Carl von Ossietzky
Sämtliche Schriften – Band IV: 1927–1928
Carl von Ossietzky

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

797

Wien, Wien, nur du allein ...

In der wiener ›Stunde‹, die seit der großen Tempelreinigung ein kreuzbraves Lokalblatt geworden ist, wird eine gastronomische Bilanz des Sängerfestes gezogen. »Wien hat sein Debüt als Fremdenstadt auch in dieser Hinsicht glänzend bestanden«, resümiert die ›Stunde‹. »18 000 Hektoliter Bier, 10 000 Hektoliter Wein, 250 000 Kilogramm Fleisch, 200 Kilometer Würste komsumieren die Festgäste in fünf Tagen ... Zur gastronomischen Bilanz gehört auch der Kaffeekonsum: zirka 500 000 Schalen täglich, das sind 2 500 000 Schwarze, Braune und Melangen.« Zählt man dazu einen Tabakumsatz von einer Million Schilling und eine Hochkonjunktur der Autotaxi, die auf 750 000 Schilling zu schätzen ist, so ergibt sich das Bild einer höchst opulenten Hochsaison; man beglückwünscht die gastfreie Stadt zu ihrem Sukzess und freut sich aufrichtig, daß ihr das Sterben so brillant bekommen ist.

Leider haben die fröhlichen Tage nicht nur eine gastronomische, sondern auch eine politische Bilanz, die weniger verlockend aussieht und deren Minus wir zu tragen haben. Denn es ist nicht nur gesungen, nicht nur pokuliert, sondern auch politisiert worden. Der reichsdeutschen Anschlußpropaganda ist es gelungen, selbst dieses harmlose Kindervergnügen unter ein politisches Banner zu bringen, doppelt überflüssig, weil es sich bei den Teilnehmern vornehmlich um friedfertigstes Kleinbürgertum handelte, um Mitbürger also, denen wir kein Unrecht tun, wenn wir sagen, daß sie ihre Feste sonst unter der Devise zu feiern pflegen, die auf jedem Bierfilz zu lesen ist: Sauf dich voll und friß dich dick und halts Maul von Politik! Man stellt nicht ohne Herzschmerzen fest, daß es wieder der sehr wohlmeinende Herr Loebe gewesen ist, der dem heitern Unternehmen eine Note beigemischt hat, die nicht nur falsch am Platze war, sondern als unerwünschte Folge neues Mißtrauen rings um Deutschland gesät und pariser Alarmbläsern die hoch erwünschte Gelegenheit gegeben hat, mit lange nicht mehr gewohnter Verve ins Clairon zu stoßen. Wenn das wiener Lokalblatt ausrechnet, daß für die etwa eine Million Paar verfutterter Würstchen eine Länge von zwanzig Millionen Zentimeter zu setzen wäre, was zweihundert Kilometer sind und dem Weg von Wien bis Linz entspricht, so muß leider gesagt werden, daß der von Herrn Loebe angerichtete Schaden, in ähnlicher Weise umgerechnet, eine via triumphalis ergibt, die nicht nur bis Linz führt, sondern, wie wir sehen mußten, bis Paris.

Herr Loebe, ein liebenswürdiger Innenpolitiker, wird, wenn er sich außenpolitisch verbreitet, jedes Mal ein Unglück auf Laufrädern. Wie kann ein alter, erfahrener Parteimann wie Paul Loebe über die Akkumulation von 200 000 teutschen Stimmbändern, die – siehe oben – nicht nur Vaterlandsliebe befeuchtet hat, in den begeisterten Satz ausbrechen: Das Volk hat gesprochen!? Was hätte die sozialdemokratische Presse gehöhnt, wenn ein Minister der frühern Regierung, ein Keudell oder Schiele, sich ähnlich geriert hätte? Politischer Takt hätte Herrn Loebe verbieten müssen, eine nette Spießerfete also aufzuplustern, politische Klugheit hätte ihm das ärgerliche Echo voraussagen müssen.

