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Neunzehntes Kapitel

Snobs bei Tisch

In England nehmen die Tischgesellschaftgebenden Snobs eine sehr wichtige Stellung ein, und es ist eine gewaltige Aufgabe, sie zu beschreiben. Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der das Bewußtsein, Brot und Salz bei jemandem genossen zu haben, mich blind gegen seine Fehler machte, und wo ich es für eine Gemeinheit und für einen Bruch der Gastfreundschaft gehalten hätte, über ihn herzuziehen.

Wie kann einen aber nur ein Hammelrücken blind machen oder ein Steinbutt mit Hummersauce einem den Mund auf ewig schließen? Mit zunehmendem Alter lernt man seine Pflichten deutlicher erkennen. Ich lasse mich nicht mehr durch ein auch noch so saftiges Wildbret täuschen. Und was mein Stummbleiben bei Steinbutt mit Hummersauce betrifft, so bin ich es natürlich zunächst; die guten Sitten erheischen es so lange, bis ich diese delikate Zusammenstellung verzehrt habe – länger aber nicht. Unmittelbar nach dem Gericht, und nachdem John die Teller abgenommen hat, beginnt meine Zunge sich zu regen. Ist das nicht bei Ihnen auch der Fall, wenn Sie eine amüsante Tischdame haben? Eine liebenswürdige Person von – sagen wir fünfunddreißig Jahren, deren Töchter noch nicht eingeführt sind, das sind die unterhaltendsten. Denn was die jungen Mädchen angeht, so werden sie gewissermaßen nur zur Dekoration der Tafel, ebenso wie die Blumen in den Aufsätzen, verwendet. Ihre knospende Jugend und natürliche Bescheidenheit macht sie noch nicht geeignet für den leichten, vertraulichen Plauderton, der den Verkehr mit ihren Müttern so anziehend gestaltet. An sie sollte sich der dinierende Snob wenden, wenn er Erfolge in seinem Berufe haben will. Stellen Sie sich vor, wie amüsant es ist, wenn Sie als Tischnachbar einer dieser Damen in den Essenspausen ihr gegenüber die Gerichte und den Gastgeber schlecht machen. Denn es ist ja doppelt pikant, sich über jemanden unter seinen eigenen Augen zu mokieren.

»Was ist ein Tischgesellschaft-gebender Snob?« mag wohl manch Unschuldsengel, der noch nicht in die große Welt eingeführt ist, und manch einfacher Leser, der noch keine Erfahrungen in London gesammelt hat, fragen.

Mein verehrter Herr, ich will Ihnen einige – wenn auch nicht alle Typen (denn das wäre unmöglich) von Tischgesellschaft-gebenden Snobs vorführen. Nehmen wir zum Beispiel an, Sie, der Sie im Mittelstande leben, essen für gewöhnlich Hammelfleisch, und zwar dienstags gebratenes, mittwochs kaltes, donnerstags Frikassee usw. Nun kommen Sie, der Sie über einen schmalen Geldbeutel verfügen und nur einen bescheidenen Haushalt führen, plötzlich darauf, den ersteren zu plündern und in dem letzteren das Oberste zu unterst zu kehren, indem Sie unnatürlich teure Gesellschaften geben – und gelangen damit alsbald in die Klasse der Tischgesellschaft-gebenden Snobs. Nehmen wir weiter an, Sie lassen sich von einem Stadtkoch billige Gerichte kommen, mieten sich ein paar Grünzeugkrämer oder Teppichklopfer, die als Diener figurieren sollen, geben der braven Molly, die Ihnen sonst aufwartet, den Abschied und putzen den Tisch (der für gewöhnlich mit Steingutgeschirr, das ein Weidenmuster trägt, geschmückt ist) mit billigem Birminghamer Geschirr heraus. Nehmen wir schließlich an, Sie erwecken den Glauben, reicher und vornehmer zu sein, als Sie es in der Tat sind – so sind Sie eben ein Tischgesellschaftgebender Snob. O Gott, ich zittere, wenn ich daran denke, wie viele diese Zeilen nächsten Donnerstag lesen werden!

Jemand, der derartige Gesellschaften veranstaltet – und ach, wie wenig Ausnahmen gibt es nur! – gleicht dem Burschen, der sich den Rock seines Nachbarn borgt, um darin Staat zu machen, oder einer Dame, die mit geliehenen Diamanten prunkt – mit einem Wort, solch ein Mann treibt Humbug, und deshalb muß er in die Zahl der Snobs eingereiht werden.

Jemand, der aus seinen natürlichen Kreisen heraustritt und Lords, Generale, Ratsherren und andere vornehme Leute zu sich einladet, aber knickerig mit seiner Gastfreundschaft gegen Gleichgestellte ist, ist ein Tischgesellschaft-gebender Snob. Mein lieber Freund Jack Tufthunt zum Beispiel kennt einen Lord, den er in einem Badeorte traf, nämlich den alten Lord Mumble, der so zahnlos ist wie ein Säugling von drei Monaten und so einsilbig als Unterhalter und so salzlos wie – schön, ich mag nicht auf Einzelheiten eingehen: kurz, Tufthunt gibt kein Diner, ohne daß man diesen ehrwürdigen und zahnlosen Patrizier nicht rechts von Mrs. Tufthunt sehen könnte – Tufthunt ist demnach ein Tischgesellschaft-gebender Snob.

Der alte Livermore, der alte Soy, der alte Chutney, Direktor der Ostindischen Gesellschaft, der alte Arzt Cutler usw., die ganze Gesellschaft dieser feinen alten Knacker, die sich gegenseitig in der Runde herum zu Diners einladen und einzig nur zusammenkommen, um zu schlemmen, sind gleichfalls Tischgesellschaft-gebende Snobs.

