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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Ein Besuch bei einigen Snobs auf dem Lande

Am folgenden Tage gab es den Fisch, den ich, wie sich der freundliche Leser erinnern wird, Mrs. Ponto als zarte Aufmerksamkeit mitgebracht hatte; er war dazu ausersehen, Abwechslung in das Einerlei des Menüs zu bringen; so wurde uns also Kabeljau mit Austernsauce und als zweiter Gang gesalzener Kabeljau mit gebackenen Austern vorgesetzt, woraus ich zu schließen geneigt war, daß das Haus Ponto die gleiche Vorliebe für diesen trockenen Fisch wie unser verewigter all verehrter König Georg II. hat. Und da nunmehr das Schwein vertilgt war, kam ein Hammel an die Reihe.

Wie sollte ich aber je den Glanz eines zweiten Gerichtes vergessen, das mit großem Pomp von Stripes, der eine Serviette um seine schmutzigen Daumen gewickelt hatte, auf einer silbernen, verdeckten Schüssel angeboten wurde! Es bestand aus einer Wachtel, die nicht größer als ein gut genährter Spatz war.

»Meine Liebe, nimmst du etwas Wildbret?« fragte Pontomit ungeheurer Gravität und steckte eine Gabel in den kleinen Bissen, der sich wie eine Insel in der silbernen See ausnahm. Dazu tröpfelte Stripes in gemessenen Zwischenpausen und mit einer Feierlichkeit, die dem Kellermeister eines Herzogs Ehre gemacht haben würde, Marsala ein. Das Mahl, welches die Barmeciden dem Shacabac gegeben haben, stand noch um einiges hinter diesem feierlichen Bankett zurück.

Viele schöne Güter und eine ansehnliche Landstadt, in der gute und gebildete Familien wohnten, ein schönes altes Pfarrhaus neben der Kirche, in die wir zu gehen pflegten (und wo die Carabas ihren erblichen, monumental geschnitzten, gotischen Kirchenstuhl haben), lagen ganz in unserer Nähe; auch sonst hatte es den Anschein, als ob es leicht sei, guten Verkehr zu pflegen. Deshalb wunderte es mich einigermaßen, daß die Nachbarn nicht auf »Immergrün« vorsprachen, und ich erkundigte mich nach dem Grunde.

»Wir in unserer Lebensstellung können doch nicht – wir können doch nicht gut mit der Familie des Anwalts verkehren, wie Sie sich gewiß denken können«, sagte Mrs. Ponto vertraulich zu mir.

»Natürlich nicht«, erwiderte ich, obwohl ich nicht wußte, weshalb nicht. »Und wie steht es mit dem Arzt?« fragte ich.

»Eine ganz ausgezeichnete, ehrenwerte Person«, sagte Mrs. Ponto, »rettete Maria das Leben – wirklich ein kenntnisreicher Mann; aber was soll man in unserer Stellung tun? Man kann wohl den Arzt zu sich zu Tisch bitten, gewiß; aber seine Familie, lieber Herr Snob!«

»Ein halbes Dutzend kleine Salbentöpfe!« schaltete Miß Wirt, die Gouvernante, ein: Hi, hi, hi, und die jungen Damen lachten im Chorus mit.

»Wir verkehren nur mit dem adligen Großgrundbesitz«, fuhr Miß Wirt fort, Seitdem hörte ich, daß der Vater der aristokratischen Dame Knopfmacher für Livreen in St. Martins-Lane war, wo er Mißerfolg hatte und wo seine Tochter sich ihre Vorliebe für die Heraldik erwarb. Zu ihrer Ehre muß aber gesagt werden, daß sie aus ihren Einnahmen den alten bettlägerigen Bankrotteur recht anständig und verborgen in Pentonville versorgt hat. Sie sorgte auch für die Equipierung ihres Bruders, des Kadetten, dem diese Stelle ihr Gönner, der Lord Swigglebiggle, verschafft hatte, als er Marineinspekteur war. Ich verdanke diese Auskunft einem Freunde. Wenn man Miß Wirt selbst hört, so müßte man glauben, daß ihr Papa ein Rothschild gewesen sei und daß die Börsen Europas wild erregt waren, als die Zeitungen sein Fallissement berichteten. indem sie den Kopf in den Nacken warf. »Der Herzog ist im Auslande, mit den Carabas sind wir verfehdet, die Ringwoods kommen erst zu Weihnachten zurück. Bis die Jagd wieder angeht, ist tatsächlich niemand hier – – ausgesprochen niemand.«

