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37.

Der Kampf um die Pferde.

Bei schönstem Wetter war Ellen mit Lord Harrlington fortgeritten, einige Stunden später hatte sich der Himmel bewölkt, gegen Nachmittag war in den oberen Luftregionen Ruhe eingetreten, aber eine schwere, dunkle Masse bedeckte jetzt das Firmament, und bald öffneten sich die Schleusen des Himmels, es regnete nicht, das Wasser stürzte in Strömen herab.

So blieb es bis zum Abend, mancher Plantagenbesitzer schaute wohl von seinem Zimmer sorgenvoll auf die Felder, deren Saaten vernichtet, weggeschwemmt werden konnten, wenn dieses Gießen nicht bald aufhörte, denn schon vermochte die Erde, so ausgetrocknet sie auch gewesen war, die Wassermengen nicht mehr aufzufangen, es entstanden kleine Seen, aus welchen Bäche dem Süden zuflossen, aus den Bächen wurden Flüsse, und unwillkürlich faltete der Farmer die Hände, dachte er daran, was aus diesen Flüssen vielleicht noch werden konnte.

Vor etwa zehn Jahren hatte einmal eine Ueberschwemmung ganz Texas verwüstet. Sollte Gott über das Treiben der Menschen so zürnen, daß er ihnen abermals eine Sintflut zusendete? An diesem Tage wurde Gott so manche kostbare Weihkerze versprochen, wenn er gnädig sein wolle.

Mister James Flexan gab sich nicht mit solchen Befürchtungen ab. Ihm war es ganz gleichgültig, ob die gesamte Tabaksernte zum Teufel ging oder nicht, ob die Rinder- und Pferdeherden ertranken oder leben blieben, er grübelte darüber nach, was für einen Erfolg Ellen durch ihren hastigen Ritt haben, ob sie Ralph wohl finden und zurückbringen würde.

Doch Ellen kam nicht, ebensowenig Harrlington. Die Sonne sank, der Abend brach an, und er brachte die beiden nicht zurück.

Flexan freute sich im stillen, er betete zu seinem Schutzgeist in der Hölle, daß der Himmel diese verhaßte Ellen spurlos wegschwemmen möchte. Die Gäste dagegen waren in höchster Bestürzung über das lange Fortbleiben der beiden, während dieses Wetters.

Die Herren und Damen waren den ganzen Tag im Salon versammelt und betrachteten in gedrückter Stimmung durch die Fenster die Verwandlung, welche mit der Landschaft vor sich ging. Aus dem Festland wurde nach und nach ein See, und statt daß der Regen nachließ, wurde er immer heftiger.

Die Kerzen der Kronleuchter brannten; draußen war es pechfinstere Nacht, und der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben.

In einer Nische, abseits von der Gesellschaft, saßen drei Personen: Williams, Betty und Johanna.

»Fassen Sie Mut, liebes Fräulein,« sagte eben Williams zu der sehr niedergeschlagen aussehenden Johanna, »Mister Hoffmann ist nicht der Mann, der in einem fußhohen Wasser ratlos stecken bleibt. Es ist noch nicht spät, die Finsternis ist nur so schnell angebrochen. Hat er gesagt, er wolle heute kommen, so kommt er auch.«

»Mister Hoffmann hat damals die tosenden Fluten des Oberonsees zu bändigen gewußt, als der Damm brach,« fügte Betty hinzu, »so wird er sich wohl nicht viel aus diesem Regen machen.«

»Was nicht ist, kann noch geschehen,« seufzte Johanna. »Während einer Nacht kann sich diese Gegend in einen tobenden See verwandeln. Aber ich bange mich weniger um Felix, als vielmehr um Ellen. Muß das Unwetter auch gerade jetzt eintreten, wo sie von uns getrennt ist!«

»Lord Harrlington ist bei ihr.«

»Was kann er helfen, wenn sie von dem Wasser überrascht werden? Ihre Pferde werden von den Fluten fortgerissen.«

»So schlimm steht es noch nicht,« tröstete Williams, »und käme es so weit, dann wären wir von keiner geringeren Gefahr bedroht. Diese Besitzung ist tief gelegen.«

»Schon früher soll einmal eine furchtbare Ueberschwemmung hier gewütet haben,« meinte Betty, »und so müssen die Farmer dieser Gegend doch auch wissen, wie sie sich in solch einem Falle zu verhalten haben.«

»Das können wir ja gleich erfahren, dort steht Mister Flexan und scheint nur darauf zu warten, sich an einer Unterhaltung zu beteiligen.«

Der Haziendero wurde vollkommen als eine Null betrachtet. Sprach er, so hörte man nicht auf ihn, näherte er sich einer Gruppe, so wurde ihm der Rücken zugedreht, obgleich es schien, daß dies alles nur zufällig passiere. Flexan mußte natürlich deutlich herausfühlen, wie man seine Gesellschaft vermied, dennoch nahm er keine Notiz davon und suchte sich an jeden heranzudrängen, um ihm zu versichern, wie sehr er wegen des Fortbleibens seiner lieben Stieftochter und ihres Bräutigams bekümmert wäre.

Von dem Fehlen der 80 000 Dollar wußte noch niemand, man hielt den Ritt der beiden einfach für ein Vergnügen, wobei sie den entlassenen Ralph suchen wollten.

Williams rief also den Haziendero, und dieser trat schnell in die Nische. Endlich, endlich sollte er einmal zur Unterhaltung herangezogen werden.

