Autorenseite

 << zurück weiter >> 

16.

Erkennungen.

Ein Teil des Tempels, äußerlich ebenfalls ein terrassenartiger Aufbau, innen aber ein einziger, großer und hoher Raum, diente in alten Zeiten dazu, dem Huitzilopochtli, dem Gott dieses Tempels, Menschen zu schlachten.

Gegen fünfhundert Indianer füllten gegenwärtig den Saal. Scheu drückten sich die bemalten und mit Federn geschmückten Gestalten an die Wand, sie sollten ein Schauspiel zu sehen bekommen, wie es bei ihren Vorvätern üblich gewesen war.

Hier und da stand ein ungeschmückter Indianer, einer der ständigen Bewohner des Tempels und hielt eine Pechfackel hoch. Unheimliche Bilder beleuchtete das flackernde Licht.

Im Hintergrund erhob sich eine riesige Figur aus Bronze, ein Scheusal, halb Mensch, halb Tier vorstellend. Davor stand ein mächtiger, oben glatter Felsblock, der Altar. Auf ihm war früher so manches Mal Menschenblut geflossen, heute sollte es wieder geschehen, denn Huitzilopochtli, der Götze, fand Wohlgefallen an Menschenopfern.

Eine Menge von vermummten Indianern umringten den Altar, es waren diejenigen, welche dem Opfernden Handreichungen leisten sollten. Doch dieser selbst, Sonnenstrahl, fehlte noch, ebenso Waldblüte.

Neben dem Götterbild kauerten oder standen die Gefangenen, unsere Freunde und Freundinnen, mit bleichen Gesichtern zwar, aber dennoch Hoffnung im Herzen.

Sharp und sein Gefährte waren in der Nähe, sie hatten ihnen unbedingte Rettung versprochen. Sonnenstrahl und Waldblüte seien selbst aus ihrer Seite, und auch der alte Vater würde noch gewonnen werden.

Arahuaskar hockte auf einem niedrigen Schemel. Neben ihm erhob sich ein zweisitziger, thronartiger Stuhl. Er war für Sonnenstrahl und Waldblüte bestimmt.

Van Guden fehlte noch, ebenso Stahlherz, mit dessen Opferung begonnen werden sollte, um den Indianern ein abschreckendes Beispiel zu geben, falls doch einer unter ihnen wäre, welcher den Bleichgesichtern freundlich gesinnt war.

Doch dies war nicht zu fürchten, alle diese Indianer waren die grimmigsten Feinde der Weißen, die rachgierigsten, aber auch die unbesonnensten, sonst hätten sie dem Boten Arahuaskars nicht so leicht Gehör geschenkt. Sie waren von einem Wahn betört worden.

Ebenso fehlten noch der alte Vater und Miß Morgan.

Noch war es Nacht, aber die Zeit nicht mehr fern, da der erste Sonnenstrahl durch die Maueröffnung fiel, und mit dem Aufblitzen desselben mußte die Opferung beginnen – so wollte es Huitzilopochtli haben, er hatte einst seinen Willen dem Gründer des Kultus zu erkennen gegeben.

»Sie sollen kommen,« krächzte Arahuaskar leise einem Diener zu.

Der Diener wußte, wer gemeint war, der alte Vater und der Holländer. Gleichzeitig mit Stahlherz sollte Sonnenstrahl eintreten.

Der Diener, es war Schmalhand, ging nach der Zelle des Holländers, welche der alte Vater zuletzt aufgesucht hatte, fand diese aber zu seinem Erstaunen leer. Er ging, um sich zu überzeugen, daß Stahlherz noch in seiner Zelle war.

Wo aber war Clas van Guden?

In einem entfernten Teile der Ruine befand sich ein kleines Gemach, anscheinend die Stube eines Gelehrten, denn sie war mit Büchern, Pergamenten und Schriftstücken angefüllt. Drei Personen befanden sich in diesem Räume.

Nick Sharp stand an dem Mauerloch und schaute hinaus. Ein am Boden liegendes Bärenfell verriet, daß er als Bär hierhergekommen war.

