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6.

Die beiden Philosophen und der Bär.

Sir Charles Williams hatte wieder einmal Gelegenheit, zu erproben, ob seine lachende Philosophie, die er sich in langen Jahren gebildet und angeeignet, in jeder Lage Stich hielt. Die letzten Wochen waren nicht dazu geeignet gewesen, denn während dieser hatte er an Bettys Seite in einem Meer von Glück und Seligkeit geschwommen, nun aber waren andere Zeiten über ihn hereingebrochen.

Drei Tage hatte er apathisch dagesessen; er beachtete nicht das Körbchen, welches jeden Tag zweimal von oben an einem Strick herabgelassen wurde und ihm Brot, Fleisch und einen Krug mit Wasser brachte. Am vierten Tage aber wurde es zum ersten Male leer wieder hinaufgezogen; oben erscholl ein spöttisches Lachen, und unten in dem Dämmerlicht saß ein Mann am Boden in der einen Hand ein Stück Brot, in der anderen ein Stück Büffelfleisch, biß abwechselnd hinein und befeuchtete die Speisen mit seinen Tränen.

Der Hungrige und halb Verdurstete hörte nicht eher mit dieser Beschäftigung auf, als bis Brot, Fleisch und Wasser spurlos verschwunden waren, und dann hörten auch die Tränen auf.

»Hätte nicht geglaubt, daß Kummer und Sorgen so vorteilhaft auf den Appetit wirken!« sagte Charles, stand auf und begann sein Gemach mit großen Schritten zu durchmessen, wozu er allerdings nur deren drei bedurfte.

»Werde von jetzt ab regelmäßig essen. Was hilft es, daß ich alle Nahrung verschmähe? Besser wird es dadurch auch nicht, aber ich habe einst sagen hören, mit vollem Magen sterbe es sich leichter, als mit leerem. Nun werde ich mich einmal selbst von der Wahrheit dieser Aussage überzeugen können. Sterben!« unterbrach sich Charles und blieb stehen. »Ist es denn wirklich so schlimm?«

In trüben Gedanken setzte er seinen Weg fort; es schien wirklich nicht anders, als wäre der Tod ihr Los. Warum aber in aller Welt hielt man sie denn gefangen und versorgte sie auch noch mit Essen und Trinken? Das war doch sonst gar nicht die Art von Indianern. Und diese Ruinen, die geheimnisvolle Weise, wie alles vor sich ging, die strenge Abgeschlossenheit, was hatte das nur alles zu bedeuten?

Charles fand keine Lösung des Rätsels.

Um sich selbst war er noch nie besorgt gewesen, war es also auch jetzt nicht; während er aber früher sich auch wenig um das Schicksal anderer gekümmert hatte, brach sein Herz bald vor Schmerz, wenn er an seine Braut, an Betty, dachte.

Wie würde sich das arme Mädchen um ihn ängstigen, weinen und seufzen! Doch schließlich gelang es Charles, sich auch hierüber zu beruhigen.

»Kann ich etwas dafür, daß Betty in eine solche traurige Lage gekommen ist? Nein, nicht im geringsten; im Gegenteil, ich habe ihr hundertmal erklärt, sich von den Freundinnen loszusagen und mit mir auf- und davonzugehen. Hätte sie meinen wohlgemeinten Rat befolgt, so säßen wir jetzt schon lange im Warmen, entweder in einer Stadt Englands und amüsierten uns köstlich, oder in einer Villa auf dem Lande, gingen und führen spazieren und ließen den lieben Gott einen frommen Mann sein.«

Charles blieb stehen und schlug sich vor die Stirn.

