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Zehntes Kapitel

Militärische Snobs

Während ich gestern mit meinem jungen Freunde Tagg im Park spazieren ging und mich mit ihm über die nächste Nummer des »Snob« unterhielt, kamen gerade im rechten Augenblick zwei tadellose Beispiele von militärischen Snobs des Weges – der sporttreibende militärische Snob, Kapitän Rag, und der dumme Streiche machende oder militärische Nichtsnutz-Snob, Fähnrich Famish. Man kann sie wirklich mit ziemlicher Sicherheit alltäglich um fünf Uhr unter den Bäumen des Serpentinenweges zu Pferde bummeln sehen, wo sie kritischen Blickes die Insassinnen der glänzenden Broughams mustern, die den »Damenweg« auf und ab paradieren.

Tagg und Rag sind gut miteinander bekannt, und so erzählte mir der erstere mit jener Offenherzigkeit, die von intimer Freundschaft untrennbar ist, die Geschichte seines teuren Freundes. Kapitän Rag ist ein kleiner zierlicher Nordländer. Er kam noch als reiner Knabe in ein vornehmes, leichtes Kavallerieregiment, und von dem Zeitpunkt seines Eintrittes bei der Truppe an brachte er es fertig, alle seine Kameraden vollendet einzuseifen, indem er ihnen lahme Pferde als gesunde verkaufte und indem er ihnen ihr Geld auf jede nur mögliche Art mit auserlesener und verschlagener Erfindungskunst abnahm. Das trieb er so weit, bis sein Oberst ihn veranlaßte, seinen Abschied zu nehmen, was er ohne großes Widerstreben tat, nachdem er einen jungen Fant, der gerade beim Regiment eintrat, mit einem drusekranken Streitroß von ungewöhnlicher Steifheit beglückt hatte.

Seitdem hat er sich dem Billardspiel, der Steeplechase und dem Turf ergeben. Sein Hauptquartier hat er bei Rummer in der Conduit-Straße aufgeschlagen, wo er sein Schöppchen trinkt, aber stets bereit ist, seinen Beruf als Herrenreiter und Gentleman-Wettleger auszuüben.

Nach der Zeitschrift »Bells Leben« wohnt er unvermeidlich jedem Rennen bei und ist in den meisten derselben auch aktiv tätig. So ritt er den Sieger zu Leamington; vor vierzehn Tagen trug man ihn für tot aus einem Graben zu Harrow fort, und dennoch war er vergangene Woche beim »Croix de Benny« blaß und entschlossen wie immer zur Stelle, wo er die »Badauds« von Paris durch die Eleganz seines Sitzes und seine tadellose Rückenhaltung verblüffte, als er sich im Aufgalopp auf dem Verbrecher »Der Enterbte« zeigte, ehe er für das große Nationale Hindernisrennen startete.

Er ist auch ein regelmäßiger Gast der Wettecke, wo er zwar in beschränktem Maße, aber immerhin ganz ansehnlich sein Büchlein macht. Während der Saison reitet er oft im Park auf einem hübschen Pony guten Schlages. Man kann ihn auch in Begleitung der berühmten Sportsdame, Fanny Highflyer, oder in vertraulicher Zwiesprache mit dem unvergleichlichen Herrenflachreiter Lord Thimblerig sehen.

Sorgfältig meidet er die gute Gesellschaft und zieht es vor, bei »One Tun« mit dem Jockei Sam Snaffle, mit Kapitän O'Rourke und zwei oder drei anderen notorischen Turfräubern ein Steak zu essen, als mit der auserlesensten Londoner Gesellschaft zu verkehren. Er liebt es, bei »Rummer« zu hinterlassen, daß er den Samstag und Sonntag auf freundliche Einladung bei Hocus, dem Wettleger, auf seiner kleinen Besitzung bei Epsom verbringen wird, wo, wenn die Fama recht erzählt, manche sonderbaren Sachen ausgeheckt werden.

Er spielt nicht oft Billard und niemals öffentlich, aber wenn er spielt, so sucht er sich einen unschuldigen Tölpel einzufangen, den er erst dann entläßt, wenn er ihn gänzlich blank gemacht hat. Letzthin hat er auch ziemlich viel mit Famish gespielt.

Wenn er einmal bei Empfängen erscheint, was sich gelegentlich nach einer Schnitzeljagd oder bei einem Sportball ereignet, so zeigt er außerordentliches Vergnügen daran.