In einem Lehnstuhl saß tiefgebeugt der alte Gelehrte und hielt die Hände des Holländers in den seinen, welcher vor ihm auf den Knien lag. Der sonst so starke Mann war völlig gebrochen, Tränen liefen ihm über die Wangen, und er schluchzte wie ein Kind.

»Vater, ist es nur möglich?« rief er ein über das andere Mal. »Du lebst wirklich, du hast nicht in England am Galgen geendet?«

Nick Sharp hatte diese Szene herbeigeführt. Die äußere Aehnlichkeit der beiden Männer war ihm nicht entgangen. Außerdem war er einer von denen, welche wußten, daß der des Hochverrats Angeklagte van Guden nicht die Todesstrafe erlitten hatte.

Als Detektiv war ihm so mancher dunkle Punkt bekannt, über den er jedoch reinen Mund halten mußte, wollte er nicht andere ins Unglück stürzen.

»Ich bin es wirklich,« entgegnete der Alte tränenden Auges.

»Ja, aber wie kam denn nur alles? Entsprangst du, oder wurde dir die Freiheit geschenkt?«

»Mir ist das meiste selbst noch ein Rätsel. Mir wurde die Freiheit geschenkt. Auf geheimnisvolle Weise wurde ich forttransportiert, man gab mir die Mittel, mir fortzuhelfen, ich erhielt aber zugleich den strengen Befehl, mich nie wieder in England blicken zu lassen. Als ich im fremden Land den Fuß von Bord setzte, erfuhr ich, der Hochverräter van Guden sei in England öffentlich gehängt worden. Ich galt also für tot, aber mein Haß gegen die ungerechten Richter lebte fort. Ich erfuhr, daß alle Glieder meiner Familie tot oder verschollen seien; auch du seiest tot.«

»So hat man einen anderen statt deiner gehängt,« rief Clas erstaunt. »Seltsam, das war auch mein Schicksal.«

»Ich kann das Rätsel erklären,« ließ sich Sharp am Fenster hören. »Sie waren allerdings schon zum Strange verurteilt, Mynheer, aber einem der Richter war es doch bewußt, daß Sie unschuldig waren. Er gab Ihnen die Freiheit und ließ einen anderen Verbrecher statt Ihrer hängen. Es war allerdings grausam, Sie zeitlebens zu entehren, aber ich kenne grausamere Ungerechtigkeiten.«

»O, es gibt nichts Furchtbareres als einen Menschen leben zu lassen und ihn für tot zu erklären.«

»Doch! Man hätte Sie henken lassen können.«

»Das wäre mir lieber gewesen.«

»Der Richter war nicht so ungerecht, wie Sie meinen. Er hätte Sie auch, fühlte er doch etwas Mitleid, das heißt, wollte er sein Gewissen nicht mit einem Mord beflecken, für immer in einen Kerker verbannen können. Aber er gab Ihnen die Freiheit, Sie konnten wenigstens auf Vergeltung sinnen. Das ist für manche Menschen ein großer Trost.«

»Der Richter war ein Schurke,« entgegnete der Alte heftig, »er hätte, wußte er von meiner Unschuld, mit aller Kraft, ja, mit seinem Leben für seine Ueberzeugung einstehen müssen.«

»Urteilen Sie nicht vorschnell, Mynheer. Das Parlament hatte Ihren Tod beschlossen, bevor ein Mitglied desselben von Ihrer Unschuld erfuhr. Hätte sich das Parlament blamiert, indem es einen schwerwiegenden Irrtum zugab, so wäre dies von den ungeheuersten Folgen gewesen; das Volk selbst wollte Ihren Tod, also mußten Sie sterben.«

»Es ist eine Grausamkeit, wie sie noch nie dagewesen ist,« stöhnte der Alte.

Des Detektiven Stimme klang seltsam weich, als er sagte:

»Mynheer, ich bin kein bibelfester Mann, doch eine Stelle fällt mir ein, weil sie mich in meiner Kindheit oft bis zu Tränen gerührt hat. Ein Mensch stand vor seinem Richter, mit keiner einzigen Sünde befleckt.

