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28.

Neue Ideen.

Die Ruhe in Texas war wiederhergestellt. Mexiko versicherte, bei dem Aufstande die Hand nicht mit im Spiele gehabt zu haben. Die Namen Estrellas und der übrigen desertierten Offiziere, welche ohne Ausnahme gefallen, waren mit Schimpf und Schande befleckt, und diejenigen Meuterer, die nach und nach noch gefangen genommen wurden, mit schwerstem Kerker belegt.

Kapitän Staunton war auf sein Schiff zurückgekehrt. Das höchste Lob erwartete ihn und seine Mannschaft für ihr energisches Eingreifen, dank dessen die Revolution im Keime erstickt worden war.

Das Nachspiel der Meuterei aber fand auf einer Besitzung statt, nur wenige Meilen von der Ruine entfernt. Dort wurden die Wunden derer geheilt, welche den Kampf mit den Meuterern zu bestehen gehabt hatten.

Rings um den villenartigen Bau erhoben sich Baracken, in denen die verwundeten amerikanischen Matrosen Pflege fanden. Aerzte waren herbeigeholt worden. Männer und Mädchen strömten aus der Umgegend herbei und boten sich freiwillig als Krankenpfleger an, und in der Villa selbst lagen die englischen Herren, welche am meisten in dem Kampfe gelitten hatten.

Sie wurden von den Vestalinnen gepflegt, für die sie das Leben aufs Spiel gesetzt hatten.

Auch diejenigen waren geblieben, deren Abreise nichts entgegenstand, so Miß Petersen und Lord Harrlington, Miß Murray und Lord Hastings, Miß Thomson und Sir Williams, Hope und Hannes und andere.

Sie wollten ihre Freunde und Freundinnen nicht verlassen, sondern mit diesen zusammen die Heimreise antreten. Die ›Vesta‹ und der ›Amor‹ lagen seebereit im Hafen von Matagorda, und nur wenige Wochen noch brauchten zu vergehen, dann waren alle so weit hergestellt, um die Fahrt nach New-York antreten zu können. Den Triumph, mit ihrem eigenen Schiff in New-York wieder anzukommen, wollten sich die Vestalinnen doch nicht entgehen lassen, dann sollte die ›Vesta‹ den guten Mächten, welche sie beschützt, geopfert werden.

Nur Marquis Chaushilm war noch ernstlich krank, obgleich er nach der festen Versicherung des Arztes dem Leben erhalten bleiben würde. Doch auf dem ›Amor‹ konnte er die Reise nicht mit antreten, er mußte entweder hierbleiben und seine Genesung abwarten oder durfte höchstens auf dem Landweg weitertransportiert werden.

Die stille und doch so energische Miß Sargent entschloß sich fürs erstere. Kapitän Hoffmann hatte ihnen alles Nötige zur Verfügung gestellt, besser, als hier, konnten sie es nirgendswo finden.

Miß Sargent erklärte entschieden? den Marquis nicht eher verlassen zu wollen, als bis er wieder gesund sei, er sei die einzige Person auf der Welt, an der noch ihr Leben hänge, und daß sie ihn nach seiner Genesung verließe, stand nicht zu erwarten. In dieser Hoffnung lebte der Verwundete langsam wieder auf, eine bessere, treuere und aufopferndere Pflegerin, als Miß Sargent, konnte er nicht finden. Tag und Nacht saß sie bei dem Kranken, seine heiße, abgezehrte Hand in der ihrigen. Sie schlief neben ihm in dem Lehnstuhl und sprach der Fiebernde von Kasegora, welche ihn auch einst so gepflegt hatte, so lächelte das Mädchen nur. An Eifersucht dachte sie nicht, dieser Mann, dem sie zweimal das Leben gerettet hatte, gehörte ihr.

Mister Hoffmann war in Begleitung von Nick Sharp abgereist, niemand wußte wohin, und Johanna mußte sich damit trösten, daß er ihr eine baldige Rückkehr zugesichert hatte.

