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26.

In der ›Goldhütte‹.

Little Rock liegt am Arkansas im gleichnamigen Staate, welcher an Texas grenzt. Es ist ein blühendes Städtchen, stetig im Wachsen begriffen, und nicht lange wird es dauern, so gehören alle kleinen Ortschaften, Dörfer, Ansiedelungen und so weiter, welche sich allerdings auch schon Städte nennen, zu Little Rock.

Bekanntlich belegen sich in Amerika schon drei zusammenstehende Häuser mit dem stolzen Namen › town‹, das heißt Stadt, und so unrecht ist das nicht. Ein Haus enthält die Wirtsstube, im zweiten wohnt der Sheriff, das heißt der Richter, und im dritten der Ortsvorsteher, eingesetzt von Gottes Gnaden.

Solcher › towns‹ liegen gar viele am Arkansas, stromauf und stromab von Little Rock, bis sie, wie gesagt, einst von der wachsenden Stadt verschlungen werden. Doch jetzt befinden sie sich noch in einer Art Urzustand. Es geht wirklich sehr gemütlich zu in solch einer › town‹, und da die Schenkstube das eigentliche Zentrum bildet, den Versammlungsort der nicht arbeitenden Männer, die Ratsstube, den Gerichtssaal und was sonst noch, so verlohnt es sich wohl, einmal in eine solche einzutreten.

Diese › town‹ trägt den Namen San Francisco, nicht zu verwechseln mit der Hauptstadt Kaliforniens. Er war ihr gegeben worden, als ein Mann in ihrer Nähe eine Goldmine entdeckte, worauf die neun Einwohner beschlossen, der kalifornischen Goldstadt Konkurrenz zu machen.

Die Mine war freilich bereits am ersten Tage erschöpft, die Stadt, aus vier Häusern bestehend, behielt aber den Namen San Franzisko weiter, ebenso wie das Schenkhaus den Namen ›zur Goldhütte‹.

Die Einwohner lebten hauptsächlich vom Holzverkauf an die anlegenden Dampfer, wodurch auch der Besitzer der ›Goldhütte‹, ein Ehrenmann, der wegen mehrfacher Körperverletzung fünf Jahre Zuchthaus hinter sich hatte, gute Einnahmen hatte.

Der Richter hieß Bill und schoß in seiner Freizeit, die sich von früh bis abends und von abends bis früh erstreckte, im Walde Wölfe, für welche er in Little Rock Prämiengeld erhielt, einen Dollar für jeden Schwanz.

Das derart erworbene Geld setzte er in der ›Goldhütte‹ in Spirituosen um.

Dick war der Name des Ortsvorstehers. Er fällte Holz, lieber aber saß er in der ›Goldhütte‹ und leistete seinem Freunde Bill Gesellschaft. Er mußte doch dafür sorgen, daß alle seine Schutzbefohlenen zu Wohlstand kamen.

Außerdem wurde die Stadt noch von einem anderen Holzfäller bewohnt, dessen Name der Nachwelt nicht überliefert worden ist. Die übrige Bevölkerung bestand aus Weibern und Kindern.

Die ›Goldhütte‹ war ein sehr schönes Lokal. Es bildete den zweiten Raum des Holzhauses, der erste wurde vom Wirt und Familie, darunter auch eine Ziege, als Wohnzimmer benutzt.

Im Schenkzimmer stand ein Tisch, ein wirklicher, wahrhaftiger Tisch mit vier Beinen, der sogar einmal poliert gewesen war. Er war angeschwemmt worden und diente jetzt als Bar, Likörflaschen und Gläser standen darauf und hatten die Politur weggenommen. Als Trinktisch diente ein Brett, welches auf vier Fässern lag, und andere Fässer vertraten die fehlenden Stühle.

Der Wirt hatte aus Eisenblechen kunstvoll eine Art Kamin gebaut, in dem ein Feuer brannte, weil es Zeit zum Mittagessen war. Eine ganz nette, junge Frau hantierte mit rußigen Pfannen umher, ohne den Säugling vom Arm zu lassen, während ein dreijähriges Mädchen sich am Rocke der Mutter festhielt und sich überall mit hinschleifen ließ. Es hatte viel Aehnlichkeit mit der Mutter, oder bester gesagt, es war ebenso rußig wie diese.

