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33.

Roh und gemein.

James Flexan hatte sich von den Gästen unter dem Vorwande verabschiedet, persönlich die Einrichtung ihrer Zimmer zu leiten, und ließ sich auch nicht davon zurückhalten, in Wirklichkeit aber wollte er nur seiner Verzweiflung und Angst freien Lauf lassen.

Er verschloß sein Bureau von innen und warf sich dann stöhnend auf das Sofa.

Die schwärzesten Bilder jagten an seinen Augen vorbei.

War er verraten? Nein, das glaubte er nicht. Sein Sohn hatte die Wahrheit gesprochen. Ellen war zwar verletzend kalt gegen ihn, aber so war sie auch früher gewesen, und hätte sie seinen eigentlichen Charakter auch nur geahnt, sie wäre ganz anders aufgetreten. Sie hätte ihm die Anklage direkt ins Gesicht geschleudert.

Ja, das hätte sie unbedingt getan, Flexan kannte seine Stieftochter so genau wie die Schubläden seines Kassenschrankes – so glaubte er wenigstens.

Richtig, der Kassenschrank!

Vor Flexans Augen tauchte plötzlich eine eiserne Schublade auf, und diese war leer, eigentlich aber hatten 80 000 Dollar in Banknoten darin sein müssen.

»Es ist mir lieb, dies zu hören, ich habe gerade eine größere Summe bar nötig, nachher sprechen wir darüber,« hörte Flexan im Geiste Ellen sprechen, und wieder schlugen ihm diese Worte wie Donnerhall ans Ohr.

80 000 Dollar – 320 000 Mark nach deutschem Gelde – sie waren weg, sein Sohn trug sie in der Tasche.

Ellen erfuhr sicher davon, daß diese ihm von den Agenten bar ausgezahlt worden waren, er hatte es ja vorhin selbst seinen Beamten freudestrahlend erzählt.

Sollte er sie alle zusammenrufen und ihnen Schweigen auferlegen? Unsinn, das war zu spät, ganz unmöglich, und dann die Diener!

Sollte er sagen, das Geld wäre schon nach der Stadt geschickt worden? Auch unmöglich, vor kaum zwei Stunden stellte er die Summe ja Ellen zur Verfügung. Und dann bedeutete dies nur einen Aufschub.

Doch weg jetzt mit dem Gelde, dafür ließ sich schon noch eine Entschuldigung finden. Erst wollte Flexan darüber nachgrübeln, was Ellen veranlaßt haben mochte, so plötzlich auf der Plantage zu erscheinen.

So schwarz diese Gedanken auch waren, und so sehr sie Flexan auch aufregten, immer wieder tauchte vor ihm die leere Schublade auf. Das Fehlen der Summe war die erste Gefahr, die ihm furchtbar drohte.

Ausreden? Das konnte man bei jedem anderen machen, aber nicht bei Ellen. Das Mädchen drang immer gleich bis aus den Grund. Wieso – wozu – warum – klar und deutlich – dagegen gab es keine Ausflüchte.

Sich selbst aufhängen?

Hm, das wäre sehr einfach, aber Mister Flexan haßte den Selbstmord. Er schätzte sein Leben übrigens höher. Für 80 000 Dollar hing er sich nicht auf, das war ihm eine zu lumpige Summe.

Gewiß, eine lumpige Summe, aber sie fehlte, und er konnte nicht sagen, wohin sie gekommen war.

Flexan sprang auf und rannte im Zimmer auf und ab, vielleicht brachte ihm diese Bewegung andere Gedanken. Gerade so war vorhin Eduard –

Flexan wollte sagen: Eduard auf- und abgelaufen – aber er vollendete den Gedanken nicht. Was hatte ihm Eduard geraten? Laß die Summe einfach von jemandem stehlen, ich empfehle dir Dan, den Cow-boy.

Sinnend blieb der Haziendero stehen.

