Autorenseite

 << zurück weiter >> 

17.

Kriegsgeiseln.

Der Erschrockenste war Arahuaskar selbst, er glaubte fast, seine Götter selbst mischten sich jetzt in die Angelegenheit. Er trat vor ein Mauerloch, und so weit sein Auge reichte, sah er Weiße, nicht alle in Uniform, aber doch die meisten.

Die Ruine mußte während der Nacht von ihnen besetzt worden sein, sie begannen sich schon zu verteilen, Männer in mexikanischer Uniform sammelten sich, desgleichen solche in der der Vereinigten Staaten und wieder solche, welche keine Uniform trugen.

Es mochten gegen dreihundert Mann sein, darunter viele Offiziere; was Arahuaskar aber am meisten mit Schrecken erfüllte, war, daß draußen auch gegen sechshundert Indianer lagerten.

Er erkannte alle benachbarten Stamme, hauptsächlich waren die Apachen vertreten. Auch Pferde waren in stattlicher Anzahl vorhanden.

Kamen die Leute in feindlicher Absicht? Doch nein, dort stand Miß Morgan und sprach mit einem spanischen Offizier. Der Mann strich seinen langen Knebelbart und hörte, spöttisch lächelnd, der Erzählung des Weibes zu.

Kein Zweifel, Miß Morgan sprach von ihnen. Sollte sie eine Verräterin sein?

Arahuaskar sollte nicht lange im Zweifel über das bleiben, was hier vorgefallen war.

Eine halbe Stunde später schon hatte seine Herrschaft in der Ruine aufgehört; die Neuangekommenen Indianer mischten sich unter die, welche er für seine Ansichten gewonnen, und er selbst stand, von einem Indianer gestützt, vor dem Offizier mit dem Knebelbart.

Mit gerunzelter Stirn hörte er den Mann an, der ruhig und freundlich sprach, aber vor dem Priester Huitzilopochtlis durchaus keine Ehrfurcht zeigte. Vielmehr ließ er deutlich durchklingen, daß er unbedingten Gehorsam verlange.

»Es freut mich, hier so viele, tapfere Indianer beisammenzufinden,« fuhr der Offizier fort, »welche aber gewillt sind, die Yankees aus dem Lande zu werfen. Dies ist auch meine Absicht und die meiner Leute, wir werden also mit den Indianern zusammen gegen die Verhaßten kämpfen und nicht eher die Waffen ruhen lassen, als bis sie Amerika geräumt haben.«

Der Alte war doch nicht so leichtgläubig, wie der Offizier der Rebellen gemeint hatte.

»Nicht gegen die Yankees allein, gegen alle Bleichgesichter wollen wir kämpfen,« war die unwillige Antwort.

»Warum?«

»Weil wir sie hassen.«

»Warum?« wiederholte der Offizier, der in jeder Weise vorbereitet war.

»Weil sie uns das genommen haben, was uns gehört hat.«

»Richtig, aber nicht wir, sondern die Yankees sind die Räuber. Wir sehen das euch zugefügte Unrecht ein, und wir werden euch beistehen, wieder in den Besitz eures Landes zu kommen. Haben wir das erreicht, so ziehen wir uns zurück und lassen euch schalten und walten, wie ihr wollt.«

Der Offizier, ein Spanier, war an den Unrechten gekommen. Arahuaskar wußte in der Geschichte Amerikas so gut Bescheid, wie er.

»Ihr wollt uns behilflich sein, die Yankees zu vertreiben, damit wir unser Gebiet wieder einnehmen können?« entgegnete Arahuaskar spöttisch. »Du bist ein Spanier, und gerade Spanier sind es gewesen, welche uns –«

»Genug,« unterbrach ihn der Offizier mit einer nachlässigen Handbewegung, »ich werde dir später die urkundlichen Schriften zeigen, nach welchen Mexiko gewillt ist, Texas zu dem zu machen, was es selbst ist, zu einer Republik, aber zu einer indianischen. Die Indianer sollen sich selbst regieren, Mexiko will nicht, daß Texas von Yankees verwaltet wird. Genug, genug! Sprechen wir jetzt nicht mehr davon, später mehr! Ich habe eine andere Frage. Wieviele Gefangene sind in deinen Händen?«