Die Verwundeten fühlten sich in ihrer Heilstätte wohl, und die Gesunden waren glücklich. Die Besitzung Hoffmanns war ein kleines Paradies. Stundenlang konnte man durch den Park von tropischen Gewächsen gehen, die Gärten hauchten balsamischen Duft aus, und die Villa lieferte alle Bequemlichkeit; was ausging, wurde schnell wieder ergänzt.

Jeden Morgen brachten Wagen Nahrungsmittel und alles das, was die Verwundeten, Aerzte und Gesunde nötig hatten oder auch nur wünschten.

Der Verwalter durfte auf Befehl Hoffmanns nichts sparen. Der Silberkönig – als solcher war Hoffmann jetzt allen bekannt – hatte das auch wahrlich nicht nötig.

Hannes und Hope saßen auf einer Bank im Schatten eines blühenden Granatapfelbaumes, ließen die Vergangenheit an ihren Augen vorüberziehen und schmiedeten Pläne für die Zukunft.

»Weißt du,« sagte Hope, »ebenso, wie jetzt, saßen wir in Batavia auf der Besitzung des Holländers und machten aus, daß wir später auf einem eigenen Schiff die Welt umsegeln wollten. Nun hat sich alles erfüllt. Welche Umänderungen aber waren nötig, ehe es soweit kam!«

»Ja, und in Batavia, nach jenem Feste, erkannten wir, daß wir uns liebten.«

»Und du warst so trotzig.«

»Ich glaubte, du spottetest über mich.«

»Es war mein Ernst, ich liebte dich.«

»Ich konnte nicht ahnen, daß eine reiche Amerikanerin einen armen Matrosen lieben könnte.«

»Der sich später als Freiherr entpuppte und das reiche Mädchen als armes, verstoßenes –«

»Na, meine Freiherrnwürde hat auch nicht lange gedauert.«

»Aber es hat doch noch alles glücklich geendet.«

»Und ein eigenes Schiff haben wir auch.«

»Hannes,« sagte Hope nach einer Weile seligen Stillschweigens, »ich denke, wir geben das Seereisen auf.«

»Warum denn?« fragte Hannes betrübt.

»Es gefällt mir nicht mehr. Wir sind immer in Gefahr, des Lebens werden wir doch nie froh.«

»Früher dachtest du anders. Dir konnte es nie gefährlich genug werden.«

»Jetzt ist das etwas anderes. Um mich sorge ich mich noch immer nicht, wohl aber um dich. Ich bitte dich, Hannes, wir warten, bis die Kranken genesen sind, bis der allgemeine Aufbruch erfolgt, dann treten auch wir die Heimreise an. Ich gehe mit dir nach deinem Deutschland, dort wollen wir ein fröhliches, ungetrübtes Leben führen.«

»Wie du willst, Hope, ich bin ja nur glücklich, wenn du dich glücklich fühlst.«

»Ich wußte, daß du mir beistimmen würdest. Auch gedenke deiner Eltern, denen zweimal der Sohn entrissen wurde. Du sagtest ihnen beim Wiedersehen zugleich ein Lebewohl; glaube mir, sie sehnen sich doch nach dir.«

»Ach Gott, ich kenne fast keine Liebe zu ihnen mehr. Das Schicksal hat so mit mir gespielt, daß ich fast gar nicht mehr glauben kann, je Eltern gehabt zu haben. Erst der Sohn einer alten Frau, die fremde Kinder aufzog, dann das Kind eines Freiherrn und nun wieder der Sohn von anderen. Von wem soll ich nun glauben, daß sie meine Eltern sind?«

»Weißt du, daß wir dem Namen Schwarzburg schon einmal begegnet sind?«

»Wie meinst du das?«

Hope erzählte von Kora-hissar, was zu deutsch Schwarzburg hieße, von Salim und Sulima, und wie Johanna Lind der Ansicht sei, daß Kora-hissar die Schwester des alten, verstorbenen Freiherrn von Schwarzburg gewesen wäre. Emil von Schwarzburg hätte auf dem Sterbebett gestanden, daß die Schwester durch seine Intrigen unschuldig vom Vater verstoßen worden, und daß sie in der Türkei verschollen sei.