»Halt, Williams, du sprichst töricht. Wer weiß, ob uns dort nicht ein noch traurigeres Schicksal erwartet hätte als hier. Charles, du warst immer etwas Fatalist, glaubtest, daß alles, ehe es geschehe, schon vorher vom Schicksal bestimmt worden sei, und der Glaube daran ist ein größerer Trost, als wenn man sich mit Wenn und Aber quält. Und schließlich, wenn uns der Tod beschieden ist, was für ein großes Unglück ist denn dabei? Später oder früher muß man doch einmal sterben, und nur wenigen glückt es, an Altersschwäche zu sterben. Schöner ist es natürlich, im weichen Federbett den letzten Atemzug zu tun, als am Marterpfahl, aber das Ganze läuft auf dasselbe hinaus: Das Ende des Lebens ist ein vollkommenes Fiasko, aus dem nur die Erben Vorteile zu ziehen wissen. Ob man sich sträubt, ob man weint, bittet, fleht – ganz egal, es wird nichts geändert, die Seele entflieht dem Körper, und deswegen fällt kein Stern vom Himmel, die Erde weicht deshalb nicht einen Millimeter aus der ihr vorgeschriebenen Bahn. Ans vollem Herzen sage ich: Gott sei Dank, daß es so ist, daß das innigste Gebet die Seele nicht zurückhalten kann, denn ebensogut könnte man durch ein Gebet ein Naturgesetz umkehren oder etwa einen Planeten aus seiner Bahn lenken. Wie aber, wenn ein frommer Bewohner auf einem anderen Planeten den Einfall bekäme, Gott um einen Beweis seiner Allmacht zu bitten, und zwar, unserer Erde einen anderen Weg vorzuschreiben, wodurch sie am soundsovielten Tage in die Sonne stürzen müßte – denn natürlich glaubt jener fromme Bruder, unsere Erde sei nur ein Stern, eigens für ihn da, um ihm beim Nachhauseweg zu leuchten. Nein, es geht alles, wie es geht, und alles mit Geduld und Gleichmut zu ertragen, das ist die wahre Kunst des Lebens, nach der man streben soll.«

Charles lachte auf.

»Wohin bist du denn da plötzlich gekommen?« fuhr er fort. »Aus diesem dunklen Kellerloche in den Himmel und auf einen anderen Planeten. Nun, der Tod wird dadurch auch nicht abgewendet, aber tröstend sind solche Betrachtungen doch. Hm, ich kenne viele Frauen und Männer, Menschen, vor denen ich Ehrfurcht gehabt habe, nicht, weil sie reich und mächtig waren, sondern weil sie wirkliche Menschen waren, Geschöpfe Gottes, wahr und großherzig, und ich habe sie jahrelang die entsetzlichsten Qualen ausstehen sehen, ehe sie im Grabe Ruhe fanden. Und ich sollte nicht einmal eine Stunde am Marterpfahl dulden können? Bah, Unsinn. Und sehe ich den, den ich liebe, auch unter den größten Schmerzen sterben, bei klarem Gedanken muß ich mir doch sagen, daß es nur zu seinem Vorteil ist, denn er geht seinem Glücke entgegen.«

So sonderbar auch diese Trostgründe waren, bei Charles Williams schlugen sie an, er wurde nicht nur beruhigt, sondern sogar heiter, selbst wenn seine Gedanken bei Betty verweilten. Doch vermied er es, lange an seine Braut zu denken, fürchtend die Traurigkeit könne ihn doch wieder übermannen.

Dagegen führte er sich andere Bilder vor Augen, die ihn erheiterten. So traurig die letzten Tage auch gewesen waren, Charles hatte ihnen doch immer noch eine Lichtseite abzugewinnen gewußt, und einmal, gerade im gefährlichsten Moment, als Tod und Leben auf dem Spiele standen, hatte er laut aufgelacht!

Es war während des Kampfes im Hohlweg gewesen. Die meisten waren sofort überwältigt worden, auch Charles. Nur Hastings, Harrlington und einige andere, auch Mädchen, wehrten sich mit der Kraft der Verzweiflung, während die anderen, schon mit gebundenen Händen, dem unglücklichen Kampfe zusahen.

Unter denen, welche noch nicht überwältigt waren, befand sich auch Mister Youngpig. Der Reporter hatte diesen Umstand etwas ganz Eigentümlichem zu verdanken.

Youngpig war einer der ersten, die sorglos den Hohlweg betraten, und auf ihn war zuerst ein riesenhafter Indianer gesprungen. Jeder andere wäre wohl vor der wilden, roten Erscheinung mit dem wehenden Federschmuck und dem buntbemalten Gesicht entsetzt zurückgefahren, nicht so Mister Youngpig.

Dieser mußte das ganze für einen Spaß halten. Noch ehe der Indianer ihn erreicht, hatte Youngpig seinen Photographenapparat von der Seite gerissen und dem Krieger vorgehalten, der den Kasten für eine ihm unbekannte Schußwaffe von furchtbarer Wirkung halten mochte, denn er blieb wie versteinert stehen und schien jeden Augenblick ein entsetzliches Krachen zu erwarten.

Doch es ward nur ein leises Knacken hörbar.