»›Kreuzige, kreuzige ihn!‹ schrie das Volk, und der Richter gehorchte. Ich konnte Pilatus nie verdammen, und warum warfen die anderen Menschen keinen Stein auf ihn?«

Der Alte schwieg, dies Beispiel hatte gewirkt.

»Es kommt öfters vor, daß der Richter ein Auge zudrückt, manchmal auch beide, wo eigentlich die Strenge des Gesetzes walten sollte,« fuhr Sharp fort, »so gleicht sich alles in der Welt aus. Fragen Sie Ihren Sohn, er kann ein Beispiel davon erzählen.«

»Wahrhaftig, ich kann's,« rief Clas und erzählte seine Geschichte.

»Dieser Mann da, obgleich ein Detektiv, also ein Diener der Justiz, hat mich gerettet,« schloß er seine Erzählung.

»Nicht ich war es eigentlich,« sagte Sharp, »sondern Kapitän Staunton wünschte, daß Sie dem Leben erhalten blieben. Das Mitleid überwog sein Gerechtigkeitsgefühl, ich sprach ihm dann auch noch zu, denn auch ich hielt Sie sonst für einen ehrenwerten Mann. Außerdem wollte ich mich in die Bande der Verbrecher schleichen, welche hängen sollten, ich suchte den stärksten Mann aus, malte ihn an, daß er Ihnen ungefähr ähnlich sah, und dieser mußte dann an Ihrer Stelle hängen, während Sie auf und davon gingen. Ich selbst gab mich für den Verbrecher aus. Es war allerdings ein gewagtes Spiel, aber es glückte. Die Meuterer erkannten in ihrer Todesangst nicht einmal den eigenen Kollegen.«

»So haben Sie mir also meinen Sohn erhalten!« rief der Alte.

»Gewinne wieder Lebensfreudigkeit!« bat Clas. »Wir sind doch nun wieder zusammen. Wir wollen glücklich sein und das uns zugefügte Unrecht vergessen.«

»Und den Haß,« ergänzte Sharp.

»Das wollen wir tun, mein Sohn, doch,« der Alte schrak zusammen, »wir sind ja nicht allein. Unten harren fünfhundert Indianer der Menschenopfer, und auch du bist dazu bestimmt.«

»Gemach, Mynheer,« sagte Sharp, »und frischen Mut gefaßt. Arahuaskar träumt zwar noch, aber er wird bald erwachen.«

»Ich weiß, daß seine Pläne unausführbar sind, ich bestärkte ihn nur in denselben, weil ich mit Hilfe der Indianer Rache an den Engländern nehmen konnte, dann wollte ich sterben. Nun denke ich anders. Doch wehe, die Opfer werden Arahuaskar nicht entgehen.«

»Eine Stunde fehlt noch bis zum Tagesanbruch.«

»Wie bald ist diese verstrichen! Und dann?«

»Ich kalkuliere, Arahuaskar wird nicht opfern.«

»Er tut es doch!«

»Und Sonnenstrahl?«

»Ich weiß nicht, wie er denkt,« erklang es zögernd.

»Und Waldblüte?«

»Ich glaube fast, sie stimmt am meisten gegen die Menschenopfer.«

»So lassen Sie sich sagen, daß weder Sonnenstrahl noch Waldblüte sich dazu hergeben werden, einen Gefangenen zu schlachten.«

Der Alte lächelte.

»Ich ahnte es fast,« lispelte er. »Verstehen Sie es einzurichten, so können diese beiden alles verhindern.«

»Verlassen Sie sich darauf, sie sind von mir gut instruiert worden. Waldblüte wird nicht die ihr von Arahuaskar in den Mund gelegten Worte wiederholen, sondern die meinigen, und diese laufen denen Arahuaskars entgegen. Die Indianer selbst werden die Gefangenen befreien, Arahuaskar mag heulen, wie er will.«

»Ah, das ist gut,« rief der Alte und sprang mit dem Feuer eines Jünglings empor, »dann ist Hoffnung auf Rettung vorhanden, wenn nichts anderes dazwischenkommt.«

»Hoffen wir das beste. Doch nun eine ernste Frage an Sie, Sie werden nicht mehr zögern, mir offen zu antworten. Wer ist Stahlherz, den Arahuaskar und Schmalhand hassen?«

Verwundert blickte der Alte auf.

