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Siebentes Kapitel

Handelt von weiteren achtbaren Snobs

Lassen wir nun einen Blick auf das Nebenhaus von Lady Susan Scraper fallen; ich meine das Gebäude mit dem Vordach über der Tür. Der Baldachin wird heute abend zur Bequemlichkeit der Freunde von Sir Alured und Lady S. de Mogyns, deren Gesellschaften so sehr von den Gästen und deren Gastgebern selbst bewundert werden, heruntergelassen.

Pfirsichfarbene Livreen mit silbernen Tressen und erbsengrünen Plüsch-Unaussprechlichen machen die Diener der de Mogyns zum Stolz des ganzen Stadtteiles, wenn sie im Hyde Park mit Lady de Mogyns erscheinen, die nachlässig in ihre Wagenkissen gelehnt, einen Zwergspaniel im Arm, nur die Vornehmsten unter den Vornehmen grüßt. Wie anders ist es doch im Laufe der Zeit mit Mary Anna, oder wie sie sich jetzt nennt, Marian de Mogyns, geworden!

Sie war die Tochter des Hauptmanns Flack von der Rathdrummer Miliz, der vor so und so viel Jahren mit seinem Regiment von Irland nach Caermarthenshire herübergeeilt war, um Wales gegen den korsischen Eindringling zu verteidigen. Die Rathdrummer waren in Pontydideldum einquartiert, wo Marianne einen jungen Bankier vom Orte, namens de Mogyns, sich zu angeln suchte, was ihr auch gelang. Seine Aufmerksamkeiten gegen Miß Flack waren auf einem Witwenball derart, daß ihr Vater dem de Mogyns erklärte, er müsse entweder auf dem Felde der Ehre sterben oder sein Schwiegersohn werden. Er zog die Heirat vor. Sein Name war damals einfach Muggins, und sein Vater, Bankier mit einem blühenden Geschäft, Armeelieferant, Schmuggler und Unternehmer für alles, enterbte ihn beinahe wegen dieser Verbindung. Man erzählt sich eine Geschichte, wonach der alte Muggins zum Baronet gemacht worden wäre, weil er einem M-t-g-l-d des K-n-g-l. Hauses Geld geliehen haben soll. Das glaube ich aber nicht, denn die K-n-g-l. Familie hat stets ihre Schulden bezahlt, vom Prince of Wales an abwärts.

Sei dem, wie ihm wolle, jedenfalls blieb er bis zu seinem Tode der einfache Sir Thomas Muggins und vertrat noch viele Jahre nach dem Kriege Pontydideldum im Parlament. Der alte Bankier verstarb im Laufe der Jahre und hatte, um die landläufige Redensart anzuwenden, »tüchtig auf die hohe Kante gelegt«. Sein Sohn Alfred Smith Mogyns war der Erbe des größten Teils seines Vermögens, seines Titels und der »blutigen Hände« in seinem Wappenschild. Bereits einige Jahre später erschien er als Sir Alured Mogyns Smyth de Mogyns auf Grund einer Genealogie, die für ihn der Herausgeber des Flukeschen Pairskalenders gefunden hatte und die in diesem Werke folgendermaßen lautet:

»De Mogyns. Sir Alured Mogyns Smyth, zweiter Baronet. Dieser Herr ist der Repräsentant eines der ältesten Geschlechter in Wales, die ihre Herkunft so weit zurückführen können, bis sie sich im Nebel der Vorzeit verliert. Ein Stammbaum, der mit Sem beginnt, ist im Besitz der Familie; nach einer viele tausend Jahre alten Legende soll er von einem Enkel des Patriarchen selbst auf Papyrus aufgezeichnet worden sein. Dem sei, wie ihm wolle, jedenfalls steht das ungeheure Alter der Familie außer Zweifel.

Zur Zeit von Boadicea warb Hogyn Mogyn, einer »der hundert Ochsen«, ein Parteigänger und Nebenbuhler von Caractacus, um die Hand dieser Fürstin. Er war von riesengroßer Figur und wurde von Suetonius in der Schlacht, welche die Freiheit Britanniens beendete, erschlagen. Von ihm stammten in direkter Nachfolge die Fürsten von Pontydideldum ab: Mogyn von der goldenen Harfe (vergleiche das Mabinogion von Lady Charlotte Guest), Bogyn-Merodac-ap-Mogyn (der schwarze Dämon der Mogyns) und eine Reihe von Barden und Kriegern, die sowohl in Wales wie in Amerika berühmt waren. Die unabhängigen Fürsten von Mogyn hielten lange den Königen von England stand, bis schließlich Gam Mogyns sich dem Prinzen Heinrich, dem Sohne Heinrichs IV., unterwarf und unter dem Namen Sir David Gam de Mogyns in der Schlacht von Agincourt ausgezeichnet wurde. Von ihm stammt der gegenwärtige Baronet ab (hier folgt die direkte Reihe der Nachkommen) bis auf Thomas Muggins, den ersten Baronet auf Pontydideldum Castle, dreiundzwanzig Jahre lang Mitglied des Parlaments für diesen Wahlkreis, auf den der gegenwärtige Baronet Alured Mogyns Smyth folgte. Dieser verheiratete sich mit Marian, der Tochter des verstorbenen Generals P. Flack aus Ballyflack im Königreich Irland, Nachkommen der Grafen Flack des Heiligen Römischen Reiches. Sir Alured hat folgende Kinder: Alured Caradoc, geboren 1819, Marian 1811, Blanche Adeliza, Emily Doria, Adelaide Obleans, Katinka Rostoptschin, Patrick Flack, gestorben 1809. Wappen: Eine Meeräsche, die mit offenem Maul umgedreht im Rauchfang hängt. Helmschmuck: eine Blaumeise, auf einem Bein stehend und rückwärtsschauend. Wahlspruch: »Ung Roy, ung Mogyns«.