Arahuaskar biß sich auf die Lippen; mit seiner Herrschaft war es aus; seine Pläne waren für immer zerstört. Die Indianer, die ihn vorhin belauscht hatten, jubelten laut, die Neuangekommenen hatten ihm erzählt, was für Versprechungen die Rebellen den Indianern machten, aber es waren keine leeren Worte, sie zeigten ihnen die geschenkten Waffen, Schmuckgegenstände, und unaufhörlich kreiste die Flasche mit Feuerwasser.

Also das weiße Weib, Miß Morgan, hatte ihm auch von den Gefangenen erzählt.

»Es sind einige.«

»Wieviele? Ich muß die Zahl ganz genau wissen.«

»Wozu?« fragte Arahuaskar zögernd.

»Es sind Geiseln.«

»Nein, es sind meine Gefangenen.«

»Sprich keinen Unsinn, schwarze Zeder!« raunte der Offizier ihm drohend zu. »Glaubst du, du könntest deine Rolle hier noch weiterspielen? Tor, der du bist! Halte zu uns, dann erreichst du sicher das Ziel, welches du dir gesteckt hast.«

Arahuaskar wurde mit einem Male gefügig, er nannte die genaue Anzahl der weißen Gefangenen. Die Nennung seines früheren Namens hatte viel zu dieser Sinnesänderung beigetragen.

»Leutnant Alessandro.«

Ein junger Offizier trat zu dem Vorgesetzten.

»Lassen Sie sich von diesem Indianer alle Gefangenen ausliefern, welche die Ruine beherbergt. Suchen Sie sich ein geräumiges Gewölbe aus, wo sie zusammengebracht werden. Sie werden nicht gebunden, aber von Soldaten bewacht. Du, schwarze Zeder, bist mir dafür verantwortlich, daß alle Gefangenen zur Stelle sind. Ich bin neugierig, wen wir zu sehen bekommen, meiner Meinung nach haben wir einen guten Fang gemacht.«

»Es sind Weiße unter uns, welche keine Gefangenen sind,« warf Arahuaskar ein.

»Sie alle kommen in dem Gewölbe zusammen.«

»Auch jene weiße Dame, mit welcher du vorhin sprachst?«

»Auch sie. Und sorge vor allen Dingen dafür, daß jene beiden hinkommen, an welchen die Dame ein besonderes Interesse zu nehmen scheint. Sie wollte zwei Gefangene für sich behalten, doch solche private Rücksichten kennen wir nicht.«

Als sich Arahuaskar mit dem Leutnant entfernte, um den Auftrag auszuführen, stieß er ein heiseres Lachen aus. Es war nicht ein Lachen des Hohnes, welches auf Widerstand deutete, sondern ein Lachen der Verzweiflung.

Arahuaskar sah, daß er gehorchen mußte, weil er nichts mehr zu befehlen hatte. Alle seine Hoffnungen waren fehlgegangen, Schlag auf Schlag wurden sie zerstört.

Ein geräumiges Gewölbe war gewählt worden; Soldaten wurden darin und davor mit geladenen Gewehren postiert und andere ausgeschickt, um in Begleitung von Indianern die Gefangenen aus ihren Verstecken zu holen.

Arahuaskar selbst gab seinen Indianern den Auftrag dazu, er sah, wie einer nach dem anderen eintrat, er bebte vor ohnmächtiger Wut, als sein Freund, der alte Vater, auf des Holländers Arm gestützt, erschien.

Also hatte auch der alte Vater ihn betrogen, er hielt zu den Gefangenen.

Miß Morgan war ebenfalls anwesend. Sie bebte vor Wut, als Ellen und Harrlington sich umschlangen. Sie konnte den Anblick nicht mehr ertragen, sie wollte das Gewölbe verlassen, aber der Leutnant hielt sie zurück und wies gebieterisch mit der Hand auf ihren alten Platz.

