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41.

Eine gewählte Gesellschaft.

»Heisa, lustig, lustig, Mädels, laßt die Korken knallen und sorgt, daß die Gläser nicht leer stehen! So ein Stück Geld findet man nicht jeden Tag im Wald. Danke, ich trinke kein solches Zeug, es kitzelt mich zu sehr in der Nase und schmeckt zu süß.«

So brüllte Ralph, schlug auf den Tisch und sprach nur die letzten Worte höflich zu seiner schönen Nachbarin, welche ihm Champagner einschenken wollte.

Wenn Ralph seinen bereits annektierten Finderlohn recht bald ausgeben wollte, weil er ihm in der Tasche brannte, so war er hier an die rechte Schmiede gekommen. Hier schmiedete man das Eisen, wenn es warm war, das heißt, man ging dem Manne um den Bart, welcher Geld besaß, und da Ralph mit Papiergeld und den eingewechselten Goldstücken nur immer so um sich warf, so fehlte es an Zärtlichkeiten nicht.

Lucy, Katy, Mary, Anny und andere Mädchen mit auf y endigenden Namen saßen um den Tisch herum, lachten, schrien und johlten und schwiegen nur, wenn sie die Nase in das Champagnerglas vergruben. Links und rechts von Ralph saßen die beiden besseren Bewohner der Waldschenke.

Da die stille Cousine und die kokette Schwägerin erstens Verwandte von Peggy, der Wirtin, waren, und zweitens keine harten Arbeitshände, wie die übrigen Mädchen, besaßen und überhaupt einem besseren Eindruck machten, so mußten sie natürlich volltönendere Namen führen, und so hieß die stille Cousine Magdalen, die kokette Schwägerin hörte auf den Namen Eulalie.

Von einem ›besseren‹ Eindruck der beiden konnte man allerdings eigentlich nur im Gegensatz zu den anderen sprechen. Auch ihre Kleider waren an den Ellenbogen durchgescheuert, an der Taille fehlten Knöpfe, und Stecknadeln verschmähten sie, der Saum des Kleides war franzenartig – Eulalie trug einen buntgestreiften Unterrock, der ihre drallen Waden frei ließ, nur schade, daß die Strümpfe nicht mehr ganz heil waren – und im übrigen steckte ihr Haar in Papierwickeln. Die Mädchen, deren Namen auf y endigten, waren einfach ›lumpig‹ gekleidet. Keins wollte heute abend reizend erscheinen, weil keine Eroberungen zu machen waren.

Die Mädchen waren durchweg hübsch zu nennen; Magdalen, eine Blondine mit unschuldigen, schwärmerischen Kinderaugen, sehr zart gebaut und sehr still, Eulalie, eine üppige Brünette mit tiefschwarzem, blauschimmerndem Haar, voller Büste und junonischen Schultern. Sie war wirklich schön, viel schöner als Magdalen, dennoch sollte diese größere Triumphe feiern, als die kokette Eulalie. Das schüchterne Weibliche hat eben einen eigentümlichen Reiz.

Daß sich Eulalie im Unterrock befand, wurde schon erwähnt. Er verriet den Bau ihrer unteren Gliedmaßen in entzückender Weise. In ihrer burschikosen Weise rauchte sie Zigarren, während die übrigen die Lust mit Zigarettendampf füllten.

Peggy allein war sauber gekleidet und hatte das Haar gescheitelt. Trotz der Anwesenheit der vielen Dienstboten bediente sie selbst; im Augenblick aber saß sie auf Ralphs Schoß und ließ sich in die vollen Arme kneipen.

Hundertmal hatte der grauhaarige Sünder sie heute abend schon gefragt, ob sie ihn liebe. Peggy hatte stets mit einem aufrichtigen Ja geantwortet. Hundertmal wollte er ihr dann einen Kuß geben, aber immer wurde er daran durch irgend etwas verhindert, gewöhnlich, weil ihm ein Mädchen zutrank, und eine Minute später hatte er seinen Vorsatz stets vergessen.

Lucy trat eben wieder ein, warf die umgehängte Mantille ab, daß die nassen Tropfen über die Gesellschaft spritzten, und setzte sich wieder hin.

»Himmel, was für ein Regen,« sagte sie dabei, »alle Pumpen müssen oben in Bewegung sein. Man sieht schon gar kein Land mehr, alles ist Wasser.«

»Wasser, Wasser, sprecht nicht von Wasser,« schrie Ralph, »ich habe vor Wasser einen Abscheu; höchstens waschen tu ich mich drin, aber auch nur sehr selten.«

»Steht das Wasser wirklich schon hoch?« fragte Peggy das Mädchen.

»Wenn man sich hineinlegt, kann man darin ersaufen.«

»Ich mag nicht ersaufen,« schrie Ralph und schlug auf den Tisch.

»Hast du ja auch nicht nötig.«

»Ah, Peggy, bist du auch noch hier? Wahrhaftig, sitzt der kleine Mops noch auf meinem Schoß, und ich denke immer, das ist die Mary. Liebst du mich, Peggy?« »Ach, wenn du wüßtest, wie.«

»Dann gib mir einen Kuß!«

»Prosit Ralph,« rief Eulalie und stieß an sein Glas.

»Prosit,« entgegnete Ralph, trank und hatte den Kuß wieder vergessen.