Wahrhaftig, das war ein vortrefflicher Plan, so einfach. Warum war er ihm nur nicht früher eingefallen? Dann hatte er sich viel Verzweiflung ersparen können.

Flexan rieb sich vergnügt die Hände.

Aber halt, wer sollte der Dieb sein?

Stempelte er jemanden zum Verbrecher, und der Betreffende wurde gefaßt, so wurde aller Wahrscheinlichkeit nach seine Unschuld doch bald bewiesen.

Aber das schadete nichts, erst einmal Zeit gewinnen, dann konnte man eine andere List ausdenken, die unterdes aufgetriebene Summe gefunden werden oder sonst etwas geschehen.

Doch wer sollte der Dieb sein?

Der stählerne Geldschrank war so gut wie diebessicher, vielleicht hätte ihn ein äußerst geschickter Schlosser öffnen können, aber solche gab es unter dem Dienstpersonal nicht. –

Flexan hob plötzlich den Kopf und blickte mit einem seltsamen Ausdrucke durchs Fenster. Draußen tummelten sich noch immer die Neger und Cow-boys umher und feierten das Fest der Baumwollernte nach ihrer Weise.

Das Gewerbe der Cow-boys ist ungeheuer beschwerlich und gefährlich, aber auch sehr lohnend. Das Jahr hat für sie zwei Saisons oder, englisch ausgedrückt, zwei Seasons, Sprich »ßihsns« – Zeitabschnitte. in denen sie Geld verdienen, welches sie während der vier beschäftigungslosen Monate wieder ausgeben, das heißt, wenn es nicht schon in einigen Tagen verbraucht ist.

In der ersten Saison sind sie bei den Rinderherden, in der zweiten reiten sie die Frischlinge, die jungen Pferde, zu.

Sie bewachen die Rinder vor zwei- und vierbeinigen Räubern, halten sie zusammen, brennen ihnen den Stempel mit dem Zeichen des Besitzers ein, suchen die Verirrten auf und ziehen sie mit den Lassos aus den tiefen Löchern, mit denen die Prärie bedeckt ist und in denen die gestürzten Tiere zugrunde gehen, wenn sie nicht rechtzeitig entdeckt und befreit werden.

Die letzte Arbeit der Cow-boys während der Saison ist das Fangen derjenigen Tiere, welche den Verkaufsstempel tragen. Der unfehlbare Lasso schlingt sich um die Hörner. Das Tier wird aus der Herde gezogen und abseits getrieben. Dann bleiben die Tiere entweder sich selbst überlassen, zu einer Zeit, da sie sich ruhig verhalten, oder sie werden auch in Gehege getrieben, und der Cow-boy wird abbezahlt.

Er bekommt für jedes Stück Schlachtvieh, das er in gutem Zustande abliefert, einen bestimmten Betrag, und die ausgezahlte Summe ist oft von bedeutender Höhe.

Aber auch viele Strapazen und Gefahren sind mit dieser Tätigkeit verbunden.

Bei dem Cow-boy ist der Ausdruck ›Tag und Nacht im Sattel‹ kein leerer, er steigt wirklich von einem müden Pferde auf ein frisches und schläft im Sattel, wenn es die Ruhe seiner Herde gerade erlaubt.

Von den Gefahren, welche dem Cow-boy drohen, seien hier nur zwei erwähnt.

Es ist stockfinstere Nacht. Durch ganz Amerika braust ein Polarsturm, der selbst hier unten im Süden nichts von seiner schneidenden Kälte verloren hat. Die nach Tausenden zählende Rinderherde steht bewegungslos da, dicht aneinandergedrängt, die Köpfe gesenkt. Nur ab und zu hebt ein Stier das mächtige Haupt und blickt nach einer der Gestalten, welche rings um die Herde aufgestellt sind. Es sind berittene Cow-boys, bewegungslos steht das Pferd, den Hals weit vorgestreckt, bewegungslos sitzt der Reiter, bis über die Ohren in seinen Poncho gehüllt, als ob er schliefe; doch er schläft nicht.

