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Siebenunddreißigstes Kapitel

Klub-Snobs

I wish – da es mein Wunsch ist, mich besonders bei den Damen beliebt zu machen (die ich meiner tiefsten Ergebenheit versichere und denen ich jede nur mögliche Artigkeit in dieser Festsaison sagen möchte), wollen wir nun, wenn es Ihnen so recht ist, eine Klasse von Snobs durchhecheln, gegen die, wie ich glaube, fast jedes weibliche Herz erbittert ist – ich meine die Klub-Snobs. Selbst die liebenswürdigsten und friedfertigsten Damen habe ich fast stets ein gewisses Empfinden von Unmut gegen jene geselligen Einrichtungen, jene prunkvollen Paläste in der St. James Street, die ihre Pforten ihren Gatten öffnen, äußern hören, während sie selbst nichts haben als ihre dunkeln Ziegelsteinhäuschen mit drei Fenstern Front in Belgravia oder Paddingtonia oder in der Gegend zwischen den nach Edgeware oder Grays Inn führenden Straßen. Zu meines Großvaters Zeiten war es gewöhnlich die Freimaurerei, die ihren ganzen Zorn erregte. Meine Großtante (deren Bild noch in unserem Familienbesitz ist) versteckte sich in dem mächtigen Uhrgehäuse der »Königlichen Rosenkreuzer-Loge« zu Bungay in der Grafschaft Suffolk, weil sie das Treiben in der Loge, der ihr Gatte angehörte, belauschen wollte. Als es nun elf Uhr schlug, wurde sie von dem Summen und Dröhnen so in Schrecken versetzt, daß sie gerade in dem Augenblicke, als der Meister vom Stuhl den geheimnisvollen Bratrost zur Aufnahme eines Novizen bringen ließ, in die Mitte der versammelten Logenbrüder hineinplatzte. Daraufhin wurde sie mit verzweifelter Einstimmigkeit zur Großmeisterin vom Stuhl auf Lebenszeit gewählt. Obwohl diese wunderbare und couragierte Dame natürlich nie eine Silbe über die Geheimnisse bei ihrer Aufnahme verlauten ließ, hat sie doch allen Mitgliedern der Familie eine solch heilige Scheu vor den Schrecknissen der Mysterien von Jachin und Boaz beigebracht, daß niemand aus unserer Familie seitdem Logenbruder geworden ist noch je die abscheulichen Maurerabzeichen getragen hat.

Bekanntlich wurde Orpheus von einigen entrüsteten thrakischen Damen in Stücke gerissen, weil er einer harmonischen Loge angehörte. »Laßt ihn zu Eurydike zurückgehen«, sagten sie, »die er angeblich so betrauert.« Indessen ist diese Geschichte in dem eleganten Konversationslexikon von Dr. Lemprière in einer viel packenderen Weise geschildert, als es diese schwache Feder vermag. So wollen wir nun lieber ohne lange Vorrede an unsere eigentliche Aufgabe, nämlich die Klub-Snobs, herangehen.

Nach meiner Ansicht sollte es Junggesellen nicht erlaubt sein, in Klubs einzutreten. Wenn mein Freund von den Cuttykilts nicht Zutritt zu unserem »Union-Jack-Club« hätte (dem auch ich, wie noch weiteren neun ähnlichen Vereinigungen, angehöre), wer weiß, ob er noch jetzt Junggeselle wäre. Anstatt daß man es ihnen behaglich macht und sie mit jeder Art von Luxus verwöhnt, wie es in den Klubs geschieht, sollte man den Junggesellen meiner Meinung nach ihr Dasein bis aufs äußerste verleiden; man sollte jede Bestrebung fördern, die darauf abzielt, ihnen ihre freie Zeit zu verekeln. Nach meinem Empfinden gibt es kaum einen widerwärtigeren Anblick, als wenn man den jungen Smith sich in der Vollkraft seiner Gesundheit ein Diner von drei Gängen bestellen oder den im besten Mannesalter stehenden Jones sich in einem bequemen Klubsessel (ich finde keinen Ausdruck) räkeln sieht, mit der neuesten pikanten Novelle oder einer illustrierten Zeitschrift in der Hand. Was soll man aber erst zu dem alten Brown sagen, diesem selbstsüchtigen alten Kerl, für den die bloße Lektüre keinen Reiz hat, sondern der auf das bequemste Sofa hingegossen auf der zweiten Ausgabe der »Times« sitzt, die »Morning Chronicle« zwischen den Knien hält und den »Herald« zwischen Rock und Weste gesteckt hat, dabei den »Standard« unter dem linken Arm und den »Globe« unter dem anderen Flügel hält, während er in den »Daily News« wirklich liest. »Darf ich Sie wohl um den ›Punch‹ bitten, Mr. Wiggins?« sagt der gewissenlose alte Tiger, indem er unseren Freund unterbricht, der sich gerade an der Lektüre dieses Witzblattes ergötzt.