Es verging eine lange Spanne Zeit, bis Lady Mogyns als Stern in der Gesellschaft auftauchte. Zuerst war der arme Muggins in den Händen der Flacks, der Clancys, der Tooles und Shanahans, den irischen Verwandten seiner Frau; und als einstweilen erst mutmaßlicher Erbe ließ er Rotspon und den nationalen Nektar (Whisky) zum Ergötzen seiner hibernischen Verwandten in seinem Hause strömen. Tom Tufto mied ängstlich die Straße, in der sie in London wohnten, weil sie, wie er sagte, so mit Branntweingeruch, der aus dem Hause dieses irländischen Packes käme, geschwängert sei.

Erst im Auslande lernten sie sich in der vornehmen Welt bewegen. Sie suchten bei allen fremden Höfen Zutritt zu finden und drängten sich zu den Bällen der Gesandten. Sie stürzten sich auf die fahrenden Ritter und gabelten junge Lords auf, die mit ihren Bärenführern reisten. Sie gaben Gesellschaften in Neapel, Rom und Paris. Hier gelang es ihnen, einen königlichen Prinzen für ihre Soireen einzufangen, und hier erscheinen sie auch zum ersten Male unter dem Namen de Mogyns, den sie mit so viel Glanz heute führen.

Alle möglichen Anekdoten erzählt man sich über die verzweifelten Anstrengungen, welche die unrausschmeißbare Lady de Mogyns machte, um sich ihren Platz, den sie jetzt behauptet, zu erobern; und diejenigen meiner lieben Leser, die im Mittelstande leben und nichts von den rasenden Kämpfen, den erbitterten Fehden, den Intrigen, Kabalen und Enttäuschungen wissen, die, wie ich andeutete, in der vornehmen Welt herrschen, mögen ihrem Schöpfer danken, daß sie wenigstens keine »Standes-Snobs« sind. Die Intrigen, welche von der de Mogyns in Szene gesetzt wurden, um die Herzogin von Buckskin zu ihren Gesellschaften zu bekommen, würden einen Talleyrand mit Bewunderung erfüllt haben. Sie bekam eine Gehirnentzündung, weil sie bei einer Einladung zu einem Thé dansant bei Lady Aldermanbury übergangen wurde, und sie würde sich das Leben genommen haben, wäre es nicht wegen eines Balles in Windsor unmöglich gewesen. – Die folgende Erzählung verdanke ich meiner edlen Freundin Lady Clapperclaw selbst, der früheren Lady Kathleen O'Shaughnessy, der Tochter des Earl of Turfanthunder:

»Als dieses ekelhafte, verschlagene irische Frauenzimmer, Lady Muggins, noch um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfte und ihre häßliche Tochter Blanche einführen wollte«, sagte die alte Lady Clapperclaw (Marian hat einen Buckel und ist nicht präsentabel, aber sie ist die einzige Lady in der Familie), »als diese nichtswürdige Polly Muggins ihre Blanche mit der Radieschennase und ihren Mohrrübenlocken und ihrem Steckrübengesicht einführen wollte, gab sie sich die größte Mühe – war doch ihr Vater Kuhhirte auf dem Gute meines Vaters gewesen –, von uns patronisiert zu werden. Sie hatte die Stirne, mich, als gerade das Gespräch auf einem Diner beim Grafen Volauvents, dem französischen Gesandten, stockte, laut zu fragen, warum ich ihr nicht eine Einladungskarte zu meinem Ball gesandt hätte.

›Weil meine Zimmer schon zu voll sind und die gnädige Frau sich unliebsam beengt fühlen würde‹, erwiderte ich, denn sie nimmt tatsächlich so viel Platz weg wie ein Elefant, außerdem aber mochte ich sie nicht bei mir haben, das genügte doch allein.