Sie mußte gehorchen; vorläufig galt auch sie als Gefangene, bis der Führer der Rebellen über das Schicksal aller entschieden hatte. Diese gingen ganz ordnungsgemäß vor, man merkte, daß es ein wohlgeplanter Aufstand war, an dessen Spitze hohe, geschulte Offiziere standen.

Diese Freudenrufe, diese Umarmungen, als alle Gefangenen zusammen waren! Es gab fast keine Person, welche nicht eine andere gehabt hätte, über deren Wiedersehen sie sich unaussprechlich freute. Einzeln standen nur die Trapper da: sie reckten und streckten die Glieder, fluchten und besprachen, was eigentlich los wäre.

Als die erste Freude des Wiedersehens vorbei war, teilten sie den Liebespaaren, darunter Hannes und Hope, ihre Ansicht mit, und sie hatten sich nicht sehr getäuscht.

Sie befanden sich in den Händen von Rebellen, welche Texas der Republik Mexiko einverleiben wollten. Dies war der Wunsch eines jeden spanischen Mexikaners, vielleicht wurden die Rebellen, Abenteurer, Deserteure und Leute mit revolutionärer Gesinnung, sogar von Mexiko unterstützt, denn es befanden sich auch mexikanische Soldaten unter ihnen, selbst hohe Offiziere, und daß diese so ohne weiteres ihre Fahne und sichere Stelle verließen, um eine Revolution anzuzetteln, war kaum glaublich.

»Wir haben noch Glück im Unglück,« hörte Miß Morgan eine der Vestalinnen sagen, »unser Leben scheint nicht mehr bedroht zu sein. Es wird auf Manneszucht gehalten, wir werden nur als Geiseln dienen.«

»Vom Regen in die Traufe!« höhnte Miß Morgan. »Sie werden es bald genug erfahren.«

Sie glaubte selbst nicht an das, was sie sagte; die Wut gab ihr diese Worte ein. Sie sah ihre Beute entschlüpft, die Befriedigung ihrer Rache war ferner gerückt denn je.

Doch nur Geduld! suchte sie sich immer wieder zu trösten. Noch ist nicht aller Tage Abend.

»Freuen Sie sich nicht,« rief ihr eine der Damen zu. »Ihr Los wird kein besseres als das unsere sein.«

»Sie irren, ich bin Mexikanerin,« entgegnete Miß Morgan, »ich werde nur verhört, dann bin ich frei und kämpfe selbst gegen die Yankees, welche ich hasse. Sie dagegen dienen als Geiseln. Siegt Mexiko, dann werden Sie vielleicht gegen Gefangene ausgetauscht, mißglückt unsere Sache, dann fallen Ihre Köpfe.«

»Lügnerin!« rief Ellen, »Sie gaben sich als Nordamerikanerin aus. Alles an Ihnen ist Lug und Trug.«

Miß Morgan zuckte die Achseln.

»Im Krieg ist alles erlaubt.«

Da nahm Hannes das Wort.

»Miß Morgan! Sind Sie erst frei, dann werden wir wohl ein Hühnchen zusammen rupfen, wenn Sie es nicht vorziehen, sich unsichtbar zu machen.«

»Sie werden Ihre Freiheit wohl schwerlich vor Beendigung des Krieges wiedererlangen,« war die höhnische Antwort. »Sie können sich einstweilen an Brot und Wasser delektieren, Sie nebst Ihrer werten Frau Gemahlin.«

»Haben die Rebellen nur über Brot und Wasser zu verfügen? Dann muß es traurig in ihrer Kriegskasse aussehen.«

»Geiseln werden kurz gehalten.«

»Ich kalkuliere, man wird mich bald auf freien Fuß setzen. Und dann, Miß Morgan, auf Wiedersehen!«

