Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Neuntes Kapitel

Handelt von einigen militärischen Snobs

Man kann sich keine angenehmere Gesellschaft als die gut erzogener und gebildeter Militärs, aber auch keine unerträglichere als die von Militär-Snobs denken. Man trifft sie in allen Rangstufen an, vom General ab, dessen wattierte Heldenbrust ein Haufen Sterne, Schnallen und Orden ziert, bis zum milchbärtigen Fähnrich, der sich rasiert, um einen Bart zu bekommen, und der eben erst bei den Sachsen-Koburger Ulanen eingetreten ist.

Die Verteilung der Stellen in der Armee bei uns zulande hat stets meine Bewunderung erregt; sie bringt es fertig, daß der eben erwähnte kleine Kerl (der noch vor acht Tagen eins mit der Rute bekam, weil er nicht richtig buchstabieren konnte) große, bärtige Krieger kommandiert, die schon allen Gefahren des Klimas und der Schlacht getrotzt haben. Nur aus dem Grunde, weil er das Geld hatte, sich die Stelle zu kaufen, wird er über Leute gesetzt, die tausendmal mehr Erfahrung und Verdienst haben. Er wird im Laufe der Zeit die Ehren, die sein Beruf mit sich bringt, einheimsen, während der Veteran, der unter seinen Befehlen stand, keine andere Belohnung für seine Tapferkeit zu erwarten hat als eine Koje im Chelsea-Hospital. Der altgediente Offizier aber, den er verdrängt hat, muß seine müden Knochen in irgendeinem trostlosen Nest vergraben, wo er sein verfehltes Leben mit einer schäbigen Pension beschließen wird.

Wenn ich im Verordnungsblatt der Armee Veränderungen wie diese lese: »Leutnant und Hauptmann Grig von den Garde-Bombardieren ist anstelle des Hauptmanns Grizzle, der pensioniert wird, zum Hauptmann befördert worden«, so kenne ich das Schicksal von Grizzle, der schon in Spanien gekämpft hat. Ich folge ihm im Geiste in das enge Landstädtchen, wo er sein Quartier aufschlägt und verzweifelte Versuche macht, als Gentleman mit einem Einkommen zu leben, das halb so groß ist wie dasjenige eines Schneiderobergesellen; und ich male mir die Karriere des jungen Grig aus, der von Stufe zu Stufe aufsteigt, von einem Regiment in das andere, natürlich mit Beförderung, versetzt wird, der von dem unangenehmen Dienst im Ausland befreit bleibt und schon mit dreißig Jahren den Rang eines Obersten einnimmt. Und alles das, weil er Geld hat und Lord Grigsby sein Vater ist, der zu seiner Zeit dasselbe Glück genossen hat. Grig muß erröten, wenn er seine Befehle alten Leuten erteilt, die in allen Dingen mehr verstehen als er. Da es aber für ein verzogenes Kind sehr schwer ist, von Eigensinn und Selbstsucht verschont zu bleiben, so ist es in der Tat für dieses verzogene Glückskind eine schwere Aufgabe, nicht ein Snob zu sein.

Dem unschuldigen Leser muß es öfters wunderbar vorkommen, daß die Armee, diese riesigste aller Wucherinstitute aus der Zahl unserer politischen Einrichtungen, sich so wacker im Felde hält ... Und wir müssen auch ehrlich Grig und seinesgleichen das Zeugnis persönlichen Mutes ausstellen, sobald die Gelegenheit solchen erfordert. Des Herzogs Dandy-Regimenter schlugen sich so brav wie andere auch (sie behaupten zwar besser, das ist aber Unsinn). Der große Herzog selbst war einst ein Dandy, der sich heraufarbeitete wie vor ihm Marlborough. Das beweist aber nichts anderes, als daß Dandys ebenso tapfer sind wie andere Briten – wie alle Briten. Wir wollen also ohne weiteres zugestehen, daß der hochgeborene Grig ebenso mutig die Verschanzungen von Sobraon gestürmt hätte wie Korporal Wallop, der ehemalige Bauernjunge.

Kriegszeiten sind ihm entschieden dienlicher als Friedenszeiten.

Man vergegenwärtige sich das Leben Grigs bei den Garde-Bombardieren oder den Garde-Reitern, seine Märsche von Windsor nach London, von der Knightsbridge zum Regent Park, den törichten Dienst, den er tun muß, der darin besteht, das Lederzeug seiner Kompanie auf seine Sauberkeit oder die Pferde im Stall zu besichtigen oder aus vollem Halse zu brüllen: »Gewehr über, Gewehr auf Schulter!« Alles Pflichten, zu deren Erfüllung das denkbar geringste Maß von Intelligenz dem Verstande eines Sterblichen zugemutet wird. Die Berufspflichten eines Lakaien sind genau ebenso schwierig und abwechslungsreich. Die Rotlivrierten, die die Pferde ihrer Herren in der St. James Street halten, könnten diesen Dienst genau ebenso ausfüllen wie diese leeren, gutmütigen, gentlemanartigen, rachitischen kleinen Leutnants, die man in Pall Mall in ihren Stiefeln mit hohen Absätzen herumflanieren oder sich um die Fahne ihres Regiments um elf Uhr früh im Hofe des Palastes sammeln sehen kann, wenn ihre Kapelle spielt. Hat schon einer meiner lieben Leser einen dieser jungen Leute unter der Fahne zittern sehen oder wenigstens beobachtet, wie er vor ihr während der Zeremonie salutierte? Dieses großartige Narrenspiel ist einen Gang nach dem Palast schon wert.

