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13.

Alligatoren, Zitteraale und ein Affenmensch.

Die jagdlustigen Matrosen brauchten nicht die langen Riemen mit den kurzen auszutauschen, der Koloradofluß war überall breit genug, so daß beide Boote sogar nebeneinander fahren konnten, aber obgleich die Matrosen nun schon mehrere Stunden lang kräftig gerudert hatten und sich schon mitten im tropischen Urwald befanden, hatte sich noch kein Wild am Ufer gezeigt.

Sie waren darüber sehr ärgerlich.

»Bleiben wir hier, so können wir bis an die Quelle hinaufrudern,« rief der Bootsmann Karl zum anderen Boot hinüber. »Ich denke, beim nächstem Nebenfluß biegen wir ab. Die Nebenflüsse sind schmäler, dort können wir die Ufer besser beobachten.« –

Der Vorschlag des Bootsmannes fand Beifall.

Man war nämlich schon öfters an solchen Armen vorbeigekommen, und in den nächsten, links oder rechts, wollte man einbiegen und vielleicht auch landen, um das Jagdglück noch einmal zu Lande zu probieren.

Der nächste Arm ging rechts ab. Er war schmal und schien auch seicht zu sein, denn viele Wasserpflanzen bedeckten die Oberfläche.

Karl ließ die kurzen Riemen zur Hand nehmen und steuerte sofort hinein.

»Das ist kein fließendes Wasser,« rief Georg von hinten, »es steht still.«

»Dann ist es eine Bucht, und am Ende derselben werden wir einen guten Anlegeplatz finden,« entgegnete Karl. »Zeit zum Essen ist es überhaupt, und im Boote wollen wir doch nicht essen.

»Bekomme ich keine gebratene Hirschkeule vorgesetzt, rühre ich auch nichts an. Pullt, Jungens, daß wir endlich ans Land kommen und einmal unsere Büchsen knallen hören können.«

Mit kurzen Schlägen, die Riemen noch etwas eingezogen, wurden die Boote über das grüne Wasser fortgetrieben. Es war noch tief genug; ab und zu erprobte man mit der Stange den Grund, brauchte aber noch nicht zu fürchten, aufzulaufen.

Georg hatte recht gehabt, dieses Gewässer war nur eine langgestreckte Bucht. Schon nach einer Viertelstunde erreichte man ihr Ende. Ihre Ufer waren mit Büschen dicht bewachsen und boten gute Landungsstellen, das heißt, wenn die Wassertiefe ausreichte.

Das Steuermannsboot machte zuerst den Versuch, vorsichtig wurde es dem Ufer genähert, doch plötzlich begann der Kiel zu schaben, dann ruckte es ein paarmal, und schließlich saß es fest.

Alles Schieben mit Stangen und Riemen half nichts, das Boot ging weder vor- noch rückwärts. Georg war vorsichtiger gewesen, er war weiter hinten geblieben, und als er des Bootsmannes Unglück gesehen, hatte er sein Boot schnell stoppen lassen.

»Festgerannt!« rief der Bootsmann ärgerlich. »Nun können wir ans Land waten.«

»Erst abwarten,« meinte Georg, »vielleicht kann mein Boot das Ufer erreichen, und dann ziehen wir euch heran.«

Er versuchte es, kam auch wirklich dem Ufer bis auf etwa fünf Meter nahe, dann saß aber auch er fest, und alles Schieben blieb erfolglos.

Die Matrosen lachten.

»Daß die Pest uns hole!« schrie Georg und sprang auf. »Ans Ufer müssen wir doch. Wir können hier nicht warten, bis der Fluß vom nächsten Regen schwillt.«

»Und Tiere werden wohl auch nicht hierher kommen, damit wir sie schießen können!« ließ sich ein anderer hören.

»Wir waten eben ans Ufer.«

Der Bootsmann, wie auch Georg, machten schon Miene, ins Wasser zu steigen, als der Ausruf eines Matrosen sie hemmte. Der Mann deutete nach einer Stelle des Ufers.

Dort konnte man zwischen den Teichlinsen einen dunklen Gegenstand schwimmen sehen, ähnlich einem Stück Holz.