»Meinen Sie?«

»Sicher. Ich bin kein Yankee, ich bin ein Deutscher.«

»Bah. Mitgefangen, mitgehangen.«

»Solche Späße dürften den Rebellen teuer zu stehen kommen.«

»Laß dich mit diesem gemeinen Weibe in kein Gespräch ein,« bat Hope, »ihre Stunde wird auch noch schlagen. Sie ist weder eine Nordamerikanerin noch eine Mexikanerin, sie dient für Geld dem Staate als Spionin, der am meisten bezahlt.«

Miß Morgan konnte keine Antwort mehr geben, denn der spanische Offizier trat herein, welcher die Gefangenen hierher beordert hatte. In seiner Begleitung waren noch zwei andere Offiziere, beide in mexikanischer Uniform, während der Spanier mit dem Knebelbart einfach gekleidet war.

Er war eine angenehme Erscheinung, schon ältlich, mit grauem Haar, aber die Augen über der scharfen Adlernase sprühten in jugendlichem Feuer. Er machte durchaus keinen gemeinen Eindruck, wohl aber war seinen Zügen der Stempel der Abenteuerlust deutlich aufgeprägt.

Ueber die graue Jacke trug er einen ledernen Gurt geschnallt, von welchem ein sehr langer Degen mit einem riesigen Handgefäß herabhing – ein sogenannter Raufdegen.

Er strich sich wiederholt den Schnurrbart, es schien, als wolle er mit der Hand ein Lächeln verbergen, und sein schwarzes Auge wanderte von einem zum anderen. Ueberall begegnete er festen, unerschrockenen Blicken.

»Ladies und Gentlemen,« begann er, »wir haben Sie aus der Gefangenschaft der Indianer befreit, welche Sie ohne Unterschied einem ihrer früheren Götzen schlachten wollten. Sie können von Glück reden, daß wir dazwischen kamen – es war die höchste Zeit. Nun aber sind Sie in unsere Gewalt geraten –«

»Darf ich fragen,« unterbrach Lord Harrlington aufgeregt den Sprecher, dieser aber ließ ihn nicht zu Worte kommen.

»Ich kenne Ihre Frage, ich werde ihr zuvorkommen. Wir handeln nicht im Namen, sondern nur im Interesse der mexikanischen Republik, und dies genügt, daß wir uns für berechtigt halten, einen jeden, der als Untertan den Vereinigten Staaten angehört, gefangen zu nehmen. Mit einem Wort, wir nennen uns Rebellen, mag dies klingen, wie es will.«

Diesmal gelang es Harrlington doch, ihn zu unterbrechen.

»Sie vergessen ganz, wen Sie vor sich haben,« rief er mit Nachdruck. »Indianer konnten uns wohl ohne weiteres gefangen nehmen und uns abschlachten wollen, Ihr Benehmen uns gegenüber könnte aber von weittragenden Folgen sein. Meine Freunde und ich sind keine Amerikaner, wir sind Engländer, und glauben Sie sicher, daß, wenn uns auch nur ein Haar auf dem Haupte gekrümmt wird, Ihre Sache, mag sie gerecht oder ungerecht sein, hoffnungslos verloren ist. Ich bitte Sie, sich erst mit uns bekannt zu machen.«

»Junger Mann,« gab der Spanier lächelnd zurück, »Sie haben mich vorhin wieder nicht aussprechen lassen. Ich bin Offizier, wenn ich auch keine Uniform trage; ich will mir erst eine neue verdienen. Seien Sie versichert, ich bin nicht so kopflos, den ersten besten zum Gefangenen zu machen, der mir in die Hände fällt, noch weniger ihn zu töten oder gar zu mißhandeln. Ich wußte ganz genau, wen ich hier in der Ruine vorfinden würde, und einen besseren Anfang konnte ich für unser Unternehmen gar nicht machen. Ich kenne Sie alle, wenn auch nicht persönlich, so doch dem Namen nach, und diese Dame,« er winkte zu Miß Morgan hinüber, »gab mir wichtige Erläuterungen hierzu. Es fällt mir nicht ein, Sie, Lord Harrlington, oder einen der anderen englischen Herren als Gefangenen zu behalten, Sie sind frei, Sie können hingehen, wohin Sie belieben. Nur das eine wollte ich Ihnen auf den Weg mitgeben, meine Herren: Sie sitzen noch nicht im Parlament, haben also auch nicht über Krieg und Frieden zu entscheiden, sondern Ihre Väter. Und ich bezweifle, daß diese England zum Krieg rüsten lassen, weil ihre Herren Söhne während einer Reise in die Patsche geraten sind.«

Diese selbstbewußten Worte verfehlten nicht ihre Wirkung, die Herren sahen sich mit bestürzten Blicken an.