»Ich denke, wir bekommen Gäste,« meinte Peggy, an Eulalie sich wendend.

»Zum Teufel mit den Gästen, wir schlagen sie tot!« brüllte Ralph.

»Unsinn, bei dem Regen kommt keiner,« entgegnete Eulalie.

»Dann brauchen wir keinen totzuschlagen.«

»Vor dem Regen scheut sich kein Präriemann,« sagte Peggy, »aber wenn der Boden mit Wasser bedeckt ist, schonen sie die Pferde.«

»Es ist gar nicht so schlimm.«

»Doch! Halte nur einmal deine Nase hinein, du wirst keinen Grund finden,« lachte Lucy.

»Dann können wir auch noch Gäste erwarten. Magdalen und Eulalie, zieht euch an!«

Eulalie hatte keine Lust, der Aufforderung der Wirtin nachzukommen, sie machte ein brummiges Gesicht.

»Wenn jemand kommt, hat es immer noch Zeit.«

»Zieht euch an, sage ich euch!« rief Peggy jedoch streng.

Die beiden erhoben sich und verließen brummend das Zimmer, das Wort ›blutig‹ ward einige Male hörbar.

Auch die übrigen Mädchen mußten sich nach und nach anziehen. Es war ihnen nicht recht. Wäre Peggy nicht so von dem weinseligen Cow-boy in Anspruch genommen gewesen, so hätte ihr Ohr die Worte ›verdammte Stülpnase‹ öfters zu hören bekommen.

Aber sie gehorchten doch sofort. So liebenswürdig Peggy auch war, sie konnte zur Furie werden, besonders wenn sie etwas getrunken hatte. Dann war mit ihr nicht gut Kirschen essen, der verwogenste Kerl bekommt manchmal vor dem ewig ›Weiblichen‹ heillosen Respekt.

Nach einer halben Stunde saßen die sechs Dienstmädchen – wie sie wenigstens im Hause genannt wurden – in einfacher, aber ganz hübscher Toilette um den Tisch herum, die Kleider etwas bunt, mit knallroten Bändern geschmückt, die Haare geordnet, die Gesichter gewaschen und etwas geschminkt.

Doch Gäste kamen noch nicht, nur der herkulische Hausknecht trat ab und zu ins Zimmer, um seine Kehle anzufeuchten.

Ralph hatte seine Freude an den Mädchen.

»Wo ist Eul – Eul – Eulalie?« brachte er schließlich mit schwerer Zunge hervor.

Eulalie und Magdalen ziehen sich noch an.«

»Sie sind schon fertig,« warf ein naseweises Mädchen ein.

»Dann sollen sie runterkommen,« schrie Ralph. »Verdammt, ich will sie sehen!«

»Sie können nicht kommen,« suchte Peggy ihn zu besänftigen.

»Warum denn nicht?«

»Das verstehst du nicht, Schatz.«

Der Cow-boy war nicht auf den Kopf gefallen, er lächelte schlau.

»O, ich weiß schon, warum nicht. Solange sie in ihren Lumpen steckten, waren sie gut genug, bei mir zu sitzen und mit mir zu saufen, weil sie aber nun ein bißchen fein angezogen sind, sollen sie oben in den Salons mit den weichen Stühlen bleiben. Aber verdammt will ich sein, wenn ich mir das gefallen lasse!« schrie er plötzlich, sprang auf und schlug donnernd auf den Tisch. »Herunter mit den beiden, her an den Tisch, damit sie weiter mit mir saufen.«

Peggy zog den Aufgeregten auf den Stuhl zurück.

»Du kannst oben mit ihnen trinken, aber nicht hier.«

»So, warum denn nicht?«

»Das ist gegen die Hausordnung.«

»Zum Teufel mit der Hausordnung! Kommen die beiden Mädels herunter oder nicht?«

»Sie dürfen nicht.«

Ralph sprang auf. Sein Rausch schien plötzlich verflogen zu sein. Er schnallte den Gürtel enger und drückte sich mit energischem Gesicht den alten Filzhut fest auf den Kopf.

Doch kam er nicht bis zur Tür, Peggy sprang auf ihn zu und umschlang ihn mit beiden Armen.

»Närrischer Kauz, wohin willst du?«

»Laß mich, fort will ich!«

»Du ersäufst ja draußen,« lachte Peggy.

»Kann ich machen, wie ich will, das geht dich gar nichts an. Das aber sage ich dir,« er machte sich unsanft aus Peggys Armen frei, »ich kann mein Geld verzehren, wo ich will, ich finde noch Plätze, wo ich anständiger behandelt werde, als hier, wo ich mein Geld auch los werden kann, wo man aber nicht die Mädchen hinausschickt, die ich gerade gern habe. Donner und Doria, so eine Gemeinheit! Denkst du, ich bin nur gut genug für sie, wenn sie in Lumpen gehen? Mein Geld ist ebensogut, wie das seiner Leute, mein Gold ist ebenso schwer. Verdamme meine Augen, ich will nach einer anderen Schenke, und wenn ich auch hinschwimmen sollte.«

Er wollte gehen.

»Aber Ralph,« rief Peggy bestürzt, »was fällt dir denn ein? So höre doch nur, ich habe ja etwas ganz anderes mit dir vor, etwas viel Schöneres.«

Sie schlang den Arm um ihn und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Cow-boy bog sich hintenüber, brach in ein schallendes Gelächter aus und zog dann ein ungemein pfiffiges Gesicht.