»Ich spreche gerade jetzt davon,« schloß Hope, »weil Johanna die Zeit während ihres Getrenntseins von Hoffmann dazu benutzen will, den Freiherrn Johannes von Schwarzburg, deinen ehemaligen Doppelgänger, über die Verhältnisse schriftlich aufzuklären. Hat Johannes die Absicht, seinen Cousin, allerdings einen Araber, dem Leben in der Wüste zu entziehen, so ist ihm durch Johannas Anweisung die Möglichkeit dazu geboten. Sie sendet ihm auch eine Bibel, welche sie in Kora-hissars Hinterlassenschaft gefunden hat. Johanna selbst will sich nicht mehr mit dieser Sache befassen, sie hat sich als Detektivin genug um fremde Leute gekümmert, nun will sie an der Seite einer geliebten Person das eigene Glück genießen.«

»Hm,« brummte Hannes nachdenkend, »das wäre ein guter Grund, mit der ›Hoffnung‹ noch einen kleinen Abstecher nach Arabien zu machen, uns mit Beduinen zu prügeln und Salim und Sulima im Triumph nach Deutschland zu bringen.«

Hannes hatte bei diesem Vorschlag gelächelt, doch Hope mußte ihn für Ernst nehmen.

»Gehst du wirklich mit solchen Plänen um?« rief sie erschrocken. »Wir haben nun doch wirklich Abenteuer genug überstanden, meine ich, so daß wir uns einmal der Ruhe und des glücklichen Beisammenseins freuen könnten. Und nun gehst du wieder damit um, dich von neuem in Gefahr zu stürzen.«

»Es war mein Ernst nicht,« tröstete Hannes und streichelte zärtlich die Hand seiner jungen Frau, »aber dennoch möchte ich eins erwähnen. Wir beide sind sonderbare Naturen, gleich abenteuerlustig angelegt und keine besonderen Freunde der Ruhe. Siehst du das nicht ein?«

»Wir haben uns die Hörner nun abgelaufen, wie ihr Deutschen sagt.«

»Aber sie werden uns wieder wachsen,« scherzte Hannes. »Gewiß sehne auch ich mich nach Ruhe, ich möchte mit dir allein ein stilles, glückliches Leben führen, fern vom Geräusch der Welt, eines nur auf das andere angewiesen; aber bei klarer Ueberlegung muß ich mir sagen, daß auch einst die Zeit wiederkommen wird, da ich mich nach der Welt zurücksehnen werde. Glaubst du, liebe Hope, daß du es aushalten wirst, bis an dein seliges Ende mit mir Küsse zu tauschen? Wir beide sind von anderem Schlage, als daß uns eine sorglose Untätigkeit befriedigen könnte.«

»Du hast recht,« seufzte Hope, »tief in unserem Inneren steckt ein Drang nach Leben und Tätigkeit. Er kann wohl eingeschläfert werden, aber er erwacht immer wieder. Wer nie hart gearbeitet hat, kennt nicht den Genuß der Ruhe, wer keine Gefahren bestanden hat, weiß nicht, wie köstlich die Sicherheit ist, und insofern hat man eine gewisse Berechtigung, sich freiwillig schwerer Arbeit und drohenden Gefahren zu unterziehen, ohne die Absicht dabei zu haben, die Kräfte und das Selbstbewußtsein zu stärken. Wer aber diese nachfolgenden Genüsse einmal gekostet hat, der sucht, wenn sie entschwinden, immer wieder Arbeit und Gefahr auf, um sich von neuem den Genuß von Ruhe und Sicherheit zu verschaffen. Deshalb glaube ich auch, es wird die Zeit wiederkommen, da ich nach einem anderen Leben verlange, wenn es auch nicht so aufregend zu sein braucht, wie ich es bisher geführt habe.«