»Was belieben die Herrschaften? Aengstlich wegen der beiden jungen Leutchen? In der Tat sehr, sehr schlimm, ich vergehe vor Angst.«

»O, die werden sich schon durchschlagen, das sind Wasserratten,« unterbrach Betty den händereibenden Farmer, »wir wollten Sie nur fragen, wohin wir uns zurückziehen, wenn das Wasser uns gefährlich werden sollte.«

»Ach, das bißchen Regen schadet nichts, das Wasser verläuft sich schnell. Ich glaube kaum, daß es der Ernte schaden wird, der Boden gleicht einem ausgedorrten Schwamm. Morgen ist alles trocken, auf Ehre.«

»Ich frage, wenn doch vielleicht eine Ueberschwemmung bevorstehen sollte.«

»Wir müssen's abwarten.«

»Bietet dies Haus uns Schutz?«

»Freilich, wenn das Wasser nicht zu hoch steigt.

»Bei diesem Regen? Seien Sie ohne Sorge, es ist nichts. Freilich, den beiden jungen Leutchen kann der Wasserstand gefährlich werden, sie können sich verirren, Wasserlöcher, geschwollene Bäche, die man nicht sieht, fliehende Herden ...«

»War nicht schon einmal hier eine furchtbare Überschwemmung?« unterbrach Williams den redseligen Wirt, der nicht geneigt war, so leicht die einmal begonnene Unterhaltung aufzugeben.

»Vor elf Jahren.«

»Sehen Sie ...«

»Aber das war damals ein Wolkenbruch, das Wasser stand im Nu fünf Meter hoch.«

»Blieben Sie auch hier im Haus?«

»Gott bewahre, das brach zusammen, als wir es kaum verlassen hatten. Aber das war ein Wolkenbruch, bedenken Sie, kein anhaltender Regen.«

»Wohin flohen Sie mit den Leuten?«

»Dahin, wohin sich alle anderen zurückzogen, die um ihr Leben und um ihre Herden bangten; nach Delrocks.«

»Was ist das, Delrocks?«

»So wird eine ganze Gegend genannt, etwa hundert Meilen von hier entfernt. Sie liegt sehr hoch und ist der einzige Punkt, welcher nicht überschwemmt wurde. O, das war eine böse Nacht, durch das Wasser im Galopp geritten. Am nächsten Mittag erreichten wir die Gegend, alle Herden fanden dort Schutz.«

»Hundert Meilen? Das dauert aber lange, ehe man sein Leben in Sicherheit gebracht hat.«

»Ja, ich meine die Herden, und meine erste Hauptaufgabe war, nachdem die Menschen gerettet, das Vieh vor dem Tode zu bewahren.«

»Ach so! Wohin flohen diejenigen, welche nicht mit den Herden beschäftigt waren?«

»Nach einem Hügel, der etwa dreißig Meilen von hier entfernt liegt.«

»So ist also in der Nähe eine hügelige Gegend. Nun, dann ist es ja nicht so schlimm.«

»Es ist nicht hügelig dort, der Hügel erhebt sich ganz jäh aus dem flachen Lande.«

»Das ist sonderbar.«

»Ja, man sagt, es sei kein natürlicher, er soll ein Kunstprodukt der alten Azteken sein.«

»Wahrscheinlich als Schutz gegen Überschwemmungen errichtet.«

»Allerdings. Man sagt, die Azteken haben ihn aufgeschüttet, als sie einmal von einer Überschwemmung, bedroht gewesen sind, bei der sie ihr Hab und Gut einbüßten. Doch das sind nur Sagen. Auch ein Wirtshaus steht darauf.«

»Auch von den Azteken gegründet?« lachte Betty.

»So weit reicht meine Kenntnis nicht,« versuchte Flexan zu scherzen, »aber es ist leicht möglich, daß die Restauration ebenfalls von den Azteken stammt. Jedenfalls wollten sie dafür sorgen, daß sie während ihres unfreiwilligen Aufenthalts auf dem Hügel Zerstreuungen hatten. Jetzt steht das Wirtshaus in keinem guten Rufe, ich kenne es nur dem Aussehen, fast nur dem Namen nach.«

»Nun, wir wollen nicht hoffen, es betreten zu müssen,« sagte Betty.

»Sie paßten schlecht hinein, verehrtes Fräulein. Ich sehe auch keinen Grund zu Befürchtungen. Solche Regengüsse kommen bei uns häufig vor, ohne gefährlich zu werden, ja, selbst ohne den Saaten zu schaden.«

»Regen, Regen, Wasser und Regen, wohin man hört, man hört keine anderen Worte als diese,« sagte Hannes, welcher mit Hope zu der Gruppe trat, »kennen Sie nicht das hübsche Verslein:

»Laßt's regnen, wie es regnen mag,
Es regne seinen Lauf,
Denn, wenn's genug geregnet hat,
Hört's schon von selber auf.«

»Bravo, das nenne ich die Sache humoristisch nehmen, weil sie eben nicht zu ändern ist,« rief Flexan händereibend, »und wahrhaftig, ich glaube, Sie haben eine prophetische Gabe, Mister Vogel, der Regen hört auf.«

Es war in der Tat so, wie man sich am geöffneten Fenster überzeugte. Es rieselte nur noch fein herab, aber das Auge sah eine weite Wasserfläche, vom Monde beschienen, der hinter zerrissenen Wolken auftauchte.

»Steht nur einige Zoll hoch,« meinte Flexan, »in einer Stunde schon hat es sich verlaufen.«

»Dann werden wir vielleicht Miß Petersen und Lord Harrlington heute nacht noch in unserer Mitte sehen,« sagte Hope. »Ich schlage vor, wir bleiben auf und warten auf sie.«

»Natürlich,« erklang es von allen Seiten, »wir können doch nicht schlafen, wir erwarten sie.«

»Es ist aber leicht möglich, daß sie sich auf einer benachbarten Hazienda befinden, um dort die Nacht zu verbringen,« warf Flexan ein.