»Peggy, hältst du mich etwa für besoffen?«

»Durchaus nicht.«

»Na, dann will ich dir sagen, was ich denke: du hältst mich nämlich für einen solchen dummen Narren, wie sie hier oft einkehren, aber Ralph ist kein solcher, er hat nicht nur Haare unter der Nase, sondern auch auf den Zähnen. Ralph geht nicht so schnell auf den Leim.«

»Wie meinst du das?« fragte Peggy unschuldig. »Ich habe es doch nur gut mit dir vor.«

»Hahaha,« lachte Ralph aus vollem Halse, »der Teufel danke dir für diese Gutheit, ich tu's nicht. O, ich durchschaue deine Pläne. Wenn wir uns heiraten, bekommst du einen geriebenen Mann, der dir manche Nuß zu knacken geben wird. Du meinst also, ich soll mich mit den beiden Mädchen oben in die Salons setzen, ganz allein, heh? Na, mein Liebchen, das tut der alte Ralph nicht –«

»Mein Gott, was ist denn weiter dabei, du bist doch sonst nicht so zimperlich.«

»Laß doch diese Reden! Du denkst, hier unten kannst du mein Geld nicht schnell genug bekommen, oben aber, da geht es schneller, da zahlt man Salonpreise, für einen Fingerhut Whisky einen Dollar, für einen Kuß fünf Dollar. Na, mein Liebchen, das tun wir nicht, ich bleibe hübsch hier unten und trinke aus großen Gläsern, bis meine 8000 Dollar alle sind. Einige Tage wird es wohl noch dauern, denn tausend habe ich erst spendiert. Und wenn du etwa geglaubt hast, du könntest mir da oben in den Salons mit deinen Mädeln den ganzen Fund, die übrigen 72 000 Dollar, aus der Tasche locken, dann hast du dich geirrt, das merke dir. Ralph ist weder ein verliebter Pudel, noch ein Narr.«

Peggy biß sich auf die Lippen, der schlaue Alte war wirklich nicht auf den Kopf gefallen, er hatte ihre Absicht durchschaut. Doch gleich ward sie wieder freundlich.

»Nun, wie du willst, bleibe unten! Wir sprechen nicht mehr darüber.«

»Oho, so schnell geht das nicht, die Mädel müssen herunter, oder ich gehe doch noch.«

»Sie sind ja schon da,« rief Peggy.

Die Tür öffnete sich, und Magdalen und Eulalie traten ein, sie hatten schon draußen gewartet.

»Ah, großartig,« schrie Ralph, »das sind ja die reinen Wachspuppen. Uebrigens,« wendete er sich an Peggy und klopfte sie auf die Schulter, »ich wäre doch nicht gegangen, wenn sie auch nicht gekommen wären. Draußen ist es mir zu naß, und hier ist es hübsch trocken, ich wäre also sowieso hiergeblieben. Du bist eben reingefallen, Schätzchen.«

Peggy nahm die Sache nicht weiter übel; ihre gute Laune war schnell wiederhergestellt. Einem Cow-boy gegenüber half Schmollen gar nichts. Beide nahmen unter den schadenfroh kichernden Mädchen wieder Platz, ebenso Eulalie und Magdalen.

Ralphs altes Herz begann doch etwas schneller zu schlagen, als er zwischen diese beiden zu sitzen kam; er vergaß Peggy vollständig, und diese war's zufrieden.

Magdalen und Eulalie waren nämlich gekleidet, als wollten sie in große Gesellschaft gehen – doch nein, da hätten sie keinen Einlaß bekommen – etwa wie zu einem Kostümball, auf dem es zum Schluß etwas frei herzugehen pflegt: Die Kleider tief ausgeschnitten, die Arme bloß und das Röckchen nur bis an die Knie reichend. An den Handgelenken, den Fingern und am Hals wie im hochfrisierten Haar blitzte Geschmeide, die Wangen zeigten den rosigen Hauch der Pfirsiche und die Lippen die Röte von Korallen.

Die scheue Magdalen, welche ihre zarte Büste mit einem weißen Flor verhüllt hatte, trug ein blaues Atlaskleid mit roter Schärpe, die stark dekolletierte Eulalie ein rotes Atlaskleid mit blauer Schärpe, und die weiße Haut der letzteren stach wirklich entzückend von dem roten Atlas ab, der sich eng um den vollen Körper schmiegte.

Ralph saß so verblüfft da, daß die Mädchen sich kichernd anstießen und die beiden Bewunderten ihn lächelnd ansahen. Noch nie hatte er derartige Erscheinungen gesehen, trotzdem er ein stürmisches Leben hinter sich hatte, in dem Frauen und Mädchen eine große Rolle gespielt hatten. Eine solche Eleganz hatte er noch nie gesehen. »Donnerwetter, sind denn das nur wirklich die Mädels, welche so saufen können?« brachte er endlich nach langer Pause zögernd hervor.

Ein lautes Gelächter erscholl, und damit war der Bann gebrochen, der den verwegenen Cow-boy fast zum schüchternen Jüngling gemacht hätte.

