Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Achtundzwanzigstes Kapitel

Handelt von weiteren Snobs auf dem Lande

Beelzebub soll euch Aristokraten holen«, meinte Ponto bei einem Gespräch, welches wir inbezug auf die Familie Carabas hatten, mit der die »Immergrüner« verfeindet waren. »Als ich zum erstenmal hierher in die Grafschaft kam – es war im Jahr, ehe Sir John Buff im Interesse der ›Blauen‹ kandidierte –, erwies der Marquis, damals Lord St. Michaelis, der natürlich ›Gelb‹ bis auf die Knochen war, meiner Frau und mir derartige Aufmerksamkeiten, daß ich mich, ich will es ehrlich gestehen, durch, seinen abgebrauchten Firlefanz einnehmen ließ und glaubte, ich hätte an ihm einen ganz einzigen Nachbarn. Jawohl, Herr, wir erhielten damals ganz regelmäßig Ananas von den Carabas, und es hieß: ›Ponto, wann wollen Sie einmal zu mir zur Jagd kommen?‹ und ›Ponto, unsere Fasanen müssen abgeschossen werden‹ – und die gnädige Frau bestand darauf, daß ihre liebe Mrs. Ponto über Nacht bei ihr bleiben müsse, und veranlaßte mich, ich weiß nicht mehr zu was für Ausgaben für Turbane und Sammetkleider für meine Frau. Also gut, die Wahl fand statt, und obwohl ich stets liberal war, gab ich natürlich meine Stimme für St. Michaelis ab, der auch aus der Urne hervorging. Im nächsten Jahr besteht Mrs. Ponto darauf, daß wir nach London gehen und in Clarges Street Wohnung für zehn Pfund wöchentlich und einen Brougham mieten müssen. Dazu kamen dann neue Kleider für sie und die Mädchen, und der Teufel weiß, was ich noch alles bezahlen mußte. Unsere ersten Karten gaben wir bei den Carabas ab; die Gnädige läßt aber die ihre durch einen großen, dicken Diener wieder schicken. Sie werden sich den Ärger meiner armen Betsy über diese Abweisung denken können, als das Zimmermädchen die Karten hereinbrachte, während inzwischen schon Lady St. Michaelis fortfuhr, obwohl sie uns tatsächlich am Fenster des Salons hatte stehen sehen. Ist es wohl zu glauben, Herr, daß, obwohl wir später noch viermal diese verdammten Aristokraten besucht haben, unser Besuch doch niemals erwidert wurde? Daß, obwohl Lady St. Michaelis neun Diners und vier Déjeuner-Gesellschaften in jener Saison gab, sie uns niemals zu einer eingeladen hat, daß sie uns in der Oper absolut schnitt, obwohl Betsy ihr den ganzen Abend zunickte?! Wir baten sie um Karten für die Almack-Bälle; sie schrieb uns zurück, daß die ihnen zur Verfügung stehenden bereits sämtlich vergeben wären, und sagte in Gegenwart ihrer Kammerzofe Wiggins, die es dem Mädchen meiner Frau, Diggs, wiedererzählt hat, sie könne nicht begreifen, wie Leute in unserer Lebensstellung sich so weit vergessen könnten, daß sie an solchem Ort zu erscheinen wünschten! Gehen Sie nur ruhig auf das Schloß der Carabas, ich sterbe lieber, als daß ich meinen Fuß in das Haus dieses unverschämten, insolventen und frechen Dummkopfes setze – ich strafe ihn mit Verachtung!« Hierauf gab mir Ponto einigen privaten Aufschluß über die Vermögensverhältnisse der Carabas: Wie er überall in der Grafschaft Geld schuldig wäre, daß durch ihn der Zimmermeister Jukes vollständig zugrunde gerichtet sei und auch nicht einen Schilling von ihm bekommen könne, daß aus demselben Grunde sich der Schlächter Biggs aufgehängt habe, daß die sechs großen Lakaien nie eine Guinee von ihrem Lohn erhielten und daß der Galakutscher Snaffle tatsächlich seine Staatsperücke aus gesponnenem Glas heruntergerissen und sie der Lady Carabas auf der Schloßterrasse vor die Füße geworfen hätte. Und noch mehr solcher Geschichten, die ich aber, weil privater Natur, zur Verbreitung nicht für geeignet halte. Indessen vermochten diese Einzelheiten bei mir nicht den Wunsch zu ersticken, den berühmten Bau des Schlosses der Carabas kennenzulernen, im Gegenteil machten sie mein Interesse nur reger, mehr über dieses Herrenhaus und seine Bewohner zu erfahren.