Da brüllt ein Stier, dort wieder einer, in die Herde kommt etwas Leben, eine wellenförmige Bewegung entsteht auf der Fläche von Rücken.

»Verdammt,« knurrt der Cow-boy, »werden die blutigen Racker wohl aushalten?«

Die Tiere haben sich wieder beruhigt; einige mögen von einer Maus erschreckt worden sein. Sie blicken nach den stummen Wächtern, denn sie wissen recht gut, daß diese für ihre Sicherheit sorgen.

Wieder ist Todesstille eingetreten, nur das Pfeifen des Sturmes ist hörbar.

Der Cow-boy seufzt tief auf, befriedigt steckt er die Pfeife in den Mund, zündet sie aber nicht an. Warum nicht? Er hat Stahl und Zunder in der Tasche. Doch er wird sich schön hüten, jetzt Feuer zu schlagen.

Da zuckt aus dem mit schwarzen Wolken bedeckten Himmel ein blendender Blitz herab, der Vorbote unzähliger anderer, ein grollender Donner rollt nach, und die Verwirrung, welche dieser Blitz hervorruft, ist nicht zu beschreiben.

Die ruhige Masse der Rinder hat sich in ein wogendes Meer verwandelt, und plötzlich bricht es los. Fort geht es, Kopf an Kopf, die Hufe donnern auf dem harten Boden, unaufhaltsam, von der schrecklichsten Furcht gepeitscht, und der Masse zur Seite fliegen die Rosse der Cow-boys einher.

Die starkknochigen, ausgezeichneten Gäule – keine Luxustiere – haben den Kopf fast auf der Erde, den zahllose Löcher müssen übersprungen werden. Was fällt, das fällt. Der Sturz hat gewöhnlich den Tod des Reiters zur Folge, und dennoch schont er weder Sporen noch Peitsche, denn es gilt, die fliehende Herde zu überholen.

Stundenlang, Hunderte von Meilen geht es so fort, bis sich alle Cow-boys an der Spitze der Herde befinden, noch etwas weiter voraus, dann wird umgekehrt und den Rindern standgehalten. Die Cow-boys schreien, heulen und schießen in die Luft. Immer näher stürmen die wütenden Tiere, aber ihre Wächter weichen nicht. Sie oder die Tiere, entweder die Rinder halten, oder die Cow-boys werden in Atome zerstampft.

Gewöhnlich gelingt es, die Herde zum Stehen zu bringen. Dann müssen die in die Löcher gestürzten Tiere herausgeholt werden, worüber Tage vergehen. Gelingt das Wagnis nicht, trotz aller Energie und Kühnheit, so sind die Cow-boys dem rettungslosen Tode geweiht, und die Herde, und wären es hunderttausend Stück, ist dem Besitzer verloren, sie verschwindet spurlos. Die Tiere laufen Tausende von Meilen weit, bis sie zusammenbrechen und verrecken, sie stürzen in Löcher und sterben Hungers, sie fallen Raubtieren und Indianern zur Beute, und die leben bleiben, mischen sich unter fremde Herden oder unter die wilden Büffel, richtiger Bisons genannt. Der Haziendero hat das Nachsehen.

Mit dem nie sein Ziel fehlenden Lasso fängt der Cow-boy selbst die störrigsten Stiere.

Aber auch bei Tage droht dem Cow-boy beständige Gefahr.

Die Rinder sind gegen jeden Reiter friedfertig, aber dem Fußgänger verderblich. Bei ihnen hört der Mensch ohne Pferd auf, ein Mensch zu sein, sie kennen eine solche Kreatur nicht, und die allgemeine Wut richtet sich gegen sie. Passiert es einem Cowboy, der sich unter die Rinder gemischt hat, daß sein Pferd stürzt, so ist er sofort der Gefahr ausgesetzt, von den Hörnern aufgespießt oder von den Hufen zermalmt zu werden.