»Es hat sich eben bewegt,« behauptete der Matrose.

»Werden wir gleich sehen,« meinte Georg, griff nach der Büchse, zielte und schoß.

Der Gegenstand verschwand sofort, aber überall am Ufer plätscherte es, die ganze Oberfläche des Wassers kam in Aufruhr, dunkle Gegenstände verschwanden, andere tauchten auf, es klappte und schnappte, und hier und da wurde auch für einen Augenblick ein schuppenbedeckter Leib sichtbar.

»Bombenelement,« rief Georg erschrocken, »das sind ja verhungerte Alligatoren! Nun sitzen wir in einer schönen Falle.«

Auch alle anderen erschraken. Im Boot, daß sich nicht rückwärts noch vorwärts bewegte, und das Wasser von Alligatoren wimmelnd, so daß man ohne Todesgefahr nicht das Ufer erreichen konnte – schlimmer konnte die Lage gar nicht sein.

Georg stand auf, zog sich die Jacke aus und nahm das Ende eines Strickes in die Hand.

»Was hast du vor?« erklang es von allen Seiten.

»Ich wag's!« entgegnete der kecke Bursche. »Mit zwei Sprüngen bin ich am Ufer, und währenddessen wird mich wohl nicht gleich so ein Ungetüm verspeisen.«

»Nimm dich in acht, Georg,« warnte Karl, »die Alligatoren sind flink mit Rachen und Schwanz.«

»Pah, frisch gewagt ist halb gewonnen! Fritz, gib mal die Rumbuttel vor.«

Nach einem kräftigen Schluck erklärte sich Georg bereit, durch das Wasser ans Ufer zu springen.

»Ein Aal,« rief plötzlich der Bootsmann, als er einen solchen Fisch neben seinem Boote ganz langsam und ziemlich an der Oberfläche schwimmen sah.

Er machte Anstalten, das Tier zu greifen.

»Vorsicht, es kann auch eine Wasserschlange sein,« meinte ein anderer Matrose.

»Unsinn, ich kann doch einen Aal von einer Wasserschlange unterscheiden.«

Des Bootsmanns Hand griff zu, fest legten sich die Finger um den schlüpfrigen Leib, jedes Entkommen verhindernd. Das Tier krümmte sich zusammen, aber mit einem Schmerzensschrei zog Karl die Hand zurück, warf sich der Länge nach ins Boot, strampelte mit Armen und Beinen und heulte wie ein Kind.

Der herkulische Mann war plötzlich ganz gebrochen.

»Um Gottes willen, Bootsmann, was ist Euch denn? Seid Ihr gebissen worden?« riefen die Matrosen durcheinander.

»Ja – nein – au, au – ich sterbe, ich sterbe!«

»Seid Ihr von der Schlange gebissen worden?«

»Ja – nein – au – es war keine Schlange, es war ein Aal,« winselte der Bootsmann.

»Halt, ich hab's!« rief ein Matrose. »Es war ein Zitteraal!«

Georg sank auf seinen Sitz zurück.

»Verflucht und zugenäht, Zitteraale gibt's hier also auch,« murmelte er niedergeschlagen

»Was ist das, ein Zitteraal?«

»Das sind Aale, welche, wenn man sie anfaßt, elektrische Schläge austeilen können.«

»Es ist doch nicht gefährlich?«

»Das gerade nicht. Ein kräftiger Zitteraal kann aber schon einen jungen Ochsen betäuben.«

»Dann bin ich ein alter Ochse,« sagte der Bootsmann, sich wieder aufrichtend und die Hand schlenkernd. »War es mir aber doch gerade, als führen mir tausend spitze Nadeln durch den Körper, meine Hand ist jetzt noch ganz lahm.«

»Ihr könnt Gott danken, daß Ihr eine so starke Natur habt, sonst hätten wir eine schöne Bescherung mit Euch gehabt. Greift ein andermal nicht alles an, was im Wasser schwimmt.«

Der Bootsmann ließ sich diese Lehre von dem jungen Matrosen gefallen, etwas Medizin aus der Rumflasche stellte ihn bald wieder völlig her, aber man saß nun immer noch auf derselben Stelle.

