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Vorbemerkungen

Die Notwendigkeit einer Abhandlung über die Snobs an der Hand der Geschichte und durch treffliche Beispiele erläutert. Ich bin dazu ausersehen, ein solches Buch zu schreiben. Verkündung meiner Berufung mit Worten feuriger Beredsamkeit. Ich weise nach, daß die Welt allmählich für dieses Werk und seinen Verfasser reif geworden ist. Snobs müssen studiert werden wie andere Erscheinungen in der Naturgeschichte auch. Sie bilden einen Teil des »Schönen«. Sie sind in allen Klassen zu finden – schlagender Beweis: Oberst Snobley.

 

Wir alle haben wohl schon die Behauptung gelesen, deren Echtheit ich mir aber durchaus zu bestreiten erlaube, denn ich möchte wirklich wissen, welche Gründe für ihre Richtigkeit herangezogen werden könnten, wir alle, sage ich, haben bereits den Vorzug gehabt, zu lesen, daß, wenn die Not der Zeit und der Welt nach einem Mann verlangt, ein solcher auch gefunden wird.

So wurde zur Zeit der französischen Revolution (den Leser wird es sicherlich freuen, daß ich so bald von ihr anfange), als es sich als unvermeidlich erwies, dem Volk ein Abführmittel einzugeben, Robespierre gefunden, eine allerdings widerliche und abscheuliche Mixtur, die gleichwohl von dem Kranken begierig und schließlich zu seinem größten Vorteil hinuntergeschluckt wurde. So trat, als es nötig wurde, John Bull aus Amerika herauszuwerfen, Washington auf den Schauplatz und entledigte sich dieser Aufgabe zu aller Beifall. So erschien, als der Graf von Aldborough sich unpäßlich fühlte, Professor Holloway mit seinen Pillen und heilte, wie es in seinen Anzeigen heißt, seine Lordschaft usw. usw. ... Unzählige Beispiele könnten dafür herangezogen werden, daß, wenn ein Volk sich in größter Not befindet, auch die Hilfe am nächsten ist, gerade wie im Puppenspiel (dieser Welt im kleinen), wo dem Hanswurst, wenn er irgend etwas, etwa eine Wärmflasche, einen Pumpenschwengel, eine Gans oder einen Muff, braucht, immer gerade das Gewünschte aus den Kulissen zufliegt.

Weiter – wenn Menschen etwas unternehmen wollen, so verstehen sie es stets, ihr Beginnen als eine absolute Weltnotwendigkeit hinzustellen, die nach Ausführung schreit. Handelt es sich zum Beispiel um eine neue Bahn, dann wird die Direktion sicher bekanntgeben: »Eine engere Verbindung zwischen Bathershins und Derrynane-Beg ist im Interesse der Zivilisation unbedingt nötig und entspricht auch dem stets wiederkehrenden Verlangen des großen irischen Volkes.« Oder es steht die Gründung einer Zeitung in Frage. Da wird die Ankündigung etwa so lauten: »Jetzt, wo die Kirche in Gefahr ist, wo wilder Fanatismus und abscheulicher Unglauben sie bedroht, wo der Jesuitismus sie zu untergraben sucht und sie durch Spaltungen im Inneren sich nahezu selbst vernichtet, ist ein allgemeiner Schrei – das gequälte Volk hat seine sehnsüchtigen Blicke nach dem Ausland gerichtet – nach einem Meister und Führer laut geworden. Ein Verein, dem Geistliche und Bürger der Stadt angehören, hat sich in dieser Stunde der Gefahr gebildet und hat die Gründung eines Blattes unter dem Namen ›Der Kirchendiener‹ beschlossen usw. usw.« Hieraus erhellt wenigstens das eine unwiderleglich: Was das Publikum verlangt, erhält es auch, und umgekehrt: Das Publikum besitzt bereits etwas, dann hat es auch Verlangen danach.

Lange habe ich die Überzeugung mit mir herumgetragen, daß ich ein Werk verfassen müßte – ich bitte, » Werk« groß zu schreiben –, daß ich einen Zweck zu erfüllen hätte, etwa wie Curtius, der mit seinem Roß in den Abgrund setzte, daß ich ein großes soziales Übel zu enthüllen und zu heilen hätte. Diese Überzeugung verfolgte mich Jahre hindurch. Sie packte mich mitten im Verkehr der Straße, sie setzte sich zu mir in die stille Studierstube, sie ließ sich vernehmen, wenn ich mein Glas an der Festtafel erhob, sie verfolgte mich auch im Getriebe von Rotten Row, sie folgte mir sogar in fremde Länder. Am steinigen Strande Brightons und im Sande von Margate übertönte die Stimme das Rollen der See. Sie versteckte sich selbst in meine Nachtmütze und flüsterte mir zu: »Schläfer, wache auf, dein Werk ist noch immer nicht begonnen.« Im vorigen Jahre weilte ich beim Mondschein im Kolosseum und hörte wieder die feine eindringliche Stimme sprechen: »Smith oder Jones, mein braver Junge, das ist ja alles sehr schön, aber du solltest eigentlich zu Hause sitzen und an deinem großen Werk über die Snobs schreiben.«

Wenn jemand einen derartigen Ruf in seinem Inneren vernimmt, so wäre jeder Versuch, ihn zu überhören, eine Verkehrtheit. Er muß zu den Völkern sprechen, er muß sein Innerstes umkehren, wie James sagen würde, oder daran ersticken und sterben.

