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Sechzehntes Kapitel

Literarische Snobs

Was wird er über literarische Snobs sagen?« das sind wir, ich mache kein Hehl daraus, oft vom Publikum gefragt worden. »Wie kann er seinen eigenen Beruf auslassen? Wird dieses wilde und schonungslose Untier, das den Adel, die Geistlichkeit, die Armee, ja selbst die Damen erbarmungslos angreift, nicht zögern, wenn die Reihe des Erdrosselns an sein eignes Fleisch und Blut kommt?«

Mein teurer und hochverehrter Fragesteller, wen schlägt der Schulmeister wohl nachdrücklicher als seinen eigenen Sohn? Ließ nicht Brutus seine Sprößlinge köpfen? Sie haben wirklich eine sehr schlechte Meinung von dem gegenwärtigen Stand der Literatur und des Literaten selbst, wenn Sie glauben, daß einer von uns zögern würde, ein Messer seinem Kollegen von der Feder in den Leib zu stoßen, wenn dessen Tod dem Staate irgendwie von Nutzen sein könnte.

Tatsache ist es aber, daß es im literarischen Beruf keine Snobs gibt. Sehen Sie sich doch in der ganzen Zunft der britischen Schriftsteller um, und dann fordere ich Sie auf, mir unter ihnen ein einziges Beispiel von Gemeinheit, Neid oder Anmaßung namhaft zu machen.

Männer und Frauen, soweit ich sie in diesem Stand kennengelernt habe, sie alle sind bescheiden in ihrem Benehmen, elegant in ihren Manieren, makellos in ihrem Leben und ehrbar in ihrem Verhalten der Welt und ihren Kollegen gegenüber. Gelegentlich, das ist richtig, mag es ja einmal vorkommen, daß ein Journalist auf seinen Bruder schimpft, aber warum wohl? Nicht im mindesten aus Bosheit und erst recht nicht aus Neid, sondern lediglich wegen seines Sinnes für Wahrheit und seiner Pflicht gegen die Öffentlichkeit. Nehmen Sie zum Beispiel an, daß ich in aller Freundschaft mir die Person meines Freundes Mr. Punch einmal vornehme und etwa sage, Mr. Punch hat einen Buckel und seine Nase und sein Kinn sind krummer, als ihre Gestaltung bei Apoll oder Antinous ist, die wir uns als Vorbilder für männliche Schönheit zu betrachten gewöhnt haben. Beweist dies Bosheit meinerseits gegen Mr. Punch? Nicht im geringsten. Die Pflicht des Kritikers ist es, sowohl die Fehler wie die Vorzüge zu enthüllen, und darum tut er unentwegt mit der größten Schonung und Offenheit seine Pflicht.

Das Urteil eines klugen Ausländers über unsere Manieren ist stets von Wert, und ich halte in dieser Beziehung das Werk eines hervorragenden Amerikaners, des Mr. N. P. Willis, für hervorragend wertvoll und unparteiisch. In seiner »Geschichte des Ernst Clay«, eines Elitefeuilletonisten, erhält der Leser einen wahrheitsgetreuen Bericht über das Leben eines beliebten englischen Schriftstellers, der stets der Löwe der Gesellschaft gewesen ist.

Er nimmt den Rang von Herzögen und Grafen ein, der ganze Adel strömt herbei, um ihn zu sehen. Ich weiß nicht mehr, wie viele Baronessen und Herzoginnen sich in ihn verliebt haben. Hierüber will ich aber lieber schweigen. Die Bescheidenheit verbietet es mir, die Namen all der Gräfinnen und geknickten Herzen und der teuren Marquisen zu offenbaren, die jeden einzelnen Mitarbeiter unseres Blattes angeschmachtet haben.

Wenn jemand wissen will, wie innig die Beziehungen der Autoren zu der vornehmen Welt sind, so braucht er bloß die in ihren Kreisen spielenden Novellen zu lesen. Welche verfeinerte Bildung und was für ein Zartgefühl spricht nicht aus den Werken von Mrs. Barnaby! Welch auserlesene gute Gesellschaft trifft man nicht bei Mrs. Armytage an! In den seltensten Fällen tut sie es unter einem Marquis. Ich kenne nichts Entzückenderes als die Schilderungen vornehmen Lebens in »10 000 Pfund Einkommen jährlich«, die vielleicht nur noch übertroffen werden von dem »Jungen Herzog« oder von »Coningsby«. Eine bescheidene Anmut spricht aus ihnen und ein Zug hoher Lebensart, die nur dem blauen Blut zu eigen ist, mein verehrter Herr, – dem echten blauen Blut.

Und wie sprachgewandt sind doch viele unserer Schriftsteller! Lady Bulwer, Lady Londonderry, Sir Edward selbst – sie schreiben Französisch mit einer vornehmen Eleganz und Leichtigkeit, die sie himmelhoch über ihre kontinentalen Nebenbuhler stellt, von denen nicht einer (Paul de Kock ausgenommen) ein Wort Englisch versteht.