Ralph fühlte sich sofort zu Magdalen hingezogen, sei es, weil die halbverhüllten Reize der zarten Gestalt seine Sinne entflammten, sei es, weil ihm das stille Wesen der scheuen Cousine mehr gefiel, als die offene, zudringliche Schönheit der anderen.

»Narrenspossen,« rief er, »habt ihr euch auch mit ein paar bunten Lappen behangen, ihr werdet doch nichts süßeres, als ihr gewesen seid. Komm, Magdalen, laß dich umarmen.«

Er wollte seinen Arm um die Taille des Mädchens schlingen, doch dieses entschlüpfte ihm schnell.

»Nicht so schnell, das darfst du nicht.«

»Darf ich nicht? All right, dann bekommst du keinen Champagner mehr. Kannst Regenwasser trinken.«

Magdalen unterhandelte, ein Blick Peggys hatte sie dazu aufgefordert.

»Doch! Du darfst es, aber unter Bedingungen.«

»Was für welche?«

»Daß du dir erst die Hände wäschst.«

Unter dem Gelächter der übrigen betrachtete Ralph verblüfft seine beiden Hände, welche eine braunschwarze Färbung zeigten.

»Warum soll ich sie erst waschen?«

»Weil sie lange nicht mit Seife in Berührung gekommen sind.«

»Seife, Seife,« murmelte Ralph nachdenklich, »richtig, das ist das Zeug, mit dem sich seine Leute einschmieren, damit sie rein werden. Nein, Magda, ich gebrauche prinzipiell keine Seife, ich bin kein solches Vieh, Faktum! Mach keine Geschichten, setz' dich her!«

»Ich lasse mich nicht anfassen, solange du dich nicht gewaschen hast. Faktum!«

»Unsinn, warum nicht?«

»Deine Hände färben ab.«

»Ah so, du denkst, dein Kleid bekommt Flecke?«

»Natürlich. Was meinst du wohl, was so ein Kleid kostet?«

Ralph betrachtete die zierliche Gestalt von oben bis unten, fing bei dem aschblonden, in der Stirn gelockten Haar an und hörte bei den mit silbernen Schnallen besetzten Goldkäferschuhen auf. Er schmunzelte, vielleicht hatte er die Zeichensprache Peggys, welche sich mit Magdalen verständigte, bemerkt, vielleicht auch nicht.

»Nun, wieviel kostet es?«

»Fünfhundert Dollar.«

»Donnerwetter, so viel kostete mein Hemd und meine Hose freilich nicht.«

»Das glaube ich. Und darum will ich mich auch nicht von deinen schmutzigen Händen anfassen lassen. Wasche dich erst!«

»Ich wasche mich um keinen Preis der Welt, ich bin keine Katze.«

»Und ich lasse mich nicht anfassen!«

Bedächtig griff Ralph in seinen Hemdenschlitz und zog zehn Hundertdollarnoten hervor. Sofort saß Magdalen auf ihrem alten Platz neben ihm.

»Das sind tausend Dollar. Stimmt es?«

»Es ist richtig. Fünfhundert kostet das Kleid, das andere ist für mich, nun darfst du mich umarmen.«

»Unsinn,« lachte Ralph, »verschenken will ich nichts.«

Damit griff er nach links und rechts, umschlang je ein Mädchen und zog sie beide auf seine Knie. Eulalie sträubte sich erst ein wenig, ließ es sich dann aber gefallen.

»Dein Kleid ist auch bezahlt, also laß das Zappeln,« meint« Ralph, die beiden Mädchen hin- und herwiegend, »Sieh, Mutter Peggy ist zufrieden, sie streicht schon das Geld ein.«

Ralph bekam bald noch andere Gelüste.

»Was kostet oben im Salon ein Kuß von euch?«

»Fünfzig Dollar,« war die prompte Antwort. »Verdammt, ihr seid teure Mädels. Na, meinetwegen, ich hab's ja.«

Er legte zwanzig Dollar auf den Tisch.

»Von jeder einen Kuß.«

»Dann macht's aber hundert Dollar.«

»Mach keinen Schwindel. Oben ist alles fünfmal teurer, Peggy hat's mir oft genug erzählt. Zwanzig Dollar für zwei Küsse und keinen Cent mehr, basta!«

Die listige Peggy, welche nur fürchtete, daß der kurzangebundene Ralph anderen Sinnes werden könne, steckte das Geld schnell ein. Der Handel war abgeschlossen.

Schon spitzte der verliebt gewordene Cow-boy die Lippen, Eulalie ebenfalls, als etwas geschah, wodurch der Kuß wieder vereitelt wurde.

Draußen erschollen Hufschläge; man hörte, wie ein Mann vom Pferde sprang und nach dem Knecht rief. Dieser kam und nahm dem Reiter das Tier ab.

»Was für ein Haus ist das?«

»Die Waldschenke zur schönen Peggy.«

»Wie? Hier so einsam steht eine Schenke?«

»Ja, warum nicht?«

»So, hm, mag ein sauberes Etablissement sein, wahrscheinlich eine richtige Räuberhöhle.«

Der Schritt näherte sich der Tür.

»Was sagt der Kerl? Das wäre hier eine Räuberhöhle?« sagte Ralph und ließ die beiden Mädchen los, welche schnell ihre Kleider ordneten. »Da soll doch gleich –«

»Still,« flüsterte Peggy, »das ist ein völlig Fremder. Dem Wollen wir einmal zeigen, in was für eine Gesellschaft er kommt. Ihr wißt doch, was ich meine,« wandte sie sich an alle Mädchen.