»Potz Alligatoren und Zitteraale, ich springe doch,« rief Georg, »ich springe doch. Jungens, nehmt eure Gewehre und schießt einmal alle ins Wasser, das vertreibt das Ungeziefer.«

Eine Salve von achtzehn Schüssen trachte, die Kugeln schlugen ins Wasser und brachten diesmal nicht wieder solchen Aufruhr hervor wie vorhin. Die Alligatoren hatten sich zurückgezogen, aber noch waren die Zitteraale zu fürchten, Georg mußte eben schnell springen.

Er stellte einen Fuß auf den Bootsrand und holte aus, dahin zu springen, wo die Büsche etwas auseinander traten, so daß man das Ufer deutlich erkennen konnte.

Es machte einen festen und guten Eindruck.

Doch Georg kam wieder nicht zum Sprung.

Plötzlich wurden die Zweige auseinandergebogen, und auf die eben erwähnte Stelle kam ein Neger gestürzt, fiel auf die Knie und erhob flehend die Hände gegen die Matrosen.

Er war ohne Waffen und trug einen stark mitgenommenen Leinwandanzug.

»Teufel, wer ist das?«

»Nix schießen,« bat der Schwarze in kläglichem Tone, »nix schießen, Josua tut euch nix.«

»Das glauben wir,« lachte Georg. »Wer bist du, Bursche, und was willst du hier?«

»Josua.«

»Was willst du hier?«

»Nix schießen, ich bin ein armer, unglücklicher Nigger.«

»Unglücklich sieht der nicht aus,« meinte der Bootsmann. »Der Kerl hat Hängebacken, und sein Gesicht strahlt wie der Vollmond.«

»Hast du noch jemanden bei dir?«

»Niemand nix, Josua allein, Gideon fort, Herr fort, alles fort. Aber nix wieder schießen.«

»Gott, hat der Kerl Furcht vorm Schießen,« sagte Georg, »aber gebrauchen können wir ihn dennoch. Hier, fang' das Seil und schlinge es fest um den Baum dort.«

Wunderbarerweise hatte der Neger den Befehl sofort verstanden und führte ihn geschickt aus. Er fing das ihm zugeschleuderte Seil, befestigte es mit doppeltem Knoten an den Baum und trat zurück.

»Ich will hängen, wenn das kein Seemann ist,« rief Georg, der den Schwarzen bei der Arbeit aufmerksam beobachtet hatte. »Doch egal, Jungens, jetzt zieht gleichzeitig.«

»Ahoi – ahoi,« sangen die Matrosen im Boot, zogen taktmäßig an dem Tau, und in einer Minute lag das Boot am Ufer, ohne daß der Kiel besonders stark auf dem Grund gescheuert hätte.

Als die Matrosen ans Land gesprungen waren, schwamm es frei im Wasser.

Auch das andere Boot wurde ans Land angezogen, und bald standen alle wohlbehalten am Ufer, ohne sich die Füße benetzt zu haben.

»Nun zu dir!« wandte sich Georg an den Neger, der sofort wieder auf die Knie sank und den Sprecher entsetzt anblickte. »Wie kommst du ohne Waffen in den Urwald?«

»Josua wollte Panther schießen,« erklang es kläglich.

Ein allgemeines Gelächter war die Folge von dieser Antwort.

»Panther? Du bist wohl nicht recht bei Sinnen. Du sprachst vorhin von Gideon, wer ist das?«

»Ein Nigger, so schwarz wie ich.«

Georg nahm zufälligerweise seine Büchse von der Schulter.

»O, nix schießen. Massa,« bat sofort der Schwarze, »Josua tut euch nichts.«

»Hast du einen Herrn?«

»Ja, einen starken, mutigen, tapferen, kühnen Herrn mit rollenden Augen.«

»Alle Wetter,« lachte Georg, »das muß ja ein banniger Kerl sein. Wo ist er denn jetzt?«

»Weiß nix, Massa.«

»Bist du ihm weggelaufen?«

»Josua niemals nicht weggelaufen.«

»Wie heißt denn dein Herr?«

»Weiß nix, Massa.«

»Warst du mit ihm im Urwald?«

»Weiß nix, Massa.«

»Gott bewahre mich!« lachte Georg. »Den Kerl verläßt mit einem Male vollständig das Gedächtnis. Was wollte dein Herr im Urwalde machen?«

»Weiß nix, Massa.«

»Gib diesem Mister Weißnix einen Tropfen Rum zu trinken,« schlug ein Matrose vor, »nichts hilft dem Gedächtnis mehr auf die Sprünge, als ein Tropfen Rum.«

Georg befolgte den Rat; er ließ den Neger Bekanntschaft mit dem Inhalt der dickbäuchigen Flasche machen.