Seit den Maiwahlen bereitet sich eine entscheidende Debatte um die Rheinlandräumung vor, die durch keine neuen Momente erschwert werden dürfte. Man weiß, wie die Franzosen dazu stehen: teils möchten sie gern nachgeben, teils können sie sich von ihren alten Vorstellungen von Pfand und Sicherheit nicht freimachen. Hier handelt es sich darum, eine Entwicklung ruhig zu fördern, Vorurteile sich an der kühlen Überlegung langsam zersetzen zu lassen, anstatt sie neu zu füttern. Bekanntlich haben sich die französischen Sozialisten eben erst für die bedingungslose Räumung ausgesprochen. Das war das Ergebnis des 20. Mai und ein großer Erfolg deutscher Verständigungspolitik. Es ist kein Gegenbeweis, daß die Partei Léon Blums deswegen lebhafte Anfeindung und wenig Zustimmung erfuhr. Das hat jeder zu erwarten, der zuerst eine Tatsache ausspricht, die beim Gros der Andern erst an die Tür des Bewußtseins klopft. Niemals ist dem Glauben an ein gewandeltes Deutschland so spontan Ausdruck gegeben worden wie in dieser sozialistischen Plattform.

Jetzt wäre eine kurze störungslose Zeit für ruhiges Wachstum nötig gewesen. Da dröhnen die Posaunen von Wien herein, die mildere Stimmung ist zerblasen, der alte gereizte Ton wieder da und aus einem nicht sehr wichtigen Okkupationskonflikt wird plötzlich eine bissige Auseinandersetzung, die Stresemanns pariser Reise gefährdet. Denn auch die nachsichtigsten Franzosen verlieren den Humor, wenn sie expansive Tendenzen Deutschlands wittern. Viele der deutschen Anschlußfreunde denken dabei nichts Alldeutsches, die meisten, offen gestanden, überhaupt nichts. Aber in einigen unsrer Nachbarländer riecht man, wenn das Wort fällt, sofort Pangermanismus. Es kommt nicht darauf an, ob die Leute in Paris oder Prag Gespenster sehen, sondern darauf, ob deutsche Politiker Dinge tun, die geeignet sind, ihnen welche zu suggerieren.

Der Anschluß ist keine Sache der Propaganda, sondern eine der europäischen Situation. Es liegt über allem noch viel Unklarheit, und es wäre unsinnig, da forcieren zu wollen. Vielleicht wird sich Österreich doch allmählich den slawischen Nachbarvölkern zuneigen, vielleicht wird sich der Anschluß einmal ganz schmerzlos und unter dem Beifall Europas vollziehen. Nur sollte man nicht so wichtige Dinge wie das Selbstbestimmungsrecht der Völker ausspielen oder an jene großartigen nationalen Einigungen erinnern, die grade das alte Österreich ein Säkulum verhindert hat. Südslawen lebten in mehreren Staaten verstreut, Italien war ein Bündel von kleinen autochthonen Despotien und lästigen Fremdherrschaften. Hier aber handelt es sich um einen sehr großen, in rapidem Tempo erstarkenden und um einen sehr kleinen und schwachen Staat, und beide sind unabhängig. Das sollte doch nicht ganz übersehen werden. Das Größenverhältnis der Partner ist allzu verschieden; im Effekt würde der Zusammenschluß beider nicht eine »nationale Einigung« bedeuten, sondern nur eine Arrondierung des größern. Deutschland wird erweitert werden, Österreich verschwinden, seine besondere Artung in einem riesigen preußisch geheizten Schmelztopf untergehen.

Wenn man sich mit Österreichern darüber unterhält, so betonen sie gern die prekäre Lage ihres Landes, seine Zukunftslosigkeit und die Notwendigkeit, aus wirtschaftlichen Gründen irgendwo Zuflucht zu suchen. Dabei erscheint ihnen der Anschluß an Deutschland noch als die mildeste Lösung, aber sie sprechen davon doch wie eine alternde Salondame vom Übergang ins Mütterfach. Man braucht auf die erste Konfrontation in einem staatlichen Gefüge nicht neugierig zu sein.

Herr Loebe ist ganz gewiß ein tüchtiger Pazifist, und er glaubt sich schon salviert, wenn er die alldeutsche Phraseologie meidet und sich auf das Wilsonprinzip der nationalen Selbstbestimmung beruft. Aber er vergißt, daß pazifistisches Reden heute zwischen Locarno und Kellogg-Pakt nicht mehr viel heißt und daß ein Staatsmann oder Militär alter Schule, der noch munter die Tugenden des Krieges preist, so fremd wirkt wie eine eben gefundene Grammophonplatte aus der Steinzeit. Und er vergißt, daß es heute nur eine Entscheidung gibt: entweder die völlige Neugestaltung der Grenzen nach streng nationalen Prinzipien – das hieße folgerichtig: die Proklamierung der deutschen Irredenta in allen vier Himmelsrichtungen – oder die langsame Aufhebung der Grenzen überhaupt: – die Vereinigten Staaten von Europa! Von dieser Entscheidung sollte der internationale Sozialist Paul Loebe eine Ahnung haben.

