Carl von Ossietzky
Sämtliche Schriften – Band IV: 1927–1928
Carl von Ossietzky

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Weber-Film

Dieser Film ist ein Anfang, ein Silberstreifen am Horizont nach langer Nacht. So muß man ihn bewerten, anstatt Einzelheiten zu bekritteln. Erfreulich, daß ein bedeutendes, aber oft an Niedlichkeiten vergeudetes Talent wie Zelnik hier einen Weg beschritten hat, der nicht unbedingt in die Publikumsgunst zu führen braucht. Was fehlt, ist die pittoreske Natürlichkeit der Volkstypen, wie sie Russen und Amerikaner einzusetzen haben, auch die Ausstattung riecht zu sehr nach frischem Firnis. Die Aufruhrszenen sind effektvoll herausgearbeitet, aber man darf nicht an den »Potemkin« denken und nicht an die fegende Vehemenz von Ingrams »Scaramouche«. Aber in Deutschland ist das Genre ja überhaupt nicht beheimatet und warum soll die Filmregie da reussieren, wo die politische Regie stecken blieb?

Fr. Carlsen und Willi Haas, den Verfassern des Manuskriptes, ist hoch anzurechnen, daß sie nichts melodramatisch verbrämten, sondern das Elend in krasser Nacktheit wirken ließen; ebenso seien die vorbildlich knappen Zwischentitel hervorgehoben. Unter den Darstellern fällt besonders Dieterle als Moritz Jäger auf, und, holdes Wunder, Paul Wegener zeigt sich hier zum ersten Mal seit langem nicht als sein eignes Denkmal, sondern gelockert und vermenschlicht. Für die Aufführung im Capitol hat Schmidt-Gentner eine Musik geschaffen, die da packt, wo das Bild leer läßt, und das Weberlied mit seinem schnellen, stoßenden Rhythmus verdiente schon ein Publikum, das sich faszinieren läßt und mit geballten Fäusten den Text mitstampft. Hier waren bei der zehnten Aufführung lauter gesittete Leute, die ihre gute Kinderstube auch gegenüber der sozialen Revolution bewahrten und nur ein Mal, wenn Moritz Jäger der Weberfrau verwehrt, die silbernen Löffel zu stehlen, begeistert applaudierten.

So siegte zwischen Aufruhr und Unannehmlichkeiten für einen etwas zu schroffen Arbeitgeber der unerschütterliche Glaube ans deutsche Volkstum.

Die Weltbühne, 31. Mai 1927


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