Autorenseite

 << zurück weiter >> 

2.

Von zwei Seiten Hilfe.

Die Engländer und die Mädchen, sowie auch die sie begleitenden Trapper waren abermals in die Gewalt von Indianern gefallen. Beim Passieren des Hohlweges stürzten plötzlich von allen Seiten Indianer auf sie ein, man hatte keine Zeit mehr, die Schußwaffen hervorzuziehen, schon waren sie umzingelt, und ein wildes Ringen begann.

Den Indianern mußte weniger daran gelegen sein, die Bleichgesichter zu töten, als vielmehr, sie lebendig in ihre Gewalt zu bekommen, denn sie machten keinen Gebrauch von ihren Waffen. Hätten sie die Tomahawks geschwungen, so wäre es ihnen ein leichtes gewesen, Sieger zu werden, so aber drangen sie nur auf die Ueberraschten ein und versuchten sie zu überwältigen, was ihnen auch schließlich gelang.

Sie waren in der Ueberzahl. Wenn von den Indianern einer fiel, so erstanden für ihn drei andere; immer neue rote Gestalten drangen auf die halb Wehrlosen ein, und einer nach dem anderen wurde zu Boden geworfen und gefesselt, ohne daß ihm die anderen helfen konnten.

Nur dreien gelang es, den sie erwartenden Banden zu entfliehen, hauptsächlich darum, weil sie die größte Kaltblütigkeit besaßen.

Selbst der im Kampfe mit den Indianern geübte Charly mußte unterliegen, ebenso die anderen Trapper; John Davids dagegen war der erste, welcher sich Bahn brach und entkam.

Sofort, als er sah, daß ein Sieg über die Indianer nicht möglich war, dachte er gar nicht mehr an eine Verteidigung, sondern nur noch an eine Flucht, und wirklich gelang ihm diese. Er stellte sich, als sei er von der Kugel eines seiner eigenen Kameraden getroffen worden, stürzte zu Boden und entfloh in dem Moment, als er die Gelegenheit für günstig hielt.

Einige Indianer setzten ihm sofort nach. Keiner der Kämpfenden wußte, ob der Genosse entkam oder nicht.

Auch Lord Harrlington floh und riß Ellen mit sich fort. Diesen Erfolg hatte er hauptsächlich seinem Freunde Hastings zu verdanken. Der riesenstarke Lord hatte keine Patronen mehr für seinen Revolver, sich aber dafür in den Besitz eines Tomahawks gebracht. Mit diesem wütete er nun wie ein Kriegsgott unter den Rothäuten; jeder Schlag zertrümmerte einen Schädel, und schon schien es, als würde dieser riesige Kämpfer ganz allein die Indianer, welche die Waffen nicht gebrauchen wollten, in die Flucht treiben und die Gefangenen befreien, als die List eines Gegners den Lord kampfunfähig machte.

Derselbe holte eben zum mächtigen Schlage aus, welcher den Schädel eines vor ihm stehenden Indianers zerschmettern sollte. Sausend fuhr der Tomahawk herab, aber blitzschnell wich der Indianer aus, und mit solch furchtbarer Gewalt war der Schlag geführt worden, daß Hastings vornüber gerissen wurde.

Er taumelte etwas, und ehe er seine Waffe wieder erheben konnte, war ihn der Indianer zwischen die Beine gefahren und brachte ihn zum Sturze. Im Nu warfen sich ein Dutzend Rothäute auf ihn und überwältigten ihn.

Lord Hastings ward gebunden, aber durch seine Tat war es zwei anderen gelungen, zu entfliehen.

Auch Lord Harrlington wußte sich lange die Angreifer vom Leibe zu halten; er brauchte nicht einmal sein Messer, die Fäuste genügten ihm, und wo diese hintrafen, da wichen die Indianer stöhnend zurück. Blitzschnell teilte er nach allen Seiten Stöße aus. Keiner konnte ihn packen, aber seine Lage war natürlich hoffnungslos.

Er stand mit dem Rücken gegen einen Felsen gelehnt, und ringsum war er von Indianern eingeschlossen.