»Es gibt Leute, welche ohne Arbeit leben. Sie schlafen, essen und trinken.«

»Nenne das nicht Leben,« rief Hope unwillig, »es ist ein bloßes Vegetieren. Das Pferd, welches den Wagen zieht, steht tausendmal höher in meiner Achtung, als ein solcher Mensch, ja, selbst der Ochse im Stall ist nützlicher, denn man verwertet sein Fleisch. Uebrigens machen sich auch solche Menschen Arbeit, um sich darauf Genuß zu verschaffen, sie gehen spazieren, damit das Essen besser schmeckt und sie schlafen können. Aus diesem Grunde ist auch der Sport entstanden; wir selbst, ich meine die Vestalinnen, haben ebenso, wie die Herren des ›Amor‹, zu diesem Mittel gegriffen. Viel gescheiter wäre es gewesen, hätten wir, statt planlos herumzufahren, eine Ladung Salz nach Afrika gebracht und dafür Elfenbein eingetauscht.«

»Ich will dir etwas gestehen,« begann Hannes nach einer kleinen Pause wieder, »doch ich wünsche nicht, daß du mich für einen gottlosen Menschen hältst.«

»Sprich dich nur offen aus!«

»Es ist etwas ganz Abscheuliches.«

»So etwas traue ich dir nicht zu, ich kenne dich besser.«

»Nun gut. Wir sprachen gerade von Untätigkeit, und die war mir von jeher verhaßt, ohne daß ich wußte, warum. Jetzt weiß ich, ich mußte tätig sein, mußte arbeiten, sonst konnte ich weder essen noch schlafen.«

»Ist das so ein gotteslästerlicher Gedanke?« lachte Hope.

»Der kommt noch. Als der Lehrer mir früher vom Paradiese erzählte, da wollte es mir gar nicht in den Kopf, daß dort wirklich ein so sehr schönes Leben sein sollte. Immer unter den Lebensbäumen liegen, Gott ansehen und dabei den ganzen Tag lang Hallelujah singen? Nein, das gefiel mir nicht, davor grauste mir. Ich habe es nur einmal ausgesprochen, aber nie wieder, denn der Lehrer hat mich so geprügelt, daß ich weder sitzen noch liegen konnte. Nun, warum lachst du nicht, warum schimpfst du mich nicht meiner Torheit wegen aus?«

Aber Hope lachte nicht, ernst blickte sie vor sich hin.

»Weißt du, Hannes, was du jetzt eben gesagt hast?«

»Jedenfalls großen Unsinn.«

»Nein, dasselbe, was ein Landsmann von dir, ein deutscher Dichter und Philosoph gesagt hat.«

»Philosophen kommen in die Hölle, lehren die Pfaffen, aber was sagt er denn?«

»Er sagt: Käme ich in ein Paradies, ich würde bald unzufrieden sein. Ich würde das Paradies in eine Wüste verwandeln und aus dieser mir ein neues Paradies schaffen.«

Plötzlich sprang Hannes mit blitzenden Augen auf.

»Schaffen, das ist das richtige Wort,« rief er enthusiastisch, »Wir wollen uns ein Paradies erst schaffen, Hope! Auf der Erde finden wir doch keins, und wäre dies der Fall, so fühlten wir uns bald nicht mehr glücklich darin, weil wir es nicht haben entstehen sehen. Ja, Hope, mit eigenen Händen wollen wir uns ein Paradies schaffen!«

Hope war eine Natur, die sich leicht zur Begeisterung hinreißen ließ, und so faßte sie den Gedanken von Hannes sofort freudig auf.

