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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Handelt weiterhin von Snobs auf dem Lande

So etwas wie ein Tagebuch über das Leben auf »Immergrün« wird für diejenigen meiner ausländischen Leser von Interesse sein, welche gern die Sitten und den Haushalt einer feinen englischen Familie kennenlernen möchten. Ich habe ja genug Zeit, ein Tagebuch zu schreiben. Beginnt doch das Klaviergehämmer schon früh um sechs Uhr, um unausgesetzt bis zum Frühstück mit Unterbrechung von nur einer Minute zu dauern, wenn nämlich der Platz am Klavier gewechselt wird und Miß Emily anstelle ihrer Schwester Maria zu üben beginnt.

Tatsächlich kommt das verwünschte Instrument nie zur Ruhe. Wenn die jungen Damen bei ihren Schularbeiten sind, drischt Miß Wirt ihre verblüffenden Variationen weiter und hält ihre großartigen Finger in Übung.

Ich fragte dieses große Geschöpf, in was für anderen Zweigen der Wissenschaft sie sonst noch ihre Schülerinnen unterrichte. »In den neueren Sprachen«, sagte sie bescheiden, »in Französisch, Deutsch, Spanisch und Italienisch, Lateinisch, und wenn es gewünscht wird, auch in den Anfangsgründen des Griechischen. Natürlich auch im Englischen, in Redeübungen, Geographie und Astronomie, im Gebrauch des Globus, in der Algebra (aber nur bis zu den quadratischen Gleichungen), denn von einem armen unwissenden weiblichen Wesen kann man nicht erwarten, daß es alles weiß. Das wissen Sie ja auch, Mr. Snob. Aber ohne alte und neue Geschichte darf eine junge Dame nicht sein, und hierin bilde ich meine jungen Schülerinnen zu vollendeten Meisterinnen aus. Botanik, Geologie und Mineralogie treibe ich mit ihnen nebenher zum Vergnügen. Mit einem so ausgestalteten Lehrpian verbringen wir, des mögen Sie versichert sein, die Zeit auf ›Immergrün‹ recht vergnüglich.«

Weiter nichts? dachte ich bei mir ... Was für eine Erziehung! Ich sah aber einmal in ein handschriftliches Liederbuch von Miß Ponto hinein und entdeckte fünf Fehler in vier französischen Worten; und in übermütiger Laune fragte ich einmal Miß Wirt, ob Dante Algiery seinen Beinamen deshalb hätte, weil er in Algier geboren sei, worauf ich lächelnd eine bejahende Antwort erhielt, die mich denn doch etwas in meinem Glauben an die Gediegenheit von Miß Wirts Wissen erschütterte.

Wenn die oben erwähnten kleinen morgendlichen Übungen beendet sind, so treiben diese unseligen jungen Damen im Garten das, was sie kallisthenische Übungen zu nennen pflegen. Heute sah ich sie krinolinenlos die Gartenwalze schieben.

Auch die teure Mrs. Ponto war im gleichen Negligé im Garten wie ihre Töchter; sie trug die Haare in einem zerschlissenen Netz, hatte einen zerdrückten Hut auf, stand in Hängerschürze und Pantoffeln auf einem zerbrochenen Stuhl und schnitt verwelktes Weinlaub ab. Abends mißt Mrs. Ponto viele Ellen in der Runde. Gott im Himmel, was war sie aber für eine Vogelscheuche in diesem Morgenanzug, der sie zu einem Skelett machte!

Außer Stripes stand noch ein Bursche, der Thomas oder Tummus gerufen wurde, in ihren Diensten. Tummus arbeitet im Garten oder im Schweine- und Pferdestall. Thomas dagegen trägt das Kostüm eines Pagen mit ungeheuerlichen Knöpfen.

Wenn jemand vorspricht und Stripes ist gerade nicht zur Stelle, so fliegt Tummus wie besessen in Thomas' Kleider und erscheint verwandelt wieder auf der Bildfläche wie der Hanswurst im Puppenspiel. Heute, als Mrs. Ponto den Wein beschnitt und die jungen Damen an der Walze waren, kam Tummus

wie ein brausender Wirbelwind mit den Worten angelaufen: »Missus, Missus, nu kommt Besuch!« Die jungen Damen scheuchen von der Walze auf, Mrs. Ponto springt von dem alten Stuhl herunter, Tummus fliegt, um seine Kleider zu wechseln, und geradezu unglaublich kurze Zeit darnach werden Sir John Hawbuck, Mylady Hawbuck und Master Hugh Hawbuck von Thomas in den Garten geführt, der mit der ehernsten Stimme von der Welt sagt: »Bitte, Sir John und Mylady, mühen Sie sich diesen Weg, soviel ich weiß, ist die Missus im Rosengarten.«

Und richtig, da war auch schon Mrs. Ponto. In einem netten kleinen Gartenhut mit einer frischen Zierschürze und neuen perlgrauen Handschuhen flog diese staunenerregende Frau in die Arme ihrer teuersten Lady Hawbuck.