Doch der Cow-boy verliert nicht den Mut. Mit mächtigem Satze springt er auf den Rücken des nächsten Stieres, dann wieder auf einen anderen. Stehen die Rinder eng zusammen, so läuft er über sie wie über eine Brücke hinweg, bis ihm ein Kamerad zu Hilfe kommt und ihn vor sich aufs Pferd nimmt.

In der zweiten Saison beschäftigt sich der Cow-boy mit dem Bändigen und Zureiten junger Pferde, die noch keinen Zaum getragen haben. Wie er dies macht, soll hier nicht geschildert werden. Man liest eine derartige Beschreibung öfter als die des Cow-boy bei Bewachung der Rinderherde. Nur so viel sei erwähnt, daß es nicht wahr ist, wenn behauptet wird, ein bockendes Pferd könne auch den besten Reiter abwerfen. Der Cow-boy verläßt den Sattel nicht, so lange das Tier sich nicht wälzt. Er ist kein eleganter Reiter, seine Haltung ist nachlässig, und sein Aufsteigen auf ein zugerittenes Pferd ist als schlafmützig zu bezeichnen.

Aber man muß ihn sehen, wenn er zureitet. Das nach den Beinen des Reiters beißende Pferd begegnet stets mit dem Maule dem Hiebe der eisernen Faust, es mag bocken oder steigen, wie es will, der Cow-boy sitzt wie angegossen, wälzt oder überschlägt es sich, so steht der Cow-boy neben ihm, und kaum springt es wie eine Feder in die Höhe, so sitzt er auch schon wieder im Sattel. Will es sich den Kopf an einem Baumstamme zerschmettern, so wird es mit einem Tuche oder mit dem Hute geblendet, und gibt es seine Versuche nicht bald auf, so preßt der Cow-boy ihm mit den Schenkeln die Flanken, bis es röchelnd zu Boden sinkt.

Wer einen Pferdebändiger bei seiner Arbeit gesehen, der interessiert sich nicht mehr für die tollkühnsten Kunststücke eines Voltigeurs im Zirkus.

Der Cow-boy bändigt die Tiere im Akkord. Für jedes Pferd erhält er einen gewissen Betrag, und da er in Ausdauer Unglaubliches leistet, so verdient er oft täglich 20 bis 30 Dollar. Die zu schnell zugerittenen Pferde taugen allerdings nichts, sie sind zu grausam behandelt worden, sie fürchten den Reiter, erhalten aber ihre Wildheit sofort wieder, wenn sie merken, daß der neue Reiter sie nicht regieren kann. Außerdem werden sie hartmäulig, sie gehorchen nicht dem Zügel.

Durch diese harte Lebensweise sind die Cow-boys ein ganz besonderer Menschenschlag geworden: roh, jede Bequemlichkeit verachtend, unempfindlich gegen eigene Schmerzen und gegen die anderer, tollkühn. Haben sie Geld, dann wollen sie den Augenblick genießen, das ›morgen‹ kümmert sie nicht. Sinnlos streuen sie ihr sauer erworbenes Geld mit vollen Händen aus, ohne Reue, ohne Befriedigung und ohne Dank. Darin übertreffen sie noch die Matrosen, Trapper, Taucher und so weiter, welche für schwere gefahrvolle Arbeit meist gut bezahlt werden.

Spiel, Weiber und Wein sind es, welche an allen Orten der Welt bereit sind, Leuten solchen Schlages das Geld nicht aus der Tasche zu locken, sondern es heraus zu rauben.

Die Behörden gestatten es, denn sie selbst werden dadurch bereichert, sie leisten dieser Räuberei sogar Vorschub. Ist das Geld aber verschwunden, dann bekommen die Ausgebeuteten, um recht deutlich zu sprechen, einen Tritt, und von den Behörden werden sie oft genug noch eingesteckt.