»Woher wissen Sie etwas davon?«

»Wer ist Stahlherz?«

»Der Vater von Sonnenstrahl und Waldblüte.«

»Also doch! Wir ahnten es. Nun bitte ich Sie, mir so kurz wie möglich die Geschichte dieser beiden Kinder zu erzählen.«

Der Alte seufzte tief auf, dann begann er:

»Sie irren, wenn Sie meinen, Arahuaskar und Schmalhand hassen Stahlherz. Es ist kein Haß, was die beiden veranlaßt, diesen Indianer aus dem Wege zu räumen, sondern die Furcht vor Rache. Arahuaskar kam auf den wahnsinnigen Einfall, das alte Reich der Azteken wiederherstellen zu wollen. Er hatte lange Zeit in Ruinen gelebt, hauptsächlich in diesen hier, anfangs nur, um nach Schätzen zu suchen, dann aber fing er nach und nach an, sich für die Geschichte der Azteken zu interessieren, er lernte ihre Pergamente lesen und bekam die Idee, die alte Herrlichkeit wieder aufzurichten. Die Einsamkeit, vieles Lesen und die Ueberbleibsel von Götzen, Altären und so weiter erhitzten seine Phantasie, sein Plan wurde zum Entschluß. Er selbst fühlte sich schon zu alt; seinen jungen Begleiter Schmalhand hielt er nicht für fähig, die Rolle eines Priesters und Häuptlings zu spielen, und so sah er sich nach Personen um, womöglich Kindern, welche er in seinem Sinne erziehen wollte. Ein Knabe und ein Mädchen waren dazu nötig.

»Damals lebte im Walde in einer einsamen Hütte ein Indianer mit seiner jungen Frau. Niemand wußte, woher sie stammten und kamen. Es mochten Verstoßene sein. Der Mann, es war Stahlherz, lebte von der Jagd und verkehrte mit niemandem. Das Ehepaar hatte zwei kleine Kinder, einen Sohn von zwei, eine Tochter von einem Jahre. Diese erkor sich Arahuaskar, und Schmalhand mußte den entsetzlichen Plan des Greises ausführen.

»Eines Tages, als Stahlherz abwesend war – wir kannten seinen Namen damals noch gar nicht – schlich sich Schmalhand nach der Hütte. Diese war dicht verhangen, jede Ritze war mit Moos verstopft, dennoch aber drang überall feuchter Qualm heraus. Schmalhand als Indianer konnte sich sofort erklären, was hier vorging. Es wurden Vorbereitungen getroffen, die Kinder zu tätowieren. Dazu wird im Inneren der Hütte ein Feuer angemacht, Steine werden hineingelegt, und sind diese glühend, so gießt man Wasser darauf. Der feuchte Dampf erfüllt die Hütte und macht die Haut der nackten Kinder geschmeidig, so daß die Tätowierung weniger schmerzhaft ist.

»Schmalhand wußte, daß Stahlherz abwesend war. Kurz und gut, er raubte die Kinder, band das Weib und zündete die Hütte an. Der zurückgekehrte Stahlherz fand den verkohlten Leichnam seiner Frau, aber von den Kindern keine Spur. Der scharfsinnige Indianer wußte schon nach der ersten, oberflächlichen Untersuchung, daß hier ein Kindesraub und Gewaltakt vor sich gegangen war, er fand die Spur Schmalhands und sogar diesen selbst, aber der Räuber entwischte ihm mit den Kindern.

»Seitdem ist Stahlherz unermüdlich gewesen, den Räuber seines Glückes wiederzufinden, womöglich auch seine Kinder. Schmalhand und Arahuaskar zitterten bei dem Gedanken, das Vorhaben könnte ihm glücken, denn die Rache des Vaters wäre eine furchtbare. Oft schon haben sie versucht, Stahlherz zu töten, aber es gelang ihnen nie, ihm etwas anzuhaben. Stahlherz ist ein gewaltiger Krieger, er spottet aller Feinde. Dennoch schien es, als ob es ihm nicht gelingen würde, seine Kinder wiederzubekommen. Dann war er längere Zeit mit einem weißen Manne, einem Waldläufer, zusammen, der ihn in seinen Nachforschungen unterstützte.«

Der Detektiv nickte.

