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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Englische Snobs auf dem Festlande

»Was für einen Zweck hat Lord Rosses Teleskop?« fragte eines Tages mein Freund Panwiski. »Sie sind imstande, damit hunderttausend Meilen weit zu sehen. Was sich als bloßer Nebel zeigte, entpuppt sich nunmehr unserem Auge als ein deutlich erkennbares Sternensystem. Höher am Himmel sehen Sie wieder andere Nebel, welche, durch ein noch stärkeres Glas betrachtet, ebenfalls als Sterne erkannt werden. Und glitzernd und flimmernd verfolgen sie ihre Bahn bis in alle Ewigkeit.« Bei diesen Worten entfuhr meinem Freunde Pan ein tiefer Seufzer, wie wenn er damit seinem Unvermögen, die Unendlichkeit zu begreifen, Ausdruck verleihen wollte; entmutigt lehnte er sich zurück und leerte ein großes Glas Rotspon.

Ich (der ich mir wie alle großen Männer meine Gedanken mache) dachte bei mir, daß es sich mit den Sternen genau ebenso wie mit den Snobs verhält: je länger man diese Lichtspender anblickt, um so mehr sieht man sie in nebelhafter Ferne – bald kaum erkennbar – bald hell umgrenzt, bis sie in nebelhaftem Scheine verflimmern und in unermeßliche Dunkelheit tauchen. Ich bin nur ein Kind, das am Meeresstrande spielt. Aber ein mit einem Teleskop bewaffneter Philosoph, ein großer Verkünder der Snoblehre, wird eines Tages auftreten, der die Gesetze der großen Wissenschaft ergründet, die wir vorerst nur spielend behandeln, der das, was gegenwärtig erst vage Theorie und schwache, wenn auch elegante Behauptung ist, genau bestimmen, festlegen und ordnen wird.

Ja: ein einzelnes Auge kann nur sehr wenige und einfache Abarten des unendlichen Snobuniversums ergründen. Schon öfters habe ich daran gedacht, mich an die Öffentlichkeit zu wenden und eine Vereinigung von Gelehrten, ähnlich der in Southampton tagenden, einzuberufen, damit jeder seine Beiträge liefern und seine Abhandlungen über den großen Gegenstand vorzutragen in der Lage wäre. Denn wie könnten einige wenige den vorliegenden Gegenstand erschöpfen? Obgleich englische Snobs auf dem Kontinent einige hunderttausend Male weniger zahlreich vertreten sind als auf ihrer Heimatinsel, so sind diese wenigen doch noch zu viel. Man kann nur hin und wieder einen Wanderer stellen. Nur den einzelnen kann man festhalten – die Tausende hingegen entwischen. Ich habe mir nur drei merken können, die ich heute früh auf meinem Spaziergang durch die schöne Seestadt Boulogne getroffen habe.

Da ist Raff, der Typus eines englischen Snoblumpen, der Kneipen und Kabaretts besucht und der mit seinem grölenden Gesang in korrumpiertem Englisch:

»Nach Hause gehn wir nicht,
Bis daß der Tag anbricht!«

ein mitternächtliches Echo in den Straßen der stillen Festlandsstadt erweckt. Der betrunkene, unrasierte Kerl macht die Gegend der Kais unsicher, wenn die Dampfer ankommen, und trinkt seine verschiedenen Gläschen in Schenken, in denen er Kredit bekommt. Er spricht mit größter Ungeniertheit ein Kauderwelsch, welches Französisch sein soll; er und seinesgleichen füllen die Schuldgefängnisse auf dem Kontinent. In den Billardhäusern macht er eine Poule, und schon am Vormittage kann man ihn Domino oder Karten spielen sehen. Seine Unterschrift befindet sich auf zahlreichen Wechseln; einst gehörte er sicherlich einer ehrbaren Familie an, denn der Engländer Raff begann seine Laufbahn wahrscheinlich als Gentleman und hat jenseits des Kanals wohl einen Vater, der sich schämt, wenn er seinen Namen hört. Er hat den »Alten« in besseren Tagen wiederholt betrogen, hat seinen Schwestern die Mitgift abgeschwindelt und seine jüngeren Brüder bestohlen. Jetzt lebt er vom Verdienste seiner Frau, die sich in eine dunkle Dachkammer zurückgezogen hat, wo sie sich bemüht, ihren schäbigen Putz zu flicken und die alten Kleider ihrer Kinder zu stopfen – sie, die so unglückliche und ach, so schlampige Frau.