»Natürlich, natürlich, wie damals bei dem fremden Engländer,« tönte es leise von allen Seiten, noch einmal ein leises Kichern, dann wurden alle Gesichter ernst, man setzte sich ehrbar auf den Stühlen zurecht und schwieg.

»Und du hältst dein Maul,« flüsterte Peggy dem Cow-boy zu, »sonst verdirbst du alles.«

Ralph zog das schlaueste seiner schlauen Gesichter. »O, ich weiß schon, was du willst, ich bin kein solcher Hornochse, wie du denkst.«

»Desto besser für dich. Still jetzt!«

Ein Mann trat herein, noch ziemlich jung, in einen Reitanzug gekleidet, der noch vor kurzem elegant gewesen sein mußte, wie man leicht erkennen konnte, vielleicht noch vor wenigen Stunden; jetzt aber war er an vielen Stellen zerrissen, ja zerfetzt und mit Schlamm bespritzt, der vom Regen etwas wieder abgewaschen worden war. Der Reiter mußte einen schweren Ritt durch dorniges Gestrüpp gemacht haben.

Er blieb an der Tür stehen und betrachtete erstaunt die von der Petroleumlampe erleuchtete, mit Ausnahme Ralphs, nobelgekleidete Gesellschaft, welche aber keine Notiz von ihm nahm.

»Er hat kein besonders schlaues Gesicht,« flüsterte Peggy, »mit dem können wir spielen. Es ist ein Gentleman, der sich wahrscheinlich auf der Jagd verirrte.«

Sie ging auf den regungslos Dastehenden zu und begrüßte ihn mit freundlichen Worten.

»Guten Abend, Sir. Sind Sie auch vom Regen hart mitgenommen worden?«

»Ja, Missis, es ist ein fürchterliches Wetter, man muß sich auf der Prärie nur immer durch Wasserlöcher arbeiten.«

Der Fremde spritzte das Wasser von der Jockeimütze, sein Blick flog dabei argwöhnisch an den Tisch hinüber. Die Wirtin fing den Blick auf; schnell trat sie dicht an ihn heran und flüsterte:

»Stoßen Sie sich ja nicht an der Gesellschaft, Sir. Auf einer Farm, nicht weit von hier, war Kostümball, jener Herr und die beiden Damen dort sind bei der Rückkehr vom Fest hier eingeregnet, ebenso die sechs jungen Mädchen, welche Besuch auf einer benachbarten Farm gemacht haben.«

»Ah so, nun kann ich mir alles erklären,« lachte der Fremde.

»Darf ich Sie, da Sie doch längere Zeit hier verweilen müssen, den Herrschaften vorstellen?« fragte die weltgewandte Peggy. »Not kennt kein Gebot. Lassen wir einmal die gewöhnliche Steifheit fallen –«

»Und denken wir, wir befänden uns, aus Wassersnot gerettet, auf sicherem Felsen,« ergänzte der Fremde lächelnd. »Mein Name ist Paddington.«

Beide traten an den Tisch, die Gesellschaft blickte auf.

»Mister Paddington, ein vor dem Tode des Ertrinkens hier Rettung suchender Gentleman – Mister Adolphs, Missis Adolphs,« stellte Peggy vor. Ralph und Eulalie als ein Ehepaar bezeichnend, »Miß Freeman, Missis Adolphs Schwester,« das war Magdalen.

Steife Verbeugungen auf beiden Seiten folgten. Selbst Ralph machte seine Sache sehr gut. Dann folgte die Vorstellung der übrigen Mädchen als Töchter von Farmern, wenn dies auch nicht gesagt wurde. Die Vorstellung ging glatt vonstatten, die Mädchen besaßen alle so viel Routine, wie sie eben gebrauchten. Dann aber ging's los.

»Hahaha, hohoho,« brüllte Ralph plötzlich heraus, als sich alle wieder gesetzt hatten, und schlug mit der Faust auf den Tisch, »hohoho, ich ersticke!«

Der Fremde sah ihn erstaunt an.

»Mein Mann hat sich auf dem Kostümball so ausgezeichnet amüsiert,« nahm Eulalie schnell das Wort, »die Wirtin hat Ihnen doch schon gesagt –«

»Mein Schwager hat sich als Cow-boy verkleidet,« fiel Magdalen mit einer Geistesgegenwart ein, die man dem unschuldig blickenden Mädchen gar nicht zugetraut hätte, »und einer Wette zufolge will er seine Rolle bis morgen mittag 12 Uhr weiterspielen. Fällt er bis dahin nur einmal aus der Rolle, so habe ich gewonnen. Ist das nicht reizend?«

»In der Tat, das ist reizend,« lächelte der Fremde. »Darf ich fragen, welcher Zeit Ihr Kostüm entspricht?«

»Es ist das Kostüm einer altfränkischen Edeldame.« »Hohoho,« brüllte Ralph weiter, »alte – fränkische – edle – Dame.«

Der Fremde warf eine prüfenden Blick an der altfränkischen Edeldame hinunter, und diese, ahnend, daß Edeldamen eher Schlepp- als Kniekleider tragen, steckte schnell die unbedeckten Beine unter den Tisch.