»Dieser verschwand, doch jetzt ist er wieder aufgetaucht. Stahlherz wäre nun verloren, aber das Schicksal nimmt eine andere Wendung, er wird seine Kinder wiederfinden und wahrscheinlich leben bleiben.«

»Er weiß bereits, daß Sonnenstrahl und Waldblüte seine Kinder sind,« entgegnete Sharp.

»Wer hat ihm das gesagt?«

»Nicht ich, sondern eben jener Waldläufer, von dem Sie vorhin sprachen. Er befindet sich hier in der Maske eines Bären.«

»Deadly Dash?«

»Deadly Dash,« bestätigte Sharp. »Der Waldläufer hat die Kinder zuerst erkannt und dies Stahlherz mitgeteilt, ihm sie auch gleich zugeführt. Sie sind schon bei ihrem Vater und freuen sich mit ihm.«

Er fragte den alten Mann nicht, inwieweit er an dem Kinderraub mit beteiligt gewesen, unschuldig war er jedenfalls nicht daran. Doch er wollte das Glück der beiden Wiedervereinigten nicht durch Erinnerungen stören.

Vater und Sohn schmiedeten beim Scheine der trübe brennenden Lampe Pläne für die Zukunft, während Sharp an dem Mauerloche stand und in die Nacht hinausblickte.

Wäre es Tag gewesen, so hätte Sharp den Wald sehen können, aber die völlige Finsternis hinderte auch sein scharfes Auge, irgend etwas zu unterscheiden.

Dennoch blickte er, einen eigentümlichen Zug im Gesicht, den Kopf weit vorgestreckt, aufmerksam hinaus, als bemerke er etwas Außergewöhnliches.

»Ruhig!« rief er jetzt den Sprechenden zu.

Diese wurden aufmerksam.

»Was gibt's?« fragte Clas van Guden, zu ihm tretend.

»Ich höre ein seltsames Murmeln,« flüsterte Sharp.

»Es ist der in den Zweigen rauschende Wind,« meinte der Alte.

»Nein, dies Geräusch kenne ich. Es klingt eher wie das Murren einer aufgeregten Volksmasse in der Ferne.«

»Die Indianer im Erdgeschoß rufen nach den Opfern.«

»Es kommt aus dem Walde. Mynheer, Sie sind Astronom. Wann bricht die Morgendämmerung an?«

Der Alte sah nach einer Uhr.

»In zwanzig Minuten muß der erste Strahl der Sonne die Gegend erhellen.«

»Ich bin begierig, was er mir enthüllen wird.« –

Schmalhand, eine Fackel tragend, war nach jener Zelle geeilt, in welcher Stahlherz gefangen lag. Er glaubte natürlich, er wäre allein, denn außer dem alten Vater und Miß Morgan waren alle in dem großen Saale.

Ein bösartiges Lächeln lag auf seinem Gesicht, während er durch die Gange huschte. In wenigen Minuten sollte der geopfert werden, dessen Rache er so sehr fürchtete.

Er stieg eine Treppe hinauf und stieß mit Miß Morgan zusammen, welche sich eben von einem Mauerloche wegwendete. Die Fackel erleuchtete ein von Entsetzen bleiches Antlitz.

»Wo ist Stahlherz?« fragte sie den betroffen aussehenden Indianer sofort.

Er blieb die Antwort schuldig, er konnte sich den Grund zu dieser Frage nicht erklären.

»Sonnenstrahl und Waldblüte sind bei ihm.«

Schmalhand ließ vor Schreck die Fackel fallen.

»Sie nennen ihn Vater.«

Jetzt war es mit dem Indianer völlig aus; wie ein Sterbender lehnte er sich an die Wand.

»Und ich höre noch eine andere Stimme sprechen, es ist die eines Weißen. Wer ist das?«

Schmalhand raffte sich zusammen, verlöschte die Fackel und näherte sich dem Mauerloche, welches zu der Zelle von Stahlherz führte. Schmalhand sah seinen verruchten Streich verraten, er wollte sich aber von der ihm drohenden Gefahr überzeugen.