 

Während sich Augen und Ohren der deutschen Presse nach Wien wenden, hat sich indessen ein Zwist mit der französischen Regierung entwickelt, der noch eben und eben glimpflich zu enden scheint. Die Linksblätter sind etwas verlegen, bei Hugenberg tanzt man.

Da die Beziehungen zu Frankreich noch immer recht zerbrechlich sind und die Freundlichkeiten noch recht jungen Datums, ist es nicht ohne Belang, wer Deutschland in Paris vertritt. In der deutschen Botschaft amtet Herr von Hoesch. Er wohnt in Paris, aber lebt dort nicht mehr. Er lebt in dem luftleeren Raum einer selbsterdachten Politik.

Bei der Beurteilung dieses Diplomaten darf man gewiß nicht seine Meriten vergessen. Er hat als Geschäftsträger während des Ruhrkampfes und nachher die schwerste Zeit der deutsch-französischen Nachkriegsirrungen durchgemacht, und damals gerettet, was zu retten war. Der Maisieg der französischen Linken von 1924 steckte ihn fast mit einem radikalen Jakobinismus an. Dann kam Poincaré wieder, und zu ihm fand Herr von Hoesch keine andre Haltung als die Mehrzahl der deutschen Demokraten, die feindselige Resignation des Hebbelschen Wortes: »Darüber kann kein Mann weg!«

Wir brauchen aber einen pariser Vertreter, der darüber hinwegkann, der mit den Mächten umgehen kann, die da sind, nicht mit den Bildern seiner Wünsche. So ist heute der seltsame Zustand da, daß man in der Wilhelmstraße die Möglichkeiten der Verständigungspolitik in Paris viel optimistischer einschätzt als in der dortigen Botschaft. Die ist kein Relais des guten Willens mehr, sondern in Wahrheit eine Barriere, ein Abschluß. Stop.

Der Herr Botschafter zehrt von seinen alten Verdiensten, denen er allerdings auch seine frühe Karriere verdankt. Es mag sein, daß er sich seit Locarno etwas in die zweite Reihe gedrückt fühlt. Seit die Außenminister sich in Genf in persönlichen Begegnungen aussprechen, hat die deutsche Botschaft manches von ihrer Bedeutung von 1924 eingebüßt. Die Methoden des Herrn von Hoesch, die Wichtigkeit aus eignem zu erhöhen, können nicht als sehr glücklich bezeichnet werden.

Die neue Rolle separiert Herrn von Hoesch nicht nur von den Franzosen, sondern auch von seinen Landsleuten. Deutsche Journalisten klagen über ein nicht immer gewünschtes Patronat; gesellschaftliche Konflikte verderben die Stimmung. Aus dem gewandten, legeren Herrn, der er vor ein paar Jahren noch war, ist der würdevolle, unnahbare Schirmherr des allmählich ranzig werdenden kulturellen Rapprochements geworden.

Früher, als er noch ein freundlicher Gesellschafter war und noch nicht the right Honourable, erzählte er deutschen Besuchern gern, wie er sich in seiner Amtszeit in Madrid für Stierkampf interessiert habe. Er hat damals sogar das Stierkämpfen praktisch gelernt, indem er Unterricht bei einem richtigen Torero nahm und sich einen jungen andalusischen Kampfstier hielt. Die Geschichte ist indessen nicht so blutig, wie man meinen könnte, denn dem Stier waren vorsichtigerweise die Hörner wattiert worden, während die Degenspitze seines Gegners durch einen Korken unschädlich gemacht war. Trotzdem muß es ein Anblick von schöner Sinnbildlichkeit gewesen sein, wie sie da umeinander herumtanzten, der junge Professional der subtilsten politischen Kunst und der Repräsentant der unzähmbaren militanten Naturkraft.