Ein hervorragender Charakterzug bei dieser Gattung von Menschen ist die Liebe zur Freiheit und Unabhängigkeit. Der Cow-boy tut seine Arbeit, läßt sich aber nicht befehlen; wenn er merkt, daß sein Gobernador, das heißt sein Meister oder Herr, unzufrieden mit ihm ist oder ihm auch nur die kleinste Vorschrift macht, so kehrt er ihm sofort trotzig den Rücken und verläßt ohne Abschiedsgruß die Plantage auf Nimmerwiedersehen. Cow-boys sind immer gesucht. –

Flexan blickte noch immer mit dem seltsamen Gesichtsausdruck zum Fenster hinaus auf die Gruppe der spielenden, trinkenden und johlenden Cow-boys.

Ein alter Cow-boy saß etwas abseits auf einem Fasse und schnitzte an seiner Pfeife herum.

»Ralph, das ist der richtige,« murmelte Flexan, »er ist zwar gut Freund mit Ellen, aber das macht nichts, ich kenne ihren Trotz und werde mich danach zu richten wissen.«

Der Haziendero öffnete das Fenster.

»He, Ralph!«

Der Gerufene hob den Kopf.

»Sir?«

»Kommt in mein Zimmer!«

Der Cow-boy erhob sich und ging breitspurig dem Hauptportal zu.

Schnell schloß Flexan den Kassenschrank auf und entnahm einem Kasten fünf Hundertdollarnoten.

»Die Sache ist es wert, daß ich meine Privatschatulle angreife,« murmelte er, »werde den Schaden schon wieder ersetzen können.«

Er schloß den Schrank wieder, faltete die fünf Banknoten zusammen, preßte sie sorgfältig in einem Buche glatt und steckte sie in seine Westentasche.

Im Vorzimmer ertönten sporenklirrende Schritte. Flexan öffnete die Tür und ließ den Cow-boy eintreten.

»Was gibt's, Herr?«

Ralph stand mitten in der Stube, die Hände an den Hüften, die Beine gespreizt und auf dem Kopfe den breitrandigen Filzhut, den Sombrero, welchen abzunehmen er nicht für nötig hielt.

Seine Beine staken in ungeheuren Stiefeln, die ihm bis übers Knie reichten und oben von der ledernen Hose abstanden. Diese Oeffnung benützte der Cow-boy als Messerscheide, denn an der Innenseite des rechten Stiefels sah man den Horngriff eines Messers hervorragen.

Am breiten Gürtel hing das Revolverfutteral, daneben stak die Pfeife, und rechts hing der Tabaksbeutel. Der Gürtel war mit Patronen gespickt. Oberhalb desselben schlang sich ein Lasso in vielen Windungen um das baumwollene, rote Hemd.

Der Haziendero lehnte am Schreibtisch, die Hände auf dem Rücken.

»Was gibt's Herr?«

»Wart Ihr es nicht, Ralph, der seinerzeit das Gittertor am Garten reparierte, welches das durchgehende Wagenpferd zertrümmerte?«

»Ich tat's.«

Flexan nickte.

»Habt Ihr wieder etwas zu reparieren?«

»Nein, jetzt nicht.«

»Was soll denn die Frage?«

»Woher versteht Ihr derartige Arbeit?«

»Ich kann sie eben.«

»Wart Ihr früher Schlosser?«

Der Cow-boy zögerte einen Augenblick. Doch er war eine offene Natur, er verhehlte niemals die Wahrheit.

