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Dreiunddreißigstes Kapitel

Ehe und Snobs

Jedermann aus dem Mittelstande, der durch dieses Leben mit einem Herz für seine Reisegefährten wallt – jedenfalls aber jedem, der sich drei oder vier Lustren in der Weltgeschichte herumgestoßen hat – müssen zahlreiche trübe Gedanken über das Schicksal jener Opfer in den Sinn kommen, welche die Gesellschaft – will sagen das Snobtum – tagtäglich fordert. Das Snobtum steht in ewigem Kampf mit Liebe, Einfachheit und wahrer Herzensgüte. Aus Furcht vor den Snobs dürfen die Menschen nicht glücklich sein. Aus Furcht vor den Snobs dürfen sich die Menschen nicht liebhaben. Unter der Tyrannei der Snobs welken die Menschen einsam dahin. Ehrliche, liebevolle Herzen vertrocknen und sterben. Aus wackeren, in der Blüte ihrer Jugend stehenden Gesellen werden aufgeschwemmte, alte Hagestolze, die schließlich bersten und abfallen. Liebliche Mädchen verschrumpeln und gehen einsam zugrunde, denn das Snobtum hat ihnen das allgemeine Recht auf Glück und Liebe, das uns allen nach dem Naturgesetz zusteht, abgeschnitten. Das Herz krampft sich mir zusammen, wenn ich die Erfolge dieses dummen Tyrannen sehe, ja ich entbrenne in Wut und Zorn gegen die Snobs. Komm heraus aus deinem Versteck, so rufe ich, du wahnwitziger Geselle, komm heraus, du Prahlhans und gib deinen niederträchtigen Geist auf! Und ich wappne mich mit Schwert und Speer, nehme Abschied von den Meinen und ziehe zum Kampf aus gegen den scheußlichen Menschenfresser und Riesen, jenen ungeschlachten Despoten auf Snob Castle, der so viele edle Herzen foltert und unterdrückt.

Wenn Punch König wird, so erkläre ich, soll es nicht mehr so etwas wie alte Jungfern und Junggesellen geben. Der hochwürdige Mr. Malthus soll alljährlich an Stelle von Guy Fawkes verbrannt werden. Diejenigen, welche nicht heiraten, sollen ins Arbeitshaus gesperrt werden. Es soll selbst für den Ärmsten als Schande gelten, nicht ein hübsches Mädchen lieben zu dürfen.

Diese Gedanken kamen mir nach einem Spaziergang mit einem alten Kameraden, namens Jack Spiggot in den Sinn, der nach einer männlichen und blühenden Jugend, so wie ich ihn damals vor Augen hatte, ein alter Junggeselle geworden war. Jack war einer der hübschesten Jungen Englands, als er mit mir zusammen bei den Bergschotten eintrat, ich nahm indessen bald meinen Abschied bei den Cuttykilts und verlor ihn viele Jahre lang ganz aus den Augen.

Ach! Wie hat er sich doch seitdem verändert! Jetzt trägt er ein Korsett und färbt sich den Bart. Seine früher so roten Backen sind jetzt fleckig; seine einst so glänzenden, klaren Augen haben nun die Farbe von abgeschälten Eiern eines Regenpfeifers.

»Bist du verheiratet, Jack?« fragte ich, da ich mich erinnerte, wie fassungslos er in seine Kusine Letty Lovelace verliebt war, als die Cuttykilts vor einigen zwanzig Jahren in Strathbungo standen.

»Verheiratet? Nein«, erwiderte er. »Nicht genug Geld, langte nur gerade für mich selbst, für 'ne Familie braucht man mehr als fünfhundert Pfund jährlich. Komm mit zu Dickinson, alter Knabe, da gibt es den besten alten Madeira in ganz London.« Wir gingen dorthin und erzählten uns von alten Zeiten. Die Rechnung für Essen und Wein war sehr hoch, und die Menge Brandy mit Wasser, welche Jack vertilgte, ließ den Gewohnheitstrinker erkennen. »Ich frage den Teufel danach, ob ich ein oder zwei Guineen für mein Essen ausgebe«, sagte er.

»Und Letty Lovelace?« fragte ich.

Jack bewahrte nur mühsam seine Fassung, brach aber dann in lautes Gelächter aus. »Letty Lovelace?« sagte er, »ist noch immer Letty Lovelace; aber Himmel, was für ein verhutzeltes Frauenzimmer! Sie ist so dünn wie Seidenpapier (du erinnerst dich doch noch an ihre Figur); ihre Nase ist rot und ihre Zähne sind blau geworden. Sie ist stets krank und zankt sich immerfort mit ihrer Familie; sie singt den ganzen Tag Psalmen und nimmt fortwährend Pillen. Gott, hatte ich einen Dusel, als ich ihr entwischte. Gib den Grog her, alter Junge.«