»Danke, never mind,« sagte der Reporter und hing seinen Kasten wieder um, war aber nun sofort umringt und überwältigt, doch nicht, bevor er einem der nach ihm greifenden Indianer ein paar tüchtige Ohrfeigen verabreicht hatte, wie etwa der Schullehrer einem Kinde.

Als er sah, was sich eigentlich zugetragen hatte, brach Youngpig in ein furchtbares Schimpfen aus und zeigte dabei eine unglaubliche Redegewandtheit, und Charles bekam Worte zu hören, von deren Existenz er vorher noch gar keine Ahnung gehabt hatte.

So ernsthaft die Situation auch war, Charles konnte nicht anders, er mußte lachen. Mister Youngpig, der von seinem Berufe als Reporter so eingenommen war, daß er selbst den ihn angreifenden Indianer photographierte, und dann das ganze Lexikon mit neuen Schimpfwörtern wirkten zu komisch auf ihn.

Wo mag der arme Kerl jetzt sein? dachte Charles. Vielleicht sah er ihn nie wieder oder erst in der Todesstunde. Diesen Mann hatte er gern bei sich gehabt. Charles glaubte, in Gesellschaft mit diesem müsse es sich ganz hübsch leben und selbst sterben lassen.

Der am Boden sitzende, mit dem Rücken an der Wand lehnende Gefangene hatte diesen Wunsch noch nicht zu Ende gedacht, als sich wie durch Zauberei plötzlich ein Loch in der Mauer öffnete und ein Mann hereinstürzte oder aber geworfen wurde, über Charles' ausgespreizte Beine stolperte und zu Boden schlug.

»Guten Morgen, Sir Williams,« rief der Mann, ohne sich zu erheben, »wie geht es Ihnen? Never mind

»Mister Youngpig,« sagte Charles erstaunt, »sind Sie das denn wirklich?«

»Gewiß bin ich's. Ich belästige Sie doch nicht?« Mit diesen Worten erhob sich der Reporter und rieb sich die geschundenen Knie. Er trug noch immer die kurzen Hosen, die Joppe und die schottische Mütze, war überhaupt noch ganz der Alte, nur der Kasten und die Mappe fehlten ihm.

»Hat man Sie gezwungen, hierherein zu gehen?«

»Gezwungen? Durchaus nicht, man hat mich nur hereingeworfen. Never mind

»Warum denn? Wo sind Sie denn bis jetzt gewesen?«

Der Reporter sah sich um.

»In einem ganz genau solchen Raume wie diesem, ich bin Ihr Nachbar gewesen.«

»Und man hat Sie herausgeholt?«

»Ja. Ich kalkuliere, die Zellen reichen nicht mehr, weil andere Gefangene gekommen sind, und nun werden wir zwei und zwei zusammengesteckt. Mehr kann ich Ihnen aber nicht verraten, weil ich selber nichts weiß. Aus diesem Grunde werde ich alle Fragen, wie zum Beispiel, ob sich die anderen noch am Leben befinden, wie es ihnen geht, ob ich Ihre Braut gesehen habe, ob sie bleich und angegriffen aussieht, was unser Los sein wird, warum nur hier sind, ob wir gehängt, geschlachtet, skalpiert, gemartert oder gefressen werden, und so weiter, unbeantwortet lassen. Ich saß in einem ebensolchen Raum wie dieser, bekam jeden Morgen und Abend genau so einen Korb wie den dort in der Ecke an einem Hanfseil herabgelassen, und mein Krug sah dem da zum Verwechseln ähnlich. Das ist alles, was Sie Neues von mir erfahren können. Never mind

Der Reporter schöpfte Atem, und Charles lachte vergnügt.

»Ich habe mich sehr gefreut, einen Gesellschafter zu bekommen,« sagte er, »und nun sehe ich zu meinem tiefsten Bedauern, daß ich mich getäuscht habe.«

»Wieso getäuscht? Paßt Ihnen meine Gesellschaft nicht? Tut mir leid, ich kann aber wirklich nichts dafür.«

»Das ist es nicht. Da Sie aber nicht mit mir sprechen wollen, so kann ich mich ebensogut mit der Wand unterhalten.«

»Oho, da irren Sie,« rief Youngpig. »Ich wollte Ihnen nur von vornherein alle unnütze Fragen abschneiden, die ich nicht beantworten kann. Denken wir, wir säßen in einer Restauration und wollten uns die Zeit vertreiben! Arrangieren wir einstweilen ein Spielchen.«

Der Reporter nahm ein Stück altes Brot, weichte es im Munde auf, knetete es und formte dann mit vielem Geschick zwei Würfel daraus. Die Augen ersetzte er durch Löcher.