Lord Harrlington war der erste, der sich wieder sammelte.

»Unterschätzen Sie das Vergehen nicht, wenn Sie sich während einer Revolution an Engländern vergreifen. Ob wir Lords oder Arbeiter sind, England wird für uns Rechenschaft fordern.«

»Ich bedaure, Ihnen abermals widersprechen zu müssen,« klang es lächelnd zurück, »es ist ein großer Unterschied, ob Sie Lords oder Arbeiter sind. Ihretwegen wird schon eher ein Kriegsschiff ausgerüstet und Alarm geblasen.«

»Um so mehr hüten Sie sich, sich mit uns einzulassen.«

»Ich sagte Ihnen ja schon, daß Sie frei sind. Ich will gar nichts mit Ihnen zu tun haben. Leutnant Alessandro, bitte, lesen Sie die Namen der englischen Herren vor, welche nicht als Gefangene zu betrachten sind.«

Dieser Spanier war jedenfalls kein gewöhnlicher Soldat, er verband Witz mit Scharfsinn. Die Engländer fühlten, daß er ihnen augenblicklich überlegen war. Sie bissen sich auf die Lippen, als sie sahen, wie die Soldaten, die Offiziere, Miß Morgan und selbst einige der Trapper spöttisch lächelten.

Leutnant Alessandro zog ein Papier aus der Brusttasche und begann die Namen der Engländer vorzulesen, und es zeigte sich, daß die Rebellen mit deren Personalien vollkommen vertraut waren. Er las stets ihren Namen, dann den des Vaters ab. Die Liste fing an mit Marquis Chaushilm und fuhr fort mit dem im Range nächstfolgenden.

John Davids fehlte unter ihnen, er ruhte ja unter der Erde. Der Spanier konnte dies nur von Miß Morgan erfahren haben, mit welcher er vorhin gesprochen hatte.

Der letzte Name war genannt worden.

»So, meine Herren, Sie sind frei,« sagte der Spanier.

»Und diese Damen?« fragte Harrlington mit vor Erregung bebender Stimme.

»Diese sind als Bürgerinnen der Vereinigten Staaten unsere Gefangenen, sie dienen als Geiseln. Sind sie Untertanen eines anderen Landes, dürfen sie uns verlassen. Miß Morgan wird mir behilflich sein, ihr unparteiisches Urteil mit dem meinen zu verbinden.«

»Herr, es sind unsere Bräute!«

Unter den Herren, wie unter den Damen entstand eine Bewegung. Harrlington hatte ein gewichtiges Wort gesprochen.

»Tut mir leid,« entgegnete der Spanier höflich, aber kalt, »im Krieg kennt man keine dergleichen Rücksichten. Sind diese Damen gewillt, ihren Namen ›Vestalinnen‹ abzulegen, so ist hier ein unrechter Platz dazu.«

»Herr, wahren Sie Ihre Zunge!«

»Fanden Sie eine Beleidigung in meinen Worten, so bin ich bereit, Ihnen Rechenschaft zu geben,« lächelte der Spanier und legte die Hand an das Degengefäß. »Sie sind ein freier Mann, und ich schätze Sie als Kavalier.«

Dem Lord lag jetzt nichts daran, Streit anzufangen, es lag in dem Benehmen des Spaniers überhaupt etwas Gewinnendes.

»Ich versichere Ihnen auf mein Wort als Kavalier,« fuhr er fort, »daß diese Damen anständig behandelt werden sollen.«

Unter den Herren entstand ein Geflüster.