»Wie unangenehm!« flüsterte sie verschämt. »Liebe Frau Wirtin, sind unsere Umschlagtücher noch nicht trocken? Wir sind in einer fatalen Situation.«

»Ich habe eben erst nachgesehen,« entgegnete Peggy, »aber obgleich sie dicht am Feuer hängen, sind sie doch noch feucht. Soll ich Ihnen einen Mantel von mir bringen?«

Magdalens schüchterner Blick streifte den Fremden.

»Meinetwegen genieren Sie sich ja nicht,« beeilte sich dieser zu sagen, »überdies ist es hier sehr warm. Sie glauben nicht, wie sehr es mich freut, hier so reizende Gesellschaft zu finden.«

»Hohoho,« schrie Ralph, »reizende Gesellschaft das. Jeder Kuß kostet zehn Dollar. Wollt Ihr auch einmal bezahlen?«

»Bernard, übertreibe deine Rolle nicht,« ermahnte ihn seine Frau.

»Verdammt, wenn ich übertreibe. Ihr blutigen Mädels versteht doch, einen bis aufs Blut auszusaugen.«

Dabei stürzte er ein großes Glas Whisky hinunter.

»Ihr Herr Gemahl spielt den Cow-boy sehr getreu,« wandte sich Paddington an dessen Frau.

»Leider ja, er spielt zu natürlich, selbst die Hände hat er schwarzbraun gefärbt. Ich weiß gar nicht, woher er plötzlich so furchtbare Flüche gelernt hat, sonst brachte er nie einen über seine Lippen.«

Der Cow-boy wälzte sich vor Lachen; auch die sechs Dirnen konnten das Lachen kaum noch verbeißen, nur Peggy, die beiden Mädchen und der Fremde blieben ernst.

So ging die Unterhaltung lange Zeit weiter, nur daß Ralph jetzt anfing, bei jedem Wort, das seine Lachlust erregte, den schönen Nachbarinnen derb auf den Fuß zu treten, so daß manchmal schmerzliche Gesichter zu sehen waren, und als er von Eulalie einmal dafür einen heimlichen, aber nichtsdestoweniger derben Rippenstoß bekam, brach auch eine der Damen in Lachen aus.

Verwundert blickte Paddington nach dem Mädchen, das ohne jeden Grund so auflachte, und diese Gelegenheit hielt Ralph für günstig, seine Meinung über den ahnungslosen Fremden zu äußern. Er deutete schnell auf ihn und klopfte dann mit dem Knöchel auf seine Stirn.

Darüber brachen alle sechs Dirnen gleichzeitig in Lachen aus, trotz der drohenden Miene Peggys.

»Ein lustiges Völkchen,« sagte Paddington leise zu Eulalie.

»Ja, etwas übermütig. Sie besitzen nicht den rechten Anstand.«

»Mein Gott, Jugend hat keine Tugend.«

»Sie sind auch zu entschuldigen, es sind Töchter von kleinen Farmern, müssen hart arbeiten und kommen daher viel mit Knechten in Berührung.«

»Sie waren mit auf dem Balle?«

»Wo denken Sie hin? Auf dem Kostümball waren nur die reichsten Familien der Umgegend. Unkostümierte hatten überhaupt keinen Zutritt.«

»Ach so. Ihr Kleid steht Ihnen übrigens vortrefflich.«

»Nicht wahr? Ich habe es auch in New-York anfertigen lassen.«

Da sich das Gespräch jetzt nicht mehr um Anwesende drehte, wurde es wieder lauter.

»Ist Ihr Kleid auch in New-York gefertigt worden?« wandte sich Paddington an Magdalen.

»Gewiß. Es hat schweres Geld gekostet.«

»Das glaube ich. In Blackwels-Island vielleicht?«

Das Lachen und Kichern verstummt plötzlich; eine lautlose Stille trat ein, alle saßen wie versteinert da. Selbst die sonst so kaltblütige Peggy blieb, ein Brett mit Gläsern in der Hand, in der Stube stehen und starrte den Fremden erschrocken an.

»Was sagten Sie da?« brachte Magdalen endlich hervor.

Blackwels-Island ist eine Insel in der Nähe von New-York und in ganz Amerika bekannt, weil sich auf ihr das strengste Zuchthaus für schwere Verbrecher befindet. Daher rührte bei allen das namenlose Entsetzen.

Der Fremde wurde sichtlich verlegen.

»O, entschuldigen Sie, es war eine Dummheit von mir,« entgegnete er. »Eine Ähnlichkeit fiel mir auf, ich fühlte mich plötzlich nach Blackwels-Island versetzt, und deshalb kam mir dieses Wort über die Lippen.«

»Sie waren in Blackwels-Island?« rief Eulalie und schlug die Hände vor Schrecken zusammen.

»Gewiß,« nickte Mister Paddington ernsthaft, »ich war dort im Zuchthaus.«

»Im Zuchthaus?«

»Im Zuchthaus, einige Jahre.«

Die Mädchen schrien auf, Ralph rückte mit mißtrauischer Miene seinen Stuhl fort, und Magdalen verhielt sich ganz sonderbar. Sie setzte das Glas an den Mund, als wolle sie ihr Gesicht verdecken, und ihre Hand zitterte dabei.

»Ihr seid entsprungen?« fragte Ralph.