Da sah er, wie Lord Hastings fiel, die meisten Indianer drängten sich dorthin, um ihn am Aufstehen zu verhindern, dadurch wurde es um ihn etwas freier, eben sah er, wie Ellen noch mit einem Indianer rang, und im Nu stürzte er mit erhobenem Messer durch die Reihen der Indianer und auf Ellen zu.

Ein Stoß befreite sie von ihrem Angreifer, dann faßte Harrlington Ellens Hand und rannte mit Aufgebot aller Kräfte davon. Die Indianer waren im Augenblick verblüfft, dann setzten sie unter wildem Geschrei den Flüchtigen nach.

Harrlington ahnte, daß die Indianer aus irgend einem Grunde ihr Leben schonen und sie lebendig fangen wollten, und so wußte er, daß in der Schnelligkeit ihrer Füße die einzige Hoffnung lag.

Er selbst war ein so vorzüglicher Läufer, daß ihn wohl schwerlich einer der Indianer, obgleich diese bekanntlich auch äußerst schnellfüßig sind, einholen konnte, doch Ellen hinderte ihn, seine ganze Schnelligkeit zu entwickeln. So gewandt auch Ellen in allen körperlichen Künsten war, konnte sie es im Laufen doch nicht mit den Indianern aufnehmen.

Näher und näher erklang das Geschrei der Verfolger, da griff Harrlington zu einer List, welche sie vielleicht retten konnte.

Er verständigte Ellen von seinem Plane, und sie sah die Zweckmäßigkeit des Vorschlages ein.

Sie flohen nicht durch den Hohlweg, sondern den Weg zurück, welchen sie gekommen waren, der den Hohlweg kreuzte. Links und rechts standen Büsche und Bäume, auch große Steine lagen auf dem Boden zerstreut.

Eben wurden die Flüchtigen den Verfolgern durch dichte Büsche entzogen, Harrlington gab Ellens Hand frei, und der Verabredung gemäß bog das Mädchen rechts ab, im Dickicht verschwindend.

Harrlington mäßigte einen Augenblick seinen Lauf und wendete den Kopf, um zu beobachten, ob dieses Manöver bemerkt sei. Es schien nicht der Fall zu sein.

Doch lange durfte er nicht warten, ein schneller Läufer kann in wenigen Sekunden eine beträchtliche Strecke durchmessen, und so floh er in großen Sprüngen weiter, aus tiefster Seele das inbrünstigste Gebet zum Himmel aufsendend, daß Ellen entkommen möge.

Um seine eigene Person war er nicht bange, machten die Verfolger keinen Gebrauch von den Schußwaffen, so wollte er ihnen schon entgehen.

Harrlingtons Unglücksstern wollte aber, daß er den Feinden nicht entkam.

Noch zehn Minuten mochte er gelaufen sein, die Indianer waren schon nicht mehr zu sehen, er hörte nur noch ihr wildes Geschrei, als hinter einigen Baumstämmen plötzlich eine Menge dunkler Gestalten hervorsprangen und sich auf den Flüchtigen warfen.

Einer davon, ein Indianer von riesiger Größe sprang mit solcher Gewalt gegen ihn an, daß Harrlington sowohl, als er zu Boden geschleudert wurden. Wohl war der Lord sofort wieder auf den Füßen, wohl gelang es ihm noch, den ersten der auf ihn Springenden zu Boden zu schlagen, dann aber wurde er von hinten umschlungen, er war überwältigt.

Harrlington achtete nicht auf die Schmähreden und Mißhandlungen, mit welchen ihn die Indianer überhäuften, er dachte in diesem Augenblicke nur daran, daß diese Leute eben die waren, welche vorhin John Davids verfolgt hatten, er erkannte den großen Indianer wieder.

Also war John Davids entkommen, das war wenigstens ein Trost.

Dann fiel ihm Ellen ein, und neue Besorgnis beschlich sein Herz.

Die Indianer, die ihm nachsetzten, waren atemlos angekommen, sie wechselten nur wenige Worte mit ihren Gefährten, dann warfen sie sich ins Gras um sich zu verschnaufen. Jetzt konnten sie noch nicht zu Worte kommen, so heftig arbeitete die Brust nach dem rasenden Laufe.