»Wieviel Lösegeld fordern Sie für die Damen?« fragte Harrlington.

Der Spanier spielte erst nachdenklich mit dem Wehrgehäng, dann hob er den Kopf und sagte:

»Ich denke, Sie werden sich nicht weit von unserem Quartier aufhalten?«

»Wir bleiben solange in der Nähe der Ruine, bis diese Damen frei sind.«

»Gut, so werden wir Ihnen die Bestimmungen bald mitteilen, unter denen Ihnen die Geiseln ausgeliefert werden. Dann bemerke ich noch, daß ich Sie vorläufig als neutral erachte, in dem Moment aber, da Sie gegen uns eine Waffe erheben, sind Sie unsere Feinde.«

»So halten Sie uns sofort für solche,« rief Charles Williams aus der Mitte der Herren.

»Ich nehme diese Erklärung dankbar entgegen, ich weiß nun wenigstens, mit wem ich es zu tun habe.«

Die Herren erschraken über diese Aeußerung von Williams, der Spanier merkte es und fuhr schnell fort;

»Fürchten Sie nicht, daß ich Sie nun als Gefangene behandle; ich kämpfe lieber mit Edelleuten, als mit gemeinen Soldaten.«

Die Tür öffnete sich, und herein trat, von einem Offizier begleitet, eine Dame, bei deren Anblick Miß Morgan ein zischender Laut entfuhr, den übrigen Damen und Herren aber ein Ruf der Freude; es war Johanna.

Umarmungen folgten, Johanna erklärte schnell, daß sie auf der Reise nach Austin ebenfalls gefangen genommen worden sei und fügte den Trost hinzu, den Rebellen sei es weniger um Geiseln, als um ein recht hohes Lösegeld zu tun, um die bis jetzt noch fehlenden Mittel zum Führen eines Krieges zu erlangen. Dies sei auch der Grund, warum die englischen Lords freigelassen wurden; sie sollten ihre Geliebten auslösen, denn sie waren ja weder an der Revolution, noch an der Verteidigung der Vereinigten Staaten interessiert. Die übrigen, welche nichts zahlen konnten, würden sicher nicht freigelassen werden.

Doch Johanna täuschte sich. Der Spanier, wahrscheinlich hier unumschränkter Bevollmächtigter einer mexikanischen, revolutionären Partei, wollte nun einmal als Ritter erscheinen.

»Ich beginne bei jenen Männern,« nahm der Spanier wieder das Wort, »welche keinen Staat als Heimat besitzen, deren Vaterland der Wald und die Prärie ist. Ich meine diese Trapper und Waldläufer. Meine Herren, wählen Sie einen Sprecher!«

Ohne Aufforderung trat Charly, der Waldläufer hervor.

»Ihr habt ein gutes Wort gesprochen, wir besitzen zwar kein Vaterland mehr, dem wir unbedingte Treue zu leisten verpflichtet sind, aber im Namen aller dieser Männer, meiner Kameraden und Freunde, erkläre ich, daß wir gegen die Partei fechten werden, die wir im Unrecht erkennen.«

»So ist es,« klang es einstimmig.

»Und welche ist diese?«

»Das müssen wir uns noch überlegen, allem Anschein nach ist das die Eurige, denn es ist ein großes Unrecht, harmlose Reisende, und noch dazu Weiber, als Geiseln festzuhalten und sie den Männern, welche sie lieben, vorzuenthalten.«

»Streiten wir nicht hierüber,« entgegnete der Spanier, »ich erkläre Sie alle für freie Männer. Kämpfen Sie auf unserer Seite, so wird es mich sehr freuen, kämpfen Sie gegen uns, so soll es uns eine Ehre sein, mit solch tüchtigen Männern die Waffen kreuzen zu dürfen. Sie können mit den englischen Herren die Ruine verlassen.«

Das Erstaunen der Männer über den Spanier wuchs immer mehr. Er paßte gut in jene Zeiten, da sich die Ritter knochentiefe Wunden schlugen, nur um ihre Kraft zu prüfen, hinterher sich die Hand schüttelten, sich ihrer Hochachtung versicherten und dann die vollen Humpen leerten. Als Führer einer revolutionären Partei schien er weniger geeignet, doch es waren ja Spanier, die er führte, heißblütige und phantastische Spanier.