»So,« sagte er, »nun kann's losgehen. Wer die meisten Augen wirft, gewinnt. Um was spielen wir?«

»Ich habe nichts einzusetzen.«

»Es wird später ausgezahlt; wir betrachten unser Wort als Ehrenschuld, sobald als möglich einzulösen.«

»Wirklich, Mister Youngpig, ich habe keine Lust zu solchem Spiel, es kommt mir, vielleicht kurz vor dem Tode, überaus kindisch vor.«

Der Reporter warf die Würfel ärgerlich an die Wand, daß sie sich breit drückten und kleben blieben.

»So schlagen Sie etwas anderes vor,« rief er. »Ich habe mich in meiner Zelle nicht im geringsten gelangweilt, bei Ihnen scheint es aber loszugehen.«

»Wir wollen ein vernünftiges Gespräch beginnen, soweit unter uns ein solches möglich ist! Sagen Sie, Mister Youngpig, wie stellen Sie sich Ihr Leben nach dem Tode vor?«

Erstaunt betrachtete ihn der Reporter von der Seite, dann stieß er einen langen Pfiff aus.

»Aha, Sie sind einer von denen, welche andere mit in den Himmel nehmen möchten, weil sie glauben, sie könnten sich dort langweilen?« fragte er mit schlauem Gesicht.

»Leicht möglich, warum nicht?«

»Nun, dann kann ich Ihnen sagen, daß ich ganz genau weiß, wohin meine Seele nach dem Tode kommt.«

»Nun?«

»Eben wieder dahin, woher sie gekommen ist. Wollen wir wetten, Sir Williams?«

»Wissen Sie das bestimmt?«

»Ganz genau, das sagt mir mein gesunder Verstand.«

»Aber woher sind Sie denn gekommen?«

»Ja, wenn ich das wüßte, dann könnte ich Ihnen auch sagen, wohin ich komme. Da das aber bis jetzt niemand hat tun können, ja, da sich sehr kluge Leute nur bis zu ihrem dritten Lebensjahre zurückerinnern können und auch im Alter viele Leute das Bewußtsein völlig verlieren, so ist doch anzunehmen, daß ich nach dem Tode genau dasselbe sein werde, wie vor dem Leben. Mir einzureden, ich soll ewig sein, während ich früher ein Nichts war, ist nicht möglich, daß ich aber ewig war und ewig bleibe, das glaube ich. Das Leben ist nur eine kleine Zwischenstation, für den einen einen längeren, für den anderen einen kürzeren Aufenthalt bedeutend, dann geht es weiter. Geborenwerden und sterben ist ganz dasselbe. Sterben ist auch ein Geborenwerden, sogar ein schöneres, der Tod ist das große Reservoir des Lebens, und wenn wir nur den Taschenspielerkniff begriffen, dann würden wir nach Willkür Leben erzeugen können.«

Der Reporter hatte sich in Eifer geredet.

»Wir sind zwei hartgesottene Sünder,« entgegnete Charles, »denn leider muß ich Ihnen beistimmen. Kurz vor dem Tode ist es aber doch nicht gut, mit so etwas zu spielen. Nicht jeder kann es ertragen.«

»Denken wir noch nicht an den Tod! Vorläufig leben wir ja noch. Sie glauben vielleicht nach dem eben Gesagten, ich sehne den Tod herbei? Gott bewahre! Offen gestanden, mir gefällt es hier auf der Erde ganz gut, und so zufrieden, wie ich, kann jeder sein, der sich ins Leben nur zu schicken weiß. Sehen Sie! Andere würden vielleicht jammern, weil sie eingesperrt sind. Haben wir es aber eigentlich nicht noch ganz gut? Wir bekommen reichlich zu essen und zu trinken und haben uns um nichts zu sorgen.«

»Nun, nun, manches könnte in diesem Hotel aber doch besser sein,« meinte Charles, »von den notwendigsten Bequemlichkeiten gar nicht zu sprechen, der Mangel an jeglichem Waschgeschirr ist mir doch nicht angenehm.«

»Was, waschen!« sagte der Reporter verächtlich. »Ich war als Kind immer ein Feind vom Waschen, weshalb mir mein Bruder den Namen Youngpig beilegte, den ich aus Gewohnheit beibehalten habe.«

»Apropos, Mister Youngpig, so ist Nick Sharp wirklich Ihr Bruder?«

»Mein richtiger Bruder, wie Miß Johanna Lind meine richtige Schwester ist. O, Sir Williams, wir haben eine schöne Jugend gehabt.«

Träumerisch blickte der Reporter vor sich hin.