»Ja, ich habe als Schlosser gelernt und in meinen jungen Jahren auch in einer Geldschrankfabrik als Geselle gearbeitet. Konnte aber das ruhige Leben nicht aushalten, mußte hinaus und mich austoben, wurde erst Trapper und später Cow-boy. Bin's nun schon dreißig Jahre lang.«

»Hm, Ihr hättet lieber Trapper bleiben sollen.«

»Warum?«

»Das Leben gefiel mir auch nicht, der Cow-boy verdient mehr, und ich bin gern lustig.«

»Oder Ihr hättet Schlosser bleiben sollen. Ein geschickter Schlosser verdient auch viel.«

»Bah, Schlosser. Warum gebt Ihr mir überhaupt solche Ratschläge?«

»Ihr werdet alt.«

»Unsinn, ich reite noch ebensogut, wie damals, als ich mich in meinen besten Jahren befand.«

»So? Dann hättet Ihr eben Schlosser bleiben sollen.«

Der Cow-boy machte große Augen.

»Sir, wollt Ihr mich beleidigen?«

»Ich will niemanden beleidigen.«

»Was sollen denn die Redensarten?« fragte Ralph mit drohend gerunzelter Stirn.

»Wer hat die schwarze Stute zugeritten?«

»Welche?«

»Die mit der weißen Brust und den weißen Fesseln.«

»Ich, und ich denke, der Reiter kann mit dem Tiere zufrieden sein.«

»Das Tier beißt.«

»Das ist nicht wahr.«

»Ich sage, es beißt,« fuhr Flexan auf. »Wollt Ihr mich der Lüge zeihen?«

»Reitet es, und ich will zusehen. Wenn es nur einmal beißt, dann will ich die ganze Saison umsonst gearbeitet haben.«

»Die Saison hat ja eben erst begonnen, da habt Ihr nicht viel zu verlieren.«

Der Cowboy wurde immer unwilliger, er konnte kaum noch seinen Zorn bemeistern, umsoweniger, als er stark angetrunken war.

»Beißt das Pferd, so werde ich die ganze Saison für Euch umsonst arbeiten,« rief er heftig.

»Es beißt, sage ich Euch, es zeigt überhaupt böse Mucken. Ich wollte es Miß Petersen schenken, aber sie mag kein Pferd, welches sich vor dem Wasser scheut. Sie war sehr mißgestimmt über Euch.«

»Ueber mich?« wiederholte der Cow-boy.

»Ja, über Euch. Sie sagte mir vorhin erst, Ihr verderbt die Pferde, weil Ihr sie zu schnell zureitet.«

»Das ist nicht wahr,« keuchte der Cow-boy.

»Doch. Miß Petersen wünscht, daß Dan das Pferd noch einmal zureite.«

»Ihr wollt das Pferd noch einmal jemandem anders geben?«

»Ich tue es auf Miß Petersens Wunsch.«

Ralph schlug donnernd mit der Faust auf den neben ihm stehenden Tisch.

»Was habt Ihr? Wünscht Ihr etwas? fragte der Haziendero gelassen.

»Abbezahlt will ich werden,« schrie der Cow-boy, außer sich vor Wut.

»Wie Ihr wünscht! Ich bin überhaupt nicht mit Euch zufrieden, darum sagte ich schon vorhin, Ihr hättet lieber Schlosser bleiben sollen. Alle von Euch zugerittenen Pferde zeigen Mucken.«

»Spart Eure Worte, Sir, ein jedes, das über Eure Lippen kommt, ist eine verdammte Lüge.«

»Ist's nicht wahr, daß so schnell, wie Ihr, kein anderer Cow-boy die Pferde bändigt?«

»Das ist eben die Kunst.«

»Ihr gebt Euch keine Mühe. Kaum können die Tiere Sattel und Zaum tragen, so liefert Ihr sie schon ab. Eine Woche später sind sie ganz genau wieder so wie früher, wenn man sie nicht von früh bis abends reitet. Das ist's, warum Ihr mir die meisten Pferde abliefert.«

»Nun ist's genug!« schrie Ralph und hieb bei jedem Worte auf den Tisch. »Abbezahlt will ich werden, und damit basta! Mag Eure blutigen Pferde zureiten wer will, Ralph tut's nicht mehr. Ich bin nicht von dieser blutigen Farm abhängig. Wohin ich komme, werde ich gern aufgenommen. Her mit dem blutigen Geld, hört Ihr's?«

»Das sollt Ihr haben,« sagte der Haziendero und nahm von dem Regal ein Buch herunter.