»Wir warten doch auf sie,« war die Antwort.

Flexan wandte sich ab und murmelte etwas.

Hätten seine Gäste verstehen können, welche Worte er gemurmelt!

»Immer wartet nur, ihr werdet vergeblich warten. Sie werden nie wiederkommen, kalkuliere ich,« hatten sie gelautet.

»Und Mister Hoffmann?« fragte Johanna so leise, daß nur Betty sie hören konnte.

»Hoffen Sie,« ermutigte das Mädchen die Freundin, »auch er kann ja ein Obdach gesucht und gefunden haben.«

»Er wollte heute abend kommen, und er hält sein Wort immer.«

»Es können Verhältnisse eintreten, welche ihn zurückhalten. Ich glaube doch, daß er heute noch kommt.«

»Lord Hastings,« rief Williams den Vorübergehenden an, »sieht das nicht gerade aus, wie damals in Südamerika, als wir auf dem Hügel standen und rings um uns nichts als eine Wasserwüste erblickten?«

»Es ist dasselbe Bild, wir aber befanden uns in anderer Lage. Wir kauten getrocknetes Büffelfleisch oder verzehrten Pferdesteaks, tranken lehmiges Wasser und rauchten den niederträchtigen, indianischen Tabak, der die Zunge zum Reibeisen machte. Auf einer solchen Insel, wie diese hier, könnte ich jahrelang geduldig warten, bis sich das Wasser verlaufen, die Speisen lassen nichts zu wünschen übrig, die Weine sind ausgezeichnet und die Havannas delikat.«

»Sie waren schon einmal in Wassersnot?« fragte Flexan.

Hastings erzählte in kurzen, trockenen Worten die Erlebnisse in Südamerika.

»Die Ueberschwemmungen in Südamerika sind ungefährlich,« fügte Williams hinzu, »weil sie periodisch wiederkommen, man sich also schon vorher darauf einrichtet. Die Indianer, Vaqueros und die sonstigen dort wohnenden Leute würden schön staunen, wenn die Pampas nicht zur bestimmten Zeit überschwemmt wären. Eine Ueberschwemmung hier hat dagegen etwas ganz anderes zu bedeuten.«

»Es wird keine Ueberschwemmung, morgen ist alles wieder trocken,« versicherte Flexan, wenigstens zum hundertsten Male, »und ich wette, daß morgen früh meine schöne Stieftochter in den Hof galoppiert kommt.«

»Eine Ueberschwemmung ist schrecklich, wenn sie durch anhaltenden Regen oder durch einen Wolkenbruch hervorgerufen wird,« nahm Johanna wieder das Wort, »desgleichen, wenn der Damm eines Bassins oder Sees bricht, wie ich es selbst erlebte, aber es gibt eine noch viel schlimmere Wassersnot.«

»Welche ist dies? Meinen Sie die auf offener See, etwa beim Untergange eines Schiffes?«

»Nein, ich meinte, beim anhaltenden Regen sehe ich, wie das Wasser nach und nach wächst, und ich kann ihm rechtzeitig entfliehen. Ich sehe auch, wie sich über mir eine Wolke zusammenballt, wie sie stürzt, ich sehe also die Gefahr, wie sie sich bildet, und habe noch immer Hoffnung auf Rettung durch Flucht. Droht ein Dammdurchbruch, so versuche ich, bin ich mutig, ihn mit aller Kraft zu verhindern, bin ich feig, so fliehe ich. Aber es gibt eine Gefahr, welche größer ist, als alle diese.«

»Ah, Sie meinen, wenn der Dammdurchbruch unerwartet erfolgt, ohne daß man vorher die Katastrophe ahnte, oder wenn eine ganze Gegend von dem geschehenen Unglück unbenachrichtigt geblieben ist? In der Tat, dann kann das Wasser zum Massengrab werden.«

»Ich dachte in diesem Augenblicke an etwas anderes, diesem aber ähnliches,« entgegnete Johanna. »Wer bürgt uns dafür, daß nicht anderswo Wolkenbrüche niedergegangen sind, und daß, während wir hier das Verlaufen des Wassers schon erwarten, nicht bald neue Fluten auf uns einstürmen?«

»Vermutungen, nichts als Vermutungen,« warf Flexan ein.

»Die aber einer Grundlage nicht entbehren,« sagte Williams ernst. »Sahen Sie heute nachmittag im Norden die furchtbar schwarzen Wolken, welche fast auf der Erde zu liegen schienen? Der Wind trieb sie zwar zu uns, hier aber sahen sie gar nicht mehr so sehr gefährlich aus. Wo nun haben sie ihre Wassermenge verloren?«

Flexan lachte gezwungen.

»Weil sie von uns weit entfernt waren, sahen sie so schwarz aus. Sollte wirklich ein Wolkenbruch stattgefunden haben, dann müßte das Wasser schon längst hier sein.«

»Das ist eine Vermutung von Ihnen,« rief Johanna, »das Wasser kann allerdings schon hier sein.«

»Wo denn?«

»Vorläufig in Bächen und Flüssen, die vielleicht stark geschwollen sind.«

»Natürlich; infolge des anhaltenden Regens.«

»Ja, bis sie austreten und alles überschwemmen.«

»Bitte, ich habe eine genügende Erfahrung. Die Bäche und Flüsse in dieser Gegend können eine bedeutende Quantität Wasser aufnehmen. Ich glaube dafür garantieren zu können, daß ein Wolkenbruch, der nicht hier, sondern weiter oberhalb fällt, für uns kaum bemerkbar sein wird.«

Hannes lachte ungeniert auf.