Er bog sich hinab. Er konnte zwar unten nichts sehen, hörte aber deutlich flüstern:

»Vater, wir befreien dich oder sterben mit dir,« sagte Sonnenstrahl.

»Wir brauchen nicht ans Sterben zu denken. Spielt Waldblüte ihre Rolle gut, so werden wir die Indianer bald auf unserer Seite haben und Arahuaskars Anschläge zuschanden machen. Auch der alte Vater ist der Unsrige, der Holländer ist schon frei. Und mißglückt unser Plan, so wollen wir zeigen, daß wir es auch mit fünfhundert Indianern aufnehmen können.«

Wieder erschrak Schmalhand furchtbar.

Diese Worte hatte kein Indianer gesprochen, es mußte ein Weißer gewesen sein, die Gurgellaute fehlten. Wer konnte sich eingeschlichen haben? Wie war das möglich? Schmalhand entsann sich plötzlich der gefundenen Leichen und der Blutlachen.

Jetzt sprach Stahlherz.

»Nur nach Rache sehne ich mich. Der Mann, welcher mein Weib ermordet hat, muß von meiner Hand fallen, dann will ich sterben. Fluch meinen Brüdern, zu Mördern wurden sie – Stahlherz wird gegen sie kämpfen, er haßt sie alle.«

»Dein Feind ist mein Feind,« sagte Sonnenstrahl, »auch ich werde gegen die kämpfen, welche meine Mutter töteten und mich raubten.«

»Diese Genugtuung soll euch werden,« ließ sich wieder der Weiße vernehmen, »erst aber müssen wir dafür sorgen, die Mordgedanken der Indianer zu unterdrücken, um meine Freunde zu retten, und dazu können uns nur Sonnenstrahl und Waldblüte verhelfen.«

»Ich werde mich so lange beherrschen,« entgegnete Sonnenstrahl.

»Auch ich helfe erst denen, welchen ich Freundschaft versprochen habe,« stimmte Waldblüte bei.

Schmalhand bückte sich, hob die verloschene Fackel auf und zog ein Feuerzeug aus dem Gürtel.

»Was willst du tun?« fragte ihn Miß Morgan leise, welche vor einem anderen Mauerloche stand und ebenfalls lauschte.

»Schmalhand will sich Gewißheit verschaffen, wer der fremde Mann ist,« klang es flüsternd zurück, und selbst der leisen Stimme konnte man das Beben anmerken.

Schmalhand ging etwas abseits, schlug vorsichtig Feuer, entzündete die Fackel und schlich sich, dicht am Boden sich bewegend, damit das Licht sein Vorhaben nicht verriet, wieder dem Loche zu.

Plötzlich fiel die brennende Fackel in die Zelle hinab und ließ deutlich die Personen erkennen.

Schmalhand und Miß Morgan spähten durch die Löcher. Sie sahen unten Stahlherz und Sonnenstrahl und Waldblüte zusammenstehen, daneben legte eben ein großer, starker Mann mit blonden Locken und kurzem Vollbart das Fell eines Bären an.

»Verraten!« schrie dieser Mann, als die Fackel zwischen ihnen auf den Boden fiel.

»Deadly Dash!« gellte Schmalhands Stimme.

»Ja, Deadly Dash; er kommt, dich zur Rechenschaft zu ziehen,« erklang es von unten herauf. Die Fackel war ausgetreten worden, es herrschte wieder Finsternis.

Unten wurde eine Tür zugeworfen.

»Verloren – alles verloren!« schrie Schmalhand und lief davon, die bestürzte Miß Morgan allein zurücklassend.

Wie ein Wahnsinniger stürzte er durch die Gänge, sprang Treppen hinab und hinauf, stieß in der Dunkelheit an Ecken, fiel, ließ sich aber nicht aufhalten, bis er den Saal erreichte, wo Arahuaskar seiner Antwort harrte.

Alle staunten, als der Indianer in den Saal stürzte und auf Arahuaskar zusprang. Er gebärdete sich wie ein Wahnwitziger.