Manchmal geht die arme Frau mit ihren Töchtern ängstlichen Schrittes aus, um englische Stunden oder Klavierunterricht zu erteilen oder auch um insgeheim sich Stick- oder Näharbeit zu holen, damit sie die Mittel für den täglichen Lebensunterhalt erhält, während Raff auf dem Kai herumbummelt oder einige Kognaks im Kaffeehause genehmigt. Das unglückliche Wesen bekommt noch jedes Jahr ein Kind. Beharrlich sucht sie ihren Töchtern vorzuheucheln, daß ihr Vater ein ehrenwerter Mann ist, und schiebt den rohen Menschen geschickt beiseite, wenn er betrunken nach Hause kommt.

Arme, zugrundegerichtete Geschöpfe wie sie finden sich und bilden eine eigene Gesellschaft in der Stadt, die rührend zu beobachten ist. Diese schüchternen Ansprüche auf Vornehmheit, diese schwachen Versuche, fröhlich zu sein, diese jammervolle Munterkeit und das alte, verstimmte Klavier! Oh, das Herz zieht sich einem zusammen, wenn man sie sieht und hört. Wenn Mrs. Raff und ihre Töchter Mrs. Diddler zu einem anspruchslosen Tee gebeten haben, so sprechen sie von vergangenen Zeiten und den schönen Gesellschaften, die sie mitmachten; sie singen zaghaft Lieder aus alten abgegriffenen Gesangbüchern; während sie sich noch so unterhalten, kommt wohl plötzlich der Kapitän Raff mit seinem, schmierigen Hut auf einem Ohr ins Zimmer, und sogleich ist der ganze dunkle Raum mit einem Geruch nach Tabak und Branntwein erfüllt.

Hat nicht jeder, der im Ausland lebt, schon einmal den Kapitän Raff getroffen? Sein Name wird hin und wieder von dem Verweser des Sheriffs Mr. Hemp veröffentlicht. In Boulogne, Paris und Brüssel sind so manche seiner Art, daß ich darauf wetten möchte, man wird mich bezichtigen, ich sei mit meiner Beschreibung seiner Person zu persönlich geworden. Mancher nicht so unverbesserliche Lump wird deportiert, mancher ehrbare Mann sitzt gegenwärtig im Zuchthause, und obwohl wir das edelste, frömmste, größte und moralischste Volk der Welt sind, möchte ich doch gern wissen, wo mit Ausnahme der Vereinigten Königreiche Schuldenmachen als eine spaßhafte Sache und das Betrügen von Kaufleuten als ein Sport angesehen werden, den Gentlemen sich gestatten dürfen. In Frankreich gilt es als unehrenhaft, Geld schuldig zu sein. Nirgends in anderen Ländern kann man hören, daß jemand damit prahlt, seine Mitmenschen beschwindelt zu haben; aber sieh dir das Gefängnis einer großen festländischen Stadt an, ob es nicht mehr oder minder von englischen Halunken bevölkert ist.