»Ich verzichte darauf, von dieser Garantie Gebrauch zu machen. Höre ich, daß im Gebirge etwa ein Wolkenbruch stattgefunden hat, so werfe ich die Beine über das erste beste Pferd und jage davon, ohne an Ihre Garantie zu denken.«

Die Gesellschaft war zu ernst gestimmt, um lachen zu können. Es bildeten sich wieder andere Gruppen, und Flexan wurde von einigen Herren in die Mitte genommen. Die Erledigung von Fragen, welche nur Flexan beantworten konnte, zwang sie, trotz der Verabredung, sich mit ihm zu beschäftigen.

Nur Betty blieb bei Johanna.

»Auch Ihr Bruder befindet sich möglicherweise ohne jeden Schutz im Freien,« sagte erstere.

Johanna lächelte leicht.

»O, der weiß sich immer zu helfen. Schlimmstenfalls setzt er sich auf einen Baum, bindet sich fest und verschläft die ganze Überschwemmung, als läge er in einem Himmelbett. Natürlich kann auch ihm ein Unfall zustoßen, aber es ist mir nicht möglich, mir Sorge um ihn zu machen, und erführe er es, würde er mich schön auslachen. Mein Bruder behauptete selbst immer im Scherz, er sei gegen Feuer und Wasser gefeit. Nein, Ellen und Lord Harrlington sind es, um welche ich mich sorge.«

Sie fügte nicht einen anderen Namen hinzu, Betty wußte auch so schon, wer gemeint war.

»Daß er gerade heute kommen wollte,« seufzte sie leise.

»Hören Sie da,« sagte Betty plötzlich, »Ihre Ansicht von vorhin hat die Herren besorgt gemacht, sie sind ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit sehr vorsichtig.«

Eben erklärte Hastings dem Haziendero, er verlange, daß die Reitpferde bereitgehalten werden sollten, er trat darum so energisch auf, weil Flexan anfangs, als Hastings bittend gesprochen, gelacht hatte.

Flexan zuckte mit den Achseln und verließ mit einem höhnischen Gesichtsausdruck das Zimmer, um dem Verlangen des Lords nachzukommen.

»Ich habe die Schauspielerei herzlich satt,« sagte Hastings, »am liebsten möchte ich ihm ins Gesicht rufen, was ich von ihm denke, und ihn gleich dingfest machen.«

»Wir müssen auf Hoffmann und seinen Begleiter warten,« mahnte Williams. »Was seit Jahren vorbereitet ist, dürfen wir nicht durch unsere Ungeduld zerstören. Freilich, es ist ekelhaft, diesem Schurken gegenüber ein freundliches Gesicht zu machen.«

Flexan trat wieder ein und machte dem Gespräch über ihn ein jähes Ende.

»Die Pferde sind gezäumt und gesattelt, ich habe die besten Schwimmer aussuchen lassen,« sagte er spöttisch.

»Kommt dort nicht ein Reiter?« rief in diesem Augenblicke die durch das Fenster sehende Miß Murray.

»Wirklich. Vielleicht ist es Lord Harrlington.«

»Ohne Ellen?«

Man sah einen Reiter angesprengt kommen. Sein Pferd lief in Karriere, obgleich das Wasser noch fußhoch stand. Bei jedem Sprunge des langbeinigen Tieres spritzte es hoch auf. Mit Windeseile näherte sich der Reiter dem Herrenhause, dessen erleuchtete Fenster ihm als Wegweiser dienten.

Mit Windeseile näherte sich der Reiter dem Herrenhause, dessen erleuchtete Fenster ihm als Wegweiser dienten.

Jetzt machte er einen Bogen, um auf einen hintengelegenen Hof zu kommen, und Herren und Damen eilten auf die andere Seite des großen Saales.

»Aufgemacht!« klang langgedehnt der Ruf durch die Nacht.

»Wer ist das?«

»Vielleicht ein Cow-boy.«

»Nein, dieser würde nicht erst rufen, daß ihm das Tor geöffnet wird,« erklärte Flexan, der plötzlich bleich wurde, »es muß ein Fremder sein.«

»Aufgemacht!« tönte es von neuem.

Schon sprangen zwei Diener über den mit Wasser bedeckten Hof und öffneten das Tor. Der Reiter sprengte in voller Karriere hindurch und warf, aus dem Sattel gleitend, die Zügel über einen Pfahl.

Man konnte ihn noch nicht richtig erkennen.

»Wo ist der Haziendero?« wiederholte der Reiter barsch.

»Herein mit ihm!« rief Flexan aus dem Fenster. Der eintretende Mann war ohne Zweifel ein Mestize, sein straffes, schwarzes Haar verriet es. Er war mit einem einfachen Reitanzug bekleidet, am linken Oberarm trug er eine Binde mit dem Postzeichen der Vereinigten Staaten daran. Er war wie aus dem Wasser gezogen.

»Schnellpost?« rief Flexan bestürzt.

Der Mestize bejahte.

»Senor Flexan?«

»Das bin ich.«

»Dann setzt Euren Namen hier darunter.«

Er zog aus seinem ledernen Hemd eine Brieftasche aus Wachstuch, öffnete sie und hielt sie dem Haziendero hin. In ihr war ein Schreiben angesiegelt.

Die Gäste drängten sich um den lesenden Flexan, welcher noch bleicher wurde, die den Bleistift haltende Hand zitterte. Das Papier enthielt eine abgeschriebene Depesche und lautete:

»Aus Texarkana wird telegraphisch gemeldet, daß im oberen Arkansas heute nachmittag zwischen 5 und 6 zwei Wolkenbrüche vorgekommen sind. Sie fielen auf der Wasserscheide. Weitere Nachrichten fehlen, weil die Verbindung zerstört.