Sogleich stand mir wieder die Zeit vor Augen, wo Letty die lieblichste Mädchenblüte unter der Sonne war; ich glaubte ihren Gesang zu hören, der einem das Herz bis zum Halse schlagen ließ, ich erinnerte mich an ihr Tanzen, das graziöser war als das der Montessu oder der Noblet (der größten Ballettköniginnen ihrer Zeit), an Jack, der eine Haarlocke von ihr an einer dünnen goldenen Kette um den Hals trug und sie bei schweren Sitzungen im Cuttykilter Kasino, wenn er vom vielen Punschtrinken bezecht war, aus seinem Versteck zu ziehen, zu küssen und dabei zu weinen pflegte, zum größten Vergnügen des gurkennasigen alten Majors und der übrigen Tafelrunde. »Mein Vater und der ihre«, sagte Jack, »konnten ihre Pferde nicht zusammenspannen. Der General wollte nicht mehr als sechstausend Pfund Mitgift geben, und mein alter Herr meinte, unter achttausend ginge es nicht. Der alte Lovelace ließ ihn einfach gehen und gab ihm den Rat, sich hängen zu lassen; so kamen wir auseinander. Man sagt, sie hätte die Schwindsucht. Unsinn! Sie ist jetzt vierzig und so zähe und herbe wie diese Zitronenschale. Tu nicht zuviel davon in deinen Punsch, mein alter Snob, sonst kann man den Punsch nach dem Wein nicht vertragen.«

»Und wie hast du seitdem gelebt, Jack«, fragte ich.

»Erhielt mein Erbteil, als der alte Herr starb. Mutter lebt in Bath. Reise jedes Jahr auf eine Woche hin. Scheußlich ledern. Whist um einen Schilling. Vier Schwestern – alle natürlich unverheiratet außer der Jüngsten – eklige Geschichte. Im August in Schottland, im Winter in Italien; verfluchtes Rheuma. Komme im März nach London und gondle in den Klub, altes Haus, und ge–ehe nicht nach Hause, bis daß der Ta–ag anbricht!«

»Da haben wir zwei Leben, die Schiffbruch erlitten haben«, philosophierte der anwesende Snobograph, nachdem er Abschied von Jack Spiggot genommen hatte. »Die reizende, lustige Letty Lovelace hat ihr Steuer verloren und ist gestrandet, und der schöne Jack Spiggot strandete ebenfalls an der Küste wie ein betrunkener Hanswurst.«

Was hat die beleidigte Natur (um keinen höheren Namen zu gebrauchen) veranlaßt, ihre gütigen Absichten gegen diese beiden ins Gegenteil zu verkehren? Was für ein verwünschter Frost hat die Liebe, welche die beiden füreinander hegten, ertötet und das Mädchen zu bitterer Unfruchtbarkeit und den Jüngling zu selbstsüchtigem Junggesellentum verdammt? Es war der teuflische Tyrann Snob, der uns alle beherrscht, der verordnet: »Du sollst nicht lieben, außer wenn du eine Kammerjungfer halten kannst; du sollst nicht heiraten ohne Wagen und Pferde; du sollst keine liebe Frau im Herzen tragen und sollst keine Kinder auf den Knien schaukeln, wenn du dir nicht einen Pagen in Knopflivree und eine französische Bonne leisten kannst; du sollst dich zum Teufel scheren, wenn du keinen Brougham hast; heirate arm, und die Gesellschaft wird dich aufgeben, und deine Verwandten werden dich wie einen Verbrecher meiden. Deine Tanten und Onkel werden ihre Augen gen Himmel erheben und über die böse – böse Art klagen, in der Tom oder Harry sich weggeworfen haben. Du junges Weib darfst dich, ohne Scham zu empfinden, an einen alten Krösus verkaufen und ihn heiraten; du junger Mann darfst dein Empfinden und dein Leben weglügen wegen einer Mitgift. Doch wenn du arm bist, dann wehe dir! Die Gesellschaft, dieser brutale Snob-Tyrann, überantwortet dich einsamem Verderben. Verblühe in deinem Dachkämmerlein, armes Mädchen, verfaule in deinem Klub, armer Hagestolz!

Wenn ich diese wenig anmutigen Einsiedler, diese unnatürlichen Mönche und Nonnen vom Orden St. Beelzebubs Das soll sich natürlich nur auf jene Unverheirateten beziehen, die aus niedriger und snobhafter Furcht vor knappen Geldverhältnissen sich abhalten lassen, ihre natürliche Bestimmung zu erfüllen. Viele Personen sind ehelos geblieben, ohne etwas dafür zu können. Wer schlecht von ihnen sprechen wollte, wäre ein Tor. So, wie sich Miß O. Toole gegen den Verfasser benommen hat, wäre er der letzte, der sie verdammte. Aber das gehört nicht hierher, das sind Privatangelegenheiten. sehe, so wird mein Haß auf die Snobs, ihren Götzendienst und ihren Kult grenzenlos. Laßt uns diesen menschenfressenden Dschaganath, so rufe ich, diesen scheußlichen Dagon niederschlagen; und mich durchglüht der heldenhafte Mut von Tom Thumb, dem kleinen Däumling, und ich werde wieder mit dem Riesen Snob handgemein.


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