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Zwanzigstes Kapitel

Fortsetzung der Betrachtungen über Tischgesellschaft-gebende Snobs

Ihr meine Freunde, wenn ihr der jetzt herrschenden Sitte folgen wolltet, so meine ich, müßtet ihr mir für die Aufzeichnung über Tischgesellschaft-gebende Snobs, die ich gerade unter der Feder habe, ein Zeichen eurer Anerkennung verehren. Wie denkt ihr über ein hübsches silbernes Tafelservice (ohne Teller, denn ich halte silberne Teller für reinen Übermut und denke fast genauso über silberne Teetassen), ein paar zierliche Teekannen, eine Kaffeekanne, Servierbretter usw., alles mit einer Widmung für meine Frau, Mrs. Snob, graviert? Und dann noch zehn silberne Becher für die kleinen Snoblinge zur Verschönerung des häuslichen Tisches, an dem sie ihr tägliches Hammelgericht verzehren.

Wenn es nach mir ginge und meine Absichten zur Durchführung kommen könnten, so würde einerseits das Tischgesellschaftgeben zunehmen, andererseits aber die tischgesellschaftgebenden Snobs sich vermindern. Mit dieser Frage beschäftigt sich auch der nach meiner Meinung liebenswürdigste Teil des kürzlich erschienenen Werkes »Der Regenerator« von Alexis Soyer, meinem verehrten Freunde (wenn er mir diese Bezeichnung nach unserer nur zu kurzen Bekanntschaft gütigst gestatten will). Die saftigsten, schmackhaftesten und elegantesten Stellen darin (um in seinem edlen Stil zu sprechen) sind nämlich die, welche nicht voh den großen Banketten und feierlichen Diners, sondern von »seinen Diners zu Hause« handeln. »Das Diner zu Hause« sollte der Mittelpunkt des ganzen Dinersystems werden. Der gewöhnliche Zuschnitt und die Zubereitung deiner Mahlzeit, die du doch selbst mit Genuß zu verzehren wünschst, sollte so reichlich, einladend und so vollendet im Geschmack sein, daß du deine Freunde ohne Vorbereitung bei dir willkommen heißen könntest. Für welches weibliche Wesen auf der Welt sollte ich wohl eine höhere Achtung an den Tag legen als für die geliebte Genossin meines Lebens, Mrs. Snob? Wer sollte wohl meinem Herzen näher stehen als ihre sechs Brüder (drei oder vier von ihnen werden mit ziemlicher Sicherheit uns um sieben Uhr mit ihrer Gesellschaft beehren), als ihre engelgleiche Mama, meine hochgeschätzte Schwiegermutter? Für wen schließlich würde ich lieber die leckersten Sachen einkaufen als für Ihren ergebensten Diener, den Schreiber dieses? Nein, niemand kann verlangen, daß das Birminghamer Geschirr aufgedeckt wird, daß die verkleideten Teppichklopfer unser niedliches Hausmädchen verdrängen, daß die trostlosen Entrees vom Garkoch bezogen und die Kinder (wie man meinen könnte) in die Kinderstube geschickt werden, während sie sich in Wirklichkeit auf der Treppe aufhalten, deren Geländer sie während des Diners herunterrutschen, und wo sie den Speisen, welche herauskommen, auflauern und mit ihren Fingern runde Löcher in das Gelee bohren oder sich Markklöße aus der Suppe fischen. Niemand, sage ich, kann verlangen, daß wir uns das behagliche »Diner zu Hause« durch schreckliches Zeremoniell, närrische Pracht und Protzerei zerstören, wie sie unsere Bankette an großen Festtagen kennzeichnen.

Ein solcher Gedanke ist gräßlich. Ebensogut könnte ich mir vorstellen, meine teuerste Bessy säße mir tagtäglich gegenüber in einem Turban aus Paradiesvogelfedern und ließe ihre schönen, rosigen Arme aus den durchbrochenen Spitzenärmeln ihres berühmten rotseidenen Kleides scheinen; oder daß täglich Mr. Toole in weißer Weste hinter mir schrie: »Silentium für den Präsidenten!«

Wenn ich nun also recht habe! Wenn dieser Prunk mit unechten Silbertellern und die Umzüge verkleideter Lakaien im täglichen Leben schon verabscheuungswürdig und närrisch sind, warum denn nicht immer? Wie sollten Jones und ich, die wir im Mittelstande leben, dazu kommen, unsere Lebensweise zu ändern und uns ein Ansehen anzumaßen, das sich für uns nicht paßt – indem wir unsere Freunde (die, wenn wir ehrlich sein wollen, doch gleichfalls dem Mittelstande angehören und sich nicht im geringsten von unserem zeitweise angenommenen Glanz blenden lassen werden) bewirten und die uns genau denselben faulen Zauber vormachen, wenn sie uns zum Diner einladen?