Station Trinity.«

Einen Augenblick stand alles wie erstarrt da, dann wurden Rufe des Schreckens laut.

»Miß Lind, Ihre Ahnung hat sich erfüllt!«

»Wohin läuft das Wasser ab, nach Norden oder nach Süden?«

»Weiß nicht,« entgegnete der Bote, »bei der nächsten telegraphischen Frage kam schon keine Antwort mehr.«

»Wann seid Ihr von Trinity abgeritten?« fragte Flexan den Mestizen.

»Um 6 Uhr.«

»Was, und Ihr kommt erst um 10 hier an?«

»Beschwerlicher Weg.«

»Unsinn, das bißchen Wasser hindert kein Pferd.«

Der Mestize schüttelte den Kopf, daß das Wasser aus den langen Haaren spritzte.

»Bin achtmal durch das Wasser geschwommen.«

»Achtmal? Ihr übertreibt wohl. Die Bäche mögen wohl von dem Regen stark angeschwollen sein, aber sie sind sonst kaum einen Meter breit, und so muß ein Pferd doch immer noch darüber wegsetzen können.«

»Mein Gaul konnte es nicht.«

»Der Schlangenbach ist das einzige Gewässer, das Euch hätte Schwierigkeiten bereiten können.«

»Schlangenbach? Sagt lieber Schlangenstrom. Er riß mich weg, so daß ich eine Meile weiter unten landen mußte. Eine halbe Stunde habe ich mindestens gegen die Strömung gekämpft.«

Des Hazienderos Augen erweiterten sich.

»So schlimm sind die Bäche geschwollen?« nahm Sir Williams das Wort.

»Kann man ihnen nicht verdenken.«

»Nur vom Regen?«

»Quien sabe?«

»Der Regen hat aufgehört. Bemerktet Ihr, daß die Fluten abnahmen?«

»Auf der Ebene wohl, aber nicht in den Bächen.«

»Sieht es gefährlich aus?«

»Ich kalkuliere, der Schlangenbach wird bald austreten.«

»Meint Ihr, daß der Wolkenbruch nach hier ablaufen wird?«

»Keine Ahnung,« sagte der Mestize, der es eilig zu haben schien, kurz, »die Bäche können vom Regen so geschwollen sein, sie enthalten das von oben kommende Regenwasser, schwellen also immer noch, oder aber der Wolkenbruch füllt sie aus. Senor Flexan, Ihr seid gewarnt, in der nächsten Stunde muß es sich entscheiden, ob das Wasser kommt oder nicht. Jetzt unterschreibt, daß Ihr die Warnung gelesen habt, ich muß noch auf Rickerts Farm.«

Flexan schrieb seinen Namen unter das Papier, welches schon eine Unterschrift trug. Dann verließ der Postbote das Zimmer und ritt weiter.

Die Damen und Herren sahen sich an, ein lähmender Schrecken hatte sie alle gepackt.

»Wir machen uns zu große Sorge,« sagte Flexan, der nicht viel zu verlieren hatte, trotzdem aber ganz außer Fassung war. »Liefe das Wasser nach hier ab, so müßte es ja schon längst da sein.«

Er machte es, wie so viele Menschen, er fand darin Beruhigung, daß er die drohende Gefahr einfach leugnete.

Man besprach, wie die Depesche eigentlich zu verstehen sei. Arkansas ist gebirgig, und zahlreiche Flüsse entspringen in ihm, wovon einige nach Norden, andere nach Süden abfließen. Letztere sind die meisten. War der Wolkenbruch nun gerade auf der Wasserscheide gefallen, so war es fraglich, welchen Weg das Wasser nahm, es konnte entweder Louisiana oder das nördlich gelegene Missouri überschwemmen.

»Auf jeden Fall ergießt sich der größte Teil in den Mississippi,« tröstete Williams, »und dieser Strom kann eine tüchtige Menge Wasser schlucken, ehe er überläuft.«

»Natürlich, natürlich,« stimmte Flexan hastig bei, »und dann sind noch dazwischen der Arkansasstrom, der Kanadian, der Redriver, und wie sie alle heißen. Die wollen sämtlich erst gefüllt sein.«

Aber alle diese Vermutungen halfen nichts, das Wasser nahm seinen Lauf, wie es wollte.

Es war nicht weit von Mitternacht, Flexan hatte alles zur Flucht bereitmachen müssen, er selbst hatte schon das geordnet, was er eventuell mitnehmen würde, desgleichen die Gäste, und man hoffte nur noch, daß Ellen und Lord Harrlington eintrafen, damit man nicht abermals von ihnen getrennt würde.

Johanna sehnte ihren Bräutigam herbei, sie wußte ihn ganz bestimmt in dieser Gegend, und er war mit den örtlichen Verhältnissen hier unbekannt.

Doch das Wasser hatte sich ja schon fast verlaufen. Es begann zu trocknen, ein frischer Wind half dabei, und so schien es, als ob der Himmel es diesmal gnädig mit dem blühenden Staate Louisiana vorhabe.

Einmal wurde wieder Aufregung hervorgebracht, als ein Cow-boy erschien und meldete, die Bäche wüchsen noch immer, wenn auch noch keiner ausgetreten sei. Der Mann hatte keine Ahnung von Wolkenbrüchen, und daß er das Wachsen der Bäche seltsam fand, rief Bestürzung hervor.

»Wie verhalten sich die Rinder?«

»Unruhig.«

»Gebt acht, daß ihr sie halten könnt. Bei einer Flucht würde die Hälfte von ihnen ertrinken. Und hauptsächlich schaut scharf aus, ob ihr einen Reiter seht, der hierher will. Dann zeigt ihm den Weg. Es könnte noch ein Bote von der Station zu erwarten sein,« fügte er, zu den Gästen gewendet, erklärend hinzu.

