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Fünfzehntes Kapitel

Über Universitäts-Snobs

Ich hätte wohl Lust, mehrere Bände mit Geschichten über die verschiedensten Universitäts-Snobs zu füllen, so angenehme und zahlreiche Erinnerungen bewahre ich an sie. Ich hätte wohl Lust, von ihnen allen zu erzählen, auch von den Frauen und Töchtern einiger Universitätsprofessoren, von ihren Vergnügungen, Gewohnheiten und Eifersüchteleien, von ihren unschuldigen Kunstgriffen, junge Männer einzufangen, von ihren Picknicks, Konzerten und Abendgesellschaften. Ich möchte gerne wissen, was aus Emily Blades, der Tochter des Professors der Mandingo-Sprache, Blades, geworden ist? Noch heute erinnere ich mich an ihre Schultern, als sie inmitten einer Menge von etwa siebzig jungen Herren aus dem Corpus und Katharina Hall College saß, mit denen sie kokettierte, während sie französische Lieder zur Laute vortrug. Bist du verheiratet, schöne Emily mit den Schultern? Wie schön waren die Locken, die über sie fielen! Welche Taille! Welch berückend meergrünes Seidenkleid! – Was für eine herrliche Kamee von der Größe einer Semmel! Auf der Universität verliebten sich damals nicht weniger als sechsunddreißig junge Leute in Emily Blades. Und Worte sind nicht imstande, das Mitleid, die Sorge und das tiefe, tiefe Bedauern – will sagen den Zorn, die Wut und die Herzlosigkeit zu beschreiben, mit der Miß Trumps (die Tochter des Professors für Gallenerkrankungen, Trumps) sie betrachtete, weil sie nicht schielte und nicht durch Pockennarben entstellt war.

Was die jungen Universitäts-Snobs anlangt, so fühle ich mich zu alt, um mich besonders vertraulich über sie auszulassen. Meine Erinnerungen an sie liegen weit zurück, fast so weit wie des seligen Pelhams Zeiten.

Damals pflegten wir als Snobs diejenigen einfältig ausschauenden Jünglinge zu bezeichnen, die niemals einen Kirchgang versäumten, die keine Stege an ihren Hosen hatten, sondern Schaftstiefel trugen, die tagtäglich zwei Stunden lang auf der Trumpingtoner Chaussee spazieren gingen, die in den Kollegien fleißig Gelehrsamkeit sammelten und sich bei den gemeinsamen Mahlzeiten als etwas Besonderes vorkamen.

Wir waren damals bei Abgabe unseres Urteils über jugendliches Snobtum entschieden zu voreilig. Der Mann ohne Stege erfüllte seinen Beruf und seine Pflicht. Er machte seinem alten Herrn, dem Prediger in Westmoreland, das Leben behaglicher oder ermöglichte es seinen Schwestern, eine höhere Töchterschule zu begründen. Er gab je nach seiner Begabung ein Wörterbuch heraus oder schrieb eine Abhandlung über Kegelschnitte, erlangte Stipendien und bekam schließlich ein Weib und eine Pfarre. Nun steht er an der Spitze einer Gemeinde und kommt sich beinahe flott vor, weil er Mitglied des »Oxford-und-Cambridge-Clubs« ist. Seine Gemeindemitglieder lieben ihn und schnarchen bei seinen Predigten. Nein, nein, er ist sicher kein Snob. Nicht Stege allein machen den Gentleman aus, ebensowenig wie auch noch so plumpe Schaftstiefel ihn jemals ungeeignet dazu machen können. Mein Sohn, du allein bist ein Snob, wenn du jemanden deswegen über die Achsel ansiehst, weil er seine Pflicht tut, und wenn du dich weigerst, einem ehrbaren Mann die Hand zu geben nur deshalb, weil er baumwollene Handschuhe trägt.

Damals hielten wir es durchaus nicht für unehrenhaft, daß etliche junge Burschen, die noch vor drei Monaten ihre Prügel bekommen hatten und denen es im Elternhause niemals gestattet worden wäre, mehr als drei Gläser Portwein zu trinken, sich zu Leckereien und Eis auf ihren Buden gegenseitig einluden und dazu Champagner und Rotspon schlemmten.

Jetzt freilich denkt man einigermaßen mit Kopfschütteln an diese sogenannten Weingelage zurück. Etwa dreißig junge Leute saßen an einem Tisch, aßen schlechte Süßigkeiten und tranken schlechte Weine. Schlechte Witze wurden dabei erzählt und unanständige Lieder immer und immer wieder gesungen. Milchpunsch, Qualm, wüstes Kopfweh – entsetzliche Unordnung auf dem Frühstückstisch am nächsten Morgen – durchdringender Tabaksgeruch – und mitten in dieses Chaos hinein platzt der aufsichtsführende Geistliche. Er erwartet euch tief im Studium der Algebra zu finden und muß entdecken, daß der Stiefelputzer Sodawasser für euren Kater herbeiholt.