Zweifellos ist es angenehm, seine Freunde lieber zweimal als einmal zum Essen bei sich zu sehen, wie ich es von allen Menschen, die einen guten Magen haben und freigebig sind, voraussetze. Nun ist es aber Leuten mit bescheidenen Mitteln unmöglich, fortgesetzt für jeden Freund, der an ihrem Tische sitzt, fünfundzwanzig bis dreißig Schilling auszugeben. Sicherlich essen diese Leute sonst billiger. Ich selbst sah in meinem Lieblingsklub (dem »Senior United Service«) Seine Hoheit den Herzog von Wellington höchst zufrieden vor einem Stück Braten für fünfzehn und vor einem Schoppen Sherry für neun Pence; wenn das Seiner Hoheit genügt, warum nicht dir und mir?

Folgendes habe ich mir zur Regel gemacht und es für gut befunden: stets, wenn ich einige Herzöge und Marquis zum Mittagessen bei mir einlade, setze ich ihnen ein Stück Rindfleisch oder eine Hammelkeule mit Gemüse vor. Die hohen Herren sind für eine derartige Einfachheit dankbar und wissen sie zu schätzen. Mein lieber Jones, frage nur diejenigen, die du zu kennen die Ehre hast, ob es sich nicht so verhält.

Ich bin weit davon entfernt zu wünschen, daß ihre Hoheiten mich ebenso aufnehmen sollten. Der Glanz ist nun einmal mit ihrer Stellung verbunden wie bescheidene Behaglichkeit (daran wollen wir festhalten) mit der deinen oder meinen. Das Schicksal hat goldene Teller nur einigen wenigen vorbehalten und den anderen geheißen, sich mit dem weidengemusterten Steingut zu begnügen. Da ich nun durchaus zufrieden damit bin (wirklich tief dankbar – denn sieh dich nur um, lieber Jones, wieviel Myriaden nicht so begütert sind), ehrbares Leinen tragen zu dürfen, während die Großen der Welt mit Batist und geklöppelten Spitzen geschmückt sind, so sollten wir die vermaledeiten Gecken, die sonst nichts als eine Spitzenkrause sehen lassen, für elende, neidische Narren halten.

Die armen, albernen Krähen, die eine Pfauenfeder im Schwanz haben und denken, es nun dem prächtigen Vogel gleichtun zu können, in dessen Natur es begründet ist, auf Terrassen von Palästen zu stolzieren und sein prächtiges Rad in der Sonne leuchten zu lassen!

Die Krähen mit den Pfauenfedern sind die Snobs dieser Welt, und nie seit den Tagen des Aesop sind sie in einem Lande zahlreicher gewesen als gegenwärtig in unserem freien Reiche.

Welche Nutzanwendungen kann man aus dieser uralten Fabel auf unsere vorliegende Betrachtung – die Tischgesellschaft-gebenden Snobs – ziehen? In unserer Stadt sucht, man allgemein es den Großen gleichzutun, von den Palästen in Kensington und Belgravia an bis zum allerentlegensten Winkel des Brunswick Square. Pfauenfedern stecken in den Schwänzen der meisten Familien. Unter uns Hausvögeln gibt es kaum einen, der nicht den wiegenden, stolzierenden Tritt und den schrillen, vornehm kreischenden Ton nachzuahmen suchte. Oh, ihr irregeleiteten Tischgesellschaft-gebenden Snobs, wenn ihr doch nur einsehen wolltet, wie vieler Freuden ihr verlustig geht und wieviel Unheil ihr mit eurer verrückten Großmannssucht und eurer Heuchelei anrichtet! Ihr stopft euch gegenseitig mit gepfefferten Gerichten voll und bewirtet euch gegenseitig bis zur Vernichtung der Freundschaft (der Gesundheit gar nicht zu denken) und bis zur Zerstörung jeder Gastlichkeit und guter Kameradschaft. Ihr, die ihr ohne die Pfauenfeder im Schwanz so behaglich plaudern und so harmlos glücklich sein könntet!