»Wohl, Sir, wir werden die Augen offen halten,« entgegnete der Cow-boy. »Man kann in der Ferne zwei Lichter auf der Prärie schimmern sehen.«

»Feuer?«

»Das wäre ein Kunststück, jetzt Feuer auf der Prärie anzumachen,« lachte der Cow-boy, »nein, das müssen Laternen sein.«

»Reitet hin und untersucht es.«

»Leicht gesagt! Die Gewässer sind kaum noch zu passieren, und jeder Mann ist auf seinem Posten erforderlich.«

»Was für Lichter mögen es sein?«

»Hm, sie behalten immer den gleichen Abstand voneinander, Wagenlichter etwa, denke ich.«

»Die Lichter eines Wagens?« schrie Johanna auf. »Mein Gott, das könnte Felix sein. Er wollte vielleicht den Wagen benützen, statt der Pferde. Kommt der Wagen nicht näher?«

»Ist es wirklich ein Wagen, dann ist er jedenfalls stecken geblieben,« entgegnete der Cow-boy.

»Wer ist das Felix?« fragte Flexan unruhig. »Erwarten Sie noch jemanden?«

Er wußte nicht, daß man die Ankunft des Mister Hoffmann und eines anderen erwartete.

»Heh, Joe,« fuhr er, zu dem Cow-boy gewendet, fort, »ebensogut, wie du hier bist, kannst du einmal dorthin reiten und dich überzeugen, was für eine Bewandtnis es mit den Lichtern hat.«

Der Cow-boy antwortete nicht, er hob plötzlich den Kopf und lauschte, und sein Gesicht hatte einen so merkwürdigen Ausdruck, daß in dem großen Saal augenblicklich eine unheimliche Stille eintrat.

»Wohin? Was gibts?« rief Flexan dem hinausstürzenden Cow-boy nach.

»Die Herden fliehen,« klang es noch draußen auf dem Korridor.

Da hörten auch schon unsere Freunde ein Geräusch, als ob es in der Ferne donnere. Der Boden erbebte, aber das Geräusch näherte sich ihnen fürchterlich schnell. Die Erde zitterte, daß das Haus im Grunde erbebte, und schon sah man eine endlose, dunkle Masse sich auf dasselbe zu bewegen.

»Die Herden fliehen,« wiederholte Flexan, bleich wie der Tod.

»Sie fliehen vor dem Wasser,« hörte man draußen Stimmen heulen. »Der Bote hat's gesagt, das Wasser kommt.«

Ein furchtbarer Tumult entstand, die Dienerschaft lief hin und her, aber kein Mensch zeigte sich auf dem Hofe.

»Zu den Pferden,« schrie Williams und wollte, Miß Thomson mit sich reißend, hinausstürzen, »schnell, Mister Flexan, treffen Sie Anordnungen!«

»Noch nicht! Fliehen wir jetzt, so sind wir verloren,« stammelte der Haziendero.

»Wieso?«

»Wir werden von der Herde zu Brei gestampft.«

»Die Pferde sind schneller.«

»Ehe wir aufsitzen, sind die Tiere hier.«

Ob Flexan anders dachte, oder ob er das zusammenraffen wollte, was gerettet werden mußte, er sprang aus dem Zimmer, und man hörte ihn eine Treppe hinaufrennen. Wahrscheinlich wollte er in sein Bureau.

»In Ihre Zimmer und das mitgenommen, was Sie retten wollen!« übertönte Williams den Tumult, der im Saale entstanden war. Einige folgten der Weisung, andere blieben ebenso, wie Williams selbst, am Fenster stehen und erwarteten die rasenden Rinderherden.

Man konnte sie nicht übersehen. Die Köpfe tief geneigt, Körper an Körper, so stürmten sie auf das Haus zu, alles niederwerfend, was ihnen im Wege stand.

Nun, das Haus konnten sie wohl nicht über den Haufen rennen, aber was mochte hinter ihnen kommen?

Vor der Herde her brausten die Cow-boys auf schäumenden Pferden, sie dachten jetzt nicht daran, die Tiere aufzuhalten, denn dadurch wären diese und sie selbst dem sicheren Tode überliefert worden.

Sie vergaßen nicht, die Bewohner des Herrenhauses zu warnen.

»Das Wasser, das Wasser kommt,« übertönte ein Schrei aus fünfzig Kehlen das Donnern der Hufe.

Dort, mitten zwischen den Rindern eingekeilt, befanden sich auch unzählige Pferde, wilde Mustangs. Eine neue Gefahr drohte den in der Villa Eingeschlossenen. Die gezähmten Tiere in den Ställen hörten das ängstliche Wiehern ihrer wilden Kameraden, eine furchtbare Angst ergriff sie.

»Zu den Pferden!« schrie auf dem Hofe eine Stimme. »Die Tiere befreien sich.«

Donnernd schlugen die Hufe gegen die hölzernen Scheidewände der Ställe, die Ketten sprangen, als wären sie von Glas, ein wildes Durcheinander entstand, dann sprang die Stalltür auf, und die Tiere, an der Spitze ein mächtiger Hengst, wollten ins Freie stürmen.

Aber man kam ihnen zuvor. Der Hilferuf des Dieners hatte nicht nur seine Kollegen, sondern auch die englischen Herren herbeigerufen. Lord Hastings war der erste, welcher den Tieren entgegensprang. Der große Hengst war sein Pferd. Eine Faust ergriff den Zügel, die Finger der anderen preßten die Nüstern zusammen, und das Tier konnte der gewaltigen Kraft des Lords nicht widerstehen, es gab den Gedanken an Flucht auf. Ebenso schnell waren die anderen Pferde wieder gebändigt.

