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Dreiundvierzigstes Kapitel

Klub-Snobs

Das Unheil, welches über den einfachen und gutmütigen jungen Sackville hereinbrach, hatte seinen Ursprung in dem abscheulichen »Sarcophagus-Club«; und seine Mitgliedschaft war teilweise wenigstens auf die Schuld des Schreiber dieses zu schieben.

Als nämlich Wagley und ich bemerkten, daß seine Schwiegermutter Mrs. Chuff ein Faible für den Adel hatte (denn tatsächlich drehte sich ihr Gespräch um Lord Collingwood, Lord Gambier, Sir Jahaleel Brenton und die Gosport- und Plymouth-Bälle), trumpften wir unserer Gepflogenheit gemäß nun erst recht auf und erzählten von Lords, Marquis, Herzögen und Baronets in einer Weise, als ob diese Würdenträger unsere intimsten Freunde wären.

»Lord Sextonbury«, sagte ich, »scheint den Verlust seiner Gemahlin überwunden zu haben; denn er und der Herzog saßen gestern abend im ›Sarcophagus‹ recht trunkfest beim Weine zusammen, nicht wahr, Wagley?«

»Ein guter Kerl, der Herzog«, fuhr Wagley fort. »Bitte, gnädige Frau«, und er wandte sich Mrs. Chuff zu, »Sie kennen ja die Weit und die Etikette, wollen Sie nicht so gut sein, mir zu sagen, was ich in meiner Lage zu tun habe? Vergangenen Juni haben Seine Hoheit, sein Sohn, der Lord Castlerampant, Tom Smith und meine Wenigkeit im Klub zusammen diniert. Bei dieser Gelegenheit proponierte ich dem Herzog für das Derby eine Wette vierzig zu eins gegen Daddylonglegs, selbstverständlich in Sovereigns. Seine Hoheit hielt die Wette, und ich gewann natürlich. Er hat sie mir nun nicht bezahlt, und ich gestatte mir daher die Frage, ob ich einen so hohen Herrn an den einen Sovereign erinnern darf? – Bitte noch ein Stück Zucker, gnädigste Frau.«

Es war ein glücklicher Gedanke von Wagley, ihr auf solche Weise Gelegenheit zu geben, seiner Frage auszuweichen, denn sie setzte die brave Familie, bei der wir zu Besuch waren, in nicht geringe Verlegenheit. Sie warfen sich gegenseitig befangene Blicke zu. Mrs. Chuff hörte auf, ihre farblosen Geschichten über den Marineadel zu erzählen, und der liebenswürdigen kleinen Mrs. Sackville wurde es unbehaglich, und sie ging nach oben unter dem Vorwande, nach den Kindern zu sehen – nicht etwa nach dem jungen Tunichtgut Nelson Collingwood, der seinen Whisky- und Sodawasserrausch ausschlief – sondern nach einem Pärchen kleiner süßer Geschöpfe, die ihre Aufwartung nach Tisch gemacht hatten und deren glückliche Eltern sie und Sackville waren.

Das Ende dieser und späterer Zusammenkünfte mit Mr. Maine war, daß wir ihn als Mitglied des »Sarcophagus-Club« vorschlugen und seine Wahl auch durchsetzten.

Das ging jedoch nicht ohne einige Opposition ab – denn das Geheimnis, daß der Kandidat ein Kohlenhändler sei, sickerte durch. Sicherlich wären die Stolzesten unter den Mitgliedern und die Parvenüs bereit gewesen, ihm eine schwarze Kugel zu geben. Indessen kämpften wir die Opposition erfolgreich nieder. Wir machten den Parvenüs gegenüber geltend, daß auch die Lambtons und die Stuarts Kohlen verkauft hätten. Wir besänftigten die Stolzen durch Erzählungen von seiner guten Herkunft, seiner guten Charakterveranlagung und seinem guten Benehmen. Und am Tage der Wahl ging Wagley herum und beschrieb mit großer Beredsamkeit den Kampf zwischen der »Pitchfork« und der »Furibonde« und die Tapferkeit von Kapitän Maine, dem Vater unseres Freundes. In seine Erzählung hatte sich zwar ein kleiner Irrtum eingeschlichen, indessen bekamen wir unseren Mann durch, und in der Urne befanden sich nur wenige schwarze Kugeln. Eine von Byles natürlich, der jedem eine gibt, und eine von Bungs, der auf einen Kohlenhändler herabsieht, obwohl er sich erst kürzlich vom Weingeschäft zurückgezogen hat.