*

Am Eingang des Parkes stehen ein paar große, mit Stockflecken durchsetzte Pförtnerhäuser, luftig nach der Art dorischer Tempel mit schwarzen Schornsteinen im besten klassischen Stil erbaut, während die Tore natürlich als Krönung die gestiefelten Kater, das bekannte Emblem derer von Carabas, tragen. »Geben Sie der Pförtnerfrau einen Schilling«, sagte Ponto, der mich bis hierher in seinem vierrädrigen Marterkasten gefahren hatte, »ich schwöre drauf, es ist das erste wirkliche Geldstück, das sie seit langer Zeit zu sehen bekommen hat.« Ich weiß nicht, ob Grund zu diesem Spott vorhanden war, aber das Trinkgeld wurde mit einem Knicks in Empfang genommen, und das Tor öffnete sich, um mich einzulassen. »Arme alte Pförtnersfrau«, dachte ich bei mir, »ahnst du es wohl, daß du den Historiographen der Snobs eingelassen hast?« Das Tor schloß sich hinter mir; eine feuchte, grüne Parkanlage breitete sich nach rechts und links scheinbar unermeßlich aus und wurde von einer kahlen, grauen Mauer eingefaßt. Eine nasse, gerade Allee, auf deren Seiten Reihen großer und düsterer Linden standen, führte nach dem Schloß hin. In der Mitte des Parkes befindet sich ein großer, schwarzer, seeartiger Teich, der von Binsen starrt und über und über mit Entengrün bedeckt ist. Ein altersschwacher Tempel erhebt sich auf einer Insel inmitten dieses ergötzlichen Sees, zu dem man auf einem vermoderten Boot gelangen kann, welches in einem verfallenen Bootshause liegt. Gruppen von Ulmen und Eichen neigen sich über die weite grüne Fläche. Diese Bäume wären gewiß schon lange gefällt worden – aber der Marquis darf kein Nutzholz schlagen lassen.

Einsam durchwandelte der Snobograph diese lange Allee. Am neunundsiebzigsten Baum links hatte sich der zahlungsunfähige Schlächter aufgehängt; ich staunte kaum ob dieser unseligen Tat, so trostlos waren die ganzen mit der Örtlichkeit verbundenen Eindrücke. So ging ich wohl anderthalb Meilen für mich hin in Gedanken – an den Tod.

Ich vergaß zu sagen, daß man fast auf dem ganzen Wege die Aussicht auf das Herrenhaus hat, nur die Bäume auf der trostlosen Insel im See entziehen es hin und wieder dem Blick. Das Haus ist ein ungeheurer viereckiger Ziegelbau, öde und düster, mit steinernen Rundtürmen an allen vier Ecken, auf denen Wetterfahnen angebracht sind. Die Mitte der großen Fassade nimmt ein ionischer Säulenbau ein, zu dem man auf einer mächtigen, einsamen und unheimlichen Freitreppe hinansteigt.

Rechts und links davon befinden sich auf jeder Seite Reihen schwarzer Fenster mit Steinkreuzen – im ganzen erblickt man durch drei Stockwerke Fronten von je achtzehn Fenstern. Eine Abbildung des Palastes mit der Freitreppe kann man in den Ansichten aus England und Wales sehen. Vier reich geschnitzte, vergoldete Karossen warten auf der Rampe, und verschiedene Gruppen von Herren und Damen in Perücken und Reifröcken halten die steifen Linien der Freitreppe besetzt.