Wenn jemand in eine große Staatsgesellschaft von Tischgesellschaft-gebenden und Tischgesellschaft-empfangenden Snobs geht, so wird er, falls er philosophisch veranlagt ist, die ganze Geschichte bald als einen ungeheuren Humbug betrachten, sowohl die Speisen und Getränke, die Dienerschaft und das Silber, den Wirt wie die Wirtin, die Unterhaltung wie die Gäste und mit eingeschlossen auch sich selbst – den Philosophen.

Der Wirt lächelt, neigt verbindlich den Kopf hierhin und dorthin und spricht mit jedem von der Tafelrunde, obwohl mit Angst im Herzen, daß der Wein, den er aus dem Keller hat heraufholen lassen, vielleicht nicht reichen, daß eine nach dem Korken schmeckende Flasche seine Berechnungen zerstören oder daß unser Freund, der Teppichklopfer, durch irgendeine Dummheit in seiner wirklichen Eigenschaft als Grünkramhändler sich offenbaren könnte, womit seine Rolle als Haustafeldecker ausgespielt wäre.

Die Wirtin lächelt unentwegt alle Gänge des Diners hindurch, sie lächelt trotz ihrer Todesangst, trotzdem ihr Herz in der Küche ist und sich ausmalt, daß dort irgendein Unheil passiert sein könnte. Daß das Souffle zusammengefallen sein oder daß Wiggins das Eis nicht zur rechten Zeit geschickt haben könnte. – Diese lächelnde, heitere Frau fühlt sich so, als ob sie Selbstmord verüben könnte.

Die Kinder oben kreischen, weil das Mädchen ihre trostlosen Locken mit heißen Eisen präsentabel machen will, dabei Miß Emmys Haar mit den Wurzeln ausreißt und Miß Pollys Stumpfnase mit Küchenseife abschrubbt, bis die kleine Range einen Schreikrampf bekommt. Die Bengel der Familie sind, wie wir bereits festgestellt haben, auf dem Kriegspfade, um die herausgetragene Beute zu untersuchen.

Die Diener sind keine Diener, sondern die vorerwähnten Grünkrämer. Das Geschirr ist kein Silber, sondern nur so aussehende lackierte Talmiware. So ist auch die Gastfreundschaft und alles andere beschaffen. Die Unterhaltung ist Talmiunterhaltung. Der Witzbold der Gesellschaft läßt, obwohl mit Groll in seinem Herzen, da ihn seine Wäscherin, die ihn wegen unbezahlter Rechnungen gedrängt hatte, im Stich ließ, seine schönen Geschichten springen, und der Oppositionswitzbold ist wütend darüber, daß er noch nicht an die Reihe kommen kann. Jawkins, der größte Causeur, ist über beide ungehalten, weil er außer Gefecht gesetzt ist. Der junge Muscadel, dieser Talmidandy, erzählt von der großen Welt und den Bällen des »Almack-Club« nach den Berichten der »Morning Post« und ödet damit seine Nachbarin Mrs. Fox an, die ihm nichts darauf antworten kann, weil sie dieselben nie mitgemacht hat. Diese Witwe hat sowieso ihr Gleichgewicht verloren, aus Ärger darüber, daß ihre Tochter neben den jungen Cambric, den Kuraten, der keinen Pfennig Vermögen hat, gesetzt ist und nicht neben den Obersten Goldmore, den reichen indischen Witwer. Die Frau des Doktors ist verschnupft, weil sie nicht den Vortritt vor der Frau des Anwaltes gehabt hat; der alte Doktor Cork schimpft auf den Wein, und Guttleton mokiert sich über das Essen.

Und nun vergegenwärtige man sich, daß all diese Leute so glücklich, zufrieden und gemütlich sein könnten, wenn man sie natürlich und anspruchslos bewirtet hätte und nicht nur wegen der unseligen englischen Leidenschaft für Pfauenfedern. Ihr freundlichen Schatten Marats und Robespierres, wenn ich sehe, wie unsere ganze ehrbare Gesellschaft durch die elende Anbetung der Vornehmheit verdorben ist, so ärgere ich mich ebensosehr wie die eben erwähnte Mrs. Fox, und ich bin bereit, ein allgemeines Abschlachten der Pfauen zu veranstalten.


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