Sein junger Freund ist der Fähnrich Famish, der sich nicht wenig geschmeichelt fühlt, in Gesellschaft solch eines verteufelten Kerles wie Rag, der im Park die beste Turfgesellschaft grüßt, gesehen zu werden. Rag läßt sich von Famish in den Tattersall begleiten und übervorteilt ihn beim Pferdehandel, benützt auch gnädigst seine Droschke. Das Regiment dieses jungen Herrn ist in Indien, während er selbst mit Krankheitsattest daheim geblieben ist. Er stellt seine Gesundheit dadurch her, daß er sich jede Nacht bezecht, und stärkt seine Lungen, die schwach sein sollen, durch fortwährendes Zigarrenrauchen. Die Polizisten in der Gegend des Haymarket kennen die kleine Kröte, und die Frühkutscher grüßen ihn. Die verschlossenen Türen der Fisch- und Hummerhändler öffnen sich nach dem Gottesdienst und speien den kleinen Famish aus, der entweder beschwipst und streitsüchtig ist und sich dann am liebsten mit Kutschern prügeln möchte oder total betrunken und hilflos ist, worauf sich dann wohl eine gütige Freundin (in gelbseidenem Kleid) seiner annimmt. Die ganze Nachbarschaft, die Droschkenkutscher, die Polizisten, die Kartoffelverkäufer und die gelbseidenen Freundinnen kennen den jungen Burschen, und von einigen der übel beleumdetsten Subjekte Europas wird er »der kleine Bobby« genannt.

Seine Mutter, Lady Fanny Famish, glaubt steif und fest daran, daß sich Robert in London allein zu dem Zwecke aufhält, um seinen Arzt zu konsultieren; sie gibt sich Mühe, den Sohn in ein Dragonerregiment versetzen zu lassen, das nicht nach diesem schrecklichen Indien zu gehen braucht; sie glaubt, daß er eine schwache Lunge hat und jeden Abend Haferschleim und ein heißes Fußbad nimmt. – Die gnädige Frau wohnt in Cheltenham und ist sehr fromm.

Natürlich verkehrt Bobby im »Union-Jack-Club«, wo er sein Frühstück einnimmt, dazu Pale-Ale trinkt und um drei Uhr ein gepfeffertes Nierengericht ißt; hier versammeln sich bartlose junge Helden seines Schlages, treiben dummes Zeug und

laden sich gegenseitig ein. Hier kann man ein halbes Dutzend junger Wüstlinge vierten oder fünften Ranges auf den Treppen rauchend umherlungern sehen, hier sieht man auch die langschwänzige und hochbeinige Stute Slappers, die von einer Rotjacke gehalten wird, bis der Kapitän mit einem Glase Curacao im Leibe nach dem Park aufbricht; hier fährt auch Hobby von den gelbledernen Hochländern mit Dobby von den Madras Füsilieren in der großen, rasselnden, schwankenden Droschke vor, die der letztere sich von Rumble aus der Bond Street gemietet hat. Wirklich! Es gibt militärische Snobs in solcher Zahl und Mannigfaltigkeit, daß hundert Nummern des »Punch« nicht ausreichen würden, um sie zu spezifizieren. Außer dem unangesehenen, alten Militär-Snob, der den Dienst kennt, den angesehenen, alten Militär-Snob, der den Dienst nicht kennt und sich den denkbar größten martialistischen Anstrich gibt. Ich greife noch den Militärarzt-Snob heraus, der für gewöhnlich in seinen Reden noch unglaublich viel militärischer ist als der größte Haudegen in der Armee. Den Schweren-Dragoner-Snob, den die jungen Mädchen wegen seines großen dummen, geröteten Gesichtes und seines blonden Schnurrbartes anhimmeln – fürwahr ein zwar hohler, hochtrabender und törichter, aber tapferer und ehrbarer Snob. Dann gibt es den Amateur-Militär-Snob, der Hauptmann auf seine Karten drucken läßt, trotzdem er nur Leutnant von der Bungay-Miliz ist, und schließlich den damenbezwingenden Militär-Snob; und noch viele andere, die es nicht zu bezeichnen lohnt.

Aber niemand, das wiederholen wir, darf dem »Punch« Nichtachtung für die Armee im allgemeinen unterstellen, dieser tapferen und gerechten Armee, deren Angehörige durchweg vom Feldmarschall, dem Herzog von Wellington, abwärts (mit alleiniger Ausnahme Seiner Königlichen Hoheit, des Feldmarschalls Prinzen Albert, der indessen kaum zum Militär gerechnet werden kann) in jeder Gegend des Erdballes den »Punch« lesen.

Euch Zivilisten, die ihr über die Erfolge der Armee spottet, empfehle ich den Bericht von Sir Harry Smith über die Schlacht von Aliwal zu lesen. Nie ist eine edle Tat in edlerer Sprache erzählt worden. Und ihr, die ihr daran zweifelt, ob Ritterlichkeit existiert oder ob das Zeitalter des Heldentums vorüber sei, haltet euch Sir Henry Hardinge und seinen Sohn, »den lieben kleinen Arthur«, vor Augen, die an die Spitze der Schlachtlinie bei Ferozeshah sprengten. Ich hoffe, kein englischer Maler wird sich die Mühe geben, diesen Augenblick im Bilde zu verewigen, denn wer von ihnen wäre wohl einem solchen Vorhaben gewachsen? Die Weltgeschichte kennt kein prachtvolleres und heldenhafteres Bild. Nein, nein, die Männer, welche solche Taten mit solch wundervollem Heldenmut vollbringen und sie mit solch bescheidener Männlichkeit beschreiben, sind keine Snobs, ihr Vaterland bewundert sie, ihr Herrscher belohnt sie, und »Punch«, der Allverspotter, zieht seinen Hut und sagt: Gott erhalte sie!


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