In vornehmen Häusern sind indessen diese Treppen nicht zum Hinaufsteigen erbaut. Wenn die erste Lady Carabas (sie stehen erst seit achtzig Jahren im Pairskalender) bei einem Regenguß aus ihrer vergoldeten Kutsche ausgestiegen wäre, so hätte sie bis auf die Haut naß werden müssen, ehe sie nur halbwegs die Treppe zur Ionischen Säulenhalle hinaufgekommen wäre, wo die vier traurigen Statuen des Friedens, des Reichtums, der Frömmigkeit und der Vaterlandsliebe die einzigen Schildwachen sind. Der Eingang zu solchen Palästen führt durch Hintertüren. »Durch diese haben die Carabas auch Einlaß in den Pairskalender gefunden«, sagte mir nach Tisch einmal der menschenfeindlich angehauchte Ponto.

Nun – ich klingelte also an einer kleinen, niederen Seitentür – es bimmelte, läutete und widerhallte lange Zeit im ganzen Hause, bis schließlich der Kopf einer Art von Kastellansfrau durch die Tür guckte, die sie sich erst dann zu öffnen herbeiließ, als sie mich mit vielsagender Gebärde nach der Westentasche langen sah. »Unselige, verlassene Kastellansfrau«, dachte ich bei mir, »kann Miß Crusoe wohl einsamer auf ihrer Insel gewesen sein?« Die Tür schloß sich hinter mir, und ich befand mich im Schlosse derer von Carabas.

»Der Seiteneingang und die Halle«, erklärte die Kastellansfrau. »Der Halligator über dem Kamin wurde von Hadmiral St. Michaelis von einem Jagdausflug mit Lord Hanson mitgebracht. Das Vappen auf den Stiehlen ist das Vappen der Familie Carabas.« Die Halle konnte man beinahe gemütlich nennen. Nun stiegen wir eine saubere, steinerne Hintertreppe hinauf und gelangten durch einen lieblich mit zerlumpten lichtgrünen Teppichen belegten Korridor in

»die große Halle«.

»Die große Halle ist zweiundsiebzig Fuß lang, sechsundfünfzig Fuß breit und achtunddreißig Fuß 'och. Die Figuren am Hofen stellen die Burt von Venus und Erkules dar, der Ilas ist von van Chislum, dem berühmtesten Bildhauer seiner Zeit und seines Landes. Auf dem Deckengemälde von Calimanco sehen Sie die Malerei, Harchitektur und Musik (jene nackte Figur auf der Drehorgel), dann den hersten Lord Carabas, Georg, den die Musen in den Tempel geleiten. Die Fensterverzierungen sind von Vanderputty. Der Boden ist aus Patagonischem Marmor; der Kronleuchter in der Mitte wurde dem zweiten Marquis, Lionel, von Ludwig dem Sechzehnten, dessen 'Aupt in der französischen Revalation abgeschlagen wurde, geschenkt. Nun treten wir in die

›Süd-Galerie‹

ein: ›Undertachtundvierzig Fuß lang und zweiunddreißig Fuß breit. Sie ist verschwenderisch herausgeschmückt durch die hauserlesensten Gunstwerke. Sir Andrew Katz, der Stammvater der Familie Carabas, der Bankier des Fürsten von Horanien, ist von Kneller. Die gegenwärtige gnädige Frau von Lawrence. Von demselben Künstler ist auch Lord St. Michaelis gemalt. Er ist auf einem Fels sitzend in Samthosen dargestellt. Moses auf der Hochsenweide – der Hochse namentlich ist sehr gut gelungen – von Paul Potter. Die Toilette der Venus von Fantaski. Zechgelage Flemischer Bauern von van Ginnums. Jupiter und Europia von De Horn. Der Canale Grande in Venerig von Candleetty und Italienische Banditen von Slavata Rosa.« Und in diesem Tempo fuhr diese wortreiche Frauensperson Zimmer für Zimmer fort. Vom Blauen zum Grünen, vom Grünen zum Großen Salon, vom Großen Salon zur Gobelin-Kammer, überall haspelte sie ihr Programm von Gemälden und sonstigen Herrlichkeiten herunter und hob auch die braunen Leinwandüberzüge an einer Ecke auf, damit man die Farbe der alten, verblaßten, schäbigen, modernden und zerfetzten Wandbekleidungen sehen konnte.