»He, hallo,« rief er aber, als Josua die mit beiden Händen umklammerte Flasche gar nicht wieder absetzen wollte, »du glaubst wohl, die Flasche enthält bloß einen Tropfen? Mensch, du hast ja einen halben Liter gesoffen.«

Josua leckte behaglich mit der Zunge die wulstigen Lippen ab; der Trunk schien ihm behagt zu haben.

»Nun, Herr Weißnix, bist du nun besser zum Antworten aufgelegt?« fuhr Georg in seinem Verhör fort. »Wie kommst du hierher?«

Der Rum hatte seine Wirkung nicht verfehlt; des Negers Gehirn hatte sich etwas geklärt.

»Mein Herr ist großer, großer Jäger,« begann er zu erzählen, »er hat in Afrika viele, viele Löwen geschossen und ist dann hierhergefahren und hat mich und Gideon mitgenommen, weil er Panther schießen wollte.«

»Aha, dein Herr ist also so ein Sportsmann, der als Jäger herumreist. Wie heißt er denn?«

»Weiß nix, Massa.«

»Sehr gut, kennt der nicht einmal den Namen seines Herrn! Also fahre fort, wie kommst du hierher?«

»Wir hatten vorhin einen Panther beinahe geschossen, da sahen wir viele Soldaten kommen mit einer weißen Lady Missis. Mein Herr freute sich furchtbar, als er sie sah, plötzlich aber sprangen viele rote Menschen und Soldaten aus dem Busch, alle mit Aexten und Messern bewaffnet und dann – dann –«

»Dann wolltet ihr den Ueberfallenen beistehen? Nicht wahr? Denn die Soldaten und die weiße Lady Missis sind doch von Indianern überfallen worden?«

»Ja, Massa, das wollten wir,« bestätigte Josua, »aber da warf plötzlich Gideon sein Gewehr weg und lief davon, und da Gideon klüger ist, als ich, da dachte ich, ich müßte es auch so machen, und da warf ich mein Gewehr auch weg und lief fort. Das war doch ganz klug von mir?«

»Du bist ein verflixt schlauer Schlingel, du wärst wert, daß man dich übers Knie legte und dir fünfundzwanzig aufzählte. Ein schöner Diener, der seinen Herrn in Stich läßt!«

»Ich habe meinen Herrn nie nicht in Stich gelassen.«

»Du bist doch fortgelaufen, während er die weiße Lady zu befreien suchte!«

»Nein, mein Herr ist auch gleich fortgelaufen.«

»Ach, so seid ihr also alle solche tapfere Helden. Und dein Herr hat Löwen und Panther geschossen?«

»Ja, viel, viel.«

»Und läuft weg, wenn er eine Dame in Gefahr sieht?«

»Es waren zu, zu viele rote, nackte Menschen und Soldaten da, welche die weiße Lady Missis haben wollten, und das sah mein Herr auch ein, daß er nichts helfen konnte, und ist fortgelaufen. Ja, wenn die roten Menschen nicht so geschrien hätten! Denn sonst ist mein Herr ganz furchtbar mutig.«

Georg stellte das Verhör ein, es war doch nichts mehr aus dem beschränkten Schwarzen herauszubekommen.

Der Bootsmann meinte, man solle den Kerl morgen mit nach Matagorda nehmen, um die anderen könne man sich nicht kümmern, wenn sie ihnen bei der jetzt vorzunehmenden Jagd nicht zufällig in die Hände liefen.

»Wo haben die roten Menschen, die Indianer, die Dame überfallen?« fragte man ihn noch einmal.