Von der Decke herabhängende Schinken vervollständigten das Inventar der ›Goldhütte‹. Zu erwähnen ist höchstens noch das aus einer Zeitung geschnittene Porträt des derzeitigen Präsidenten der Vereinigten Staaten an der Wand, daneben ein buntes Bild, die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies – wunderbarerweise hatte der Maler der Eva ein Kind auf den Arm gegeben – und dazwischen eine Kugelbüchse.

In der ›Goldhütte‹ wurde wacker gezecht.

Bill, Dick und der Wirt saßen auf Fässern am Tisch und füllten sich die Gläser aus der Whiskyflasche. Bill, der Richter, war gestern in Little Rock gewesen, wo er zwanzig Wolfsfelle verkauft hatte. Zwanzig Dollar erhielt er Prämie, achtzig für die Bälge, und nun versuchte er seit heute morgen, die hundert Dollar so schnell wie möglich durchzubringen, wobei ihm seine Freunde halfen.

Der Wirt hatte dabei keinen großen Verdienst, Spirituosen wurden hier zum Selbstkostenpreis verschenkt, wenigstens für die Bewohner der Stadt.

Daß es so gut nach Schinken, Speck, Kartoffeln und ranziger Butter roch, daran war ebenfalls Bill schuld. Heute war ihm nichts zu teuer, hatte er schon hundertmal geschworen und dabei mit der Faust stets auf den Tisch geschlagen, daß die Gläser und Flaschen Luftsprünge machten.

Auch Tabak hatte Bill mitgebracht, besonders guten, saftigen Priemtabak, die Unze zu zehn Cents, und der Wirt war wahrlich nicht dumm gewesen, als er heute Wasserstiefel angezogen hatte. Er mußte viel hin- und hergehen, und ohne Wasserstiefel hätte er sich leicht nasse Füße holen können – auf solch schauderhafte Weise spuckten die priemenden Männer. Sie spuckten, wie es eben nur ein amerikanischer Hinterwäldler kann. Der Stubenboden war eine einzige, große Pfütze. Selbst Matrosen, welche doch auch mit Vorliebe nach jedem Worte, das sie gesprochen, einen kleinen Teich vor sich hinsetzen, werden von diesen Leuten bei weitem übertroffen.

Das Gespräch drehte sich hauptsächlich um die bald bevorstehende Präsidentenwahl. Ortsvorsteher, Richter und Wirt waren sich vollkommen bewußt, welchen Einfluß ihre Stimmen dabei ausüben mußten.

»Battleford, Ihr kennt doch Battleford,« nahm der Richter eben das Wort, »nun, Battleford sagte auch zu mir: Bill, sagte er, wählt Corner, oder verdammt sollt ihr sein, wenn ihr nicht Battleford wählt. Und Gott mache mich blind, wenn ich nicht Corner wähle!«

Bill stürzte ein Glas Branntwein hinab.

»Corner hatte früher einen Schnapsladen,« sagte der Wirt.

»Ja, und den Preisboxer vom vorigen Jahre, den Nigger, hat er auch zu Boden geschlagen.

»Und nach Beendigung des Sezessionskrieges hat er mit seinem eigenen Hause ein Freudenfeuer abgebrannt.«

»Ein Teufelskerl, der Corner, den nehmen wir.«

Dies war beschlossen, als das Gespräch eine andere Wendung bekam. Ein Mann trat herein, wie ein Jäger gekleidet, in hohen Stiefeln, mit ledernem Hemd und Hose und einer Mütze aus Fuchspelz. Unter dem Arm trug er eine kurze Doppelbüchse.

Er war schlank und mittelgroß, kräftig gewachsen und sein Gesicht verbrannt. Man konnte ihm ansehen, hauptsächlich seinen Stiefeln, daß er eine lange Fußwanderung hinter sich hatte.

Alle Köpfe wandten sich nach ihm um – es war ein Fremder.

» Good morning, gentlemen!« sagte er. »Wann legt das nächste Passagierboot hier an?«

Der Wirt hielt es für seine Pflicht, zu antworten, tat es aber nur sehr unvollkommen.

»Weiß nicht, Fremder.«

»Seid Ihr der Wirt?«

»Der bin ich.«

»Dann müßt Ihr das doch auch wissen.«

Der Wirt war guter Laune.

»Ich kann's Euch wahrhaftig nicht sagen. Die Boote legen hier nur an, wenn sie Holz brauchen.«

Der Fremde stieß einen Fluch aus.