»Gut,« rief sie, »laß uns erst von diesen langen Strapazen ausruhen, dann wollen wir daran denken, uns ein Paradies zu bauen. Aber bedenke, vollkommen ist hier nichts auf Erden, etwas bleibt immer zu wünschen übrig.«

»Nach dem Fehlenden zu streben, ist auch schon schön, selbst wenn es nicht erreichbar ist.«

»Unser Leben ist kurz, wir können über der Schöpfung des Paradieses sterben.«

»So arbeiten unsere Kinder und Kindeskinder weiter daran, bis der Bau vollendet ist. Allein der Gedanke daran macht mich schon glücklich.«

»Und wo wollen wir uns das Paradies herrichten?« fragte Hope. »In Deutschland?«

»Ja, wo? Deutschland eignet sich nicht gut dazu.«

»Warum nicht?«

»Wir wollen doch nicht immer allein bleiben.«

»Du willst auch andere mit hereinziehen?«

»Natürlich. Wir sind reich. Das Paradies, welches wir uns schaffen, wollen wir mit anderen teilen.«

»Aha! Du denkst an eine Kolonie!«

»Richtig! Eine Kolonie wollen wir gründen, eine Insel mitten im Weltgetriebe, auf der wir, unbekümmert um die anderen, nach unserem Gutdünken hausen.«

»Dann entsteht Unfrieden.«

»Das ist nicht wahrscheinlich. Wir nehmen Personen nur nach reiflicher Prüfung auf, und wer Unfrieden stiftet, wird einfach für immer ausgewiesen.«

»Warum wollen wir nicht solch ein Unternehmen in Deutschland anfangen?«

»Weil dann jeden Monat die Steuersammler, Polizisten, Gesundheitsinspektoren kämen und herumschnüffelten. Nein, Hope, das ist nichts. Wir beginnen eine Kolonie von Grund auf, wie Robinson, nur daß wir alle Hilfsmittel besitzen. Dazu aber ist nötig, daß wir völlig abgeschlossen sind, sonst ist so etwas nicht möglich.«

»Gut, dann siedeln wir uns auf einer Insel an.«

»Ach, jetzt weiß ich es,« rief Hannes erfreut. »Erinnerst du dich noch, was für Pläne wir in Batavia hatten? Ja, das machen wir. Wir gründen eine Republik –«

»In der du König sein wolltest,« lachte Hope.

»Das war Unsinn von mir. Wir bauen Schiffe und werden die Stammeltern eines neuen Seefahrervolkes.«

»Ach, Hannes, du hast hohe Pläne. Wo bleibt denn dann das Paradies? Es wird ein Jagen nach Gewinn. Reich können wir wohl werden, aber nicht glücklich.«

»Du hast recht,« gab Hannes kleinlaut zu. »Auf die Weise verschaffen wir uns kein Paradies auf Erden.«

»Ich habe einen anderen Plan. Wir suchen uns eine Insel aus; es gibt deren noch genug, die äußerst fruchtbar sind, aber nur von Wilden bewohnt werden. Wir kaufen sie dem Staate ab, dem sie gehört, und legen darauf eine Kolonie an. Wir suchen uns arme, aber würdige Personen aus, welche gern arbeiten möchten, aber keine Arbeit haben, rüsten sie mit allem aus, was sie zum Häuser- und Landbau nötig haben, mit Ackergeräten, Handwerkszeug und so weiter und schaffen sie nach der Insel. Wir selbst fahren mit und leiten ihre Arbeiten. Was meinst du, Hannes, ist das nicht ein herrlicher Plan?«

»Das ginge. Doch wo gibt es wohl noch solche Inseln?«

»Nun, an der Westküste von Afrika liegen zum Beispiel die Juan Fernandez-Inseln, prachtvoll, reich an Blumen, Wiesen und Wasser.«

» All right. Auswanderer finden wir sofort. Wir suchen die aus, die uns gefallen, so ungefähr zwanzig mit Frau und Kind, Bauern und Handwerker, packen sie auf die ›Hoffnung‹ und bringen sie nach der Insel. Wenn wir selbst tüchtig mit Hand anlegen, muß bald aus der Wildnis ein Paradies entstehen.«

»Und Tiere dürfen wir nicht vergessen: Rinder, Schafe, Schweine, Hühner, Enten und Gott weiß was alles.«

»Hm, alles ganz hübsch, wunderbar hübsch, aber das kostet schrecklich viel Geld,« meinte Hannes vorsichtig.