Ferner gab es junge Leute, die die Burschen geringschätzig ansahen, welche jene verwünschten Weingelage veranstalteten, und die sich nicht wenig darauf einbildeten, daß sie auserlesene kleine französische Diners gaben. Indessen beide Arten, sowohl die Gastgeber der Weingelage wie die der Diners, waren nichts anderes als Snobs.

Weiter gab es eine Sorte, die wir »Patent-Snobs« zu nennen pflegten. Da war Jimmy, den man schon um fünf Uhr wie aus dem Ei gepellt angekleidet sehen konnte, mit einer Kamelie im Knopfloch und in Lackstiefeln; zweimal täglich zog er neue Glacehandschuhe an; da war Jessamy, der wegen seiner Juwelen berüchtigt war, ein junger Esel, der vor lauter Ketten, Ringen und Hemdknöpfen glänzte; da war Jacky, der jeden Tag feierlich die Blenheimer Landstraße in Pumphosen, weißseidenen Strümpfen und mit gekräuseltem Haar entlangritt. Und alle drei schmeichelten sich, tonangebend für die Mode auf der Universität zu sein, und alle drei waren doch nichts weiter als höchst ekelhafte Snob-Abarten.

Natürlich hatten wir auch Sport-Snobs unter uns, eine Rasse, die niemals aussterben wird, glückliche Wesen, die von der Vorsehung mit einer unbezähmbaren Liebe für ein anderen Sterblichen unverständliches Kauderwelsch ausgestattet sind. Sie hielten sich mit Vorliebe in der Nähe der Ställe der Pferdevermieter auf, fuhren eigenhändig die Londoner Postkutschen bis zur ersten Station hin und zurück und stolzierten schon frühzeitig des Morgens in roten Reitfräcken auf den Höfen herum; an den Abenden dagegen beschäftigten sie sich mit dem Würfel- oder Kartenspiel. Niemals aber versäumten sie ein Rennen oder einen Boxkampf. Noch niedere Snobs sogar als die eben genannten waren jene armen Teufel, welche zwar nur höchst ungern Fuchsjagden mitritten, es aber durchaus nicht eingestehen wollten, und die eine wahre Todesangst vor jedem nur zwei Fuß breiten Graben hatten. Dennoch aber ritten sie mit, weil Glenlivat und Cinqbars dabei waren. Abarten dieser Snobs waren Billard- und Ruder-Snobs, die aber auch anderswo als nur auf der Universität zu finden sind.

Dann hatten wir philosophische Snobs, die in den Diskussions-Klubs bekannte Staatsmänner zu imitieren pflegten und die tatsächlich daran glaubten, daß die Regierung stets ein Auge auf die Universität hätte, um aus den Studenten die späteren Redner für das Unterhaus auszuwählen. Weiter hatten wir unter uns junge Freidenker, denen niemand und nichts heilig war, mit alleiniger Ausnahme vielleicht Robespierres und des Koran, und die den Tag herbeisehnten, an dem der Zorn einer aufgeklärten Welt den Priesterstand einfach abschaffen würde.

Die übelsten von allen Universitäts-Snobs sind aber jene unseligen Wesen, die in dem Bestreben, es den Vornehmeren unter sich gleichzutun, sich zermartern und ruinieren. Smith lernt im College hochwohlgeborene Herren kennen und schämt sich, daß sein Vater Krämer ist. Jones macht vornehme Bekanntschaften, führt wie sie ein üppiges, leichtsinniges Leben, richtet damit seinen Vater zugrunde, raubt seinen Schwestern die Mitgift und bringt es fertig, seinem jüngeren Bruder die Aussicht, es zu etwas im Leben zu bringen, abzuschneiden. Und das alles um das Vergnügen, einen Lord eingeladen zu haben und neben Sir John haben reiten zu dürfen. Mag es schon für Robinson spaßig genug sein, sich gleicherweise daheim zu bezechen, wie er es auf dem College zu tun pflegte, und von dem Polizisten heimgebracht zu werden, den er gerade eben zu verprügeln versucht hatte – wie spaßhaft, das vergegenwärtigt euch, muß dieser ganze Aufzug erst für seine Mutter sein, jene treue, arme Seele, die Witwe eines pensionierten Kapitäns, die sich ihr ganzes Leben lang abgerackert hat, um es diesem sauberen Bürschchen zu ermöglichen, eine akademische Bildung zu genießen.


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