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Dreizehntes Kapitel

Über geistliche Snobs

Unter den Abarten des geistlichen Snobs muß auch noch des Universitäts-Snobs und des Schul-Snobs gedacht werden, bilden sie doch ein sehr starkes Bataillon in der schwarzen Armee.

Die Weisheit unserer Voreltern (die ich von Tag zu Tag mehr bewundere) scheint darin gegipfelt zu haben, daß die Erziehung der Jugend eine so unwichtige und untergeordnete Sache sei, daß fast jeder mit einer Rute, einem Talar und einem akademischen Grad ausgestattete Mensch sich dieser Aufgabe zu unterziehen vermöchte. Und bis zum heutigen Tage kann man manchen ehrbaren Landedelmann finden, der das größte Gewicht beim Engagement seines Kellermeisters auf den Charakter legt und der kein Pferd ohne die sichersten Garantien und die genaueste Inaugenscheinnahme kauft, hingegen seinen Sohn, den jungen John Thomas, schickt er zur Schule, ohne Erkundigung über den Schulmeister einzuziehen, und besorgt ihm einen Platz in Switchester College unter Doktor Bloch, nur weil er (der gute alte Herr) vor vierzig Jahren in Switchester unter Doktor Buzwig gewesen ist.

Wir lieben alle kleinen Schuljungen; denn viele Zwanzigtausende von ihnen lesen den »Punch«; möge es ihm daher nie einfallen, ein abwegiges und nicht für sie passendes Wort zu schreiben. Will er doch seine jungen Freunde davor bewahren, daß sie in Zukunft Snobs werden oder von Snobs gequält und ihnen zur Erziehung überantwortet werden.

Unsere Beziehungen zur studierenden Jugend sind sehr enge und freundschaftliche. Der offenherzige, junge Student ist unser Freund. Der protzige, alte Halbgott-Professor dagegen zittert in seinem Hörsaal aus Besorgnis, wir könnten ihn angreifen und ihn als Snob bloßstellen.

Als die Eisenbahnen in das Land eindrangen, das sie sich seitdem erobert haben, möchte ich erinnern, was da für ein Geschrei und Geschimpfe von den Autoritäten in Oxford und Eton erhoben wurde, damit nicht die eisernen Scheusale diesen Sitzen reiner Gelehrsamkeit zu nahe kämen und die britische Jugend auf Abwege führten. Die Beschwörungen waren vergeblich, die Eisenbahn ist bis zu ihnen gedrungen, und die urweltlichen Einrichtungen liegen zerschmettert am Boden. Ich war aufrichtig beglückt, als ich neulich in den Zeitungen wörtlich die folgende, wenn auch etwas marktschreierische Annonce: »Hin und zurück zur Universität für fünf Schillinge« las. »Die Universitätsgärten (hieß es) werden aus diesem Anlaß geöffnet sein. Die Universitätsjugend wird eine Regatta abhalten und die berühmte Kapelle des King's College dazu konzertieren.« Und das alles für fünf Schillinge! Die Goten drangen in Rom ein, Napoleon-Stephenson zieht seine republikanischen Schienenwege rund um die geheiligten Städte. Und die geistlichen großen Perücken, die dort in Garnison stehen, müssen sich darauf vorbereiten, ihren Schlüssel und ihren Krummstab vor dem eisernen Eroberer niederzulegen.

Wenn du, lieber Leser, darüber nachdenkst, welches tiefe Snobtum das Universitätssystem hervorgebracht hat, so wirst du mir zugeben, daß es hohe Zeit ist, einige dieser feudalen, mittelalterlichen Zöpfigkeiten zu bekämpfen. Wenn du für fünf Schillinge hinfährst, um dir die studierende Jugend anzusehen, so kannst du einen über den Hof streichen sehen, der keine Troddel an der Mütze hat, einen anderen mit einer goldenen oder silbernen Franse an seinem Sammetbarett. Ein dritter Jüngling spaziert gemächlich in der Robe und mit dem Magisterhut über die geheiligten Grasplätze des Kollegiums, die gewöhnliche Sterbliche nicht betreten dürfen.