»Weiß nix, Massa.«

»War es weit von hier?«

»Weiß nix, Massa.«

»Wie hast du uns gefunden?«

»Hörte Schüsse und bin leise hierhergekrochen. Ich sah Matrosen, und vor denen brauche ich mich nicht zu fürchten. Josua ist früher auch auf Schiffen gewesen.«

Die Matrosen wurden wieder vom Jagdfieber ergriffen. Man entdeckte einen Hirsch zwischen den Bäumen, doch konnte man leider nicht zum Schuß kommen. Aber es war doch ein Zeichen, daß hier Wild vorhanden war, und dieses dummen Kerls wegen wollte man sich nicht den Jagdausflug verderben lassen.

Vier Matrosen sollten zurückbleiben und für tüchtige Feuer sorgen, Josua konnte Holz schleppen, und die übrigen verteilten sich in Gruppen, um den Wald zu durchstreifen. Durch Schüsse hielten sie sich zusammen, durch Pfiffe konnten sie sich auf weite Entfernung hin trefflich verständigen. Sie brauchten also nicht zu fürchten, sich in dem pfadlosen Walde zu verirren.

Georg verließ in Begleitung des Bootsmannes und eines anderen Kameraden vom ›Blitz‹ den Sammelort. Wohlgemut streiften sie zwischen den Bäumen und Büschen hindurch, nach Jagdbeute ausspähend. Es kam ihnen zwar lange Zeit nichts vor die Mündung der Büchse, aber Schüsse von ihren Genossen bewiesen, daß sie auf Wild getroffen waren.

Nach Verlauf einer halben Stunde hatten sie selber zwei große, truthahnähnliche Vögel geschossen, und gleich daraus stürzte, von Georgs Kugel getroffen, ein stattlicher Rehbock zusammen.

Das Tier wurde, so gut es ging, ausgeweidet.

»Nun, Bootsmann, wie gefällt Euch das Leben im grünen Walde?« fragte Georg, das Messer handhabend.

»Hm, 's ist schon ganz hübsch, so frei herumzustreifen, aber das richtige ist es doch noch nicht.«

»Was fehlt Euch noch?«

»Es kommt mir so läppisch vor, wenn ich starker Kerl von über 6 Fuß Höhe so ein niedliches Tierchen niederschießen soll. Ich weiß nicht, ich schäme mich ordentlich.«

»Ja, Bootsmann, ich passe auch nicht zum Jäger. Aber mich so mit Indianern herumschlagen zu können, das wäre mir schon recht. Das war mein Lieblingsspiel als Junge, und wenn wir dann am Beratungsfeuer zusammenkamen, hatte Georg immer die meisten Skalpe.«

»Skalpe?« lachte der Bootsmann. »Rißt Ihr Euch denn wirklich die Haare vom Kopfe?«

»Das nicht, wenn's auch manchmal toll genug zuging, die Mützen waren die Skalpe, und wen man besiegt hatte, dem nahm man die Mütze weg, also den Skalp. Wir hatten hölzerne Tomahawks, hölzerne Messer, Bogen, Pfeile, Lanzen, Federschmuck, kurz alles, was ein richtiger Indianer haben muß. Auch Namen mußten wir natürlich haben, ich hieß zum Beispiel der brüllende Löwe.«

»Aber Indianer kennen doch gar keinen Löwen,« unterbrach der Bootsmann den Erzähler.

»Das war uns damals ganz gleichgültig, ich hieß eben der brüllende Löwe, weil ich so furchtbar brüllen konnte. Ach, Bootsmann, das war doch eine schöne Zeit! Ihr hättet mich kleinen, zehnjährigen Knirps sehen sollen, wenn ich so am Feuer – denn das durfte natürlich nicht fehlen – aufstand, das Messer schwang und dazu schrie: Der brüllende Löwe ist ein großer Krieger, er verachtet seine Feinde, die Pawnees sind Söhne von Hunden, sie haben gespaltene Zungen, der brüllende Löwe wird sie auffressen!«

Georg hatte sich aufgerichtet, schwang das blutige Messer in der Luft und machte seinem ehemaligen Namen wirklich Ehre, er brüllte wie ein Löwe in den Wald hinein.

»Mach mir nicht bange!« lachte Fritz, sein Freund.