Weiter, meine Freundin Lady Mac Screw, die von drei baumlangen, reich galonierten Lakaien bei Tisch bedient wird, läßt das Halsstück eines Hammels auf silbernen Platten anrichten und dazu schlechten Sherry und Portwein aus Gläsern von der Größe eines Fingerhutes anbieten – auch die ist ein Tischgesellschaft-gebender Snob von der übelsten Sorte; ich für meinen Teil gestehe, daß ich lieber bei dem alten Livermore oder dem alten Soy als bei Ihrer Lordschaft diniere.

Geiz ist snobhaft, Protzerei ist snobhaft, zu große Verschwendung ist snobhaft; die Jagd hinter Aristokraten her ist snobhaft; ich gestehe aber, daß es Leute gibt, die noch snobhafter sind als die, deren Fehler ich vorhin erwähnte, zusammengenommen, nämlich die Leute, welche Diners geben könnten und es doch nicht tun. Der Mann, der keine Gastfreundschaft übt, soll nie mit mir »sub iisdem trabibus« sitzen. Mag dieser traurige Kerl seine Knochen allein abnagen!

Was ist nun wahre Gastlichkeit? Ach, meine teuren Freunde und Mitsnobs! Wie selten ist sie doch nach alledem zu finden! Sind die Gründe, die eure Freunde veranlassen, euch zu Diners einzuladen, immer uneigennützig? Diese Frage kommt mir oft in den Sinn. Will euer Gastgeber etwas von euch erreichen? Ich bin gewiß nicht argwöhnisch, aber ist es nicht beispielsweise Tatsache, daß, wenn Hookey sein neues Werk erscheinen lassen will, er alle Kritiker rundherum zum Diner einladet? Daß, wenn Walker sein Gemälde für die Ausstellung vollendet hat, er auf einmal übertrieben gastfrei wird und alle Freunde von der Presse bei sich zu einem gemütlichen Kotelett und einem Glase Sillery sieht? Der alte Geizhals Hunks, der kürzlich starb (und sein Geld seinem Hausbesitzer hinterließ), lebte viele Jahre als Gast bei seinen Freunden auf dem Lande und wurde dafür gnädigst der Pate all ihrer Kinder. Mögen Sie nun immerhin ihre eigene Meinung über die Gastfreundschaft Ihrer Bekannten haben, und mögen diejenigen, die Sie aus unlauteren Beweggründen zu Diners einladen, ganz entschieden Tischgesellschaft-gebende Snobs sein, so bleibt es doch das Richtigste, nicht zu scharf über ihre Motive zu Gericht zu sitzen. Einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul. Und schließlich hat, wer Sie zum Diner einladet, ja nicht die Absicht, Sie zu beleidigen. Dennoch kenne ich in dieser Hinsicht einige sonderbare Heilige in der Stadt, die sich verletzt, ja beschimpft fühlen, wenn das Essen oder die Gesellschaft nicht nach ihrem Geschmacke gewesen sind. Da ist zum Beispiel Guttleton, der sich sein Essen für einen Schilling aus der Garküche holen läßt, der aber beleidigt ist, wenn er Ende Mai zu Diners eingeladen wird, auf denen es noch keine jungen Erbsen gibt, oder wenn er im März noch nicht Gurkensalat zu Steinbutt vorgesetzt erhält. »Großer Gott«, äußert er sich, »was denken sich nur die Forkers dabei, wenn sie mich zu einem Essen in der Familie einladen? Ich kann Hammel auch zu Hause essen.« Oder: »Was für eine bodenlose Unverschämtheit ist es doch von den Sponners, Vorgerichte vom Garkoch holen zu lassen und mich dabei mit Erzählungen von ihrem französischen Koch anzulügen!« Da ist ferner Jack Puddington – ich sah den braven Kerl neulich in Wut, weil er, wie es der Zufall nun manchmal mit sich bringt, zu Sir John Carver mit denselben Personen eingeladen war, die er tags zuvor bei Oberst Cramley getroffen hatte – und nun nicht auf eine neue Serie Anekdoten präpariert war, um den angenehmen Causeur spielen zu können. Ihr armen Tischgesellschaft-gebenden Snobs! Ihr wißt nicht, wie geringen Dank ihr für eure Opfer an Mühe und Geld erntet, wie wir dinierenden Snobs eure Küche bekritteln, uns vor eurem »Hochheimer« schütteln und kein Zutrauen zu eurem billigen Champagner haben. Wir wissen, daß die Vorgerichte vom gestrigen Diner wieder aufgewärmt worden sind und daß verschiedene Platten unangerührt von der Tafel zu verschwinden haben, um bei der Festlichkeit morgen wieder Verwendung zu finden. Ich für meine Person bitte mir, wenn ich den Lohndiener ängstlich mit einem Frikandeau oder einer Pastete wegschleichen sehe, erst recht energisch davon aus und wühle dann mit teuflischer Lust mit einem Löffel darin herum. Solches Benehmen macht einen natürlich bei den Tischgesellschaft-gebenden Snobs recht beliebt. Ich weiß, daß einer meiner Freunde kolossales Aufsehen in der guten Gesellschaft mit seinen Randbemerkungen erregte, wenn ihm gewisse Gerichte angeboten wurden. So sagte er, er äße Aspik nirgends, außer bei Lord Tittup, und Lady Jiminys Küchenchef wäre der einzige Mann in London, der ein Filet en serpenteau oder ein Suprême de volaille aux truffes zu komponieren verstände.


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