»Wem gehört denn das große, rote Haus dicht vor den Toren der Stadt?« – »Meinen Sie das Kattunschloß? Hi, hi, hi! Dem Geldprotzen, dem ehemaligen Leinenhändler Yardley mit seinen Dienern in gelber Livree und seiner Frau in rotem Samt. Wie können Sie nur so satirisch sein, mein lieber Herr Snob? Die Unverfrorenheit dieser Leute hat wirklich etwas Überwältigendes!«

»Nun, dann ist doch noch der Pfarrer da, Doktor Chrysostom. Der ist doch gewiß ein Gentleman?«

Bei diesen Worten guckte Mrs. Ponto Miß Wirt an. Nachdem sich ihre Augen begegnet und sie gegenseitig ihre Köpfe geschüttelt hatten, blickten sie auf gen Himmel. Das gleiche taten die jungen Damen. Augenscheinlich hatte ich etwas Schreckliches gesagt. Also noch ein schwarzes Schaf innerhalb der Kirche? dachte ich nicht ohne Besorgnis, denn ich muß gestehen, daß ich vor dem geistlichen Gewand Achtung habe. »Ich – ich hoffe doch, daß er nichts auf dem Kerbholz hat.«

»Nichts auf dem Kerbholz?« sagte Mrs. Ponto und schlug ihre Hände mit trauriger Gebärde ineinander.

»Oh«, machte Miß Wirt, und die beiden Mädchen seufzten zur Gesellschaft mit. »Nun«, sagte ich, »es tut mir sehr leid, denn ich sah nie einen gütiger blickenden alten Herrn noch eine bessere Schule, noch hörte ich auch je eine bessere Predigt.«

»Früher pflegte er seine Predigten im Chorhemd zu halten«, zischte Mrs. Ponto hervor. »Er ist ein Puseyist, Mr.Snob!«

»Allmächtiger«, sagte ich voll Bewunderung des heiligen Eifers dieser weiblichen Theologen.

Stripes kam herein und brachte den Tee; er war so schwach, daß es kein Wunder war, wenn Pontos Schlaf durch ihn nicht beunruhigt wurde.

*

Morgens pflegten wir auf die Jagd zu gehen. Zur Ausübung unseres Sportes dienten uns die Felder Pontos (dort hatten wir auch die Wachtel geschossen) und der nicht eingezäunte Besitz der Hawbucks. Eines Abends stießen wir auf einem Stoppelfeld, das an den Wald der Carabas' angrenzte, auf einige Fasanen, und wir hatten endlich einmal wirklichen Anlauf. Ich schoß zu meinem großen Vergnügen eine Henne. »Stecken Sie sie ein«, rief Ponto in einiger Verwirrung, »da kommt jemand.« Ich steckte also den Vogel in meine Jagdtasche.

»Ihr verfluchten Wilddiebe«, brüllte uns ein Mann in der Tracht eines Försters von der Hecke aus entgegen. »Ich wollte, ich hätte euch auf meiner Seite der Hecke attrappiert, dann hätte ich euch wahrhaftig ein paar Schrotkörner auf den Pelz gebrannt.« »Verdammter Snapper«, sagte Ponto im Weggehen, »er lauert mir stets wie ein Spion auf.«

»Nehmt nur die Vögel mit, ihr Schleicher, und verkauft sie nach London«, brüllte der Kerl von neuem, der, wie es schien, Aufseher bei Lord Carabas war, »ihr bekommt sechs Schillinge für das Stück!«

»Du kennst den Preis ja ganz genau, du Schuft, und dein Herr auch«, sagte Ponto, sich weiter zurückziehend.

»Wir schießen sie auch auf unserem Grund und Boden«, schrie Mr. Snapper, »wir stellen keine Fallen für anderer Leute Vögel, wir halten keine Lockvögel, wir sind keine Wilddiebe. Wir schießen keine Hennen wie der Londoner Piefke dort, dem noch der Schwanz von einer Henne aus der Tasche hängt. Kommt nur über die Hecke, das sage ich bloß!«

»Ich will dir auch was sagen«, hob Stripes an, der uns an diesem Tage als Jagdgehilfe diente (er ist in der Tat Jagdgehilfe, Kutscher, Gärtner, Diener und Büttel in einer Person, mit Tummus unter seinen Befehlen), »wenn du rüberkommst, John Snapper, und deine Jacke ausziehst, dann will ich dir das Fell so versohlen, wie es dir, seit ich dich das letztemal auf der Guttleburier Messe verprügelte, nicht wieder passiert ist.«

»Verprügele nur einen Schwächling deiner Sorte«, gab Mr. Snapper zurück, pfiff seinen Hunden und verschwand im Walde. So gingen wir aus diesem Streit also beinahe als Sieger hervor; ich aber begann meine vorgefaßte Meinung über ländliches Glück zu ändern.


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