»So hat man mich in Little Rock belogen.«

»Die lügen, wenn sie nur den Mund auftun.«

»Aber Passagiere werden ausgesetzt?«

»Natürlich, auch aufgenommen. Ich brauche nur einen Lappen auf mein Haus zu stecken, dann setzen sie ein Boot aus. Wollt Ihr mitfahren, Fremder?«

»Nein.«

»Erwartet Ihr jemanden hier?«

»Nein.«

»Hm, Ihr seid kurz angebunden, Fremder,« brummte der Wirt, war aber durchaus nicht unwillig.

In Amerika ist es nun einmal nicht Sitte, einen Fremden auszufragen, will man nicht riskieren, eine ungenügende oder auch gar keine Antwort zu erhalten. Man darf darüber nicht verstimmt sein. Eine sehr schöne Sitte.

Aber es gibt ein Mittel, den Fremden zur Rede zu zwingen, indem man nämlich mit ihm trinkt.

In Amerika spielt die Schenkstube eine wichtige Rolle. Dort werden Geschäfte abgeschlossen, Leute ausbezahlt und angenommen, Kontrakte aufgesetzt und so weiter, kurz, ein ›Schluck‹ muß immer dabei sein, der ist so gut wie der Stempel.

Zwei Leute, die zusammen ein Glas getrunken haben, sind einander nicht mehr fremd, wenn sie sich auch gewohnheitsmäßig noch › strangers‹ nennen.

Der Eingetretene hatte die Büchse an die Wand gelehnt und ohne weiteres auf einem Fasse Platz genommen.

»Wirt, ein Glas Whisky ohne Wasser mit Pfefferminz.«

Jetzt hielt Bill die Zeit für gekommen, das Wort zu nehmen. Der Fremde gefiel ihm.

»Trinkt Ihr ein Glas mit mir?«

» All right

Das Glas stand gefüllt vor ihm.

»Ihr kommt weit her, kalkuliere ich.«

»Ja, so ziemlich.«

»Wollt mit dem Schiff fort?«

»Nein.«

»Zu Fuß weiter?«

»Ja, später.«

»Ihr bleibt heute hier?«

»Bis ich mich ausgeruht habe.«

Eine lange Pause erfolgte, jeder beschäftigte sich mit seinem Tabak in der Backe, bis Bill energisch ausspuckte und sagte:

»Ihr seid ein Jäger, was?«

»Ja.«

»Gibt hier nicht mehr viele.«

»Dann gehe ich weiter. Ihr seid auch Jäger?«

»Ja, woran seht Ihr das?«

»An Eurem scharfen Blicke.«

Der Wolfsjäger fühlte sich geschmeichelt. Schon wollte er eine Antwort geben, als der Fremde fortfuhr:

»Ihr habt ein Auge, wie so ein richtiger Sheriff, es dringt einem bis in die Seele.«

Bill schlug donnernd aus den Tisch.

»Gott verdamm' mich, Fremder, ich glaub', Ihr kennt mich.«

»Wie soll ich? Ich bin hier fremd.«

»Ich will's Euch sagen, ich bin wirklich Sheriff, einstimmig gewählter Sheriff von San Francisco in Arkansas.«

»Seht Ihr, ich habe mich nicht getäuscht.«

»Ruhe,« rief da der Wirt, »ein Dampfer kommt!«

Nicht weit von der Ansiedlung, von Bäumen verborgen, floß der Arkansas. Jetzt hörte man ein Rauschen, von den Rädern eines Dampfers herrührend.

»Er fährt nahe am Ufer,« meinte Dick, »vielleicht will er Holz einnehmen.«

»Laßt ihn erst pfeifen!«

Da ertönten schon zwei Pfiffe aus der Dampfpfeife.

»Hurra, er setzt Passagiere ab!« schrie der Wirt und sprang hinaus, um etwa nötig werdende Hilfe zu leisten, während die übrigen ans Fenster traten, auch der Fremde.

Einen schmalen Wasserstreifen des Stromes konnte man sehen, auch noch den Holzbau, an welchem die Dampfer und Boote anlegten, weil das Ufer seicht war. Eben tanzte ein Boot, von vier Rudern getrieben, über die Wasserfläche, ein Passagier saß darin.

»Das ist mal ein Kerlchen,« sagte Dick.

»Ja, er sieht wie ein Zwerg aus, einen Hals hat er gar nicht.«

Das Boot machte eine Wendung, um anlegen zu können.