Ein noch widerwärtigerer und gefährlicherer Snob als der eben erwähnte durchsichtige und untätige Taugenichts ist auf dem europäischen Festland häufig zu finden, und meine jungen Snob-Freunde, die hinüberreisen, seien ganz besonders vor ihm gewarnt ... Kapitän Legg ist ein Gentleman wie Raff, obwohl vielleicht besserer Art. Er hat seine Familie ebenfalls bestohlen, aber in noch weit erheblicherem Maße, und hat kühn Wechsel über Tausende nicht eingelöst, während Raff schon erbleichte, wenn man ihm einen Wechsel in der lumpigen Höhe von zehn Pfund präsentierte. Legg lebt nur in den feinsten Restaurants; er hält auf feine Kleidung, gepflegten Schnurrbart, fährt in Britschkas feinster Aufmachung, während der arme Raff sich mit Branntwein beduselt und schlechten Tabak raucht. Es ist erstaunlich, daß es Legg, dessen Treiben man schon so häufig an den Pranger gestellt hat und der bekannt ist wie ein bunter Hund, dennoch so gut geht. Wäre nicht die beharrliche und glühende Liebe des britischen Snobs zum Adel unausrottbar, so würde er in das äußerste Elend geraten. So mancher junge Mann aus dem Mittelstande müßte Legg als Schuft und Betrüger erkennen; aber sein Wunsch nach vornehmem Umgang, seine Bewunderung für tadellos gekleidete und tonangebende Elegants und sein Ehrgeiz, sich in der Begleitung eines Lordsprößlings einen besonderen Anstrich zu geben, ermöglichen es Legg immer wieder, solche Leute auszunutzen. Ist solch junger Grünschnabel doch glücklich, bezahlen zu dürfen, wenn er nur in so guter Gesellschaft bezahlen darf. Mancher würdige Familienvater fühlt sich geschmeichelt, wenn er hört, daß sein Sohn mit Kapitän Legg, dem Sohn Lord Levants, ausreitet, und freut sich, daß der Stolz seiner Familie sich in so guter »Gesellschaft« befindet.

Legg und sein Freund, Major Macer, machen Geschäftsreisen durch ganz Europa und sind stets zur rechten Zeit und am rechten Ort zur Stelle. Im vorigen Jahr hörte ich von einem meiner jungen Bekannten, Mr. Muff aus Oxford, der etwas vom Leben auf einem Pariser Karnevalball kennenlernen wollte, daß er dort von einem Engländer angesprochen worden sei, der vorgab, nichts von der verfl... Sprache zu verstehen, und da er höre, daß Muff so ausgezeichnet französisch spreche, so bäte er ihn, in dem Streit, in den er mit dem Kellner wegen der Getränke geraten sei, den Dolmetscher abzugeben. Es wäre eine Wohltat, hätte der Fremde gesagt, endlich ein ehrliches englisches Gesicht zu sehen, und ob Muff wisse, wo man gut zur Nacht speisen könne? So gingen die beiden also gemeinschaftlich soupieren, und wer in aller Welt hätte sich wohl dazu einfinden können als Major Macer? Legg stellte natürlich Macer vor, und bald waren die drei so vertraulich miteinander, daß man Kümmelblättchen zu spielen anfing usw. usw. – Jahr für Jahr kommen Scharen von Muffs nach den verschiedensten Orten der Welt und werden von Legg und Macer ausgebeutelt. Die Geschichte ist so abgedroschen, die Verführungskunst so uralt und plump, daß man sich wirklich wundert, wie jemand noch darauf hineinfallen kann; aber die Versuchungen des Lasters im Verein mit denen des Adels sind zu groß für junge englische Snobs, und deshalb werden täglich von neuem junge grüne Opfer eingefangen. Wenn es nur vornehme Herren sind, die ihn schlecht behandeln und betrügen, so wird der wahre britische Snob sich dennoch stets für die Ehre bedanken.

Ich habe wohl nicht nötig, hier noch auf den ganz gemeinen britischen Snob anzuspielen, der verzweifelte Versuche macht, um mit den großen festländischen Aristokraten intim zu werden, wie zum Beispiel der alte ehemalige Bäcker Rolls, der sein Quartier im Faubourg Saint Germain aufgeschlagen hat und nur noch Karlisten und französische Adlige – aber nicht unter einem Marquis – bei sich empfangen will. Wir können zwar über solche Anmaßung nicht herzlich genug lachen – wir, die wir vor einem Edlen unserer eigenen Nation zittern. Aber du bemerkst sehr richtig, mein tapferer und ehrlicher John Bull Snob, daß ein französischer Marquis mit zwanzig Ahnen etwas ganz anderes ist als ein englischer Pair. Eine Bande bettelarmer deutscher Fürsten oder italienischer Principi erwecken den Spott eines erfahrenen Briten. Aber unsere eigenen Aristokraten – ja, das ist ganz etwas anderes. Sie sind die wirklichen Führer der Welt – – der uralte und untadelige Adel! Hut ab, Snob, nieder auf die Knie, Snob, und kusch dich!


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