Ich glaubte, meine Antwort hätte sie abgeblitzt, aber am anderen Tage fällt sie mir weinend in die Arme. ›Teuerste Lady Clapperclaw‹, sagte sie, ›ich bitte nicht für mich, sondern für meine geliebte Blanche, dieses junge Geschöpf, das ihre erste Saison mitmacht und nicht auf Ihrem Ball gewesen sein sollte. Mein gutes Kind wird sich deswegen abhärmen und vor Kummer sterben. Ich will ja gar nicht kommen, ich will zu Hause bleiben und Sir Alured, der die Gicht hat, pflegen. Mrs. Bolster geht hin, wie ich weiß, sie wird Blanche unter ihre Fittiche nehmen.‹

›Sie‹, sagte ich, ›haben nichts für den Rathdrummer Decken- und Kartoffelfonds zeichnen wollen, Sie, die Sie aus diesem Kirchspiel stammen, Sie, deren ehrsamer Großvater dort die Kühe gehütet hat.‹

›Werden zwanzig Guineen genügen, teuerste Lady Clapperclaw?‹ – ›Zwanzig Guineen sind genug‹, erwiderte ich, und sie zahlte sie sofort. ›So, nun kann Blanche kommen‹, sagte ich, ›aber Sie nicht, das beachten Sie wohl.‹ Und sie verließ mich mit einer Welt von Danksagungen.

Ist es wohl zu glauben, auf meinem Ball erschien dennoch diese schreckliche Person mit ihrer Tochter. In heftiger Erregung sagte ich ihr: ›Ich ersuchte Sie doch nicht zu kommen?‹ – ›Was würde die Welt dazu gesagt haben‹, erwiderte mir Lady Muggins. ›Mein Wagen holt gerade Sir Alured aus dem Klub ab; lassen Sie mich nur zehn Minuten warten, teuerste Lady Clapperclaw.‹

›Schön, da Sie einmal hier sind, so mögen Sie warten und auch zum Essen bleiben‹, antwortete ich, ließ sie stehen und richtete den ganzen Abend nicht mehr das Wort an sie.

Und nun«, schrie geradezu die alte Lady Clapperclaw, indem sie in die Hände schlug und mehr denn je in ihren harten, irischen Dialekt verfiel, »nun was denken Sie, wie mir diese niedrige, ordinäre, ekelhafte und aufgeblasene Kuhhirtenenkelin all meine ihr erwiesene Güte gedankt hat?! Gestern hat sie mich im Hyde Park geschnitten und hat mir keine Einladung zu ihrem Ball heute abend gesandt, obwohl Prinz Georg bei ihr sein soll.«

Ja, so ist es in der Tat. In dem Wettrennen um den Rang hat die kluge und tätige de Mogyns die arme alte Clapperclaw geschlagen. Ihre Fortschritte in der Vornehmheit kann man an ihren Freundschaften abmessen, die sie schon hofiert, gehabt, geschnitten und aufgegeben hat. Sie hat so tapfer um ihr Ansehen gekämpft und hat sich schließlich ihre Stellung errungen; erbarmungslos hat sie Fußtritte ausgeteilt, als sie auf der Leiter zum Erfolg Schritt vor Schritt in die Höhe stieg.

Zuerst wurden ihre irischen Verwandten geopfert; sie ließ ihren Vater zu dessen wahrer Befriedigung im Dienerzimmer essen und würde auch Sir Alured dorthin verwiesen haben, wäre er nicht der Pflock, an den sie ihre späteren Ehren zu hängen gedenkt, und wäre er nicht nach allem der Zahlmeister für die Aussteuern ihrer Töchter. Er ist ja harmlos und zufrieden. Zudem ist er schon so lange Zeit ein Gentleman, daß es ihm zur zweiten Natur geworden ist, und er spielt nun seine Rolle als Hausherr ganz ausgezeichnet. Tagsüber wechseln seine Neigungen zwischen dem »Union-« und »Arthur-« und dem »Arthur-« und »Union-Club«. Beim Pikettspiel ist er bares Geld, und beim Whist im »Traveller-Club« verliert er ein kleines Vermögen an seine jungen Mitspieler.

Sein Sohn nimmt den Sitz seines Vaters im Parlament ein und hat sich natürlich an das Junge England angeschlossen. Er ist der einzige Mann im Lande, der an die Familiengeschichte der de Mogyns glaubt und der in der Erinnerung der Tage schwelgt, da ein de Mogyns die Schlachten lenkte. Er hat ein Bändchen überschwenglicher, schwächlicher Gedichte geschrieben. Er trägt eine Locke des Bekenners und Märtyrers Laud stets bei sich und fiel in Ohnmacht, als es ihm vergönnt war, den Fuß des Papstes in Rom zu küssen. Er schläft in weißen Glacéhandschuhen und begeht gefährliche Exzesse in grünem Tee.


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