»Aber dafür einen Buckel.«

»Ah, einen Buckel!« rief Bill. »Ist das große Ding auf dem Rücken ein Buckel? Habe noch nie einen Buckel gesehen. Ich kalkuliere, das bringt uns Glück.«

»Sein Gesicht sieht gerade aus wie ein Reibeisen.«

»Teufel noch einmal, der Kerl hat ja keine Augen!«

»Doch, siehst du nicht die kleinen Schlitze?«

»Wahrhaftig, ich sehe sie,« entgegnete Bill, »möchte aber wissen, wie er mit ihnen sehen kann. Ein Jäger ist er sicher nicht, obgleich sein Gesicht braun genug ist. Beim Kriechen durch die Büsche müßte er mit dem Buckel ja überall hängen bleiben. Oder ob er ihn abschnallen kann?«

»Unsinn, Bill,« lachte Dick, »ebensowenig, wie du deinen Kopf.«

Das Boot lag an dem Vorbau, der Bucklige stieg heraus, der Wirt half ihm dabei, empfing einen kleinen Handkoffer, und dann stieß das Boot wieder ab.

Jetzt kamen die beiden durch den Wald auf das Haus zu.

Plötzlich stieß Bill einen langen Pfiff aus.

»Herrgott, der Kerl ist ja im ganzen Gesicht so rot wie ein Krebs,« rief er erstaunt.

»Ja, scheint eine Brandwunde zu sein. Er muß seine Nase einmal zu dicht ans Feuer gehalten haben.«

»Sieht gerade im Gesicht aus, wie ein skalpierter Indianer auf dem Kopfe. Pfui Teufel!«

Die beiden gingen um das Haus herum und betraten die Wirtsstube. Jetzt zeigten Bill und Dick keine Neugierde mehr, das wäre unter ihrer Würde gewesen. Sie sahen, ebenso wie der Fremde, von ungefähr den neuen Ankömmling, dem der Wirt mit dem Reisekoffer folgte.

Der Fremde war wirklich klein, bucklig, hatte kaum einen Hals, zeigte statt der Augen nur Schlitze, und sein Gesicht war eine einzige rote Brandwunde.

Er war sehr einfach angezogen, ganz gegen die Gewohnheit der Buckligen, welche sich mit Vorliebe elegant kleiden, um das Unschöne ihrer Gestalt durch ein glänzendes Aeußere dem Beschauer angenehm zu machen.

Der Bucklige wandte sich an den Wirt.

»Wann kommt der nächste Dampfer hier vorbei?«

»Dampfer fahren immerfort vorbei.«

»Ich meine das Passagierboot mit dem roten Stern im blauen Schornstein.«

»Ah so. Fährt es stromauf oder stromab?«

»Das stromauf kommende.«

»Da habt Ihr etwa noch zwei Stunden zu warten. Soll hier ein Passagier an Land gesetzt werden?«

»Ja.«

»Hört, Fremder, das Boot mit dem blauen Schornstein ist ein Schnelldampfer, es hat bis nach Little Rock nur noch eine halbe Stunde zu dampfen, und wegen eines Passagiers stoppt es nicht, um ein Ruderboot auszusetzen.«

Der Bucklige machte ein erschrockenes Gesicht.

»Das wäre! So bin ich falsch berichtet worden.«

»Nun, ausgenommen, der Passagier bezahlt gut.«

Der Bucklige atmete erleichtert auf.

»Das tut er.«

»Nun, dann läßt der Kapitän auch stoppen, ein Yankee tut für Geld alles. Aber ein hübsches Stück Geld kostet es.«

» Never mind

Der Wirt rieb sich schmunzelnd die Hände, welche so groß waren, daß er sie wohl schwerlich in die Taschen stecken konnte, ohne dieselben der Gefahr auszusetzen, aufzuplatzen.

Er besaß eine hünenhafte Gestalt und verriet durch seinen breiten, gemeinen Dialekt den ehemaligen Flußschiffer. Der Bucklige mit seiner hohen, quäkenden Stimme sprach ein gutes, reines Englisch.

Der Wirt schmunzelte, weil dieser feine Gast einen noch feineren erwartete. Geld hatten sicher beide, und so konnte er auf einen guten Verdienst rechnen.

Bill und Dick hatten dem Gespräch aufmerksam gelauscht; der fremde Jäger verhielt sich gleichgültig, bediente sich aber fleißig der Whiskyflasche, als er jedoch das volle Glas an die Lippen führte, huschte über sein Gesicht ein pfiffiges Lächeln, und unmerklich nickte er mit dem Kopfe.