Eine derartige Selbstsucht sollte nicht geduldet werden. Nein und abermals nein. Wo sollte sich der junge Smith aufhalten, anstatt hier vor seinem Essen und Wein zu sitzen? – Ohne Zweifel doch am festlich gedeckten Teetisch zur Seite von Miß Higgs, wo er den dünnen Trank zu schlürfen und das harmlose Gebäck zu knabbern hätte. Derweilen sieht die alte Mrs. Higgs ihnen zu und erfreut sich an dem unschuldigen Geplauder der beiden, während meine Freundin, die Gouvernante Miß Wirt, völlig unbeachtet am Klavier sitzt und Thalbergs neueste Sonate mit neun vorgezeichneten B zu Gehör zu bringen sucht.

Wo sollte der im besten Mannesalter stehende Jones sich befinden? In seinen Jahren hätte er glücklicher Familienvater zu sein! Zu dieser Stunde – sagen wir um neun Uhr abends – müßte soeben die Uhr in der Kinderstube die Zeit zum Schlafengehen für die Kleinen geschlagen haben. Er und Mrs. Jones hätten darauf von Rechts wegen unter der Lampe des Eßzimmertisches einander gegenüberzusitzen, vor sich eine Flasche Portwein, die nicht mehr ganz so voll zu sein brauchte wie vor einer Stunde. Mrs. Jones hätte davon zwei Gläser getrunken und Mrs. Grumble (die Schwiegermutter von Jones) drei Gläser. Jones selbst hätte für sich den Rest langsam ausgepichelt, bis auch für sie alle die Stunde zum Schlafengehen geschlagen haben würde.

Mit was für einem Recht ist aber dieser alte Zeitungstiger Brown bereits zu so früher Abendstunde im Klub? Er sollte seinen Rubber mit seiner Frau, mit Miß Mac Whirter und dem Familienapotheker spielen. Sein Leuchter müßte um zehn Uhr vor ihn hingestellt werden, worauf er sich zu einer Zeit zurückzuziehen hätte, wo das junge Volk sich eben zum Tanze anschickt. Um wieviel besser, einfacher und edler wären doch solche Beschäftigungen, wie ich sie für diese Herren skizziert habe, als ihre jetzigen nächtlichen Orgien in dem abscheulichen Klub.

Und, meine Damen, vergegenwärtigen Sie sich diejenigen Männer, die sich nicht bloß im Speise- und Lesezimmer aufhalten, sondern die auch die anderen Räume dieser schrecklichen Lasterhöhlen, die ich zu zerschmettern gedenke, aufsuchen! Vergegenwärtigen Sie sich nur dieses Scheusal Cannon, der bei seinem Alter und bei seiner Größe in Hemdsärmeln Abend für Abend die Kugeln auf dem Billard klappern läßt und dazu noch mit dem hassenswerten Kapitän Spot wettet! Vergegenwärtigen Sie sich Pam, der in einem dunklen Zimmer mit Bob Trumper, Jack Deuceace und Charley Vole bei den Karten sitzt und der, oh über dieses irregeleitete Unglückswurm, den Point zu einer Guinee und den Rubber zu fünf Pfund spielt! Vor allem vergegenwärtigen, Sie sich – vergegenwärtigen Sie sich nur jene Höhlen des Abscheues, die in einigen Klubs eingerichtet sein sollen – die Rauchzimmer – vergegenwärtigen Sie sich die Ausschreitungen, die sich dort ein Stelldichein geben, die Unmengen dampfenden Whisky-Punsches und des noch gefährlicheren Sherry Cobblers, die dort vertilgt werden! Vergegenwärtigen Sie sich die Klubgenossen, die erst beim Hahnenschrei heimkehren und das ruhige Haus mit ihrem Hausschlüssel öffnen! Vergegenwärtigen Sie sich jene Heuchler, die ihre verräterischen Schuhe ausziehen und die Treppe hinaufschleichen, während unterdessen die Kinder oben schlafen und das Herzensweib allein im Schlafzimmer des zweiten Stockes bei dem trüben Nachtlicht wacht – in jenem Zimmer, das so bald von dem Geruch abgestandenen Zigarrenqualms so abscheulich erfüllt sein wird! Ich bin kein Verfechter der Gewalttätigkeit, bin auch von Hause aus nicht zum Brandstiften veranlagt, wenn Sie aber, meine verehrten Damen, es vorhaben sollten, den Erfinder des Hausschlüssels zu ermorden und die Klubhäuser in St. James niederzubrennen, so wird es wenigstens einen Snob geben, der deshalb nicht schlecht von Ihnen denken würde.