»Was gibt's?« rief der Greis ihm entgegen.

»Wir sind verraten!« keuchte Schmalhand, »Sonnenstrahl hat seinen Vater erkannt – Deadly Dash ist bei ihm – sie wollen uns töten – dich und mich – Sonnenstrahl verstellt sich – er will die Gefangenen befreien.«

Arahuaskar glich jetzt völlig einem Toten, seine Augen verschwanden ganz in den Höhlen.

»Mensch, du rasest!«

»Ich spreche die Wahrheit, ich habe sie belauscht.«

Arahuaskar sah seine Pläne vernichtet. Er hatte es oft gefürchtet, jetzt wußte er, daß Sonnenstrahl anders dachte als er. Hatte Sonnenstrahl den Vater erkannt, so war er verloren – Deadly Dash – die Rache kam!

Arahuaskar richtete sich auf, er hatte sich gefaßt. Er mußte sich sogleich retten, in einer Minute vielleicht schon konnte Stahlherz mit seinem Sohne vor ihm stehen.

Eben brach der erste Strahl der Dämmerung durch die Scharten, jetzt hätte die Opferung beginnen sollen.

»Kinder des großen Geistes!« rief seine schneidende Stimme den lautlos harrenden Indianern zu. »Verrat ist unter uns gesponnen worden, Verrat gegen uns, die Diener Huitzilopochtlis, Verrat von euren eigenen roten Brüdern. Sie wollen nicht, daß die Gefangenen geopfert werden, sie lieben die verfluchten Bleichgesichter, sie wollen die Gefangenen befreien. Auf, tapfere Krieger, erhebet die Waffen gegen sie, schont ihrer nicht, weder Männer, noch Weiber. Folgt meinem Rate, Huitzilopochtli will ihre Häupter, gespalten von euren scharfen Tomahawks, zu seinen Füßen liegen sehen. Auf, auf! Oder zittert ihr vor einem Verräter und vor einem Weibe? Sie hat Huitzilopochtli verhöhnt, sie und ihre Angehörigen, sie alle müssen sterben!«

Unheimlich gellte die Stimme des Alten durch das Gewölbe, er sprach das Todesurteil über Sonnenstrahl und Waldblüte aus. Er hatte sie nicht geliebt, sie waren nur Werkzeuge seiner Pläne gewesen, und jetzt, da sie ihm schädlich zu werden drohten, mußten sie sofort vernichtet werden.

Schmalhand hatte die ihm anvertrauten Indianer, die Bewohner der Ruine, schon benachrichtigt. Diese alle wußten um das Geheimnis, sie kannten die Abstammung der Geschwister, und sofort begriffen sie die ihnen drohende, furchtbare Gefahr.

Sonnenstrahl und Waldblüte, vor allen Dingen aber Stahlherz und auch Deadly Dash mußten sofort unschädlich gemacht werden.

Sie mischten sich unter die übrigen Indianer; es war leicht, die nach Kampf dürstenden Rothäute zu gewinnen. Schon nach einer Minute gellte wildes Kriegsgeschrei durch das Gewölbe, und von Schmalhand geführt, stürzte eine Bande entmenschter Krieger durch die Gänge, der Zelle zu, wo vorhin die Unterredung stattgefunden hatte.

Die Morgendämmerung beleuchtete den Weg der Rasenden.

Da sah Schmalhand drei Gestalten, welche eben um eine Ecke biegen wollten, darunter ein Weib.

»Sie sind es,« schrie Schmalhand, »die Verräter! Greift sie, schont sie nicht!«

Schmalhand glaubte, die Bedrohten würden vor der Uebermacht fliehen; aber er hatte sich geirrt.

Der größere der beiden Männer drehte sich um als die Stimme hinter ihm ertönte, er kannte sie, schon einmal hatte er sie gehört. Sonnenstrahl hatte ihn bewaffnet, in seiner Hand glänzte der Stahl eines Tomahawks.

»Vater,« schrien Sonnenstrahl und Waldblüte gleichzeitig, welche hatten fliehen wollen.

