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Achtunddreißigstes Kapitel

Klub-Snobs

Solches Aufsehen hat mein letzter Artikel über die Klub-Snobs in den Klubs hervorgerufen, daß ich es für mich, der ich doch selbst Klubmitglied bin, nur als schmeichelhaft bezeichnen kann.

Ich gehöre vielen Klubs an. Dem »Union Jack« und der »Schärpe und Enterhaken« – als militärischen Klubs. Dem »Echten Blauen«, dem »Unüberwindlichen«, dem »Blauledernen«, dem »Guy Fawkes« und dem »Cato Street« – politischen Klubs. Dem »Brummell« und dem »Regent« – Dandy-Klubs. Dem »Akropolis«, dem »Palladium«, dem »Areopagus«, dem »Pnyx«, dem »Pentelikus«, dem »Illissus«, dem »Poluphloisboio Thalasses« – wissenschaftlichen Klubs. Es ist mir ewig schleierhaft geblieben, wie die zuletzt genannte Kategorie auf ihre Namen gekommen ist; ich für meine Person verstehe kein Griechisch und möchte bloß wissen, bei wie vielen anderen Mitgliedern dieser Vereinigung das auch noch der Fall ist.

Vom ersten Tage an, als ich meine Artikel über die Klub-Snobs ankündigte, bemerkte ich, welches Aufsehen mein Erscheinen in jedem Klublokal erregt. Die Mitglieder verlassen ihre Plätze und bilden Gruppen – sie schütteln mit den Köpfen und ziehen ihre Brauen hoch, wenn ihr Blick den eben eingetretenen Snob streift. »Der verfluchte, unverschämte Laffe«, sagt der Oberst Bluyder, »wenn er es wagt, mich aufzuziehen, so schlage ich ihm alle Knochen im Leibe kaputt.« »Habe ich es Ihnen nicht gleich gesagt, was dabei herauskommt, wenn man Zeitungsschreiber in Klubs aufnimmt?« sagt Ranville Ranville zu seinem Kollegen Spooney, die beide in der gleichen Kanzlei mit Bindfaden und Siegellack hantieren. »Leute ihres Schlages sind in ihren eigenen Kreisen ganz gut zu gebrauchen, und als Mann, der selbst im öffentlichen Leben steht, mache ich es mir zum Prinzip, ihnen die Hand zu schütteln und ähnliche Höflichkeiten zu erweisen. Wenn sich aber diese Kerle in unsere Privatverhältnisse mischen, so ist das entschieden zu stark. Gehen wir weiter, Spooney«, und damit konzentrieren sich diese beiden Hansnarren hochmütig rückwärts. Als ich in den Kaffeeraum des »Unüberwindlichen« eintrat, sprach der alte Jawkins gerade vor einer Anzahl Leuten, die wie gewöhnlich gähnten. Er stand vor ihnen am Kamin, fuchtelte mit dem »Standard« herum und perorierte: »Was habe ich voriges Jahr zu Peel gesagt? Wenn Sie an den Getreidezöllen rühren, so rühren Sie an der Zuckerfrage, und wenn Sie an der Zuckerfrage rühren, so schneiden Sie die Teefrage an. Ich bin gewiß kein Anhänger der Monopole, ich bin ein liberaler Mann, ich kann es aber nicht vergessen, daß ich am Rande eines Abgrundes stehe. Und wenn wir den Freihandel haben sollen, so verschaffen Sie uns auch Gegenseitigkeit. Und was meinen Sie wohl, was mir Sir Robert Peel darauf erwidert hat? ›Mr. Jawkins‹, sagte er ...«

Bei diesen Worten fiel Jawkins' Blick plötzlich auf Ihren ganz ergebenen Diener, und alsbald hielt er mit einem Ausdruck des Schuldbewußtseins inne – in seiner alten, abgestandenen, blöden Rede, die jeder von uns im Klub immer und immer wieder hat anhören müssen. Jawkins ist ein äußerst hartnäckiger Klub-Snob. Tagtäglich sitzt er auf seinem Stammplatz am Kamin mit dem »Standard« in der Hand, aus dem er mit größter Gemütsruhe den Leitartikel vorliest und ihn ore rotundo seinem Nachbarn in die Ohren brüllt, der eben erst die gleiche Zeitung Wort für Wort gelesen hat. Wie man an der Schürzung seiner Krawatte erkennen kann, hat Jawkins Geld. Vormittags besucht er die Bankiers und Makler in ihren Geschäften und beginnt zu renommieren: »Gestern sprach ich mit Peel, dessen Absichten so und so sind. Graham und ich besprachen