»Wir haben doch sechs Millionen Mark.«

»Ich kalkuliere, die würden bald alle sein.«

»Dann müssen mir Geld aufnehmen.«

»Mit Schulden anfangen ist nicht gut.«

»Fast alle Kolonien haben mit Schulden angefangen, denke an die australischen!«

»Nun, vielleicht gäbe Hoffmann etwas dazu.«

»Richtig, und die englischen Herren und die Vestalinnen auch. Sie dürfen uns dafür auch einmal besuchen.«

»Das sage ich aber gleich, wenn sie Zank anfangen, werden sie sofort 'rausgeworfen.«

»Ich auch?« fragte eine Stimme, und aus dem Gebüsch trat lächelnd Johanna hervor.

»Nun, wenn Sie recht artig sind, dürfen Sie einige Wochen bei uns bleiben,« lachte Hannes. »Aber wenn so zum Beispiel Williams mit seinen Witzen dazwischenkäme, dem würde sofort die Insel für immer verboten werden.«

»Dann zahle ich auch nichts dazu,« klang es links, und Sir Williams mit Miß Thomson kamen herbei. Sie hatten das Gespräch der beiden belauscht.

»Du, Hannes, dann müßten wir eine Ausnahme machen,« sagte Hope lachend.

»Keine Ausnahme,« erklärte Hannes entschieden, »wer Unfrieden stiftet, muß 'raus.«

»Und wenn nun gerad' kein Schiff da ist?«

»Da wird der Betreffende ins Wasser geworfen und muß schwimmen.«

Alle lachten, aber die Pläne wurden weitergesponnen, wobei die drei Neuangekommenen mithalfen. Hannes und Hope nahmen die Sache ernst.

»Das wird herrlich!« rief letztere und klatschte in die Hände. »Wir wollen die Kolonie schon in die Höhe bringen. Aber gearbeitet muß natürlich werden. Faulenzer können wir nicht gebrauchen. Da soll es keine Sorge mehr geben, jeder hat das, was er zum Leben gebraucht.«

»Gewiß,« ergänzte Hannes. »Alle arbeiten für einen, und einer für alle. Was überschüssig ist, wird für später aufgehoben, wenn einmal Not eintreten sollte.«

»Wer wird denn alles aufgenommen?« fragte Williams.

»Vorläufig sind nur die darauf, welche wir mitgenommen haben.«

»Ah so, sonst wollte ich sagen, es würden sich ziemlich viele melden.«

»Wir wollen nur der Welt ein Beispiel geben, wie glücklich man auf Erden leben kann.«

»Also, es wird ein Staat im kleinen?«

»Ja, ein Musterstaat.«

»Hm, alles ganz hübsch. Wenn aber nun Subjekte darunter sind, welche die Eintracht stören, stehlen und so weiter?«

»Sehr einfach! Die bekommen erst tüchtig die Jacke voll, und dann werden sie an die Luft gesetzt.«

»Das läßt sich hören. Auf einer Insel soll die Kolonie gegründet werden?«

»Ja.«

»Wenn diese nun übervölkert wird?«

»Dann werden andere Kolonien angelegt, welche von der ersten mit verwaltet werden.«

»Ah, eine Verwaltung gibt es auch?«

»Nun natürlich, Gesetze, Gerichtsbarkeit, alles ist vorhanden, nur daß diese von den Kolonisten festgesetzt werden.«

»Da gibt es auch so eine Art von Fürsten?«

»Keinen Fürsten.«

»Aber einen Herrn?«

»Ja, der gewählt wird.«

»Ach so, also einen Konsul?«

»Richtig, einen Konsul,« rief Hope. »Und Hannes wird der erste.«

»Das heißt, wenn ich dazu gewählt werde,« fügte Hannes bescheiden hinzu.