»Ein delikater Whisky,« sagte er, das Glas hintergießend, »riecht wie nach Blumen.«

Der Bucklige nahm nicht, wie gehofft wurde, an dem Tisch Platz, sondern setzte sich, das Gesicht dem Fenster zukehrend, auf ein niedriges Faß und deutete somit an, daß er sich nicht an dem Gespräch beteiligen wollte.

Der Wirt machte trotzdem einen Versuch, ihn zum Reden zu bringen.

»Wollt Ihr Euch nicht an den Tisch setzen, Fremder? Es sind Gentlemen, angenehme Unterhaltung.«

Ein Blick aus den Schlitzaugen streifte die rohen Gesichter der spuckenden Gentlemen.

»Danke, ich sitze hier gut.«

Diese Nichtachtung sollte ihm noch teuer zu stehen kommen, der Wirt hielt auf Anstand und Gesellschaft.

»Bald so stolz wie damals die beiden durchgegangenen Kassierer, die hier ihr Geld teilten,« flüsterte Dick.

»Hm, du meinst die, welche hier gefaßt wurden?« fragte Bill.

»Dieselben.«

»Ach ja, stimmt, der Detektiv bat uns ja um Beistand, wir taten's und bekamen dafür eine Prämie, daß wir acht Tage lang nicht nüchtern wurden. Wie hieß doch gleich jener Detektiv?«

»Nick Sharp, glaube ich.«

»Richtig, Nick Sharp. Das war ein verfluchter Kerl, der hatte Haare auf den Zähnen.«

Der fremde Jäger schielte nach dem Buckligen; doch dieser hatte das leise Gespräch nicht gehört. Unruhig rutschte er auf dem Fasse hin und her. Der Sitz war ihm nicht bequem.

Jetzt trat der Wirt zu ihm; hinter seinem Rücken lugte das kleine Mädchen hervor.

»Wollt Ihr was trinken, Fremder?«

»Danke, noch nicht.«

»Hm, Ihr seid in der ›Goldhütte‹.«

»Das weiß ich.«

»Die ›Goldhütte‹ ist ein Gasthaus,« sagte der Wirt mit gerunzelter Stirn.

Der Bucklige sah sich scheu in dem Raume um.

»Ach so, ich verstehe. Bitte, ein Glas Zuckerwasser.«

Der Wirt öffnete den Mund vor Staunen.

»Wasser, wozu denn?«

»Zum Trinken.«

»Hier wird kein Wasser getrunken, darin waschen wir uns höchstens. Hier gibt es nur Whisky.«

»Der steigt mir zu sehr in den Kopf.«

Da kam die junge Frau dem Bedrängten zu Hilfe. Sie war mit dem Geschmack feiner Leute schon besser vertraut als ihr Mann, weil sie einst in einem Hotel von Little Rock Teller gewaschen hatte.

Sie trat zu dem verlegenen Gast.

»Zuckerwasser wollt Ihr? All right, Ihr sollt ein Glas bekommen, wie Ihr es besser noch nie getrunken habt. Wünscht Ihr auch etwas zu essen?«

Der Bucklige hatte wirklich Hunger. Er war schon seit der Nacht auf dem Schiffe, hatte aber seitdem nicht einen Bissen über die Lippen gebracht, weil dort für die Speisen Schiffspreise, das heißt, außerordentlich hohe verlangt wurden.

»Sehr gern, was habt Ihr?«

»Schinken, geräucherten Hirschrücken, Käse, Butter und Brot,« erklärte die Wirtin.

»Oder Ihr könnt auch an unserem Mittagessen teilnehmen,« fügte der Gemahl hinzu.

Wieder flog ein argwöhnischer Blick aus den Schlitzaugen durch das Gemach, über die schwarzen Schinken, die rußigen Pfannen und blieb schließlich an den schmutzigen Händen der Frau haften. Der Gast war unschlüssig.

Da sah er neben dem Kamin Eierschalen liegen.

»Habt Ihr Eier?«

»So viel Ihr wollt.«

»Dann bitte ich um einige gekochte Eier, aber mit den Schalen. Ich schäle sie selbst.«

»Das ist ein sonderbarer Kauz,« dachte die junge Frau, als sie zur Bereitung des Zuckerwassers schritt.