»Fühlst du denn nicht«, habe ich oft Ihrem ergebensten Diener in Gedanken zugerufen, »fühlst du nicht, wie du nach und nach für deine große Arbeit reif geworden bist und wie du nun unwiderstehlich zu ihr hingezogen wirst?« Zuerst wurde die Welt geschaffen, danach folgerichtig die Snobs! Sie waren seit Jahrtausenden da und blieben dennoch ebenso unentdeckt wie Amerika. Aber auf einmal, ingens patebat tellus, wurde die Menschheit dunkel gewahr, daß ein solches Geschlecht wirklich existierte. Indessen erst vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren kam der so bezeichnende einsilbige Name auf und hat sich mit gleicher Schnelligkeit wie die Eisenbahnen über ganz England verbreitet. Heute sind Snobs gekannt und anerkannt in unserem Reiche, in dem, wie ich gelernt habe, die Sonne niemals untergeht. Der »Punch« erscheint gerade zur rechten Zeit, um ihre Geschichte aufzuzeichnen, und der eigens hierfür prädestinierte Mann ist zur Stelle, um diese Geschichte im »Punch« zu schreiben.

Ich habe (und zu dieser Gabe gratuliere ich mir selbst aus tiefster, dankbarster Seele), ich habe einen entschiedenen Blick für Snobs. Wenn das Wahre schön ist, so ist es schön, sogar das Wesen der Snobs zu studieren, ihrer Geschichte nachzuspüren, so wie gewisse kleine Hunde in Hampshire Trüffeln aufstöbern; so ist es schön, Schächte in die Gesellschaft zu bohren, um auf reiche Adern von Snob-Erz zu stoßen. Das Snobtum gleicht dem Tode in dem Verse des Horaz, den Sie hoffentlich noch nie gehört haben und der also lautet: »Er pocht gleicherweise an die Tür der Armen, wie er an den Palastpforten der Kaiser rüttelt.« Es wäre ein großer Irrtum, über Snobs oberflächlich urteilen und glauben zu wollen, man träfe sie nur unter kleinen Leuten an. Ein gewaltiger Prozentsatz von Snobs, davon lasse ich mich nicht abbringen, ist in jeder Gesellschaftsklasse dieser sterblichen Welt zu finden. Urteilen Sie nicht kurzerhand oder geringschätzig über Snobs, Sie beweisen damit nur, daß Sie selbst ein Snob sind. Auch ich bin schon dafür gehalten worden.

Als ich mich zur Brunnenkur in Bagnigge Wells aufhielt und dort im Hotel »Imperial« wohnte, saß ich beim Frühstück eine kurze Zeit lang einem so unerträglichen Snob gegenüber, daß ich fühlte, der Brunnen würde mir nicht bekommen, solange er dort weilte. Er hieß Oberstleutnant Snobley und stand bei einem Dragonerregiment. Er trug Lackstiefel und hatte einen gewichsten Schnurrbart; er lispelte, sprach nachlässig und ließ aus den Worten die R's aus. Er prahlte stets und wischte sich seinen geölten Bart mit einem großen rotseidenen Taschentuch, welches einen so penetranten Geruch nach Moschus im Zimmer verbreitete, daß ich schließlich so weit war, mit diesem Snob den Kampf aufzunehmen, bis er oder ich den Gasthof verließ. Ich fing zuerst harmlose Gespräche mit ihm an, was ihn sehr irritierte, weil er nicht wußte, wie er mir entgegnen sollte, war er es doch nicht im mindesten gewohnt, daß jemand es sich herausnahm, ihn zuerst anzureden. Dann gab ich ihm eine Zeitung, und als er auch von diesem Entgegenkommen keine Notiz nahm, fixierte ich ihn scharf und benutzte meine Gabel als Zahnstocher. Nachdem ich dieses zwei Tage hintereinander durchgeführt hatte, hielt er es nicht länger aus und überließ mir den Kampfplatz.

Sollte der Oberst dies zu Gesicht bekommen, so wird er sich gewiß des Herrn erinnern, der ihn fragte, ob er nicht auch Publikola für einen guten Schriftsteller hielte, und der es fertig brachte, ihn mit einer vierzinkigen Gabel aus dem Hotel zu vertreiben.


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