»So etwas ließe sich wohl arrangieren,« meinte Williams, »aber dazu gehört im Anfang viel Geld, weil die Insel die Kolonisten nicht gleich ernähren wird.«

»Das ist es ja eben, Sir Williams, wieviel können Sie mir dazu vorschießen?«

»Ich habe augenblicklich nichts bei mir.«

»Jetzt natürlich nicht, später.«

Williams machte mit einem Male ein erstauntes Gesicht.

»Ja, Hannes, ist denn das mit der Inselkolonie Ihr wirklicher Ernst?«

»Unser völliger Ernst,« riefen Hannes und Hope gleichzeitig. »Halten Sie so etwas nicht für möglich?«

»Möglich ist es wohl, warum nicht? Aber das kann nicht mit einem Male aus der Luft gegriffen werden, man muß vorher alles reiflich überlegen, die Kosten ausrechnen, Gesetze ausklügeln, welche später den Kolonisten zur Wahl vorgelegt werden, wenn kein despotischer Staat entstehen soll, und schließlich muß man jeden Fall überlegen, der später einmal eintreten kann, um ihn sofort zu lösen.«

»O, dazu haben wir Zeit. Nach einem Jahr schon können wir damit beginnen.«

»Ferner ist nötig, die Geschichte anderer Kolonien zu studieren, ja, die ganze Weltgeschichte, denn eine Insel ist eine Welt für sich, es kann sich alles auf ihr abspielen.«

»Nein, damit bin ich nicht einverstanden,« rief Hannes, »ich will kein Muster haben, nach dem ich schaffe, nach meinem gesunden Menschenverstand will ich handeln, mehr aber nach meinem Herzen.«

»Hm, das hat auch etwas für sich. Aber Sie werden dabei oft in die Brüche kommen.«

»Tut nichts, durch Schaden wird man klug. Ich kenne keine Kolonie, welche so verwaltet wird, wie ich es von der meinigen wünsche.«

»Doch, es gab welche, aber sie gingen unter, weil sie auf einer zu schwachen Basis standen.«

»So werde ich zeigen, daß sich eine Kolonie nach meinem Sinne halten kann.«

»Dennoch ist es gut, wenn Sie sich nach Mustern richten.«

»Gibt es denn solche?«

»Gewiß, massenhaft.«

»Ich habe nie von solchen gehört, höchstens von den Flibustiern, bei denen es kein persönliches Eigentum gab. Auch der Hinterwäldler holt sich das aus dem Blockhaus seines Nachbarn, was ihm fehlt, aber das sind keine organisierten Gesellschaften.«

»Es gab solche, doch konnten sie sich nie halten,« erklärte der belesene Williams, »weil der menschliche Egoismus dies nicht zuließ. Es traten immer Personen auf, welche herrschsüchtig waren, und schließlich gelang es ihnen immer, ihre Mitmenschen durch Versprechungen so weit zu bringen, daß sie ihnen gehorchten, anfangs ohne, daß sie es wußten. Als ich vorhin von Mustern sprach, meinte ich solche, welche geistvolle und erfahrene Männer schriftlich niedergelegt haben als ein Ideal, das zu verwirklichen es ihnen an Mitteln, Unternehmungsgeist oder auch an Mut fehlte, weil sie wußten, auf welche kolossale Hindernisse sie stoßen würden.«

»Ich weiß, an wen Sie denken,« rief Hope. »Sie meinen Plato.«

»Ja, erstens Plato, dann noch viele andere. Plato ließ einen Staat, in dem es kein Privateigentum gab, auf der Insel Atlanta entstehen, einer riesigen Insel, so groß wie Asien und Afrika zusammen, welche im atlantischen Ozean liegen sollte. Es war natürlich nur eine Phantasie. Ein noch besseres Muster gibt ein Landsmann von mir, Thomas Morus, der Kanzler Heinrichs VIII., welcher ums Jahr 1500 sein berühmtes ›Utopia‹ schrieb.