Der Wirt rollte inzwischen ein größeres Faß vor den Gast. Auch er mußte sich schon einige Kenntnisse in der feinen Bedienung angeeignet haben, denn er vergaß nicht, den oberen Teil des Fasses abzuwischen, allerdings mit einem entsetzlich schmutzigen Stück Zeug, welches sich beim Auseinanderfalten als eine Art Nachtjacke seiner Frau Gemahlin entpuppte, aber auch als Windel gedient haben konnte.

Der Gast starrte zum Fenster hinaus, er hütete sich, den Vorbereitungen zu seiner Mahlzeit zuzuschauen.

Jetzt kam die Wirtin mit einem großen Glase, eine grünlichgelbe Flüssigkeit enthaltend.

»So, frisches Zuckerwasser,« sagte sie, das Glas auf das Faß setzend.

»Aber das sieht ja grün aus,« rief der Bucklige entsetzt.

»Daran ist der Zucker schuld, wir haben nur braunen im Hause. Bill bringt erst nächstens welchen aus der Stadt mit.«

Der Ekel wurde überwunden und gekostet. Es schmeckte nach Melasse oder Sirup.

In Amerika ist es gebräuchlich, nach Empfang eines Getränks oder einer Speise sofort zu bezahlen, nur in besseren Hotels wird darin Ausnahme gemacht. So war es dem Wirt nicht übelzunehmen, wenn er neben dem Faß stehen blieb.

Der Bucklige legte einen Silberdollar hin.

»Stimmt.«

Mit diesem Wort verschwand das Geldstück in der tiefen Westentasche des Wirtes.

Diesmal war es an dem Buckligen, den Mund vor maßlosem Staunen aufzureißen.

»Wie? Ihr verlangt für dieses kleine Glas Zuckerwasser einen Dollar?«

»Findet Ihr das teuer?«

»Ich finde es unver – sehr teuer.«

»Ich nicht. Als General Jackson bei mir einkehrte, bezahlte er für ein Glas Whisky zehn Dollar.«

»Das ist aber Wasser mit etwas Zucker.«

»Das bleibt sich gleich; bei mir kostet jedes Glas einen Dollar, gleichgiltig, ob Whisky, Milch oder Wasser darin ist. General Jackson saß auf demselben Platz, wo Ihr sitzt: seitdem ist es der Fremdensitz. Wer hier bedient wird, zahlt das doppelte. Am Tisch drüben ist es billiger.«

»Was kostet es dort?«

»Einen halben Dollar. General Jackson trank sein zweites Glas drüben am Tisch und bezahlte mir fünf Dollar.«

»Ich bin aber kein General.«

»Nicht? Das ist schade, Ihr habt eine prachtvolle Figur zu einem General.«

Ein brüllendes Gelächter belohnte den Wirt für diesen Witz. Die Männer, mit Ausnahme des fremden Jägers, welcher ernst blieb, schüttelten sich vor Lachen, und die junge Frau ließ das Fett aus der Pfanne ins Feuer laufen.

Der Bucklige spülte seinen Aerger mit dem grüngelben Zuckerwasser hinunter, aber Schluck für Schluck, denn jeder Schluck kostete ihm fünf Cents. Er murmelte etwas, was jedenfalls keine Schmeichelei enthielt.

Die Frau brachte einen Teller mit Eiern.

»Bitte, setzt es drüben auf den Tisch, es wird mir zu kühl am Fenster,« sagte der Bucklige, stand auf und nahm an dem Tisch, neben dem fremden Jäger Platz.

»Das sind ja zwölf Stück Eier,« rief er erschrocken, »so viel habe ich gar nicht gewollt.«

»Ihr habt nicht gesagt, wieviele Ihr haben wollt,« meinte der Wirt achselzuckend. »Als General Jackson hier war, aß er drei Dutzend.«

Mit einem verzweifelten Gesicht brachte der Bucklige eine Börse zum Vorschein, wandte sich aber ab, damit diese Kerle mit den rohen Gesichtern seine Barschaft nicht sähen.

»Was kosten die Eier?«

»Wollt Ihr Brot dazu?«

»Nein.«

»Das Stück einen Dollar, macht zusammen zwölf Dollar. Weil Ihr so viele nehmt, bekommt Ihr das Salz gratis.«

Der Bucklige ließ vor Schreck die Hand sinken.