Die anderen Indianer versicherten sich noch einmal, daß Harrlingtons Hände fest gebunden waren, befestigten an einem Fuße desselben einen Lasso und setzten sich dann ebenfalls hin, um zu warten, bis ihre Genossen sich erholt hatten, damit sie erzählen konnten, was sich auf dem Kampfplatze zugetragen hatte.

Es dauerte auch nicht lange, so waren die Atemlosen dazu fähig.

Harrlington bedauerte, kein Wort ihrer Kehllaute zu verstehen, aber schon wurde er ängstlich, als er sie lachen und nach der Richtung deuten sah, aus der sie gekommen waren.

Sollte Ellen ihnen doch nicht entgangen sein. Sollten einige von ihnen zurückgeblieben sein und das Mädchen ebenso wie ihn gefangen haben? Ellen war schon abgemattet, an Widerstand konnte sie nicht denken, auch nicht an eine erfolgreiche Flucht.

Harrlingtons Herz zog sich bei diesem Gedanken krampfhaft zusammen, schon sah er im Geiste, wie Ellen von den rohen Indianern gepackt wurde.

Dasselbe geschah jetzt mit ihm.

Ein Indianer sagte einige Worte zu ihm, und als er das nicht verstand, erhielt er einen derben Fußtritt, der ihn belehrte, daß er aufstehen und sich zum Rückwege bereit machen sollte.

Mit zusammengebissenen Zähnen erhob sich Harrlington und wurde von den Indianern in die Mitte genommen, die ihn zum schnellen Gehen nötigten.

Es ging wieder nach dem Hohlweg zurück.

Sie waren noch nicht weit gegangen, als Harrlington stehen blieb und mit der Kraft der Verzweiflung an seinen Banden riß. Dort stand Ellen, ebenso gebunden wie er, am Fuße einen Lasso gleich einem Schlachtopfer, von zwei Indianern gehalten, und erwartete ihren Leidensgenossen, dem sie sich auf dem Wege anschließen sollte.

Ach, Harrlington strengte sich vergeblich an, er vermochte nicht die Lederstreifen zu zerreißen. Einige Püffe mit dem Stiele des Tomahawks waren die Belohnung für diese Bemühung, aber er fühlte es nicht, der Schmerz der Seele betäubte den des Körpers.

»Ellen,« rief er in verzweifelndem Tone, »warum müssen wir so gestraft werden!«

Sie antwortete nicht, stumm blickte sie zu Boden und konnte nicht verhindern, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen.

Lachend banden die Indianer die beiden Gefangenen zusammen, Arm an Arm, wodurch ein Fluchtversuch ganz unmöglich wurde. Dann wurde ihnen wieder bedeutet, schneller zu gehen, denn die Verfolgung hatte sie ziemlich weit von den Ihrigen entfernt.

»Ellen, sprich wenigstens zu mir, das ist mir schon ein Trost!« bat Harrlington.

Sie wurden nicht am Sprechen gehindert. Die Indianer hatten sich selbst viel zu erzählen, sie schienen überhaupt sorglos zu sein.

Ellen hob das Auge zu dem Geliebten empor.

»Jetzt sind wir vereint,« sagte sie bitter, »unser Ziel ist erreicht, wir können zufrieden sein.«

»Sprich nicht so, noch leben wir und haben Hoffnung auf Befreiung.«

»Unsere Lage ist hoffnungsloser denn je.«

»Davids ist entkommen.«

Erfreut vernahm Ellen diese Worte.

»Und ist uns der Tod beschieden,« fuhr Harrlington fort, »so wollen wir vereint sterben. An deiner Seite soll mir der Tod leicht werden. Ich habe ihn nie gefürchtet, aber stets gewünscht, vor seinem Eintreten noch von dir geliebt zu werden.«

»Armer James,« seufzte das Mädchen, »ich weiß, wie sehr du dich darnach gesehnt hast. Ach, ist mein Wunsch doch auch kein anderer. Jetzt, da wir uns wiedergefunden haben, muß unser Los ein solches sein!?

Nach längerer Zeit unterbrach Harrlington das eingetretene Stillschweigen wieder.