Jetzt hatte die fliehende Herde das Haus erreicht, sie teilte sich. Links und rechts stürmten die Tiere daneben vorbei, aber die Fenz und ein kleines Bretterhaus verschwanden doch spurlos unter ihren Hufen.

Williams stand auf dem massiven Pferdestall wie auf einer Insel, mitten in der lebenden Masse, die Beamten, die Diener und seine Freunde waren im Stall, die Damen im Haus, wohin sich auch die Bewohner des Negerdorfes gerettet hatten. Dieses selbst war schon längst unter den alles zermalmenden Hufen dem Erdboden gleich gemacht worden.

Zwischen dem Herrenhaus und dem Pferdestall befand sich noch ein freier Raum, und nichts hätte die Rinder gehindert, diesen bei ihrer Flucht zu benutzen, aber die Tiere gehen nun einmal nicht ihren eigenen Weg, sie folgen immer den Fußstapfen der Voranstürmenden.

So konnte der Weg zwischen der Villa und dem Pferdestall gefahrlos von Menschen benützt werden und so eilten nicht nur die in der Villa befindlichen Beamten und Damen dorthin, wohl wissend, daß nach dem Passieren der Rinder ihre Rettung allein auf den Rücken der Pferde lag, sondern auch einzelne Neger wurden von dem Instinkt dazu getrieben. Auch sie begaben sich in den Pferdestall.

Williams sah von seinem erhöhten Standpunkte aus das Ende der Herden noch nicht, und was mochte wohl dahinter kommen? Ein entfesseltes Meer? Doch das war es nicht, was dem sonst so kaltblütigen und unerschrockenen Engländer, der auch in der Gefahr seinen Humor nicht verlor, das Blut plötzlich aus den Wangen jagte. Ein anderer, entsetzlicher Gedanke war in ihm aufgestiegen.

Neben Lord Hastings, welcher seinen mächtigen Hengst am Zügel hielt, sah er einen großen, herkulischen Neger stehen, den riesigen Lord fast noch überragend. Sein brutales Gesicht war von einer furchtbaren Angst entstellt, die blutunterlaufenen Augen schielten unverwandt nach dem Lord und dessen Roß, und seine rechte Hand hatte er unter dem baumwollenen Hemd verborgen.

Ferner sah Williams, wie seine Freunde und die Damen sich weniger mit den Pferden beschäftigten – es waren ihre eigenen – als vielmehr mit den Herden. Die Beamten und Diener der Plantage dagegen hielten sich alle bei den Rossen auf, ihre Hand lag schon am Zügel. Williams erkannte sofort die Gefahr, die seinen unerfahrenen Begleitern, wie ihm selbst, drohte.

Wie gesagt, sie hatten ihre eigenen Pferde mitgebracht, wenn man aber dem Tode unmittelbar ins Auge schaut, hört der Unterschied von Mein und Dein auf, man greift nach dem nächsten, und wenn es auch dabei – fügte Williams mit leisem Schaudern hinzu – über die Leiche des eigentlichen Besitzers hinweggehen sollte.

Außer ihren Pferden enthielt der lange Stall noch über hundert andere, aber sie reichten nicht einmal für alle weißen Diener, um wieviel weniger für diese Neger, welche ihr Heil ebenfalls in der Flucht suchen wollten.

Das mußte einen Kampf um Leben und Tod geben, wenn man nicht gleich von vornherein energisch und rücksichtslos auftrat.

Jeder ist sich selbst der Nächste. Williams sah das tierische Gesicht des großen Negers, war mit einem Sprunge von dem Dach herab, stand neben Lord Hastings und flüsterte ihm etwas zu.

Der Lord erschrak leicht, erfaßte aber die Situation sofort. Ein Gemurmel ging durch die Reihen der englischen Herren, es pflanzte sich fort bis zu den Damen, überall fand es Widerhall, und eine Bewegung trat ein.

Jetzt konnte man die letzten Reihen der Büffel sehen – der Mond befehlen hinter ihnen eine zerstampfte, morastige Ebene, doch kein anstürmendes Wasser.

»Die Damen auf die Pferde!« donnerte Lord Hastings' tiefe Stimme im Kommandotone.

Alles war vorbereitet gewesen, die Damen hatten schon neben ihren Pferden gestanden, welche sich kaum noch halten ließen, über zwanzig Herren bückten sich, zwanzig Hände wurden untergehalten, ohne den Zaum des eigenen Tieres loszulassen, und im Nu saßen alle Damen im Sattel. Die bestgeschulten Kavalleristen hätten nicht gleichmäßiger aufsitzen können.

Das Kommando des Lords hatte aber auch Leben unter den übrigen Männern hervorgezaubert. Plötzlich entstand im Stall und auf dem Hof vor der Tür ein wildes Gedränge, ein Stoßen, Schlagen, Kämpfen, Fluchen und Toben.

Die ersten, welche den Sattel eingenommen hatten, waren die höheren Beamten der Hazienda. Die Diener, diesen zu gehorchen gewohnt, ließen sie unbelästigt; ein heißer Kampf aber entspann sich um die übrigen freien Pferde, wenn es auch vorläufig bei Stößen und Fausthieben blieb.

Auch den englischen Herren sollten die Pferde streitig gemacht werden, als sie nach der den Damen geleisteten Hilfe in die Sättel steigen wollten.