»Das Ei einen Dollar?«

»Gewiß, General Jackson bezahlte zwei Dollar und behauptete, er hätte noch nie so billige Eier gegessen; sie sind wunderbar schön.«

»Legen Eure Hühner so wenig Eier?«

»Jeden Monat eins, und außerdem habe ich mir die Hühner aus Kanada kommen lassen, jedes Huhn kostet mich vierzig Dollar Reisegeld. Das macht die Eier so teuer.«

»Ich möchte Euch nicht aller Eier berauben.«

»O, geniert Euch nicht Fremder, ich freue mich, wenn es jemandem schmeckt, mir sind die Eier überhaupt zu teuer, nur wegen der Kinder kommen manchmal welche auf den Tisch.«

Mit saurer Miene verspeiste der Bucklige die kostbaren Eier, bei jedem Biß dachte er an seine verschwundenen Dollars. So rein er die Schalen auch auskratzte, das kleine Mädchen untersuchte sie nochmal, ob nicht Eiweiß dran haften geblieben wäre.

Nun mußte auch Bill sein Gegenüber ›ausholen‹, und er tat dies nach einer Art, die er für die eines Gentleman hielt.

»Wollt Ihr eins mit mir trinken, Fremder?«

»Ich danke, ich trinke keinen Whisky.«

»Warum nicht?«

»Er steigt mir in den Kopf.«

»Unsinn, er fließt doch in den Magen.«

»Ich meine, er berauscht mich.«

»Bah, trinkt Ihr ein Glas mit mir?«

»Ich danke wirklich,« schlug der Bucklige das Anerbieten ab. Er kam sich hier wie in einer Räuberhöhle vor.

Was hatte er aber hier zu tun? Das mußte der Wolfsjäger unbedingt erfahren, denn als Sheriff war er für die Sicherheit der Stadt verantwortlich. Wie ein Räuber sah der kleine Mann allerdings nicht aus, aber Pferde kann man auch stehlen, wenn man einen Buckel hat.

Plötzlich fuhr der Kleine erschrocken von seinem Faß auf, die Faust des Wolfsjägers schlug krachend auf den Tisch, daß die vollen Gläser überflossen und die Eier vom Teller sprangen.

»Wollt Ihr ein Glas mit mir trinken?« klang es zum dritten Male, diesmal aber so drohend, so schrecklich blickten die Augen den Buckligen an, daß dieser nicht anders dachte, als der nächste Fausthieb träfe seinen Kopf.

»Ja, ja,« stammelte er, »mit dem größten Vergnügen, so viele Gläser, wie Ihr wollt.«

Bill war beruhigt, er schenkte ein Glas voll, und jetzt war er berechtigt zu fragen:

»Wohin wollt Ihr, Fremder?«

»Ich warte hier auf einen Freund.«

»Geschäftliche Angelegenheiten?«

»Ja.«

»Ein hübscher Platz dazu hier.«

»O ja, etwas teuer.«

»In Little Rock ist es billiger, aber nicht so gut,« mengte sich der Wirt ein.

»Woher kommt Ihr?«

»Von New-York.«

»Gott ver – das ist ein weiter Weg.«

»Was tut man nicht, um ein gutes Geschäft abzuschließen!«

Der Wolfsjäger ward immer mißtrauischer, und der Bucklige, welcher dies merkte, immer ängstlicher.

»Euer Freund steigt auch hier ab?«

»Ja.«

»Warum trefft Ihr ihn nicht in Little Rock?«

»Er will mich hier sprechen.«

Das mußte dem Frager genügen.

»Pferdehandel?«

»Nein.«

»Kaffee?«

»Nein.«

»Zucker?«

»Beinahe.«

»Was zum Henker ist es denn?«

»Ich will ihm eine Medizin verkaufen.«

»Eine Medizin?« lachte Bill. »So seid Ihr Arzt?«

»Apotheker.«

»Aha.«

»Hört, Fremder,« ließ sich der Wirt vernehmen, »meine Ziege ist krank, sie gibt keine Milch mehr, da könnt Ihr sie gleich kurieren.«

»Ich bedaure, ich habe meine Arzneien nicht bei mir.«

Es trat eine lange Pause ein.

»Hm, hm,« begann dann wieder Bill, die Nase nachdenklich mit dem Finger reibend, »wenn es sich um den Verkauf von einer Medizin handelt, muß es natürlich heimlich zugehen. Dann ist es etwas anderes. Nehmt nichts für ungut, Fremder, daß ich Euch so ausfragte, aber mein Beruf als Sheriff zwingt mich dazu.«

Der Bucklige zeigte wieder große Unruhe, bemühte sich aber, dieselbe zu verbergen.