»24 Tage seid Ihr hier erst beschäftigt und habt in der Zeit 31 Pferde abgeliefert. 8 Dollar bekommt Ihr für das Stück, macht zusammen 248 Dollar. Seht hier die Rechnung; stimmt sie?«

Er hielt dem Cow-boy das offene Buch hin, doch dieser blickte nicht hinein.

»Es stimmt,« knurrte er, »aber zieht die 8 Dollar für die schwarze Stute ab, wenn sie Euch nicht gut genug ist.«

»Dann bekämt Ihr gar nichts, denn ich bin mit allen Euren Pferden nicht zufrieden.«

»Herr,« knirschte Ralph, »seht Euch vor, ich lasse mich nicht beleidigen. Reitet mir ein Pferd nach dem anderen vor, und wenn eins untauglich ist, dann will ich keinen blutigen Dollar annehmen.«

»Ich habe keine Zeit dazu, und ich will Euch ja auch die Summe bezahlen.«

»Zieht die Stute ab! Ich hab's nun einmal gesagt, und was Ralph sagt, das hält er.«

»Und ich will von Euch nichts geschenkt haben.«

»Zählt auf!« sagte der Cow-boy nach kurzem Besinnen.

Flexan schloß mit dem kunstvoll gearbeiteten Hauptschlüssel den Geldschrank auf und dann mit einem einfacheren eine Schublade, aus welcher er Gold- und Silberstücke nahm.

Dann trat er vor den Tisch, an welchem der Cow-boy stand, und begann aufzuzählen.

Er mußte noch einige Male in den Kasten greifen, bis zweihundert Dollar auf dem Tische lagen, noch einige Silberstücke dazu, und die Schublade war leer.

Flexan schloß eine andere auf, entnahm ihr eine Hundertdollarnote und hielt sie dem Cow-boy hin.

»Könnt Ihr wechseln?«

Ralph stieß ein spöttisches Lachen aus, er besaß keinen Cent in seinem Vermögen.

»Womit? Mit Patronenhülsen vielleicht? Solch einen Lappen nehme ich überhaupt nicht.«

Der Cow-boy nimmt nur ungern Papiergeld, er will blankes, hartes Geld haben, das ihm schwer in der Tasche liegt und klimpert.

»So muß ich wechseln gehen, wartet einen Augenblick! Hier liegen zweihundert Dollar.«

»Nur keine Angst, ich nehme nichts davon,« höhnte der Cow-boy.

Flexan steckte das übrige Geld in die Tasche, ging an den Geldschrank, verschloß die beiden Schubladen, ließ aber die Haupttür selbst offenstehen. Dann verließ er das Zimmer, um mehr kleines Geld zu holen.

Kaum war er hinaus, so fing der Cow-boy an, mit dröhnenden Schritten im Zimmer hin- und herzugehen und auf eine mordsmäßige Weise zu fluchen.

Er schimpfte auf den Haziendero, auf Ellen, in der er sich getäuscht hätte, auf die Pferde und Rinder, und alles war bei ihm verdammt und blutig.

»Dies blutige Mädel ist auch hochnäsig geworden, habe wohl gesehen, wie schnell sie aus unserer Mitte wollte, um dem verdammten Gentleman an den Hals zu fliegen. Für uns hatte sie gar kein Auge mehr, natürlich, so ein blutiger Hampelmann ist ihr lieber als ein alter, aber ehrlicher Cowboy. Gott mache mich blind, wenn ich die Dirne noch einmal ansehe, und diese blutige Hazienda verlasse ich sofort, oder ich will verdammt sein!«

Sein Selbstgespräch wurde unterbrochen, Flexan trat wieder herein. Ralph befand sich gerade vor dem Kassenschrank, er blieb stehen und drehte sich um.