Etwa vierzehn Tage später sah ich Sackville Maine unter folgenden Umständen wieder. Er zeigte den Seinen das Klubhaus, wohin er sie in dem hellblauen Mietswagen, der stets vor dem Klub zu halten pflegt, hatte hinfahren lassen. Neben dem Kutscher auf dem Bock saß der tölpelhafte, halbwüchsige Diener von Mrs. Chuff in einer Phantasielivree. Nelson Collingwood, die hübsche Mrs. Sackville, die Frau Kapitän Chuff (Frau Commodore nannten wir sie) waren mitgekommen. Die letztere natürlich im hochroten Umhang, der, so prächtig er auch war, sich doch nicht mit der im »Sarcophagus« herrschenden Pracht vergleichen konnte. Sackville Maine zeigte ihnen in gehobener Stimmung die Schönheiten der Räume, die der kleinen Gesellschaft so herrlich wie das Paradies vorkamen. Jeder bekannte Stil, sowohl in der Architektur wie in der Einrichtung, war im »Sarcophagus-Club« vertreten. Das große Bibliothekszimmer war im Geschmack der Königin Elisabeth gehalten, das kleine Lesezimmer war im gotischen Stil und das Fremdenzimmer im ägyptischen Geschmack eingerichtet. Die Empfangszimmer waren Louis Quatorze (so genannt, weil der übertrieben verwendete Stuck darin zur Zeit Ludwigs des Fünfzehnten Mode war). Die Halle zeigte einen maurisch-italienischen Charakter. Überall, wohin man schaut, sieht man Marmor, Ahornholz, Spiegel, Arabesken, Goldmalereien und Stuck. Schnörkel, Chiffren, Drachen, Kupidos, Polianthusblüten und andere Blumen schlingen sich aus den verschiedenartigsten Füllhörnern heraus die Wände entlang. Die Ornamente in unserem »Sarcophagus-Club« verwirren und erregen mich derartig, wie wenn jeder einzelne aus Julliens Kapelle auf seinem Instrument mit voller Wucht eine andere Melodie spielte.

Die Fülle neuer Eindrücke löste in Mrs. Chuff Empfindungen aus, die ich nicht beschreiben kann und die sie auch nicht offenbarte, und so ging sie staunend in Begleitung ihrer Kinder und ihres Schwiegersohnes durch diese falsche Pracht.

In der großen Bibliothek (die zweihundertfünfundzwanzig Fuß lang bei hundertfünfzig Fuß Breite ist) war Tiggs der einzige Mensch, den Mrs. Chuff sah. Er lag auf einem roten Sammetsofa und las eine französische Novelle von Paul de Kock. Es war ein sehr kleines Buch, und er selbst war gleichfalls sehr klein. In diesem Riesenraum nahm er sich nur wie ein Pünktchen aus. Als die Damen zitternd und atemlos durch die Verlassenheit dieser prächtigen Einöde gingen, warf er einen selbstbewußten, durchdringenden Blick auf die schönen Fremden, der soviel sagen sollte wie: »Bin ich nicht ein tadelloser Kerl?« Und wirklich, ich glaube, das war auch ihre unausgesprochene Ansicht.

»Wer ist das«, flüsterte mir Mrs. Chuffzu, als wir etwa fünfzig Ellen entfernt von ihm am anderen Ende des Saales haltmachten.