»Nun zu den übrigen!« fuhr der Offizier fort, sprach leise mit Miß Morgan und dann mit seinem Adjutanten, Leutnant Alessandro, welcher eine andere Liste hervorzog.

»Mister Hannes Vogel!«

»Deutscher,« sagte Miß Morgan.

»Sie sind frei,« fügte der Spanier hinzu.

»Danke, und dies ist meine Frau,« entgegnete Hannes, Hope zu sich heranziehend.

»Amerikanerin, Bürgerin der Vereinigten Staaten,« rief Miß Morgan boshaft dazwischen.

»Missis Vogel bleibt als Geisel hier.«

Hope brach in Tränen aus, sie warf sich an Hannes' Brust und weinte laut.

»Sei ruhig,« tröstete Hannes sie zärtlich, »die Sache ist nicht so schlimm, wie sie aussieht. Das Ganze kommt mir überhaupt wie ein Spiel mit Bleisoldaten vor. Ich löse dich aus, sobald ich kann.«

»Das kostet viel,« schluchzte Hope.

»Macht nichts, ich gebe gern alles hin.«

»Dann haben wir aber wieder nichts.«

»Wir machen eine andere Erbschaft oder spielen in der Lotterie. Paßt es mir besser, so bezahle ich nichts und rede mit diesen Spaniern ein ernsthaftes Wörtchen.«

»Ach, Hannes, mache dich nicht unglücklich! Lieber bezahle! Was brauche ich Geld, wenn ich dich habe!«

Hannes küßte Hope und ging zu den Engländern hinüber, seine Frau bei den Damen zurücklassend, welche selbst kaum die Tränen zurückzuhalten vermochten und doch das arme Weib zu trösten suchten.

Pueblo und Inez, welche ihr Kind auf dem Arme trug, kamen daran. Sie wurden ohne weiteres entlassen, ebenso van Guden und dessen Vater, da sie als Holländer bezeichnet wurden. Es stand in ihrem Belieben, sich sofort zu entfernen oder noch zu warten. Sie blieben vorläufig.

Denselben Wink erhielt Wan Li, der Chinese, doch der kleine Mann blieb mit zwinkernden Augen vor dem Befehlshaber stehen.

»Du sagst zu mir: ›Geh, es ist gut‹. Aber Wan Li sagt: Es ist nicht gut. Wo sind seine Schätze, die ihm die Indianer abgenommen haben? Sie sind in der Ruine.«

»So holen Sie sich dieselben,« entgegnete der Spanier gelassen.

Der Chinese ließ die Augen herumwandern, er sah das boshafte Lächeln von Miß Morgan und wußte ganz genau, daß die Summe, welche ihm seine Landsleute anvertraut hatten, sich bereits in den Händen dieses Spaniers befand.

»Du hast mein Geld.«

»Wenn du es weißt, so ist es ja gut. Ja, ich habe dein Geld.«

»Es gehört nicht mir, sondern armen Chinesen, welche auf die Zurückerstattung warten.«

»Ich werde es ihnen später mit Zinsen zurückgeben.«

Der Chinese wiegte den Kopf hin und her.

»In meinen Händen ist es sicherer.«

»Durchaus nicht. Wünschest du eine Quittung über den Empfang? Ich will sie dir nachher geben. Ich betrachte die Summe von ungefähr vier Millionen Dollar als eine Anleihe und zahle fünf Prozent Zinsen. Ist das nicht anständig?«

Wan Li wußte recht gut, daß dies nur eine Wortfechterei war. Sein Geld war so gut wie verloren. Dies gab der Spanier auch freimütig genug selbst zu.