»Nun?«

»Hier ist Euer Geld.«

Flexan stand am Tisch links neben Ralph, zählte daher mit der linken Hand auf, und der Cow-boy blickte auf die Geldstücke.

Er sah nicht, wie Flexan, der etwas gebückt stand, in seiner Hand kleine, zusammengefaltete, blaue Zettelchen hielt, er merkte auch nicht, wie Flexan dieselben mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers in die weitschäftigen Stiefel des Cow-boys gleiten ließ.

»248 Dollar. Stimmt es?« sagte Flexan und hob den dunkelgeröteten Kopf.

»Stimmt.«

Ralph suchte unter dem Silber, er konnte anscheinend eine Summe nicht zusammenbringen.

»Wechselt mir diese zehn Dollar in Silber.«

Flexan holte Silbergeld aus der Tasche und wechselte dem Cow-boy.

»Hier die 8 Dollar für die Stute,« sagte Ralph und schob das betreffende Geld beiseite.

»Ich will sie nicht haben, sage ich Euch.«

»Nicht?«

»Nein.«

Ralph nahm die 8 Dollar, und schwubb, flogen sie zum Fenster hinaus.

Dann strich er das übrige Geld zusammen, steckte es ein, unterschrieb die Rechnung im Buch mit seinem Namen und verließ sporenklirrend das Zimmer, ohne ein Wort des Abschieds, und ohne den Haziendero noch einmal anzusehen.

Flexan atmete hoch auf, als er allein war.

Er sah durch das Fenster, wie Ralph über den Hof ging, mit den Cow-boys sprach und dann nach den Pferdeställen ging. Bald darauf ritt er durch das Hoftor. Das Pferd, welches der Cow-boy bei seinem Dienstantritt erhält, gehört ihm, er kann es später mit fortnehmen, fällt es und wird unbrauchbar, so bekommt er stets ein anderes.

»Du reitest nach der Stadt,« murmelte Flexan höhnisch. » All right, morgen schon wirst du sinnlos betrunken sein, und dann mußt du sofort wegen Verdachtes des Diebstahls eingezogen werden. Man wird die fünfhundert Dollar bei dir im Stiefel finden, und du kannst nicht sagen, woher du sie hast. Das andere Geld fehlt natürlich, aber was weiß ein Cow-boy von dem, was er in der Trunkenheit tut? Er hat die Banknoten weggeworfen, sie verschenkt oder sich die Pfeife damit angezündet.«

Flexan begab sich zu den Gästen, vermißte unter ihnen aber Ellen und Lord Harrlington.

Er suchte erstere zu sprechen, ward aber mit dem Bescheid abgewiesen, sie würde erst gegen Abend erscheinen.

Er wollte mit Ellen betreffs des Geldes reden, welches sie wünschte, doch sie erklärte ihm, geschäftliche Angelegenheiten würde sie morgen mit ihm abmachen.

Das Erntefest erreichte am Abend seinen Höhepunkt, Alt und jung, vornehm und niedrig, schwarz und weiß tummelte sich auf dem Hofe beim Scheine von Fackellicht. Selbst die Gäste beteiligten sich an dem Treiben.

Nur eine Truppe fehlte unter den Lustigen, die Cow-boys.

Sie waren plötzlich verschwunden, ohne zu sagen, wohin, und als Ellen sie suchen ließ, konnte man sie nirgends finden.

Die fremden Gäste hatten sie sicher nicht verscheucht, sie genierten sich nicht so leicht. Etwas ganz anderes mußte sie bewogen haben, das fröhliche Fest plötzlich zu verlassen. Niemand ahnte den Grund, mit Ausnahme des Hazienderos.


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