die Angelegenheit, und ich verbürge mich mit meinem Ehrenwort dafür, daß wir in unseren Ansichten übereinstimmen. Und daß ›Wie-heißt-es-doch-gleich‹ die einzige Maßnahme ist, welche die Regierung durchzubringen versuchen wird.« Wenn die Abendzeitungen erscheinen, ist er schon wieder im Klub zu finden. »Ich kann Ihnen genau sagen, welche Meinung man in der City hat, verehrter Herr«, sagt er, »und Jones Loyd denkt darüber in wenigen Worten folgendermaßen. Rothschilds haben es mir selbst erzählt. Die Leute in der Mark Lane haben ebenfalls diese Ansicht zu der ihren gemacht.« Natürlich betrachtet man infolge seiner Reden ihn als einen ziemlich gut informierten Menschen.

Er wohnt in Belgravia – das versteht sich von selbst – in einem grau bemalten, vornehmen Hause, und alles zu seinem persönlichen Gebrauch ist gediegen, bequem und echt. Seine Diners werden im »Morning Herald« unter der Rubrik »Gesellschaften der Woche« registriert. Seine Frau und Töchter erscheinen jährlich einmal zur Cour bei Hofe, während er darnach im Klub sich in seiner Uniform als Kreisdeputierter zeigt.

Er liebt es, das Gespräch mit den Worten zu beginnen: »Als ich im Parlament war; da habe ich etc. ...« Tatsächlich hat er im ersten Reform-Parlament drei Wochen lang Skittlebury vertreten, wurde aber wegen Bestechung seines Mandates für verlustig erklärt. Seitdem hat er noch dreimal ohne Erfolg für diesen ehrbaren Wahlkreis kandidiert.

In den meisten Klubs habe ich noch eine andere Art von politischen Snobs gefunden. Das sind die Leute, die sich zwar um innere Politik nicht kümmern, dafür aber um so größer im Ressort des Auswärtigen sind. Ich glaube, diese Sorte von Menschen findet man kaum anderswo als in Klubs. Für sie beschaffen sich die Zeitungen ihre Auslandsnachrichten, was jeder einzelnen gut und gern zehntausend Pfund jährlich kosten mag. Zu ihnen gehört der Mann, der über die Absichten Rußlands und über den abscheulichen Verrat Louis Philipps ernstliches Unbehagen empfindet. Er ist es, der eine französische Flotte in der Themse erwartet und beständig ein wachsames Auge auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten hat, dessen Reden er (der Himmel möge ihn beschützen!) wörtlich liest. Er kennt die Namen der Oppositionsführer in Portugal und weiß, warum sie sich streiten. Er ist es, der Lord Aberdeen in den Anklagezustand versetzt und Lord Palmerston ins Gefängnis wandern zu sehen wünscht – oder umgekehrt.

Ein Lieblingsthema dieses Snobs ist es, daß Lord Palmerston sich an Rußland verkauft habe, wobei er die genaue Summe von Rubeln angibt, die er erhalten haben soll. Ich belauschte einmal solch einen Snob, es war Kapitän Spitfire von der königlichen Marine (dem, beiläufig gesagt, von den Whigs ein Schiff abgelehnt worden ist), wie er nach Tisch folgende Unterhaltung mit Mr. Minns führte:

»Was glauben Sie wohl, Minns, warum die Prinzessin Scragamowsky nicht auf der Gesellschaft bei Lady Palmerston gewesen ist? Weil sie sich nicht hat blicken lassen können. – Und warum kann sie sich nicht blicken lassen? Soll ich es Ihnen sagen, Minns, warum sie sich nicht blicken lassen kann? Der Rücken der Prinzessin Scragamowsky ist total zerschlagen, Minns. – Ich sage Ihnen, Herr, er sieht aus wie rohes Fleisch. Vergangenen Dienstag um zwölf Uhr erschienen drei Trommler vom Preobaschenskyschen Regiment im Ashburnham House, und um eineinhalb Uhr erhielt im gelben Zimmer der russischen Gesandtschaft, in Gegenwart der Frau des Gesandten, von vier Kammerfrauen, des griechischen Popen und des Gesandtschaftssekretärs, die Prinzessin dreizehn Dutzend Knutenhiebe.

Sie erhielt die Knute, Herr, mitten in England – am Berkeley Square, weil sie gesagt hat, daß die Großfürstin Olga rote Haare habe. Und nun, mein Herr, frage ich Sie, ob Lord Palmerston noch weiter Minister bleiben darf?«

Minns: »Um Gottes willen!«

Minns folgt Spitfire blindlings und hält ihn für das größte und klügste Geschöpf auf Gottes Erdboden.


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