»Ich versichere dir auf mein Ehrenwort, fällt der Krieg zu unseren Gunsten aus, so erhältst du die Summe mit fünf Prozent zurück.«

»Und fällt der Krieg nicht zu deinen Gunsten aus?«

Der Spanier zuckte lächelnd die Achseln.

»Wer kann für Unglück? Dann war es eine verfehlte Spekulation, mein lieber himmlischer Sohn, du mußt dich dann eben mit mir trösten. Ich bin ein ehrlicher Kompagnon; wenn ich gewinne, werde ich dich nicht betrügen.«

Des Chinesen Augen blitzten auf, aber seine Stimme klang ruhig, als er sagte:

»Gut, ich gehe, aber ich komme wieder, um abzurechnen. Und fehlt beim Kassenschluß auch nur ein Penny, so bist du ein Betrüger und wirst deine Schuld büßen.«

Die anwesenden Offiziere lachten, als der Chinese zu den Engländern hinüberschritt; nur der Kommandeur blieb ernsthaft.

»Miß Johanna Lind!«

Die Gerufene trat vor.

»Sie sind Amerikanerin?«

»Ich bin eine Deutsche, nur in Amerika geboren.«

»Sie sind aber Bürgerin der Vereinigten Staaten.«

»Allerdings.«

»Dann bleiben Sie als Geisel hier.«

»Wie Sie befehlen.«

»Noch eins, Miß Lind! Sie sind die Braut von Felix Hoffmann?«

»Ich verzichte, Ihnen auf diese Frage zu antworten,« entgegnete Johanna kalt, »sie gehört nicht hierher.«

»Also habe ich recht,« lächelte der Spanier. »Ich schätze mich glücklich, die Braut des Senor Hoffmann beherbergen zu dürfen.«

Lord Harrlington ergriff noch einmal das Wort.

»Senor, Sie kennen alle unsere Namen. Wir bitten um den Ihrigen, damit wir wissen, wem wir unsere Befreiung aus den Händen der Indianer und die neue Störung zu verdanken haben.«

»Mein Name ist Fernando d'Estrella, ich war Kapitän in mexikanischen Diensten, ich habe selbst den Abschied genommen, um den Versuch zu machen, Texas wieder mit meinem Vaterlande zu vereinigen. Möchten die Vereinigten Staaten doch einsehen, daß Nord und Süd nicht zusammenpassen, wieviel Blutvergießen würde dadurch vermieden! Nie kann Texas einem anderen gehören als dem freien Mexiko. Die Natur selbst will es so. Betrachten Sie seine Flora, die Charaktere seiner Bewohner, und Sie müssen mir recht geben.«

Der Offizier wurde unterbrochen; draußen hörte man Rufe schallen, zwei Schüsse fielen, es mußte ein Ringkampf stattfinden. Dann folgte ein Geräusch, als schmetterte ein Büchsenkolben auf menschliche Schädel herab, wieder folgten Schreie, Flüche und Verwünschungen.

Der Lärm war erst weit entfernt gewesen, doch schnell kam er näher, bis er vor der Tür war.

»Fangt ihn lebendig, den Schurken!« rief eine Stimme. Es war die des Leutnants Juarez.

Man hörte hastige Fußtritte; Menschen rannten hin und her. Wieder mußte ein Ringkampf erfolgen, dann wurden die Angreifer jedenfalls zur Seite geschleudert, die Tür öffnete sich und Deadly Dash stürmte ins Gemach, noch in demselben Waldläuferkostüm wie früher, die kurze Büchse im Arm und den breitrandigen Filzhut auf den Locken. Er hatte sich nur insofern geändert, als ihm ein kurzer Vollbart gewachsen war, der ihm ein ganz anderes Aussehen gab.

Sein Eintreten rief Bestürzung hervor. Die Soldaten rissen die Gewehre empor, die Engländer und Mädchen machten erstaunte Gesichter, nur Johanna stürzte ihm mit ausgebreiteten Armen einen Schritt entgegen und blieb dann bewegungslos stehen.


 << zurück weiter >>