Er darf es tun, weil er adlig ist. Weil der Jüngling ein Lord ist, verleiht ihm die Universität nach Ablauf von zwei Jahren einen Grad, zu dessen Erlangung ein anderer sieben Jahre braucht; als Lord hat er nicht nötig, ein Examen zu machen. Derjenige, der nicht selbst für fünf Schillinge hin und zurück zum College gefahren ist, hält es für unglaublich, daß solche Unterscheidungen an einem der Erziehung geweihten Ort gemacht werden, so verrückt und ungeheuerlich erscheinen sie ihm.

Die Jünglinge mit goldenen und silbernen Abzeichen sind die Söhne reicher Eltern und werden »feine Kerle« genannt. Sie haben ein Anrecht auf besseres Essen als die Pensionäre und auf Wein dazu, den die anderen nur auf ihren Zimmern erhalten können.

Die unglücklichen Jungen, welche keine Troddeln an ihren Mützen haben, werden »Schlepper« – in Oxford »Diener« – genannt (eine hübsche und gentlemanhafte Bezeichnung). Auch ein Unterschied in der Kleidung wird gemacht, weil sie arm sind. Aus diesem Grunde tragen sie ein Armutszeichen und dürfen ihre Mahlzeiten nicht mit ihren Kommilitonen einnehmen.

Als diese gottlose und schimpfliche Unterscheidung eingeführt wurde, bildete sie ein Überbleibsel, gewissermaßen ein Teil des rohen, unchristlichen, plumpen Feudalsystems. Damals bestand man noch so streng auf Standesunterschieden, daß es als Gotteslästerung angesehen worden wäre, sie zu leugnen, so gotteslästerlich es jetzt in einzelnen Staaten Amerikas für einen Neger ist, die Gleichberechtigung mit einem Weißen fordern zu wollen.

Ein Wüstling, wie Heinrich der Achte, redete so ernsthaft von den göttlichen Kräften, mit denen er begnadet sei, als ob er ein inspirierter Prophet gewesen wäre. Ein Scheusal, wie Jacob der Erste, glaubte nicht allein an die ihm innewohnende besondere Heiligkeit, sondern andere Leute glaubten es auch. Die Regierung erließ Verordnungen, wie lang der Schuh eines

Kaufmannes sein dürfe, und mischte sich auch in seine Handelsgebräuche, seine Preise, seine Ausfuhrbedingungen und seinen technischen Betrieb. Sie hielt sich für berechtigt, einen Mann wegen seiner Religion zu verbrennen oder einem Juden die Zähne auszureißen, wenn er drückende Abgaben nicht bezahlen konnte, oder sie ordnete an, daß er einen gelben Kaftan tragen müsse, und wies ihm als Wohnung ein besonderes Stadtviertel an.

Jetzt darf ein Kaufmann Schuhe tragen, wie es ihm beliebt, und er hat auch ziemlich vollkommen das Privilegium erreicht, kaufen und verkaufen zu dürfen, ohne daß die Regierung ihre Tatze auf dem Handel hält. Der Brandpfahl für Ketzer ist verschwunden, der Pranger ist niedergerissen. Selbst Bischöfe erheben ihre Stimmen gegen die Überbleibsel der Verfolgung und sind bereit, mit den letzten katholischen Unduldsamkeiten aufzuräumen. Sir Robert Peel hat, so ungemein gern er auch möchte, keine Gewalt über Mr. Benjamin Disraelis Backenzähne, auch keine Mittel in den Händen, dieses Herrn Kinnbacken zu malträtieren. Den Juden wird nicht mehr befohlen, besondere Abzeichen zu tragen. Im Gegenteil, sie dürfen ganz nach ihrem Belieben in Piccadilly oder den Minories leben. Sie dürfen sich wie Christen kleiden und tun es auch in der Regel auf das eleganteste und vornehmste.

Warum muß nun immer noch der arme »Diener« im College seine Abzeichen tragen? Weil die Universitäten die letzten Stellen sind, in denen die Reform Einlaß findet. Aber nun, wo sie ins College für fünf Schillinge hin und zurück fahren kann, sollte man sie ja dorthin reisen lassen.


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