»Ach wo!«

»Habt also Eure Zeit hinter Euch?«

»Natürlich.«

»Welche Ähnlichkeit fiel Ihnen auf, wie Sie vorhin sagten?« fragte Eulalie, die sehr interessiert schien.

»Hm, ich lernte dort ein junges Mädchen kennen, welches vier Jahre wegen Kindesmords absitzen mußte. Die Strafe dünkt Ihnen für so ein schweres Verbrechen sehr gering, wie ich Ihren erstaunten Mienen entnehme, aber es wurden mildernde Umstände angenommen, besonders deswegen, weil der Vater des Kindes mit unter den Richtern saß. Sie wissen ja, wie es in der Welt zugeht. Ida Cohen war der Name jenes Mädchens, habe oft mit ihr gesprochen, und ich sage Ihnen, ohne Beleidigung, sie sah Ihnen ähnlich, Miß Freeman, wie aus den Augen geschnitten.«

»Was hast du denn, Magda – Schwester!« rief Eulalie erschrocken.

Magdalen hatte sich langsam erhoben und blickte mit den Augen einer Toten auf den Erzähler, der sich in den Stuhl zurückgelehnt hatte, seine Zigarre rauchte und seine Blicke scharf umherfliegen ließ.

»Nichts,« hauchte Magdalen und ließ sich wieder auf den Stuhl fallen, »mir wurde unwohl, ich bin zu fest geschnürt.«

»Und Ihr seid doch ein ganz verdammter Lügner,« rief Ralph und schlug auf den Tisch. »Ich weiß ganz genau, daß die Verbrecher zu Blackwels-Island alle in Einzelzellen sitzen und nie zusammenkommen.«

»Das stimmt, wart Ihr dort?«

»Hütet Eure Zunge, ich bin kein Sträfling gewesen!«

»Ich auch nicht.«

»Ich denke, Ihr wart im Zuchthaus?«

»Na, ja.«

»Dann seid Ihr auch ein Verbrecher.«

»Gott bewahre, ich war als Justizbeamter dort.«

Der vorige Schrecken wiederholte sich. Peggy ließ eine Champagnerflasche fallen, daß der Kork mit einem lauten Knall an die Decke flog. Am meisten entsetzt aber war Eulalie, sie sank fast vom Stuhl.

»Erschrecken Sie doch nicht so, Missis,« lächelte Paddington, »was ist denn weiter dabei, wenn Sie auch in den Tombs Tombs (sprich tuhms), wörtlich übersetzt Gräber, heißen in New-York die Gefängnisse. ein Jahr lang Tauwerk gezupft haben. Damals nannten Sie sich allerdings Julie Morris und hatten ein sehr liebedürftiges Herz, was die Polizei nicht dulden durfte; daß Sie aber an Ralph, den Cow-boy verheiratet sind, habe ich nicht gewußt – ich gratuliere Ihnen noch nachträglich – und daß Ida Cohen Ihre Schwester ist, ebensowenig.«

Einen Augenblick herrschte lähmendes Entsetzen, dann aber war es, als ob eine Granate im Zimmer geplatzt wäre. Alles sprang auf, mit Ausnahme des Sprechers. Magdalen hielt sich zitternd an der Stuhllehne fest, und Eulalie wollte sogar hinauseilen, brach aber, halb ohnmächtig, in einem Lehnstuhl zusammen.

»Donner und Doria!« sagte Ralph endlich leise mit drohenden Augen. »Ich sehe zwar, daß Ihr unser lächerliches Spiel durchschaut habt, wie könnt Ihr aber wagen, solche Anschuldigungen zu erheben?«

»Es sind keine leeren Anschuldigungen, ich spreche die Wahrheit. Ich bin Detektiv, aber,« sagte er schnell, als er neues Entsetzen bemerkte, denn außer Ralph schien hier niemand ein gutes Gewissen zu besitzen, »habt keine Angst, ich stehe nicht mehr in Staatsdiensten. Meinetwegen mögt Ihr noch so viel auf dem Kerbholz haben, ich kümmere mich nicht darum, sonst wäre ich wohl nicht so dumm und würde mich gemütlich als Detektiv zu erkennen geben.«

Jetzt war die Bestürzung schnell vorüber. Alle atmeten erleichtert auf, nur Ralph nicht. Starr blickte er auf Magdalen.

»Was, die, die da,« er deutete auf das Mädchen, »diese mit den unschuldigen Augen, die so still ist, die soll ihr Kind gemordet haben? Sagt es noch einmal!«

»Was? Die da mit den unschuldigen Augen,« rief Ralph, »die soll ihr Kind gemordet haben?«

Magdalen zeigte plötzlich ein äußerst freches Lachen, der Detektiv zuckte gleichgültig die Achseln.

»Wer einen Stein auf sie werfen kann, der tue es,« sagte er gedämpft, »ich kann es nicht. Vor den Menschen hat sie ihre Schuld abgebüßt, vor einem späteren Richter hat sie sich noch zu verantworten. Doch Gott ist, glaube ich wenigstens, ein gnädigerer Richter, als die irdischen, weil er die Verhältnisse besser durchschaut, als wir blinden Maulwürfe. Drum nochmals: wer einen Stein auf sie werfen will, der tue es, ich tue es nicht, damit ich nicht ins Gericht komme, wenn sie freigesprochen wird.«

Diese Worte, so gleichgültig sie auch gesprochen waren, verfehlten ihren Eindruck nicht. Todesstille herrschte in dem Gemach, in dem sich Dirnen, bestrafte und unbestrafte, aber alle schuldbewußt, befanden, man hörte den Holzwurm in der Wand klopfen.