Ein- oder zweimal habe ich die Ehre gehabt, einen alten Herrn zu treffen, den ich als das Musterbild unseres militärischen Drilles ansehe und der sein Leben lang in Elite-Regimentern gedient oder solche kommandiert hat. Ich habe den Ehrenwerten Generalleutnant Sir George Granby Tufto, Kommandeur des Bath Ordens, des Templer Ordens usw. usw., im Auge. Sein Auftreten ist vorwurfsfrei, in Gesellschaft ist er vollkommen Kavalier und doch durch und durch ein Snob.

Niemand, selbst der Älteste nicht, kann dafür, wenn er ein Narr ist, und Sir George ist mit achtundsechzig Jahren ein größerer Esel, als er es bei seinem Eintritt in die Armee mit fünfzehn Jahren war. Er zeichnete sich überall aus. Im Staatsanzeiger ist sein Name wohl einige zwanzigmal rühmend genannt. Er ist in der Tat der Mann, den ich mit seiner wattierten Brust und seinen zahllosen blinkenden Orden bereits beim Leser eingeführt habe. Es ist aber schwer zu sagen, welche Verdienste dieser erfolgreiche Herr aufzuweisen hat. Nie in seinem Leben hat er ein Buch gelesen, und mit seinen blauroten, alten gichtischen Fingern schreibt er eine Handschrift, ungelenk wie die eines Schulbuben. Er hat ein hohes Alter erreicht und graue Haare bekommen, ohne doch im mindesten ehrwürdig zu sein. Bis heute kleidet er sich wie ein extravaganter junger Mann und schnürt und wattiert seinen alten Kadaver, als wäre er noch der schöne George Tufto von 1800. Er ist selbstsüchtig, brutal, leidenschaftlich und ein Vielfraß. Komisch ist es, ihn beim Essen zu beobachten, wenn er sein Taillenband lockert und mit seinen kleinen blutunterlaufenen Augen die Speisen anglotzt. Bei seinen Reden flucht er gotteslästerlich und erzählt nach Tisch unanständige Garnisonwitze. Wegen seines Ranges und seiner Verdienste zollt die Menge dem besternten und betitelten alten Dummkopf ein gewisses Maß von Ehrerbietung; auf dich und mich blickt er herab und trägt seine Verachtung für uns mit einer törichten unverhohlenen Offenheit zur Schau, die köstlich zu sehen ist. Vielleicht wäre aus ihm nicht das würdelose, alte Geschöpf geworden, wenn er zu einem anderen Beruf erzogen worden wäre. Aber zu was für einem? Denn er taugte zu keinem, da er zu unverbesserlich faul und träge für jeden Beruf mit Ausnahme seines jetzigen war, in dem er sich vor aller Welt als guter und tapferer Offizier hervorgetan hat. In seinem Privatleben glänzt er als Rennreiter, Portweintrinker, Raufbold und Mädchenverführer. Sich selbst hält er für das ehrenwerteste und verdienteste Wesen der ganzen Welt. Nachmittags kann man ihn am Waterloo-Platz sehen, wie er in seinen Lackstiefeln herumstakt und den vorübergehenden Damen unter die Hüte guckt. Wenn er eines Tages am Schlagfluß stirbt, so wird die Times eine Viertelspalte brauchen, um seine Verdienste und seine Schlachten aufzuzählen, vier Druckzeilen braucht sie allein, um seine Titel und Orden zu beschreiben – dann wird sich die Erde über einem der ekelhaftesten und trägsten alten Geschöpfe schließen, das je über sie gewandelt ist.

Damit man mich nun nicht für einen so verstockten Menschenfeind hält, dem nichts recht gemacht werden kann, so gestatte ich mir zur Ehre der Truppen zu sagen, daß meine Meinung über die Armee nicht durch Personen, wie die eben beschriebene, beeinflußt wird. Ich habe sie nur als Studienobjekt für Zivil und Militär vorgeführt, als Beispiel eines erfolgreichen und aufgeblasenen Armee-Snobs. Nein: erst wenn die Epauletten nicht mehr käuflich sind, wenn die Prügelstrafe abgeschafft ist, wenn der Korporal Smith dieselbe Aussicht auf Belohnung wegen seiner Tapferkeit hat wie der Leutnant Grig und wenn der Rang eines Fähnrichs und Leutnants abgeschafft wird (deren Existenz eine verrückte Regelwidrigkeit und eine Beleidigung für die ganze Armee ist), dann will ich für den Fall, daß es keinen Krieg gibt, nicht abgeneigt sein, selbst Generalmajor zu werden.

Ich habe noch eine kleine Sammlung von Armee-Snobs in meiner Brieftasche, ich will aber eine Gefechtspause machen und mit frischen Kräften nächste Woche wieder beginnen.


 << zurück weiter >>