»Da habe ich auch meine erste Pfeife rauchen gelernt,« fuhr Georg in seinen Erinnerungen fort, dabei aber weiter an dem Reh arbeitend, »wir wollten nämlich einmal als Friedenspfeife nicht bloß einen Rohrstengel, sondern eine wirkliche Pfeife rauchen. Ich mauste also meinem Vater die Pfeife, und diese ging nun am Beratungsfeuer im Kreise herum. Es dauerte nicht lange, so verschwand einer der tapferen Krieger nach dem andern vom Feuer und ging hinter einen Baum, dann bleich und mit schlotternden Gliedern wieder vorkommend, und schließlich verschwand auch der brüllende Löwe, um sich hinter einem Busch gründlich auszusprechen. Dieser Tag war überhaupt ein Unglückstag für mich. Ein Förster fing mich, als ich über einen Zaun stieg, und der brüllende Löwe bekam auf den hinteren Teil seines Körpers eine ordentliche Tracht Prügel, und als er dann nach Hause kam, empfing er vom Vater, dem die Pfeife fehlte, die zweite Lage. Ich sage Euch, der mutige Häuptling der Mohikaner, nämlich ich, wollte zwar allen Qualen des Marterpfahles trotzen, damals aber hat er gebrüllt, wie ein – nun, wie eben nur ein Löwe brüllen kann.«

Der Bootsmann lachte, daß ihm die Tränen über die Backen liefen.

»Solche Streiche habe ich nun freilich nicht gemacht,« sagte er, »wir trieben uns mehr auf dem Wasser herum. Uns wurden überhaupt in der Jugend die Köpfe nicht mit solchen Indianergeschichten verdreht, aber dafür möchte ich jetzt einmal in Wirklichkeit erfahren, was das eigentlich für Kerls sind. Ob die wohl stehen bleiben können, wenn ich sie mit der Faust so zwischen die Augen treffe.«

Karl führte einen blinden Boxerhieb nach Georg.

»Ja, wahrhaftig, ich möchte ihnen auch einmal gegenüberstehen. Nun, vielleicht haben wir noch Gelegenheit dazu, diese weiße Lady Missis, wie der Schwarze sagte, soll ja von Indianern – Donnerwetter,« unterbrach sich Georg, hob den Kopf und blickte in die Zweige des Baumes, unter welchem das Reh lag, »was raschelt denn da oben eigentlich immer?«

Fritz mußte auch schon etwas Verdächtiges gemerkt haben, er hatte dem letzten Teil der auf deutsch geführten Unterhaltung schon nicht mehr zugehört, sondern war vorsichtig um den Baum gegangen und hatte in die Zweige gespäht.

Jetzt kam er schnell zu seinen Gefährten.

»Ich glaube, es ist ein großer Affe,« sagte er. »Ich sah vorhin eine Gestalt auf einem Aste hocken, als ich sie aber näher besehen wollte, verschwand sie im Dickicht.«

»Möglich, daß es ein Affe gewesen ist. War die Gestalt sehr groß?«

»Fast so groß, wie ein Mensch.«

Georg schüttelte nachdenklich den Kopf.

»Die Affen Amerikas sind nur klein, also muß es etwas anderes gewesen sein. Laß uns die Gewehre nehmen und um den Baum schleichen. Es mag auch ein großes Raubtier sein.«

»Oder ein Indianer,« flüsterte der Bootsmann.

Sie schlichen um den Baum herum, in einiger Entfernung vom Stamm, die Büchsen schußbereit, und spähten in die Blätter.

Ein Ruf Georgs rief die beiden anderen zu sich, der Matrose deutete auf den untersten Ast des Baumes.

Da sah man ein paar gelbe Stiefeln stehen, bis zu den Knöcheln sichtbar. Das übrige verbarg das dichte Laub des Baumes.

»Ein Affe in Schnürstiefeln,« flüsterte Fritz. »Soll ich schießen? Er ist aus einer Menagerie geflohen.«

»Unsinn,« entgegnete Georg, »ich habe eine Ahnung, wer es ist. Es wird Gideon, der Gefährte des tapferen Josua sein. He, guter Freund,« rief er dann laut, »sei so gut und zeige uns einmal dein liebliches Gesichtchen.«

Es erfolgte keine Antwort, aber der eine Fuß wurde emporgezogen und verschwand somit ebenfalls.