»Kennst du diese Indianer? Es scheint mir fast, als wären es dieselben, welche unter dem weißen Wolf gegen euch schon einmal gekämpft haben. Ich kenne sie aus der Beschreibung der Damen.«

»Es sind wohl Apachen, aber andere,« entgegnete Ellen, »ich verstehe ihre Sprache.«

»Was sagen sie?«

»Ich werde nicht recht klug daraus. Nur so viel ist mir klar geworden, daß alle unsere Freunde und Freundinnen schon gefangen sind mit Ausnahme von John Davids. Der Führer, jener große Indianer dort, wiegelt seine Gefährten eben auf, ihren Genossen gegenüber zu behaupten, sie hätten ihn durch einen Pfeilschuß getötet. In Wirklichkeit ist er ihnen aber doch entflohen.«

»Da haben wir noch eine große Hoffnung. Ellen, verliere den Mut nicht! Davids wird alles aufbieten, uns zu befreien.«

»Er ist aber allein und ohne Waffen,« klagte Ellen.

»Aber er ist treu bis zum Tode, stark, kühn und umsichtig. Ein solcher Mann kann viel erreichen.«

Harrlington brach kurz ab und schritt nachdenkend weiter, es mußte ihm etwas anderes eingefallen sein.

»Ellen,« begann er dann wieder, »wir wollen noch einmal offen zusammen sprechen, es ist zwar töricht, jetzt, kurz vor dem Tode, so etwas zu erwähnen, aber dennoch drängt es mich dazu. Sag' mir, Ellen, wie standest du mit Davids? Nicht wahr, ich hatte mich getäuscht, als ich einst meinte, Davids bemühte sich um deine Gunst?«

Er richtete dabei den Blick fest auf Ellens Gesicht.

Diese wäre, wenn er im Irrtum war, vielleicht unwillig über eine solche Frage geworden, diesmal blieb sie jedoch freundlich, sie lächelte sogar, dabei etwas errötend.

»Wie sprichst du so töricht, James,« entgegnete sie, »Davids war mir stets ein treuer Freund, ich rechnete auf seine Hilfe fast ebenso, wie auf deine.«

»So gab er dir nie zu verstehen, daß du ihm mehr warst als eine Freundin?«

»Nie, auch nicht das geringste Zeichen.«

»Und das Bild, welches er malte, und das du ihm schenktest?«

»War nur ein Zeichen meiner Dankbarkeit. Er bat darum, und ich ließ es ihm. Daß er es auf seiner Brust trug, ahnte ich nicht, ich hätte es ihm dann nicht gegeben. Aber willst du mich noch mit Eifersucht quälen, James? Das wäre nicht schön. Doch nein,« unterbrach sie sich, »du hattest Grund dazu, mein Benehmen gegen dich war so töricht, daß du zur Eifersucht berechtigt warst. Ich bin dir deswegen nicht böse, im Gegenteil, zeigt es mir doch, wieviel ich dir galt.«

»Das Bild brachte mich auf böse Gedanken, nachdem Miß Morgan mir den verderblichen Samen des Mißtrauens ins Herz gestreut hatte,« murmelte Harrlington.

»Ach, James, erwähne nicht mehr diesen Namen! Diese Teufelin ist hauptsächlich schuld an all unserem Unglück. Jedenfalls steckt sie auch hinter diesem Ueberfall, ist sie doch gesehen worden, wie sie mit Apachen verkehrte.«

»Kannst du nicht aus der Rede der Indianer hören, was unser Los sein soll?«

»Ich entnehme ihrem Gespräch nur, daß wir bis heute abend marschieren müssen, ehe wir – da, ruhig,« unterbrach sich Ellen und horchte. »Sie sprechen vom Tempel Huitzilopochtlis, dorthin sollen wir gebracht werden,« sagte sie dann, »also wieder nach den Ruinen zurück. Wozu sollen wir dorthin, nachdem wir erst von dort vertrieben worden sind?« Harrlington gab ihr den Rat, vorläufig dem Gespräche der Indianer zu lauschen, ihre ganze Aufmerksamkeit auf dieses zu richten, weil sie dadurch leicht etwas erfahren konnten, was ihnen bei einer eventuellen Flucht nützlich war. Auch sollte sie ja nicht verraten, daß sie den Dialekt der Apachen verstände, sonst würden sich die Indianer vielleicht hüten, ihre Geheimnisse vor den Gefangenen hören zu lassen.