»Tiggs«, sagte ich gleichfalls im Flüsterton. »Sehr bequem eingerichtet, nicht wahr, meine Liebe?« sagte Maine frei und ungezwungen zu Mrs. Sackville, »alle Kästen und Regale, die du siehst, enthalten – Schreibmaterialien, Neuerscheinungen, und die ausgewählte Bibliothek enthält jedes irgendwie bedeutendere Werk. Zum Beispiel hier: Dugdales Geschichte der Klöster, ein höchst wertvolles und, wie ich glaube, auch unterhaltendes Buch.«

Und als ich vorschlug, eines der Bücher zur Betrachtung für Mrs. Maine herauszunehmen, wählte er einen Band aus, der seine Aufmerksamkeit durch den merkwürdigen Umstand auf sich zog, daß sich eine Messingtürklinke an seinem Rücken befand. Statt aber ein Buch herauszuziehen, öffnete er einen Wandkasten, in dem sich nur das schmutzige Staubtuch und der Handfeger eines Hausmädchens befanden, die er äußerst bestürzt betrachtete, während Nelson Collingwood jeden Respekt vergaß und in ein schallendes Gelächter ausbrach.

»Das ist das ulkigste Buch, das ich je gesehen habe«, sagte Nelson. »Ich wünschte, wir hätten nur solche in unserer Schule!«

»Still, Nelson«, rief Mrs. Chuff, und wir gingen in die übrigen prächtigen Räume.

Wie bewunderten sie nun die Vorhänge in den Empfangszimmern, die, aus rotem Plüsch mit Silberbrokat gewirkt, sich so vorzüglich in London halten, und schätzten den Preis der Elle! Wie schwelgten sie auf den bequemsten Sofas, und wieviel Blicke warfen sie in die ungeheuren Spiegel!

»Die eignen sich famos zum Rasieren, nicht?« sagte Maine zu seiner Schwiegermutter (er wurde mit jeder Minute unleidlicher und eingebildeter). »Oh, nicht doch, Sackville«,sagte sie ganz entzückt und warf einen Blick hinter sich hinein, breitete ihren roten Umhang flügelartig aus und betrachtete sich eine lange Weile. Das gleiche tat auch Mrs. Sackville, und ich meine, der Spiegel warf das Bild eines lächelnden hübschen Wesens zurück.

Was ist aber eine Frau vor einem Spiegel? Gott erhalte uns die anmutigen Geschöpfe, sie gehören dorthin! Ist es nicht etwas ganz Natürliches, wenn sie auf ihn zufliegen? Er verschafft ihnen Abwechslung, und sie beten ihn an. Was ich aber noch viel lieber sehe und mit wachsendem Vergnügen und mit Begeisterung beobachte, das sind die Klubleute vor den großen Spiegeln. Der alte Gills rückt seinen Kragen hoch und grinst sein fleckiges Gesicht an. Hulker betrachtet mit großer Feierlichkeit seine lange Gestalt und versucht durch Zusammenziehen seines Rockes sich eine Taille zu machen. Der blöde Fred Minchin sieht hinein, wenn er sich zum Essen begibt, und zeigt über das Spiegelbild seiner weißen Halsbinde ein selbstgefälliges, affiges Lächeln. Bei Gott, wieviel Eitelkeit hat nicht schon dieser Klubspiegel gesehen!

Also die Damen nahmen das ganze Haus mit dem größten Vergnügen in Augenschein. Sie sahen sich das Café an und die Eßzimmer mit ihren zierlich gedeckten kleinen Tischen, die Herren, die daran ihren Lunch einnahmen, und bemerkten natürlich auch den alten Jawkins, der wie gewöhnlich losdonnerte; sie betrachteten die Lesezimmer und den Sturm auf die Abendzeitungen; sie sahen die Küchen – diese Wunder der Kunst –, wo der Chef über zwanzig niedliche Küchenmädchen und zehntausend glänzende Saucenpfannen das Kommando hat; und hochbefriedigt stiegen sie wieder in den hellblauen Mietswagen ein.

Sackville stieg nicht mit ein, obgleich die kleine Laura sich zu diesem Zweck auf den Rücksitz gesetzt hatte und ihm den Platz im Fond neben Mrs. Chuffs rotem Umhang freiließ.

»Wir haben heute dein Leibgericht«, sagte sie mit zaghafter Stimme, »willst du nicht mitkommen, Sackville?«

»Ich werde hier ein Kotelett essen, meine Liebe«, erwiderte Sackville. »Nach Hause, James.« Er ging die Stufen zum »Sarcophagus-Club« hinauf, und ihr hübsches Gesicht sah beim Fortfahren recht betrübt aus dem Wagen.


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