»Ich kenne wenigstens die Laufbahn Nick Sharps,« nahm Charles wieder das Wort. »Er hat sie einst Lord Harrlington erzählt, und von dem habe ich sie erfahren. Damals wußte aber auch Harrlington noch nicht, daß Miß Lind Sharps Schwester war.«

»Nikolas spricht nicht gern über seine Familienverhältnisse.«

»Leben Ihre Eltern noch?«

»Beide.«

»Sie waren Schauspieler?«

»Ja. Johanna und ich waren noch klein, Nikolas fünfzehn Jahre alt, als meine Mutter sehr krank wurde, was sie bis jetzt geblieben ist. Gleich darauf mußte auch mein Vater seinen Schauspielerberuf aufgeben, es ging ihm wie so vielen Kollegen. Er verlor plötzlich das Gedächtnis und verwechselte die Rollen. Manchmal sprach er wie ein vernünftiger Mensch, dann wieder wie ein kleines Kind. Nikolas war kurz vorher verschwunden. Niemand wußte wohin; wahrscheinlich war er zur See gegangen, dachte man damals, weil dies immer sein Wunsch gewesen. Meine Eltern wären in große Not geraten, wenn sie nicht von Freunden unterstützt worden wären, und als diese Hilfsquelle versagte, kam Nikolas als gemachter Mann wieder und unterstützte seine Eltern reichlich. Johanna und mich brachte er in eine Pension und tat alles an uns, was in seinen Kräften stand.

»Johanna, nur ein Jahr jünger als ich, war damals ein ausgelassenes Mädchen, ich war schon ein wilder Junge, aber ihr konnte ich nicht das Wasser reichen. Wir wohnten nicht weit von New York auf einem herrlichen Landgute. Ich kann nichts weiter sagen, als daß es eben ein wunderschönes Leben war und mein Bruder sorgte, daß es nicht gestört werden konnte.«

»So war Miß Johanna also früher ein wildes Mädchen?« fragte Charles nach einer Weile, als der Reporter nicht weitersprechen wollte. »Das hätte ich nicht gedacht, ich habe sie als ein stilles, sinniges Wesen kennen gelernt.«

»Daß sie dies geworden, daran ist Nikolas schuld, und in diesem Falle hat er sehr unrecht gehandelt, obgleich man ihn nicht davon überzeugen kann. Ich kam, als ich vierzehn Jahre alt war, in eine höhere Schule, aus welcher ich aber weglief – doch davon ein anderes Mal – Johanna kam wieder zu den Eltern, und auch Nikolas verweilte dort längere Zeit zum Besuch. Es war das erstemal, daß der Bruder mit der Schwester anders verkehrte, als mit ihr Dummheiten zu teilen, zu reiten, auf Bäume zu klettern und so weiter, worin Nikolas früher ebenfalls Großes leistete. Er war damals Detektiv und in die Ansicht verrannt, daß dies die entzückendste Beschäftigung wäre. Er war Detektiv mit Leib und Seele, und sein ständiges Bemühen war, auch andere sich hierzu eignende Personen zu gewinnen. In Johanna fand er ein solches Wesen. Sie war tollkühn, dabei aber doch kaltblütig und scharfsinnig, und von ihren Eltern hatte sie vor allen Dingen das Schauspielertalent geerbt, was ich nicht besitze. Nick nahm sie in seine Schule und machte aus ihr eine geschickte Detektivin, mit der er anfangs zusammenarbeitete. Johanna war noch nicht siebzehn Jahre alt, als sie schon auf eigene Faust operierte und Sachen unternahm, vor welchen damals die gewieftesten Detektiven zurückschreckten.«

»Sie fühlte sich glücklich in ihrem gefährlichen Berufe?« fragte Charles den Erzähler.