Zuletzt gelangten wir in das Schlafzimmer der gnädigen Frau. In der Mitte dieses öden Raumes befindet sich ein Bett von der Größe eines jener luftigen Tempel, in denen der Genius im Puppentheater zu erscheinen pflegt. Stufen führen zu diesem kolossalen vergoldeten Gebäude hinan, das so hoch ist, daß man es bequem in Stockwerke abteilen könnte, wodurch man Schlafräume für die ganze Carabassche Familie bekommen würde. Ein schauderhaftes Bett; an seinem einen Ende könnte ein Mord passieren, ohne daß man es am anderen Ende merkte! Himmlische Mächte! Stellt euch den kleinen Lord Carabas mit einer Nachtmütze vor, wie er die Stufen hinaufsteigt, nachdem er das Licht gelöscht hat!

Der Anblick dieser zerschlissenen und unbewohnten Pracht war zu viel für mich. Ich an der Stelle dieser einsamen Kastellansfrau würde verrückt werden – in diesen riesigen Galerien, in dieser einsamen Bibliothek, die mit fabelhaften Folianten, die niemand zu lesen wagt, angefüllt ist, mit einem Tintenfaß von der Größe eines Kindersarges auf dem Mitteltisch und den traurigen Porträts, die einen von den schwarzen Wänden mit ihren feierlichen, vermoderten Augen anstarren! Kein Wunder, daß Carabas nicht oft hierher kommt. Zweitausend Lakaien gehören dazu, um das Haus zu beleben. Kein Wunder, daß der Kutscher seine Perücke zu Boden schmetterte, daß die Herren zahlungsunfähig sind und daß die Diener in diesem ungeheuren, traurigen und abgelegenen Steinkasten umkommen.

Eine einzelne Familie hat nicht die Berechtigung, sich einen derartigen Tempel zu bauen, ebensowenig wie sie sich einen Turm zu Babel errichten wird. Dennoch glaube ich aber, daß der arme Carabas keine andere Wahl hatte. Das Schicksal stellte ihn dorthin, wie es Napoleon nach St. Helena sandte. Angenommen, du und ich wären von der Natur dazu ausersehen, Marquis zu sein? Vermutlich würden wir nicht nein sagen, sondern Schloß Carabas mit allem Drum und Dran, mit seinen Schulden, Gläubigern, unangenehmen Notbehelfen, schäbigem Stolz und seiner schwindelhaften Pracht übernehmen.

Wenn ich in der nächsten Saison von den glänzenden Festen der Lady Carabas in der »Morning Post« lesen und den armen alten ruinierten Marquis durch den Park galoppieren sehen werde – dann will ich ein innigeres Mitgefühl als bisher mit diesen großen Leuten haben. Armer, alter, schäbiger Snob! Reite nur und erwecke weiter den Glauben, daß die Welt noch immer vor dem Hause der Carabas auf den Knien liegt! Hänge nur weiter deinen Einbildungen nach, armer, alter, bankerotter Grande! Wie mußt du dich doch selbst unter den Schulden, die du bei deinen Lakaien hast, winden! Wie tief bist du gesunken, daß du dich dazu verstehen mußt, arme Kaufleute zu beschwindeln?!

Und nun zu uns, meine Mitbrüder und Snobs! Sollten wir uns nicht glücklich schätzen, daß unser Weg durch dies Leben ebener geht und daß wir außerhalb des Bereiches dieser unverständigen Anmaßung und dieser erstaunlichen Gemeinheit uns befinden, zu der dieses ungeheuerliche alte Standesopfer sich hinaufschwingen oder herabwürdigen muß!


 << zurück weiter >>