»Du sprichst ja Deutsch,« sagte Karl, »der Nigger wird höchstens englisch verstehen.«

»Ach so,« und Georg fuhr auf englisch fort: »Hörst du, Nigger, wenn du dein anderes Füßchen auch unsichtbar machst, so schieße ich dir eine Kugel in den Bauch. Zeige deine Fratze! Verstanden?«

Damit legte Georg seine Büchse an die Wange.

» Oui, Oui,« erklang es, und zwischen den Blättern erschien ein dickes, angstvolles Gesicht, aber das eines Weißen.

»Nix schießen, Messieurs, ick bin ein harmloser, friedlicher Jäger, verschonen Sie mein Leben.«

»Heiliger Dunstan,« rief Georg, »das ist ja ein Franzose. Und ich will mich hängen, wenn das nicht Josuas Herr ist, der gewaltige Löwen- und Pantherjäger.«

» Oui, das bin ick. Wer sind Sie, sind Sie wirklich keine verkleideten Indianer?«

Die Untenstehenden brachen in ein Gelächter aus, und sofort verzog sich auch das Gesicht des Franzosen zu einem vergnügten Lächeln.

»Komm herab, alter Junge, und zeige dich in deiner vollen Lebensgröße!«

»Ich kann nicht herunterkommen, sonst säße ich schon lange nicht mehr hier oben.«

»Ja, wie bist du denn hinaufgekommen?«

»Ich weiß selber nicht wie, aber allein kam ich auf jeden Fall herauf. Hinunterzukommen ist mir unmöglich, ich kann nicht gut –«

Oben raschelte und krachte es, der Franzose hatte jedenfalls mit den Händen gestikuliert, dabei seinen Halt losgelassen und die Balance verloren und kam nun plötzlich von oben herabgesaust.

Es war ein Glück, daß Bootsmann Karl ein Mann war, der nicht leicht die Besinnung verlor, auch nicht den Kopf einzog, wenn etwas auf ihn stürzte, und auf den man zugleich den Vers des alten Seemannsliedes beziehen konnte:

»Ick heeße Jochen Kast,
Und wat ick anfaß, hol' ick fast.«

Kurz, der Bootsmann griff zu und fing die kleine, dicke, fast kugelrunde Gestalt wie einen Sack auf, sie dann vorsichtig auf den Boden stellend.

Der Bootsmann griff zu und fing die kleine, dicke, fast kugelrunde Gestalt wie einen Sack auf.

»Meiner Treu,« schrie Georg, »das ist ja der Franzose aus Afrika, Monsieur – Monsieur –«

»Monsieur Aubert aus Toulon, Hauptmann der freiwilligen Bürgerwehr, meine Herren,« antwortete der Franzose, der den Schreck über den hohen Fall schon vergessen hatte, stolz und trocknete sich das dicke Gesicht mit dem roten Taschentuch.

»O, mein Herr, ich kenne Sie noch recht gut, Sie waren Matrose auf dem schwarzen Segelschiff. Das war ein böser Fall, hätte mir bald das Leben kosten können. Vielen Dank, mein Herr, ich werde mich revanchieren, Sie können auf meine Hilfe in jeder Gefahr zählen.«

Es war noch immer das dicke Kerlchen mit hochrotem Gesicht, das jetzt die Matrosen von allen Seiten bewunderten. Er trug noch genau dieselben drei Flinten, darunter die mächtige Elefantenbüchse, der Gürtel starrte von Pistolen und Dolchen; zwei Riemen mit Patronen schlangen sich um Brust und Rücken, und das einzige Neue war nur, daß Monsieur Aubert statt des damaligen Fez jetzt einen breitrandigen Schlapphut auf dem Kopfe hatte, wodurch er ein banditenartiges Aussehen bekam.

»Sie sind Pantherjäger?« stotterte Karl endlich nach langem Staunen.