Und welcher Engländer empfindet nicht ausgesuchte Freude bei der Lektüre der Werke von James, die so bewundernswert flüssig geschrieben sind! Was sagt man aber erst zu dem liebenswürdigen Humor und der glänzenden Stegreifkunst und Leichtigkeit von Ainsworth! Unter den sonstigen Humoristen lohnt es sich, einen Blick auf Jerrold, den ritterlichen Anwalt der Torys, der Kirche und des Staates, zu werfen und auf Beckett, der so heiter in der Form ist, es aber so bitter ernst mit seinen Zielen meint, und schließlich auf James, dessen klarer Stil und Witz, der niemals mit Possenreißerei untermischt ist, einem kongenialen Publikum so recht mundet.

Was die Kritiker anlangt, so gibt es vielleicht kein Journal, das soviel für die Literatur getan hat wie die bewundernswürdige »Quarterly Review«. Sie ist sicherlich nicht frei von Vorurteilen, wer aber könnte das von sich behaupten. Eigentlich gehört es ja nicht zu ihren Obliegenheiten, Größen herunterzureißen oder erbarmungslos über solche Leute, die, wie zum Beispiel Keats und Tennyson, die Anwartschaft haben, als Größen bezeichnet zu werden, herzufallen; aber andererseits ist sie die Freundin aller jungen Autoren und hat auf jedes aufstrebende Talent im Lande hingewiesen und es unterstützt. Daher wird sie auch von jedermann geliebt. Weiter haben wir »Blackwoods Magazine«, das berühmt ist wegen seiner bescheidenen Eleganz und seiner liebenswürdigen Satire. Diese Zeitschrift überschreitet selbst im Scherz niemals die Grenzen der Höflichkeit. Sie ist berufen zu einem Urteil über die guten Sitten, und obwohl sie die schwachen Seiten der Londoner Autoren (auf welche die Schöngeister Edinburghs mit so gerechtfertigter Geringschätzung blicken) geißelt, wird sie doch niemals grob in ihrem Spott. Der glühende Enthusiasmus des »Athenäums« ist nur zu gut bekannt, ebenso wie der beißende Witz der zu schwer verständlichen »Literary Gazette«. Der »Examiner« ist vielleicht zu schüchtern und der »Spectator« zu ungestüm mit seinem Lobe – aber wer wird über diese kleinen Fehler gleich spotten? Nein, nein, die Kritiker in England und die Autoren in England rivalisieren nicht miteinander, da sie einen festgefügten Block bilden. Und das ist der Grund, weshalb es uns unmöglich wird, Fehler an ihnen zu entdecken.

Überdies habe ich niemals einen Literaten kennengelernt, der sich seines Berufes geschämt hätte. Diejenigen, welche uns kennen, wissen, welch ein herzlicher und brüderlicher Geist unter uns allen herrscht. Manchmal macht einer der unsrigen Karriere, dann wird niemand ihn angreifen oder verspotten, sondern ihm von Herzen Glück zu seinem Erfolge wünschen. Wenn Jones bei einem Lord zu Mittag speist, so wird Smith nie deshalb sagen, Jones sei ein Höfling oder ein Kriecher. Andererseits wird Jones, der gewohnt ist, in hohen Kreisen zu verkehren, sich niemals in Anbetracht dieser Gesellschaft etwas einbilden, sondern er wird in Pall Mall den Arm eines Herzogs verlassen und auf die andere Seite der Straße gehen, um den armen Brown anzureden, den jungen Reporter, der einen Penny für die Druckzeile erhält.

Dieser Sinn von Gleichheit und Brüderlichkeit unter den Schriftstellern hat mich stets als eine der liebenswürdigsten Charaktereigenschaften unserer Kaste gerührt. Weil wir uns gegenseitig kennen und achten, achtet uns auch die ganze Welt so sehr, besonders auch, weil wir eine so gute Stellung in der Gesellschaft einnehmen und uns dort so vorwurfsfrei benehmen.

Die Literaten stehen in solcher Achtung bei der Nation, daß während der gegenwärtigen Regierung schon ganze zwei von ihnen bei Hofe eingeladen wurden, auch ist es wahrscheinlich, daß gegen Ende der Saison ein oder zwei bei Sir Robert Peel zur Tafel befohlen werden dürften.

Sie sind beim Publikum so beliebt, daß sie stets genötigt sind, ihre Bilder aufnehmen und veröffentlichen zu lassen; und einen oder zwei könnte ich namhaft machen, von denen die Nation jedes Jahr ein neues Bild zu haben wünscht. Nichts kann erfreulicher sein als dieser Beweis einer herzlichen Zuneigung, welche das Volk für seine Lehrer hat.

Die Literatur wird in England so hoch in Ehren gehalten, daß eine Summe von 1200 Pfund Sterling jährlich als Pensionen für verdiente Leute dieses Berufes ausgesetzt ist. Und das ist für die Berufsgenossen ein großes Kompliment und ein Beweis für ihren im allgemeinen gedeihenden und blühenden Stand. Denn sie sind fast durchweg so wohlhabend und sparsam, daß kaum je Geld zu Unterstützungszwecken für sie erbeten wird.

Da jedes meiner Worte wahr ist, so möchte ich in aller Welt wissen, was ich eigentlich über literarische Snobs schreiben soll?


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