Die einzigen Leute, denen es meiner Meinung nach erlaubt sein dürfte, die Klubs zu besuchen, sollten verheiratete Männer ohne Beruf sein. Ihr fortwährendes Verbleiben im Hause kann selbst von den hingebendsten Frauen nicht gewünscht werden. Nehmen wir an, die Töchter hätten es vor, zu üben, womit sich in einer ehrbaren englischen Familie jede junge Dame wohl drei Stunden täglich befassen dürfte, so würde es für den armen Papa sehr schmerzlich sein, drei Stunden lang im Salon zu sitzen und den endlosen Mißtönen und dem Gequietsche zuhören zu müssen, das dem mißhandelten Klavier dabei entlockt wird. Jeder, und namentlich derjenige, welcher ein gutes Gehör sein eigen nennt, müßte verrückt werden, wenn er dazu verurteilt wäre, täglich sechs Stunden lang diesen Greuel auszuhalten.

Oder nehmen wir an, Sie hätten die Absicht, zu Ihrer Schneiderin oder zu Howell & James zu gehen, so ist es doch ganz klar, meine verehrte Gnädige, daß unterdessen Ihr Gatte viel besser im Klub aufgehoben ist als an Ihrer Seite im Wagen oder in einem Stuhl bei Shawl & Grimcrack Entzücken heuchelnd, während die jungen dandyhaften Ellenreiter vor Ihnen ihre Ware ausbreiten.

Diese Art Ehemänner sollten nach dem Frühstück fortgeschickt werden und, wenn sie nicht Abgeordnete, Eisenbahn- oder Versicherungsdirektoren sind, in ihren Klub gehen, wo sie bis zur Essenszeit zu bleiben hätten. Wahrhaftig, kein Anblick kann für mein ordnungsliebendes Gemüt angenehmer sein, als

die vornehmen Charakterköpfe so würdig beschäftigt zu sehen. Jedesmal, wenn ich durch die St. James Street gehe, wozu ich ebensogut das Recht habe wie alle übrigen Leute, und in die Fenster bei Blight, Foodle oder Snook oder auch in den großen Erker des Klubs der Beschaulichen hineinsehe, so richte ich meinen Blick mit ehrerbietiger Wertschätzung auf die Gestalten drinnen, auf die würdigen, rosigen, alten Knacker, die wurmstichigen Gecken, auf die geschnürten Taillen, glänzenden Perücken und tadellosen Halsbinden dieser höchst hohlen, aber ehrbaren Leute. Solche Männer sind tagsüber dort sicherlich am besten aufgehoben. Wenn Sie, meine verehrten Damen, von ihnen Abschied nehmen, so denken Sie an das Entzücken, das Sie naturgemäß beim Wiedersehen erfüllen muß. Sie haben Ihre häuslichen Angelegenheiten erledigt, haben Ihre Besuche gemacht, Ihre Pudel im Park an die frische Luft spazieren geführt, Ihre französische Jungfer hat Ihre Toilette beendet, die Sie so verführerisch schön bei Kerzenlicht erscheinen läßt, und Sie sind nun bereit, dem das Haus so angenehm wie möglich zu gestalten, der den ganzen Tag über nicht zu Hause war.

Solche Männer müssen, wie gesagt, zweifellos ihre Klubs haben, und deshalb dürfen wir sie nicht unter die Klub-Snobs einreihen – gegen die wir unsere Angriffe für die nächste Woche aufsparen wollen.


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