Dadurch war es nicht mehr möglich, daß sich die beiden unterhielten, sie sehnten sich auch nach keinem Zwiegespräch, welches unter solchen Verhältnissen nur einen traurigen Inhalt haben konnte. Was half ihnen, wenn sie sich jetzt ihre Liebe zu verstehen gaben? Der Tod trennte sie doch bald, wenigstens für diese Welt.

Sie erreichten den Hohlweg wieder, in welchem der ungleiche Kampf gewütet hatte, zum Nachteil beider Parteien. Die Indianer waren in Uebermacht gewesen, hatten aber keinen Gebrauch von ihren Waffen gemacht, die Weißen waren zwar überwältigt worden, hatten aber erst gar manche der Rothäute in die ewigen Jagdgefilde geschickt.

Dies konnte man deutlich sehen.

Viele Leichen lagen umher, aber kein einziger Weißer war darunter, nur Indianer bedeckten den Boden.

Die Sieger mußten sich mit ihren Gefangenen sofort entfernt haben, denn sie hatten sich nicht einmal Zeit gegönnt, die Toten zu begraben. Wie sie gefallen waren, so lagen sie auch jetzt noch da, ja, einige bluteten noch und wanden sich in ihren Schmerzen.

»Sie haben es sehr eilig gehabt,« flüsterte Harrlington dem Mädchen zu, »die Indianer sollen ihre Toten sonst doch stets begraben und die Verwundeten mitnehmen.«

»Diese hier bestätigen deine Annahmen,« entgegnete Ellen. »Sie schienen den strengen Befehl erhalten zu haben, ohne Verzug nachzukommen. Sie bemitleiden zwar die Verwundeten, aber gib acht, James, auch sie werden weitergehen, ohne sich um dieselben zu bekümmern.«

Die Grausamkeit der Indianer ging aber noch bedeutend weiter.

Wie Ellen weiter erlauschte, hatten die Abziehenden die Verwundeten sogar getötet, aber einige lebten doch noch, weil sie von ihren Genossen für tot gehalten worden und erst später aus ihrer Betäubung erwacht waren.

Schaudernd wandten sich die beiden Gefangenen ab, als sie sahen, wie die Apachen ihren eigenen Kameraden, die erst um Wasser, dann um Erbarmen baten, mit kalter Miene und fester Hand das Messer ins Herz stießen. Ein Verwundeter nach dem anderen sank röchelnd zurück, und als die noch Lebenden sahen, was für ein Los sie erwartete, harrten sie ruhig des Indianers, der ihnen den Todesstoß gab. Es kam oft genug vor, daß die Apachen, wenn sie die Verwundeten nicht mitnehmen konnten, weil diese die übrigen hinderten, alles töteten, was nicht mehr gehen oder reiten konnte. Die Verwundeten faßten dies auch als etwas ganz Selbstverständliches auf, ja, sie verlangten es von den Kameraden, denn fielen sie lebendig in die Hände der Feinde, so warteten ihrer die schrecklichsten Qualen.

Jene, welche jetzt von der Hand der Freunde starben, hatten oft genug selbst so gehandelt, und so ließen sie sich den Stahl in die Brust stoßen, ohne mit der Wimper zu zucken. Ein schwaches Röcheln war alles, was ihnen der Tod auszupressen vermochte.

Schon zogen die Geier in der Luft ihre Kreise – sie hatten Beute gewittert, und bald stritten sie sich mit Schakalen und Füchsen um die Kadaver.

»Merkwürdig!« flüsterte Ellen wieder. »Unser Leben schonen sie, das der Gefährten nicht im geringsten.«

»Ist das ein gutes Zeichen?«

»Ich denke, ein sehr schlimmes.«

»Ein schlimmeres Los als der Marterpfahl kann uns nicht erwarten. Ellen, wenn ich wüßte!«

Harrlington wagte nicht, dem Gedanken weitere Worte zu verleihen.

