren Töchterschulen und Unterrichtsanstalten junger Leute zu aller Nutzen gelesen werden könnte? Ich richte diese Frage an alle Jugenderzieher – an Mrs. Ellis und an die englischen Frauen; an alle Schulvorsteher von Doktor Hawtrey abwärts bis zu Mr. Squeers. Ich berufe damit einen erhabenen Gerichtshof von Jugend und Unschuld, geleitet von ihren ehrwürdigen Lehrern (gleich den zehntausend rotwangigen Armenschülern in der St. Paulskirche), und auf der Anklagebank sitzt Georgius, der sich verteidigen muß. »Hinaus mit ihm aus dem Saal, hinaus aus dem Saal, dicker, alter Florizel! Gerichtsdiener, führt diesen aufgeschwemmten Mann mit den vielen Pickeln im Antlitz hinaus!« – Wenn Georgius ein Standbild in dem neuen Palast, den die Brentforder bauen wollen, erhalten soll, so sollte es im Lakaienhaus errichtet werden. Man sollte ihn darstellen, wie er ein Gewand zuschneidet, in welcher Kunst er es ja, wie es heißt, zur Vollendung gebracht hat. Er hat auch den Maraschino-Punsch und eine Schuhschnalle erfunden (das geschah in der Vollkraft seiner Jugend und der Blüte seiner Erfindungsgabe) und einen chinesischen Pavillon, das scheußlichste Bauwerk der Welt. Er konnte ein Viergespann fast ebenso gut lenken wie der Postkutscher von Brighton, focht elegant und war angeblich ein guter Violinspieler. Und er lächelte so unwiderstehlich, daß jeder, der in seine erhabene Nähe kam, ihm mit Leib und Seele zum Opfer fiel, so wie ein Kaninchen die Beute einer großen Boa constrictor wird.

Ich möchte wetten, daß, wenn Mr. Widdicomb durch eine Revolution auf den Thron von Brentford käme, das Volk ganz in der gleichen Weise von seinem unwiderstehlichen, majestätischen Lächeln bezaubert sein und daß es ebenso zittern und niederknien würde, um ihm die Hand zu küssen. Wenn er nach Dublin käme, so würde man an der Stelle, an der er zum ersten Male landete, einen Obelisken errichten, wie es die Paddyländer taten, als Georgius sie besuchte. Wir haben alle mit Vergnügen die Geschichte der Reise des Königs nach Haggisland gelesen, wo seine Anwesenheit ungeheure Begeisterung entfachte, wo der berühmteste Mann des Landes – der Baron von Bradwardine –, als er an Bord der Königsjacht kam, ein Glas ausfindig machte, aus dem Georgius getrunken hatte, und es in seiner Rocktasche als unschätzbares Andenken verschwinden ließ. Aber bei der Rückfahrt an Land setzte sich der Herr Baron auf das Glas, so daß es zerbrach und seine Rockschöße zerschnitt. So ging die unschätzbare Reliquie der Welt auf immer verloren!

O edler Bradwardine! Wie konnte ein so veralteter Aberglaube dich zur Anbetung eines derartigen Idols hinreißen?

Wenn man Lust hat, über den Wechsel alles Irdischen zu philosophieren, so muß man sich die Figur von Georgius in seinen beglaubigt echten Kleidern im Panoptikum ansehen. Eintritt einen Schilling. Kinder und Lakaien zahlen die Hälfte. Ich sage euch, geht ja hin und zahlt euern halben Schilling!


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