»Ihr seid Sheriff?« fragte er kleinlaut.

»Ich bin Sheriff,« entgegnete Bill würdevoll.

Auch Dick mußte dem Freunde beistimmen.

»Ihr habt recht, Patente und Geheimmittel muß man ganz heimlich verkaufen, denn überall schnüffeln Spürnasen herum, welche auch gern so ein Mittelchen erfahren wollen, mit dem sie schnell reich werden können. Da wohnte zum Beispiel in Little Rock ein Pelzhändler, der hatte auch einmal eine lange Unterredung mit einem fremden Manne, wozu er sich zwei Tage im Keller einschloß. Was meint Ihr, was für ein Geheimnis er diesem abkaufte?«

»Nun?«

»Aus Fellen von braunen Bären Eisbärenfelle zu machen. Er steckte die Felle in eine stinkige Brühe, sie wurden auch schneeweiß, und der Mann machte auch rasende Geschäfte.«

»Aber?«

»Aber nach einem halben Jahre wurde er von zwei Brüdern gelyncht, die Felle hatten nachgedunkelt, und in der Sonne wurden sie wieder braun.«

»Was für eine Medizin ist denn das, die Ihr verkaufen wollt?« wandte sich Bill wieder an den Buckligen.

»Das kann ich nicht verraten.«

»Nun, ich meine nur, etwas gegen Hühneraugen, gegen die Tollwut oder die Trunksucht?«

»Nein, es ist ein Abführmittel.«

»Abführmittel? Was ist das?«

Der Apotheker erklärte, die Männer lachten, und die junge Frau machte einen Versuch, sich zu schämen.

»Seltsam, an was für Krankheiten die Menschen leiden, wenn sie nichts zu tun haben,« meinte Dick.

»Und dafür bekommt Ihr viel Geld?«

»Hoffentlich sehr viel.«

»Na, ich wünsche Euch viel Glück, und wenn Ihr ein gutes Geschäft macht, dann denkt an uns.«

»Euer Whisky ist mir etwas zu teuer.«

»Hm, wir machen dann einen Ausnahmepreis.«

Der Bucklige saß wie auf glühenden Kohlen, unruhig rutschte er hin und her, blickte immer aus dem Fenster und lauschte auf das geringste Geräusch.

Da, endlich – zwei Pfiffe schallten vom Wasser.

»Euer Freund kommt!« rief der Alte und eilte hinaus.

Der Bucklige sprang ans Fenster, die übrigen blieben sitzen, weil ihnen der viele Whisky schon etwas in die Glieder gefahren war.

Es dauerte nicht lange, so legte ein Boot an, ein Herr sprang heraus, der kein Gepäck bei sich hatte, und das Boot stieß sofort wieder ab. Die Ruderer mußten sich tüchtig in die Riemen legen, um den Schnelldampfer wieder einzuholen, welcher nicht stoppte, das heißt, Gegendampf gab, sondern langsam weiterfuhr.

Kaum lag das Boot längsseit, so entstieg dem Schornstein eine dichte Wolke, und mit voller Fahrt jagte das Schiff wieder davon.

Am Deck sah man mehrere Herren stehen, welche dem Gelandeten zuwinkten, der sich umgedreht hatte und jenen Männern einen Abschiedsgruß mit der Hand nachsandte.

Dann wandte er sich zu dem Wirt, und dieser war ungemein freundlich, denn jetzt hatte er einen wirklichen Gentleman, einen feingekleideten, wohlgewachsenen Herrn vor sich.

»Seid Ihr der Wirt von der ›Goldhütte‹?« fragte der noch junge Herr.

»Seid Ihr der Wirt von der ›Goldhütte‹?« fragte der wirklich vornehm aussehende Fremde.

»Ihr seid auf der richtigen Fährte.«

»Ist in Eurem Hause ein kleiner Herr?«

»Ja, er hat einen Buckel und ein brandrotes Gesicht. Ist das der, den Ihr sucht?«

»Den meine ich.«

»Er wartet schon zwei Stunden mit seinem Abführmittel auf Euch.«

Der Herr warf einen zweifelnden Blick auf den grinsenden Wirt, als ob er ihn für geistig nicht recht normal hielte, und ging dann, dem Wirt voraus, mit großen Schritten dem Holzhause zu, welches zwischen den Bäumen auftauchte.


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