»Dann würdest du mich gefaßt sterben sehen, James,« entgegnete Ellen ruhig. »Seit ich dich wahrhaftig liebe und dir meine Liebe gestanden habe, hat der Tod für mich keine Schrecken mehr, besonders, wenn ich dich bei mir weiß. Ach, James, wenn du wüßtest, wie gern ich den tausendfachen Tod erdulden möchte, wenn ich dadurch dem Leben erhalten könnte!«

»Laß diese Worte!« bat Harrlington. »Glaubst du, ich dächte anders? Aber es ist umsonst, so zu sprechen. Trösten wir uns damit, daß unser Los das gleiche ist!«

Der große Indianer trat an sie heran und verbot ihnen jetzt mit harten Worten das Sprechen. Ellen verstand die Worte, Harrlington die drohende Gebärde.

Die Indianer mußten einen Grund haben, sich still zu verhalten, auch sie ließen das Sprechen und bewegten sich vorsichtig, aber schnell, innerhalb des Hohlwegs, den schon die anderen Indianer zu ihrem Marsche benützt hatten.

Durch eine Unvorsichtigkeit Harrlingtons wurde der Unwille des Führers erregt, ein neues Unglück schien über sie hereinzubrechen, beide mußten sich neue, unsagbare Demütigungen gefallen lassen, aber dennoch gereichte ihnen alles zum Glück.

Harrlington konnte es nicht unterlassen, noch einmal zu Ellen zu sprechen. Trotzdem er gefesselt war, fühlte er sich doch glücklich an ihrer Seite. Er beugte sich etwas vor, daß die Indianer nicht die Bewegungen seines Mundes sehen konnten, und flüsterte ein Trost- und Kosewort zugleich.

So leise das kurze Wort auch gesprochen worden war, war es dem Ohre des Führers doch nicht entgangen.

Sofort drehte er sich um, riß das Messer aus dem Gürtel, packte den Gefangenen an der Brust und hob drohend das Messer.

Da flammte plötzlich Harrlingtons Mut auf. Was galt es ihm, wenn er schon jetzt endete? Ja, es wäre ihm vielleicht lieber gewesen, denn er hatte wenig Hoffnung auf Rettung, und zu Füßen Ellens eines schnellen Todes zu sterben, wäre ihm nur erwünscht gewesen.

»Stoß zu!« rief er laut und mit blitzenden Augen.

Fast schien es, als wollte der Führer, der bei diesem lauten Ruf erschrocken zusammenfuhr, das Messer in die Brust Harrlingtons senken. Ellen schrie entsetzt auf; aber schnell hatte sich der Indianer besonnen, steckte das Messer ein, murmelte etwas und begab sich nach dem Ende des Zuges, wo er mit einigen Indianern flüsterte.

»Weißt du, was er sagte?« fragte Ellen.

»Er darf mich gewiß nicht töten, aber ich möchte, er hätte es getan,« entgegnete Harrlington.

»Er sagte: jetzt noch nicht, ich darf das Opfer Huitzilopochtlis nicht töten, das hat – –«

Einige Indianer sprangen zu ihnen und machten drohende Bewegungen, um die Sprecher zum Schweigen zu bringen. Dann kam auch der Führer wieder vorgeeilt und machte Miene, die Lederschnuren zu lösen, welche beide Gefangene miteinander vereinigten.

»Sie wollen uns trennen,« schrie Ellen, »wir wollen zusammenbleiben, James.«

Eine Hand schloß ihr den Mund, die Indianer lösten die Verbindungsschnüre, man führte Harrlington nach hinten, und Ellen geriet darüber außer sich.

Sie glaubte nicht anders, als sie sollte jetzt auf immer von Harrlington getrennt werden, und schrie laut auf.

Harrlington, der nun den Schluß des Zuges bilden sollte, damit beide am Sprechen gehindert würden, wandte sich um und sah, wie ein Indianer das schreiende Mädchen grausam schlug. Diesen Anblick konnte der Lord nicht ertragen. Wie ein Raubtier wollte er sich auf den Indianer stürzen, aber er hatte den Lasso am Fuß vergessen. Ein Ruck, und er lag am Boden.

So mußte er noch sehen, wie Ellen, welche zu dem Gefangenen eilen wollte, mit rohen Griffen daran gehindert wurde, und wie ein Indianer sie unbarmherzig mit dem Stiele des Tomahawks stieß.