Allein der Ruf seiner Kinder hielt Stahlherz nicht zurück, mit geschwungenem Tomahawk stürzte er den Indianern entgegen, denn dort stand der, den er schon seit fünfzehn Jahren suchte.

Ihm folgte Sonnenstrahl, ebenfalls den Tomahawk in der Hand; er wollte mit dem wiedergefundenen Vater sterben.

Schmalhand sah den anstürmenden Rächer; ein Beben befiel ihn, scheu drückte er sich in die Reihen der roten Kameraden zurück.

Schmalhand sah den anstürmenden Rächer, und scheu drückte er sich in die Reihen der roten Kameraden zurück.

Da prallte Stahlherz mit den vordersten der Krieger zusammen, die Tomahawks schmetterten gegeneinander, Funken sprühten aus den Schneiden, aber kein Arm konnte dem Schlage des dem Untergange geweihten Indianers widerstehen.

Gelähmt sanken die Arme herab; jeder Hieb zerschmetterte einen Schädel; immer weiter floh Schmalhand, aber immer mehr arbeitete sich der unwiderstehliche Stahlherz in die dichten Reihen hinein, bis er den Mörder seines Weibes erreicht hatte.

Der Tomahawk schmetterte herab, Schmalhands Kopf war bis an den Hals gespalten.

Es schien Stahlherz' letzter Schlag gewesen zu sein, Arme umschlangen ihn von hinten und suchten ihm die Waffe aus der Hand zu winden. Man wollte diesen Würger lebendig haben, aber noch einmal wurde sein Arm befreit.

Sonnenstrahl kam ihm zu Hilfe. Er kämpfte jetzt gegen die, zu deren Herrscher er bestimmt gewesen war, und mit Schrecken sahen die Indianer, welch furchtbaren Feind sie vor sich hatten. Niemand hielt ihm stand, neben seinem Vater hauste er wie der leibhaftige Tod.

Die Männer kannten ihn nicht; sie hatten ihn nie gesehen, und am allerwenigsten dachten sie daran, daß sie den vor sich hatten, den sie noch vor wenigen Minuten als ihren Fürsten erwartet hatten.

Doch so furchtbar Vater und Sohn auch wüteten, ihr Schicksal war besiegelt.

Immer neue feindliche Massen drängten heran, und schließlich lagen beide gefesselt am Boden, von den Indianern halb erdrosselt. Rings um sie her war der Boden mit von ihnen erschlagenen Kriegern bedeckt.

Auch Waldblüte war gefangen genommen worden.

Sie hatte ihr Messer nicht umsonst im Gürtel getragen, es stak im Rücken eines Indianers, der röchelnd am Boden lag. Er war, dem Federschmuck nach zu schließen, ein mächtiger Häuptling gewesen, und seine Krieger blickten grimmig auf das Weib, welches gewagt hatte, die Hand gegen einen Häuptling aufzuheben.

Pantherzahn, der mächtigste Häuptling, war von der Hand eines Weibes gefallen! Die Mörderin durfte nicht einfach sterben, sie mußte einen zehnfachen Tod erleiden.

Die Indianer verschmähen es nicht, auch Weiber den grausamsten Martern auszusetzen.

Die Geschwister standen neben dem Vater und sahen den Feinden entschlossen ins Gesicht. Was konnte ihrer warten? Der Tod? Sie wünschten, er würde sogleich an ihnen vollzogen. Martern? Bah, sie wollten ihrer spotten.

Die Häuptlinge taten ihr möglichstes, ihre Krieger davon abzuhalten, sofort Hand an die Gefangenen zu legen. Kaum gelang es ihnen, die Aufgeregten zu beschwichtigen.

Da erschien auch noch Arahuaskar.

»Keine Schonung, tötet sie,« kreischte er, »es sind Zauberer, sie entschlüpfen euch wieder.«

Wieder wurden die Tomahawks geschwungen, aber wie gelähmt sanken die Arme am Leibe herab, als durch die Mauerlöcher plötzlich Trompetengeschmetter hereintönte und man das taktmäßige Stampfen von Tritten vernahm.

Die Indianer kannten diesen schrecklichen Klang, Militär rückte heran.


 << zurück weiter >>