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Einundvierzigstes Kapitel

Klub-Snobs

Bacchus ist die Gottheit, der Waggle ganz besonders eifrig dient. »Gib mir Wein, mein Sohn!« sagt er zu seinem Freunde Wiggle, der von reizenden Weibern schwatzt; und er hält sein Glas mit dem rötlichen Naß gegen das Licht, zwinkert gewichtig mit den Augen, schlürft es aus und schnalzt mit der Zunge hinterher, worauf er im Nachgeschmacke schwelgt, als ob er der größte Weinkenner wäre.

Ich habe diese ausbündige Weinkennerschaft besonders bei jungen Leuten gefunden. Snoblinge von der Universität, Küchlein aus der Armee, Gänseriche aus den öffentlichen Schulen, die unsere Klubs zieren, kann man recht häufig mit viel Stimmenaufwand ihre Autorität in Weinfragen versichern hören. Diese Flasche schmeckt nach dem Korken«, sagt Snobling, worauf der Kellermeister Mr. Sly sich beeilt sie wegzunehmen, um genau denselben Wein unmittelbar hinterher, in eine andere Karaffe gefüllt, ihm wieder vorzusetzen. »Ich pfeife auf Champagner«, sagt das Küchlein, »höchstens für Mädele und Kinder ist er zu saufen. Ich verlange weißen Sherry zum Diner und hinterher meinen 23er Bordeaux. Was ist der Portwein, den man jetzt bekommt, anders als ein ekelhaftes, dickes, süßes Gesöff – wo ist der schöne, alte, trockene Wein nur hingeraten, den man sonst zu bekommen gewohnt war?« Bis vor zwölf Monaten noch trank das Kücken in der Pension von Doktor Swishtail Dünnbier, und der Gänserich pflegte sich seinen trockenen, alten Portwein, bis er jene Anstalt verließ, in einer Schnapskneipe in Westminster zu holen.

Jeder, der sich einmal Karikaturen aus der Zeit vor dreißig Jahren angesehen hat, wird sich erinnern, wie oft Schnapsnasen und picklige Gesichter oder Gesichter ähnlicher Art, wie sie ein Bardolph gehabt haben mag, auf ihnen dargestellt worden sind. Heutzutage trifft man sie nicht mehr so häufig an wie in jener guten alten Zeit, weder im Leben noch auf Zeichnungen. Aber unter unserer Klubjugend kann man solche Erscheinungen auch heute noch antreffen. Junge Burschen suchen ihren Ruhm in Zechgelagen, ihre ungesunden, gelben Gesichter zieren jene Schönheitsflecken, die Rowlands Kalydor rasch und sicher zu entfernen sich anpreist. »Gestern abend war ich blödsinnig bezecht, mein Junge«, flüstert Hopkins Tomkins vertraulich lächelnd zu. »Ich muß Ihnen mal unsere Schandtaten beichten. Um zwölf Uhr frühstückten wir und blieben dann noch bei einer Zigarre und bei Whisky und Sodawasser bis vier Uhr sitzen. Danach bummelten wir eine Stunde im Park, aßen zu Abend und tranken dazu Glühwein, bis wir halb voll waren. Dann guckten wir eine Stunde lang ins Haymarket-Theater hinein und gingen danach wieder in den Klub. Hier speisten wir noch etwas vom Grill und tranken ungezählte Gläser Whisky-Punsch, bis wir alle total blaß waren – hallo, Kellner, einen Cherry Brandy.« Die Kellner im Klub sind die höflichsten, besten und geduldigsten Menschen von der Welt, die sich aber bei der Bedienung dieser jungen Säufer zu Tode hetzen müssen. Wenn der verehrte Leser sich jedoch ein genaueres Bild von der Lebensführung dieser Sorte junger Burschen machen will, so kann ich ihm empfehlen, sich das geistreiche Stück »Unsere hoffnungsvollen jungen Londoner« anzusehen. Die liebenswürdigen Helden werden darin nicht nur als Säufer und Nachtschwärmer hingestellt, sondern zeigen sich auch noch in hundert anderen schätzenswerten Eigenschaften als Lügner, Betrüger und Wüstlinge jeder Art, daß sie schon als Typen gelten können.

Wie angenehm sticht doch dagegen das würdige Benehmen meines Freundes Papworthy ab, der mit dem Hausmeister des Klubs folgende Unterhaltung führt!

Papworthy: Poppins, ich möchte heute rasch etwas zu essen haben. Ist etwas kaltes Wildbret zu haben?

Poppins: Gewiß, mein Herr, wir haben Wildbretpastete, mein Herr, kalte Waldschnepfe, mein Herr, dann haben wir kalten Fasan, mein Herr, dann noch kalten Pfau, mein Herr, kalten Schwan, mein Herr, kalten Strauß, mein Herr usw. usw., was nun gerade da ist.

Papworthy: Hem! Welches ist Ihr bester Rotwein, Poppins – ich meine in halben Flaschen?

Poppins: Wir haben einen schönen Lafitte von Cooper & Magnum, mein Herr. Ferner einen St. Julien von Lath & Sawdust, mein Herr. Dann wird auch noch der Léoville von Bung sehr gelobt; ich meine aber, daß der Château Margaux von Jugger Ihnen sehr gefallen wird.

Papworthy: Hum! – Ha! – Schön – geben Sie mir bitte ein Stück Brot und ein Glas Bier! Ich will bloß lunchen, Poppins.

Kapitän Shindy ist eine andere Sorte von einem Klub-Ekel. Sie können seinetwegen den ganzen Klub in Aufruhr sehen.

»Herr! Sehen Sie sich das mal hier an! Soll das gekocht sein, Herr! Herr! Riechen Sie nur einmal daran! Wie können Sie es wagen, einem Gentleman solches Fleisch vorzusetzen?« brüllt er den Kellner an, der zitternd vor ihm steht und ihm vergeblich erzählt, daß der Bischof von Bullocksmithy soeben drei Koteletts von demselben Stück bekommen hätte. Alle Kellner im Klub drängen sich um das Hammelkotelett des Kapitäns. Er flucht gotteslästerlich auf John, weil er ihm nicht die Mixed Pickles bringt; er läßt das fürchterlichste Donnerwetter sich über dem armen Thomas entladen, weil er ihm noch nicht die Harvey-Sauce gebracht hat. Peter stolpert mit der Wasserkaraffe über Jeames, der mit dem schimmernden Brotkorb herbeieilt. So groß ist die Macht, die er auf die Gemüter ausübt, daß jeder Tisch ohne Bedienung ist, sobald Shindy in das Zimmer tritt; jeder Herr kann dann zusehen, wie er etwas zu essen bekommt, denn alle diese Hünengestalten von Bedienten sind vor Schrecken gelähmt.

Dabei kommt er auf seine Kosten, er schimpft und ist infolgedessen am allerbesten bedient. Im Klub fliegen zehn Diener, um seine Befehle auszuführen.

Derweilen sitzt die arme Mrs. Shindy mit ihren Kindern irgendwo in einer dumpfigen Wohnung, wo sie von einem Mädchen aus dem Armenhause in Holzschuhen bedient wird,


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