Harrlington knirschte mit den Zähnen, er wand sich und versuchte mit aller Kraft, die Fesseln zu sprengen – vergebens.

Da geschah etwas Unerwartetes, was die Indianer mit Entsetzen, die beiden Gefangenen aber mit grenzenlosen, Jubel erfüllte, wie ein Wunder kam es vom Himmel.

Plötzlich sauste an der Wand der Schlucht ein Mann herunter, man sah noch den Lasso hängen, an welchem er sich heruntergelassen hatte, da der Mann schon dicht neben Harrlington stand, in der Faust einen riesigen Pallasch, dessen Griff durch ein breites Lederband fest mit seiner Hand verbunden war. Wie ein Blitz sauste der Stahl durch die Luft, und ehe die Indianer noch an den Gebrauch ihrer Waffen denken konnten, fielen die Schläge schon hageldicht auf sie herab, und jeder ließ einen Kopf auf den Boden rollen.

Nur ein Indianer wollte den Tomahawk zum Wurf erheben, aber in demselben Augenblick war auch schon sein Arm vom Rumpfe getrennt. Beim nächsten Streich sank sein Gefährte neben ihm nieder, der dritte Schlag legte einem Indianer den Kopf vor die Füße, und so ging es weiter, bis die ungefähr zwanzig Indianer, weder an Flucht noch an Gegenwehr denkend, sondern nur entsetzt auf diesen Würgengel blickend, innerhalb weniger Minuten bis auf einen einzigen abgeschlachtet worden waren.

Dieser war der Führer.

Er war, als er die Häupter seiner Genossen wie Mohnköpfe unter der Sichel des Schnitters links und rechts fallen sah, schnell zurückgesprungen und hatte Ellen mit sich gerissen.

Der letzte war gesunken, und der Mann mit dem Schwerte wandte sich nun gegen ihn.

Da schlang der Indianer die Hand um das Haar Ellens, riß sie zu Boden und zückte das erhobene Messer auf ihren Busen.

»Komm,« rief er mit wildem Blick dem anstürmenden Kämpfer zu, »du tötest zwei!«

»Komm, du tötest zwei!« rief der auf Ellen kniende Indianer seinem Gegner zu.

Der Mann blieb wie versteinert stehen. Ging er dem Indianer zu Leibe, so erstach dieser die Gefangene, und sein Rettungswerk war umsonst.

Harrlington schrie laut auf, er sah die Geliebte schon dem Tode geweiht.

Da aber sauste abermals von dem Rande der Schlucht, diesmal jedoch von der anderen Seite, ein Gegenstand durch die Luft und stürzte direkt auf den Indianer, schleuderte ihn zu Boden und blieb bewegungslos auf ihm liegen. Es war ein Mann, derselbe, den vorhin der Chinese und sein Begleiter, der eben unter den Indianern gewütet, auf der anderen Seite des Tales gesehen hatten.

Ellen selbst war von dem Springer etwas gestreift worden und durch die Gewalt des Sturzes zur Seite geschleudert worden, aber die Finger des Indianers waren noch immer in ihr Haar gekrallt. Sie glaubte ebenso wie die anderen, der Springer sei durch den Sturz getötet worden und habe dabei auch den Indianer erschlagen, denn beide lagen völlig regungslos aufeinander.

Der Mann mit dem Schwerte wollte schon auf den Indianer zugehen, um ihm noch einen Stich beizubringen, da aber richtete sich der auf diesem Liegende plötzlich auf und stieß ihm sein langes Bowiemesser mehrmals schnell hintereinander ins Herz.

Dann brach er wieder zusammen und rollte über den Indianer hinweg.

Als er sich nochmals aufgerichtet hatte, konnte man sein Gesicht sehen, und jetzt erst erkannten ihn Ellen und Harrlington gleichzeitig.

»John Davids,« riefen beide wie aus einem Munde.

Harrlingtons, wie auch Ellens Fesseln wurden von dem Pallasch zerschnitten, dann stiegen die Befreiten über die Leichen der Indianer und gingen auf Davids zu. Er lag jetzt auf dem Rücken, und ein Blutstrom entquoll seiner Brust.