»Zu dienen, mein Herr, jetzt Pantherjäger, früher Löwenjäger. Schade, daß Gideon, dieser feige Geselle, fortgelaufenen ist, sonst könnten Sie meine Jagdtrophäen in Gestalt zweier Löwenfelle erblicken, die ich mit dieser meiner Büchse geschossen habe.«

»Monsieur Aubert, wir haben jetzt keine Zeit zum Schwatzen,« unterbrach Georg den redseligen Franzosen, »erzählen Sie uns kurz und bündig, wie Sie auf den Baum gekommen.«

»Sehr einfach! Ich, Josua und Gideon, meine beiden Diener, befanden uns nicht weit von hier, um Panther zu schießen. Nach längerem Suchen sahen wir auch einen, ich hielt ihn für ein kleines Exemplar, schoß, traf natürlich, fand dann aber zu meinem Bedauern, daß es ein Karnickel war.«

»Hören Sie, Monsieur Aubert, das wollen wir alles nicht wissen. Sie flunkern gar zu gern, das wissen wir schon. Wir wollen den Ueberfall der Dame durch Indianer erzählt haben.«

»Ach so, das meinen Sie? Wohlan! Wir standen zwischen Büschen, welche eine Lichtung begrenzten. Da sahen wir etwa zehn Soldaten geritten kommen, welche eine Dame in der Mitte führten, das heißt, freundschaftlich, verstehen Sie. Denken Sie sich mein Erstaunen, als ich in dieser Dame eine liebe Freundin von mir erkenne, mit welcher ich in Afrika manche frohe Stunde verlebt habe, es war Miß Lind, welche –«

»Wer?« schrie Georg.

»Miß Lind. Schon wollte ich –«

»Kurz, kurz,« schrie Georg, »oder ich schlage dir den Schädel ein.!«

Der Franzose erschrak, Georg schien ganz außer sich zu sein, mit rollenden Augen stand er vor ihm.

»Nun ja,« stammelte der Franzose jetzt, »da stürzten plötzlich Indianer hervor, darunter auch einige Soldaten, wahrscheinlich Spanier, und da wollte ich –«

»Was machten die Begleiter der Dame?«

»Gar nichts.«

»Sie wehrten sich nicht?«

»Nein, im Gegenteil. Es schien mir, als ob sie selbst Miß Lind hinderten, von ihrem Revolver Gebrauch zu machen.«

»Und was tatest du?«

»Josua und Gideon warfen die Waffen fort und liefen davon. Ich ihnen nach, um sie zum Stehen zu bringen. Dann wollte ich mit ihnen die Dame befreien.«

»Wo war die Lichtung?«

»Gar nicht weit von hier, ich kann sie wiederfinden.«

»Wann geschah der Ueberfall?«

»Vor etwa zwei Stunden.«

»Fort, fort,« schrie Georg plötzlich und gab dein Monsieur einen Stoß, daß er einige Schritte voraustaumelte. »Auf, Karl und Fritz, wir müssen nach dem Lager eilen, unsere Freunde benachrichtigen und dann die Indianer verfolgen!«

Die anderen hatten ihn verstanden, sie waren ebenso wie er entsetzt, daß Miß Lind, die Braut Hoffmanns, von Indianern überfallen und entführt worden war.

Kostete es, was es wollte, man mußte ihr folgen. Die Boote mußten zurückgelassen werden, sie kamen gar nicht in Betracht, und ebensowenig, daß man an Bord erwartet wurde.

In eiligem Laufe stürmten sie durch den Wald, den bestürzten Franzosen immer vor sich herstoßend. Unterwegs trafen sie andere Trupps Matrosen, denen schnell alles erzählt wurde, und als man das Lager erreichte, war es schon allen bekannt, daß Johanna Lind auf ihrer Reise nach Austin von Indianern überfallen, wahrscheinlich von ihren eigenen Soldaten verraten worden war.

Ebenso fest stand bei allen der Entschluß, den Räubern zu folgen und alles zu tun, die Braut Hoffmanns zu retten. Mochten die Boote hier verfaulen oder gestohlen werden.

Am Lagerfeuer hatte sich unterdes auch schon Gideon eingefunden.

Schnell wurde gegessen, dann brach man nach jener Stelle auf, die der Franzose als den Schauplatz des Ueberfalles bezeichnete.


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