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Neununddreißigstes Kapitel

Klub-Snobs

Warum sollte nicht ein großer Schriftsteller »Die Geheimnisse der Klubhäuser« oder »Enthüllungen der St. James Street« schreiben! Das wäre ein dankbarer Vorwurf für einen phantasievollen Autor. Wir müssen uns an unsere Knabenjahre erinnern, als wir ohne Geld in der Tasche auf den Jahrmarkt gingen, um die Schaubuden herumschlichen und durch die Ritzen einen Blick von dem zu erhaschen suchten, was sich darinnen abspielte.

Der Mensch ist einem Drama vergleichbar – in dem sich Wunder und Leidenschaft, Schönheit und Wahrhaftigkeit und alles sonst nur Mögliche abspielt. Jede Menschenbrust für sich ist eine Bude auf dem Jahrmarkt der Eitelkeit. Wir wollen aber nun diesen großartigen Stil aufgeben, denn ich würde sterben, wenn ich ihn auch nur eine Spalte lang beibehalten müßte. (Beiläufig bemerkt, müßte es nicht großartig aussehen, wenn ich eine Spalte lang alles nur mit großen Buchstaben schriebe?!) Solltest du übrigens im Klub keine dir irgendwie bekannte Seele finden können, so hast du doch stets Gelegenheit, Fremde zu beobachten und zu erraten, was hinter den Zelten und Vorhängen ihrer Herzen, hinter ihren Röcken und Westen sich abspielen mag. Das gewährt ein nie Versagendes Vergnügen. Man hat mir erzählt, daß es tatsächlich in London einige Klubs gibt, in denen keiner mit dem anderen sprechen darf. Man sitzt sich schweigsam im Kaffeezimmer gegenüber und beobachtet einander.

Wie wenig kann man doch von dem Äußeren auf den Charakter schließen! In unserem Klub gibt es einen großen, starken, im besten Mannesalter stehenden, patent angezogenen, fast kahlköpfigen Herrn, der stets Lackstiefel und auf der Straße einen Pelzkragen trägt. Er zeigt ein gesetztes Benehmen und pflegt sich ein exquisites kleines Diner zu bestellen, das er mit Verständnis verzehrt. Irrtümlicherweise habe ich ihn stets, all diese fünf Jahre schon, für Sir John Pocklington angesehen und ihn für einen Mann gehalten, der täglich seine fünfhundert Pfund zu verzehren hat. Nun erfahre ich aber, daß er nur ein Kommis in einem Cityhause mit Namen Jubber mit knapp 200 Pfund Jahresgehalt ist. Sir John Pocklington dagegen war jener kleine, schmuddlig aussehende Mann mit der Schnupftabaksnase, der so laut über das ihm vorgesetzte schlechte Bier schimpfte und der sich nicht darüber beruhigen konnte, daß ihm dreiundeinhalb Pence zuviel für einen Hering abverlangt worden seien. Er saß am Nebentisch von Jubber an. dem Tage, an dem man ihn mir als den wirklichen Baronet zeigte.

Versuchen wir ein anderes Geheimnis zu ergründen. Da sehe ich zum Beispiel den alten Fawney, der durch die Klubzimmer mit glasigen, ausdruckslosen Augen und ewig blödem Lächeln streicht – er kriecht vor jedem, den er trifft, schüttelt ihm die Hände, begrüßt ihn herzlich und gibt sein innigstes und wärmstes Interesse für sein Wohlbefinden kund. Man hält ihn für einen Hanswurst und Schaumschläger, und er weiß auch, was man von ihm hält. Dennoch kriecht er seines Wegs weiter und läßt, wohin er sich auch wendet, eine Spur schleimiger Schmeichelei hinter sich. Wer vermag hinter das Geheimnis dieses Menschen zu kommen? Was für ein irdisches Gut kann er von dir oder mir zu erreichen hoffen? Wer weiß, was hinter dieser ruhigen, schielenden Maske arbeitet? Man hat nur eine unbestimmte instinktive Abneigung, die einem ein Warnungssignal gibt, daß man sich in der Nähe eines abgefeimten Charakters befindet – darüber hinaus ist einem das Innere Fawneys ein Rätsel.

Da liebe ich es schon mehr, junge Leute zu beobachten. Ihr Spiel ist offener; sie halten ihre Karten unverdeckt in der Hand. Nehmen wir zum Beispiel die Herren Spavin und Cockspur vor.