»Teuerste Lady Hawbuck, wie lieb von Ihnen! Wie Sie sehen, immer unter meinen Blumen, kann ohne sie nicht leben!«

»Die Lieblichste unter den Lieblichen! Hum – aha – hau!« sagte Sir John Hawbuck, der sich auf seine Galanterie etwas einbildet und nichts ohne »A – hum – ha – a – hau!« herausbringt!

»Wo ist denn deine Hängerschörze«, schreit Master Hugh, »wir haben dich doch darin desehen, dawohl, durch den Zaun durch, nicht wahr, Pa'chen?«

»Hum – a – ha – a – hau«, brach Sir John in größtem Entsetzen los. »Wo ist eigentlich Ponto? War er nicht auf dem letzten Kreistage? Was machen seine Hühner? – Haben in diesem Jahre auch nicht die Carabasschen Fasanen seinem Weizen geschadet? A – hum – aha – a – hau«, und währenddem macht er seinem jungen Erben die wildesten und verzweifeltsten Zeichen.

»Doch, sie war in ihrer Hängerschörze, nicht wahr, Ma'chen?« sagte Hugh, der nicht einzuschüchtern war. Diese Frage umging Lady Hawbuck mit einer unvermittelten Erkundigung nach den lieben, herzigen Töchtern, und das Enfant terrible wurde von seinem Vater beiseite gebracht. »Ich hoffe, Sie sind durch die Musik nicht gestört worden«, sagte Ponto. »Meine Töchter, wissen Sie, üben täglich vier Stunden, wissen Sie, müssen soviel üben, wissen Sie ..., absolut nötig das. Was mich angeht, wissen Sie, so bin ich Frühaufsteher, und jeden Morgen um fünf in der Wirtschaft – nein, nein, Faulheit ist nichts für mich.«

In Wirklichkeit ist es so: Ponto schläft abends unmittelbar nach Tisch, sowie er in den Salon kommt, ein und wacht erst gegen zehn Uhr auf, wenn die Damen zu üben aufhören. Von sieben bis zehn und von zehn bis fünf ist ein recht anständiges Schlafmaß für jemanden, der sagt, daß er kein Faulenzer ist. Nach meiner eigenen Meinung schläft Ponto, auch wenn er sich in sein sogenanntes Studierzimmer zurückzieht. Dort schließt er sich täglich zwei Stunden mit seiner Zeitung ein.

Ich beobachtete die Szene mit den Hawbucks vom Fenster des Studierzimmers aus, das nach dem Garten hinausgeht. Ein komisches Ding, dieses Studierzimmer. Pontos Bibliothek besteht in der Hauptsache aus Stiefeln. Er und Stripes haben hier des Morgens wichtige Konferenzen, in denen der Stand der Kartoffeln besprochen oder das Schicksal eines Kalbes besiegelt oder das Todesurteil über ein Schwein ausgesprochen wird usw. Alle Rechnungen, die der Major erhält, werden auf den Studiertisch gelegt und liegen dort ausgebreitet wie die Akten eines Verteidigers. Hier liegen auch seine Angelgeräte, Messer und sonstigen Gartenwerkzeuge, seine Pfeifen und Schnüre und sorgfältig aufgehobenen Knöpfe. Eine Schublade ist mit den unglaublichsten Mengen braunen Packpapiers gefüllt, eine andere enthält eine enorme Masse unerschöpflichen Bindfadens. Wo jemand mit soviel Wagenpeitschen hin will, werde ich niemals begreifen lernen. Dies und Angelruten und Netze und Sporen und Stiefelleisten und Pillen für Pferde und chirurgische Instrumente für Pferde und seine Lieblingsschachteln mit Glanzwichse, mit denen er seine Schuhe eigenhändig auf höchst elegante Weise putzt, und wildlederne auf Leisten gezogene Handschuhe und sein Ringkragen, seine Schärpe und Säbel von der reitenden Marine, die mit einem darunter aufgehängten Stiefelknecht nach Art einer Trophäe dekoriert sind, und die Hausapotheke und in einer Ecke noch die Rute, mit der er seinen Sohn Wellesley Ponto, als dieser noch ein Knabe war, züchtigte (Wellesley durfte das Studierzimmer stets nur zu diesem peinlichen Zweck betreten) ..., das alles im Verein mit Moggs Straßenkarte und der Gartenchronik und einem Puffspiel bilden die Bibliothek des Majors. Unter der Trophäe hängt ein Gemälde von Mrs. Ponto in hellblauem, taillenlosem Schleppkleide aus der ersten Zeit ihrer Ehe. Ein Fuchsschwanz liegt oben auf dem Rahmen und dient dazu, den Staub von diesem Kunstwerk zu wischen.

»Meine Bibliothek ist zwar klein, aber sehr auserlesen, mein alter Junge«, sagte Ponto mit der größten Unverschämtheit, »sehr auserlesen. Ich habe heute den ganzen Morgen schon in der ›Geschichte Englands‹ studiert.«


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