»Sie sind verwundet!« rief Harrlington und beugte sich über seinen treuen Freund.

Davids versuchte sich aufzurichten.

»Es ist – nicht schlimm,« stöhnte er, wodurch seine Worte Lügen gestraft wurden, »ich bin – ins Messer – gesprungen.«

Sein an sich schon farbloses Gesicht wurde noch blässer, und ein Zittern ging durch seine Glieder.

»Er stirbt!« schrie Ellen auf.

»Nicht so schreien,« ließ sich da eine Stimme von oben vernehmen und zwischen den Büschen des Randes kam das besorgte Gesicht des Chinesen zum Vorschein, »hier sind Stricke, klettert herauf und zieht den Verwundeten nach.«

Dabei warf er noch einen starken Strick herab, dessen anderes Ende an dem Baume oben festgebunden war.

»Er stirbt,« wiederholte auch Harrlington, den Verwundeten liebevoll umschlingend.

»Nein – nein,« murmelte Davids leise, »bringt euch – in Sicherheit, schnell – schnell – die Indianer – könnten zurückkommen – laßt mich – hier liegen.«

»Wir bleiben bei Ihnen.«

»So nehmt – mich mit!«

»Es ist das beste, wir suchen einen sicheren Platz im Walde aus,« sagte der Mann mit dem Schwert, »und stirbt der Engländer, so kann er wenigstens in Ruhe den letzten Seufzer tun. Die Indianer können zurückkehren. Ich muß fort, oben stehen unsere Pferde, dem Verwundeten will ich meins abtreten, wenn Ihr jetzt sofort mit uns kommt.«

Harrlington erhob die Augen und begegnete den Blicken des Sprechers.

Erschrocken sprang er auf, er erblickte den Mann vor sich, den er in China an Bord des amerikanischen Kriegsschiffes mit eigenen Augen am Galgen hatte hängen sehen. Doch jetzt war keine Zeit, sich darüber zu wundern oder gar auszusprechen.

»Clas van Guden!« rief er. »So sind Sie also unser Retter? Dank Euch, Ihr kommt zur rechten Zeit!«

»Ich brauche keinen Dank. Ich habe nur Gleiches mit Gleichem vergolten. Ihr habt mein Leben geschont, als es in Eurer Hand lag, mich zu töten, nachdem Ihr mich besiegt hattet, jetzt rette ich das Eure. Wir sind quitt, Lord!«

Harrlington reichte ihm die Hand, die der Holländer auch ergriff und drückte, ihm fest ins Auge sehend.

»Wir sind nicht quitt, Jonkheer,« sagte Harrlington, »wir sind Freunde, zählt auf mich.«

Der Chinese drängte wieder zum Handeln, und Davids selbst verlangte, daß man ihn von hier fortschaffe.

Harrlington schwang sich an dem Strick nach dem Rande der Schlucht empor; van Guden und Ellen banden den Verwundeten, der bei Bewußtsein war und furchtbare Schmerzen erdulden mußte, aber doch nicht stöhnte, sondern mit zusammengebissenen Zähnen sich alles gefallen ließ, an das Seil, und Harrlington zog ihn zu sich hinauf.

Namenloses Weh bewegte Ellens Brust. In den Zügen Davids' konnte sie lesen, daß ihm der Tod bevorstand. Also hatte Davids sich für sie geopfert, er war in das Messer gesprungen, welches schon zum Stoß für sie erhoben war.

Der Chinese empfing die Ankommenden mit sehr ungnädigem Gesicht, das schlaue Lächeln war daraus verschwunden. Er schien durchaus nicht damit einverstanden, daß sein Begleiter sich in diese fremden Angelegenheiten gemischt hatte, er hatte ihn bis zum letzten Augenblicke daran gehindert, zu schießen, und so hatte van Guden, kurz entschlossen, einen Lasso am Baume befestigt, sich daran heruntergelassen und war mit dem Schwert, in dessen Führung er Meister war, zwischen die Indianer gefahren.

Er hatte seinen alten Namen ›Würgengel‹ wieder bewahrheitet.

Der Holländer band Davids auf sein Pferd und führte dann das Tier am Zügel in den Wald. Die anderen folgten ihm.


 << zurück weiter >>