»Utopia ist ein solcher idealer Staat, auf einer Insel gelegen. Seitdem sind solche Zukunftsstaaten wie Pilze aus der Erde geschossen, das heißt, nur auf dem Papier, alle aber sind mehr oder weniger Nachahmungen des unsterblichen Werkes von Thomas Morus. Verwirklicht ist bis jetzt noch keiner worden.«

»Ich weiß, warum,« sagte Hannes. »Weil man die Suche immer gleich zu groß anfing. Ein ganzes Volk umzubilden, halte ich für unmöglich; nein, klein muß man anfangen und groß aufhören.«

»Sie mögen darin recht haben,« entgegnete Williams, »das Wort ›unmöglich‹ sollte überhaupt keine Geltung mehr haben.«

»Dann muß das neue Utopien unbedingt eine Insel sein. Die Kolonisten dürfen mit anderen Menschen gar nicht in Berührung kommen.«

»Das sah auch schon Utopus, der Gründer von Utopien ein,« fügte William hinzu. »Sein neues Land war zwar keine Insel, sondern nur eine Halbinsel, er ließ aber die Landenge durchstechen. Ich frage Sie nun nochmals, Mister Vogel, ist es Ihnen, einem reichen Mann, der in aller Bequemlichkeit leben kann, wirklich völliger Ernst mit dem Plane, die Gründung einer Kolonie zu versuchen, in der Sie Ihre Ideale verwirklichen wollen?«

»Ich tue es,« rief Hannes enthusiastisch.

»Haben Sie sich auch überlegt, welch ungeheuere Arbeit Sie sich damit aufbürden? Sie gehören dann nicht mehr sich, noch Ihrer Gemahlin, Sie gehören nur noch der Kolonie. Bedenken Sie die Sorgen, den Aerger, die Verzweiflung, die Sie manchmal beim Scheitern von Plänen empfinden werden!«

»Aber das Glück vergessen Sie, welches wir fühlen werden, wenn wir eine Kolonie aus einem Nichts entstehen sehen! Nicht Hope, wir führen es aus?«

Das Gespräch ward wieder heiter. Lord Hastings und seine Braut kamen dazu, und alle halfen jetzt, die künftige Kolonie in Gedanken wenigstens zu gründen. Hannes sah sich schon hinter dem Pflug, Hope freute sich darauf, wenn sie erst als Lehrerin der Kinder fungiere und mit Hannes die Regierungsgeschäfte übernehme. Man baute schon in Gedanken Häuser, Scheunen und Ställe auf, machte Gesetze, stritt sich um sie, schlug andere vor, berechnete die Kosten, kurz, in Gedanken erhob sich auf einer Insel schon eine blühende Kolonie, und als eine Glocke zum gemeinsamen Mittagstisch rief, war sie fix und fertig.

Lachend eilten die Hungrigen zur Tafel, Williams folgte mit Betty langsamer.

»Ein tolles Paar,« lachte Betty, »Pläne haben sie fortwährend, und nie können sie ihnen phantastisch genug sein. Warum bist du so ernst, Charles?«

»Du glaubst, Hannes und Hope geben sich nur mit Träumereien ab?«

»Natürlich, was denn sonst? Sind sie bei klarer Vernunft, so kommen sie auf andere Gedanken. Dann sehen sie ein, was für ein undankbares Geschäft es ist, sein eignes Glück zu opfern, und fremde Menschen glücklich zu machen.«

Williams seufzte tief auf, weswegen Betty ihn verwundert anschaute.

»Du teilst doch nicht etwa gar ihre Ansichten? Möchtest du ihnen helfen, solch eine Kolonie zu gründen?«

»Warum nicht?«

»Ach geh, du spaßest.«

»Ich spaße nicht. Ich möchte ihnen helfen, wenn meiner nicht andere Pflichten warteten. Eins aber weiß ich: wenn alle Menschen so dächten, wie Hannes und Hope, dann sähe es in der Welt anders aus.«


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