Magdalens freches Lachen, das ihre Züge entstellt hatte, war verschwunden, sie beugte sich vor und flüsterte:

»Ich danke Euch, Fremder.«

Doch dem Detektiven schien gar nicht viel daran gelegen, eine sentimentale Stimmung hervorzurufen oder gar etwa Bekehrungsversuche zu machen, seine nachfolgenden Worte verwischten sofort den erzielten Eindruck wieder.

»Ich merkte sofort,« fuhr er fort, »was für ein Spiel mit mir getrieben werden sollte. Erstens trügt mein Auge selten, zweitens bin ich hier sehr wohl bekannt. Wenn die schöne Peggy mich genauer betrachtet, könnte sie vielleicht ein bekanntes Gesicht entdecken.«

»Wer seid Ihr denn?« rief Peggy.

»Ein Detektiv. Nur daß ich nicht Paddington heiße.«

»Wie heißt Ihr?«

»Das tut nichts zur Sache. Verlaßt Euch darauf, daß ich viel mit Euch verkehrt habe, und daß Ihr es mir verdankt, wenn Ihr hier die Gäste bedient. Ich habe manches Euretwegen getan, was ich nicht vor meinen Vorgesetzten, wohl aber vor meinem Gewissen verantworten konnte und jetzt noch kann.«

»Mein Gott,« schrie Peggy halb erschrocken, halb erfreut, »ist es möglich, Ihr wäret –«

»Laßt es gut sein, ich bin derjenige, den Ihr wahrscheinlich meint. Ich merkte also, was Ihr mit mir vorhattet, und da ich gerade sehr übel gelaunt war, weil mir ein Plan mißglückt ist, so ging ich auf Euer Spielchen ein, um mich zu erheitern. Und das ist mir gelungen, ich habe meine gute Laune wieder.«

»Was ist Euch denn mißglückt?« fragte Ralph.

»Das ist meine Sache,« entgegnete der Mann kurz. »Und jetzt, Kinder, laßt euch nicht durch Erinnerungen stören, ich hätte gar nicht daran rühren sollen. Man lebt nur einmal in der Welt, darum lustig, laßt es draußen regnen, wir wollen uns schon hier die Langeweile fernhalten!«

»Bei Gottes Tod,« schrie Ralph, »ja, das wollen wir. Mir brennt das Geld sowieso wieder in der Tasche, weil ich vorhin nicht genügend ausgeben konnte. Habe ich aber meine Rolle nicht prachtvoll gespielt, Peggy?«

»Ausgezeichnet,« lachte diese.

Es ging seinen alten Gang, die Gläser wurden gefüllt, und bald erklang wieder Jubeln und Lachen. Der Detektiv war der Tollsten einer, nur manchmal wurde er plötzlich ernst, blickte gerade vor sich hin, aber nur, um dann desto fröhlicher zu werden.

»Zum Teufel mit den dummen Gedanken! Ob man weint oder lacht oder flucht oder sonst etwas tut, das ändert doch nicht, was einmal nicht zu ändern ist.«

Bald verlor man alle Scheu vor dem Detektiven, besonders als er noch einmal versicherte, er sei nicht amtlich hier, stehe überhaupt nicht in Diensten der geheimen Polizei, sondern halte sich in dieser Gegend nur auf, um privatim mit einem Manne ein Hühnchen zu rupfen.

Weiter ließ er sich nicht aus, sondern erklärte nur noch, daß er eben eine große Schlappe erlitten, der Gesuchte sei ihm nämlich entgangen, und er wünsche nun, seine schlechte Laune durch reichliches Trinken und durch lustige Gesellschaft zu verscheuchen.

Man findet oft, daß zwischen Polizei und Verbrechern, so schlimme Feinde sie auch sein müßten, ein harmonisches Verhältnis besteht, in dem Humor eine große Rolle spielt. Zahllose Geschichten erzählen davon, und es ist auch in Wirklichkeit so. Die Polizisten bekommen von den Verbrechern oft genug zu hören, daß sie ohne dieselben brotlos wären, und sie erkennen dies auch an.

So herrschte auch hier völlige Einigkeit, es wurden Schwänke zum besten gegeben, die Mädchen erzählten die haarsträubendsten Dinge aus ihrem vielbewegten Leben, und der Detektiv ergötzte wiederum sie mit seinen Erlebnissen.

Ralph sorgte dafür, daß die Gläser nie leer wurden. Obgleich sich der Detektiv zuerst gewundert hatte, woher der Cow-boy am Anfange der Season so viel Geld besaß, fragte er doch nicht darnach. Was ging es ihm an? Hatte der Mann es gestohlen, so wurde es doch alle gemacht, warum sollte er da nicht mit helfen? Sein Gewissen sprach ihn von der Pflicht frei, nach der Quelle dieses Geldes zu forschen.

Als jedoch die Lustigkeit ihren Höhepunkt erreicht hatte, geschah etwas, was der Unterhaltung eine andere Wendung gab. Der laute Lärm verstummte, die Gesellschaft sollte sich, wie schon vorhin, wieder einmal im stillen amüsieren.


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