Lord Hastings erblickte, sich wieder aufrichtend, den großen Neger, wie er eben den Fuß in den Steigbügel setzte. Als er das drohende Auge des Lords auf sich gerichtet sah, fuhr seine Hand sofort wieder in den Brustschlitz des Hemdes.

»Heh, guter Freund, den Fuß aus dem Steigbügel,« rief der umdrängte Lord und packte den Neger am Arm.

»Mein Pferd, Massa.«

»Zurück oder –«

Doch der Neger wich nicht zurück, blitzschnell fuhr die Hand aus dem Busen, sie hielt ein langes Bowiemesser, Lord Hastings aber besaß eine schnellere Faust, mit zerschmetterter Kinnlade sank der Neger zu Boden, und der Lord saß im Sattel, neben sich das Pferd seiner Braut am Zügel haltend.

Ebenso wurden einige andere Herren belästigt. Einer der Diener sprang auf den schlanken und schmächtigen Williams zu, ihm den Zügel zu entreißen. Er wagte jedoch nicht, zuzugreifen, denn er blickte in die Mündung eines Revolvers, den ihm Williams mit entschlossenem Gesicht vorhielt.

Das Stampfen und Zittern hatte nachgelassen, die Herde mußte vorbei sein.

»Hinaus und den Revolver in die Hand!« schrie Williams mit heiserer Stimme.

Die berittenen Beamten waren schon draußen, sie jagten schon über die Prärie der Herde nach, und jetzt drängten sich, Pferd an Pferd haltend, die Herren und Damen auf den Hof.

»Hilfe!« gellte Hopes Stimme.

Sie war die letzte, welche den Stall verließ, und neben ihr hielt sich Hannes.

Hope wurde von einem Diener gehalten, der sie, mit allen Zeichen der entsetzlichsten Angst in den verzerrten Zügen, von hinten vom Pferd zu reißen suchte.

Ihr Hilferuf fand sofort Erhörung.

Hannes drehte den bereitgehaltenen Revolver herum und ließ den Kolben auf den Schädel des Verzweifelten herabschmettern, so daß er sofort zusammenbrach.

Dabei entlud sich der Revolver, die Kugel drang in die Decke, und es war als ob der Schuß das Zeichen gewesen wäre, daß jetzt jede Schonung aufhören sollte!

Schüsse krachten, Messer blitzten, und um die noch freien Pferde herum entstand ein mörderisches Schlachten. Die Folge davon war, daß überhaupt niemand in den Sattel gelangte.

Doch unsere Freunde hatten schon das Freie erreicht.

»Sind alle da?«

»Mister Flexan fehlt noch.«

»Was kümmert uns der?«

Kaum hatte Lord Hastings diese Worte gesprochen, als man in der Ferne ein unheimliches Rauschen vernahm und die Strahlen des Mondes sich in einem silbernen Streifen brechen sah, der rasch näherkam.

»Das Wasser!« schrie Hastings. »Fort denn! Wer sich uns entgegenstellt, wird überritten.«

Das letzte galt den Dienern und Negern, welche das Rauschen ebenfalls gehört hatten und nun in ihrer Todesangst noch einmal den Versuch machen wollten, sich der fremden Pferde zu bemächtigen.

Hastings setzte sein Pferd in Galopp, die Hufe warfen einen Neger zu Boden.

Williams hielt die Zügel des Rosses der Miß Thomson, er bildete den Schluß der fliehenden Truppe. Da bemerkte er Johanna, welche zögernd ihr Pferd zurückhielt.

»Kommen Sie!« drängte er hastig. Er sah, wie zwei Männer schon nach dem Tiere sprangen.

»Aber Felix – ich bleibe,« stammelte Johanna.

Da griff ihr schon die Hand eines Kerls in die Zügel und suchte ihr denselben zu entwinden.

»Losgelassen!« donnerte Williams und hielt ihm den Revolver vor die Augen.

Der Verzweifelte hörte nicht; ein Blitz, ein Knall, und mit durchschossenem Kopfe lag er am Boden.

»Es mußte sein,« murmelte Williams, »besser einer, denn viele. Gott wird mir dies einst nicht anrechnen.«

Mit fester Faust ergriff er die Zügel des zurückgehaltenen Pferdes.

»Lassen Sie mich!« flehte Johanna.

Doch Williams riß es mit sich, das Mädchen konnte das Tier, welches die Gefahr witterte, auch nicht mehr halten. Wie der Sturm sausten die drei Zurückgebliebenen den Freunden nach.

Ab und zu brach noch ein Pferd mit einem Reiter aus dem Stalle hervor und floh in mächtigen Sprüngen davon. Die letzten Pferde waren durch Revolverschüsse unbrauchbar gemacht und auf die wenigen guten kam niemand, einer riß den anderen herunter. Kraft und List, verbunden mit der größten Rücksichtslosigkeit, wurden aufgeboten, auf den rettenden Rücken zu gelangen.

Doch sie waren ja noch nicht ganz verloren.

»Das Wasser kommt!«

Näher und näher kam der silberne Streifen; wie eine endlose Welle flutete er heran, und er war auch wirklich eine ungeheure Welle, der unzählige andere folgten.

Heulend stürzten die Männer nach dem Hause, wo sie von dem Zetern der Neger empfangen wurden.

Im Augenblick war die Prärie ein See, doch kein friedlicher mehr, wie vorher der von dem Regen gebildete, sondern ein stürmischer, vom Winde bewegter.

Man konnte wahrnehmen, wie das Wasser jede Minute schwoll. Es stieg fürchterlich schnell, und immer heftiger schlugen die Wellen an das steinerne, aber nicht starkgebaute Haus an. Würde es ihnen standhalten, bis sich das Wasser verlaufen?

Davon hing jetzt Leben und Tod ab.


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