Der arme Stier wird inzwischen lange auf gelbem Sand verblutet sein, aber sein einstiger Teilhaber am Spiel hat es weit gebracht. Nur schade, daß sich in ihm manchmal auch hauptamtlich die Torerogelüste wieder regen. Das Auswärtige Amt würde nützlich handeln, ihm einen dicken Pfropfen auf den Degen zu stecken, denn die französische Politik stößt trotz alledem auch lieber mit wattierten Hörnern.

 

Wenn nicht einige besondere Unglücksfälle eintreten, wird in ein paar Wochen in Paris der Kellogg-Pakt von vierzehn Außenministern feierlich unterzeichnet werden. Es besteht nämlich noch immer die Möglichkeit, daß Herr Kellogg in der eignen Heimat, wo er zu den weniger geschätzten Politikern gehört, havariert. Ganz von dem zu schweigen, was sich etwa in Europa noch ereignen kann.

Wer glaubt an den Friedenspakt? Er ist nicht der allgemeinen Überzeugung entsprungen, sondern ein Zierstück der Diplomatie, die in ihrer Weise ein großes pazifistisches Dokument schaffen möchte, ohne an den bestehenden Zuständen etwas zu ändern. Man könnte Herrn Kelloggs Werk noch viel schärfer kennzeichnen, man könnte es leicht eine Verbeugung der Heuchelei vor der Tugend nennen. Von den Kriegern des Generals Sandino wird wohl keiner eingeladen werden ... Dennoch darf der Wert selbst solcher Gesten nicht mit kalter Schulter abgetan werden, denn Kelloggs Plan ist immerhin ein imponierender Versuch, die imperialistischen Wallungen der Nachkriegswelt zu zivilisieren. Es fehlt den Großmächten heute bei aller Ausgestaltung ihrer Kampfmittel an der festen zupackenden Roheit von früher. Die Bestialität ist nachdenklich geworden und reflektiert über die Folgen ihrer Exzesse. Die Route jedes Kriegswagens führt heute in ein Ungewisses: in die Revolution.

Bleibt also der Kellogg-Pakt, so lange die Mächte nicht an Abrüstung denken, bestenfalls ein Stück Papier, so wird er schlimmernfalls eine drohende Gefahr, wenn Rußland nicht in seinen Plan einbezogen wird. Dabei sollte man sich nicht durch Moskaus unfreundliche Sprache abschrecken lassen. Die russische Sehnsucht, den Weg in die Welt zurückzugewinnen, ist realer als die noch immer herausfordernd gezeigte Attrappe der roten Revolution. Das System der Amerikaner ist nicht unbedingt gegen Rußland gerichtet, aber es kann in einem kritischen Augenblick sehr leicht zum Rahmen einer antisowjetistischen Weltallianz werden. Hier eine Annäherung zu fördern, wäre eine großartige Aufgabe der deutschen Politik, wäre ein entscheidender Beitrag zur Entbarbarisierung Europas. Gibt es in Deutschland heute noch ein Ostprogramm? Die sogenannte östliche Orientierung aus dem Geiste der Reichswehr ist glücklicherweise an dem eignen Gasgeruch verendet. Der einzige bürgerliche Politiker, der noch eine bedeutende Konzeption der Ostfragen im Kopfe führt, ist der konservative Professor Hoetzsch. Die Sozialdemokraten sehen in den Leuten, die in Moskau regieren, Ausbrecher, die eigentlich reumütig zu Erzvater Kautsky zurückkehren müßten. Sie sehen die russische Politik ausschließlich unter dem Aspekt des sozialistischen Bruderkrieges, und wenn man ihnen auch konzedieren kann, daß ihnen die Kommunisten eine andre Haltung nicht leicht machen, so hilft das auch nicht weiter. Es fehlt auf beiden Seiten ein Genie der Synthese.

Aber bis dahin ist noch ein weiter Weg, und hier soll nur dargetan werden, daß unsre Außenpolitik im Osten vitalere Positionen zu erobern hat als im Südosten. Es ist billig, durch gelegentliche Grobheiten gegen Polen in Moskau flüchtigen Applaus zu finden, aber nicht auf dies fatale Spiel kommt es an, sondern auf die Rückführung Rußlands nach Europa. Deutschland steht durch sein geopolitisches Schicksal dieser Frage räumlich am nächsten. Und sie sei deshalb unsern Herrn Außenpolitikern mit besonderer Sorgfalt ans Herz gelegt, wenn sie aus der Stadt ihrer Träume zurückgekehrt sind.

Die Weltbühne, 31. Juli 1928


 << zurück weiter >>