Ein oder zwei junge Leute ihres Schlages kann man, wie ich glaube, in den meisten Klubs antreffen. Sie kennen niemanden und tragen einen leichten Zigarrenduft in die Räume, wo sie in einer Ecke über Sportangelegenheiten miteinander tuscheln. So wie Politiker über das »Reformjahr«, oder »das Jahr, in dem die Wighs führende Partei wurden« und über ähnliches sprechen, so bezeichnen diese jungen Sportgecken das Jahr als »Tarnations«-Jahr oder als »Opodeldoc«-Jahr oder als das Jahr, in dem Catawampus Zweiter im Chester-Pokal wurde. Morgens spielen sie Billard, zum Frühstück trinken sie helles Bier oder beginnen wohl auch mit kleinen Gläsern schärferer Getränke. Sie lesen »Bell's Life« (das wirklich eine sehr amüsante Zeitschrift ist und in seinen Briefkasten-Antworten eine bemerkenswerte Bildung an den Tag legt). Sie pflegen den Tattersall zu besuchen und mit den Händen in den Paletottaschen im Park herumzuflanieren.

Was mir besonders an dem Äußeren dieser sportliebenden Jugend auffällt, ist ihre erschütternde Wichtigkeit, ihre abgehackte Sprechweise und ihr ausgemergeltes, mürrisches Aussehen. Wenn im Rauchzimmer des »Regent-Club« Joe Millerson mit seinen Schnurren alles in stürmische Heiterkeit versetzt, kann man die jungen Herren Spavin und Cockspur in einer Ecke zusammen murmeln hören. »Ich halte fünfundzwanzig gegen eins auf ›Bruder aus der Blaunase‹«, flüstert Spavin. »Dafür kann ich's nicht machen«, erwidert Cockspur mit ominösem Kopfschütteln. Diese unglückseligen Jungen haben nur stets den Wettkalender im Kopfe. Ich glaube, ich hasse dieses Werk noch mehr als den Pairskalender. Denn dieser hat wenigstens ein Gutes – obwohl er ganz, allgemein gesprochen den Rekord in der Eitelkeit aufstellt. Obgleich die de Muggins nicht von dem Riesen Hogyn Mogyn abstammen, obgleich die Hälfte der anderen Genealogien ebenso gefälscht und närrisch ist, so sind doch die Wahlsprüche, wenigstens einige von ihnen – höchst lehrreich. Und auch das Buch selbst ist als eine Art goldbetreßter und in Livree gesteckter Geschichtslakai insoweit ganz brauchbar. Was kann aber aus einem Wettbuch je Gutes herauskommen? Wäre ich auch nur eine Woche lang der Kalif Omar, so würde ich jedes einzelne dieser jämmerlichen Machwerke in Flammen aufgehen lassen, angefangen beim Exemplar desjenigen Lords, der an Jack Snaffles Stall beteiligt ist und schlecht informierte Lumpe und schwindelhafte Grünschnäbel übers Ohr haut, bis herab zu dem Wettbuch des Fleischergesellen Sam, der in der Kneipe Achtzehn-Penny-Wetten legt und damit fünfundzwanzig Groschen zu gewinnen hofft. Wenn es sich um ein Wettgeschäft handelt, so würden sowohl Spavin wie Cockspur imstande sein, den eigenen Vater zu übervorteilen, ebenso wie sie ihren besten Freund opfern würden, wenn sie um diesen Preis auch nur einen Punkt mehr erreichen könnten. Eines schönen Tages kann man hören, daß sich der eine oder der andere aus dem Staube gemacht hat, ein Ereignis, das uns, die wir keine Sportsleute sind, nicht das Herz brechen wird. Sieh da – Mr. Spavin schickt sich an aufzubrechen, er sucht sich vor dem Spiegel aus den Seitensträhnen seines Haares Locken zu drehen. Sieh ihn dir genau an! Nur unter Sträflingen oder Turfleuten kann man eine so gemeine, verschlagene und düstere Visage sehen.

Ein schon mehr menschliches Geschöpf unter den jungen Klub-Snobs ist der Schwerenöter. Gerade eben sah ich Wiggle mit seinem von ihm unzertrennlichen Busenfreund Waggle sprechen.

Waggle: »Auf Ehre, Wiggle, sie hat.«

Wiggle: »Schön, Waggle, ich glaube wirklich auch, es war so, wie du sagst, sie hat mich recht liebenswürdig angesehen. Na, wir werden ja heute abend im Theater sehen!«

Und nachdem sie ihre kleinen Personen zurechtgestutzt haben, gehen diese beiden harmlosen jungen Fants nach oben zum Essen.


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