»Das ist es eben, worauf ich jetzt kommen wollte. Anfangs fand sie wohl Vergnügen an diesem Handwerk, sie verdiente sehr gut dabei und fand Lob und Anerkennung. Dann aber kam sie in Kreise, wo sie gewahr ward, daß man sie verachtete, und von dem Augenblicke an trat in ihrem Wesen eine Umwandlung ein. Sie hatte eine lange Unterredung mit dem Bruder, es ging sehr heftig dabei zu. Nick ging, ließ ein paar Jahre nichts mehr von sich hören, unterstützte auch die Eltern nicht mehr, und Johanna blieb Detektivin, schon aus dem Grunde, um die Eltern ernähren zu können. Aber mit ihrem Frohsinn war es aus; sie wurde immer stiller und ernster. Ihre einzige Freude bestand darin, den Eltern ein behagliches Heim zu schaffen, in dem sie sich erholen konnte. So ist es geblieben bis auf den heutigen Tag, vielleicht aber, daß die Brautschaft mit Hoffmann ihr den alten Frohsinn wiedergegeben hat, um so mehr, da Hoffmann wohl nicht mehr dulden wird, daß sie sich als Detektivin durchs Leben schlägt. Ich habe sie lange Zeit nicht wiedergesehen; in China schon bemerkte ich aber, daß ihr Auge den alten Glanz wiedergewonnen hatte. Das ist die Geschichte Johannas.«

»Und Ihre eigene?«

»Die ist kurz genug. Ich habe es nie lange aushalten können, weder in der Stube bei Muttern noch in einer Gesellschaft noch in der Schule. Ich hatte eben kein Sitzfleisch. Meine größte Lust war, auf Abenteuer auszugehen, und dabei fand ich in Johanna stets eine Gesellschafterin. Diese lernte sehr gut, sie war scharfsinnig, und es machte ihr Lust, sich im Denken zu üben. Ich dagegen war faul und in der Schule dumm, ein Talent aber besaß ich, was den beiden anderen abging. Ich konnte gut erzählen, dichten und fabulieren, eine Mücke in einen Elefanten umwandeln und überhaupt alles, was ich gesehen, gerade ins Gegenteil verwandeln, ohne die eigentliche Wahrheit zu umgehen. Sie verstehen nicht, wie ich das meine? Nun, ich konnte einen Leichenzug so beschreiben, daß sich meine Zuhörer vor Lachen ausschütteten, ich konnte alles nach Willkür drehen und wenden, daß schließlich ein anderer Sinn herauskam. Mich einer Lüge zu überführen, war gar nicht möglich. Ich stand immer so rein wie ein Engel da, und der Anschuldiger bat mich mit Tränen um Verzeihung, während ich kleiner Knirps der größte Spitzbube war, der auf Gottes Erde existierte. Mein Bruder hatte mich deshalb zum Advokaten bestimmt, ich hielt es aber nicht länger aus, die Schulbank zu drücken, und war eines Tages aus der Pension verschwunden unter Mitnahme einer jungen Dame, Miß Nelly Lockhard, welche mir Treue bis in den Tod geschworen hatte und ebenfalls nach Abenteuern dürstete.

»Wie alt waren Sie denn damals?«

»Fünfzehn Jahre, zwei Monate, sieben Tage.«

»Was? Mit fünfzehn Jahren haben Sie eine Dame entführt?« rief Charles staunend.

»Ist dabei etwas so Wunderbares?« entgegnete der Reporter kaltblütig. »Sie müssen bedenken, daß ich Amerikaner bin. ›Amerika ist groß‹, Diesen Ausruf bekommt man in Amerika täglich und bei jeder Gelegenheit zu hören: er soll ausdrücken, daß man sich in Amerika über nichts wundern darf. sagt man, solche Fälle gehören dort zu keinen Seltenheiten. Miß Nelly war Engländerin und wurde auf Veranlassung eines Onkels in New York erzogen. Sie war damals vierzehn Jahre alt, jetzt ist sie seit einigen Monaten meine Frau. Wir flohen also und wurden von meinem Bruder selbst verfolgt, der aber zum ersten Male fortwährend an der Nase herumgeführt wurde. Als wir kein Geld mehr hatten, ließen wir uns fangen, und jetzt wollte Nick aus mir einen Detektiven machen. Um zu Ende zu kommen, ich wurde kein Detektiv, sondern trotz meiner Jugend Reporter beim ›New-York-Herald‹. Nelly ging zu ihrem Onkel nach London zurück, wurde aber von ihm verstoßen und ernährte sich jahrelang durch die Arbeit ihrer Hände, bis es mir möglich war, sie zu erhalten. Weder Nick, noch Johanna hatten davon eine Ahnung, sie glaubten, ich lebte sehr leichtsinnig, weil ich es trotz meiner guten Einkünfte zu nichts brachte. Vor einigen Monaten ist Nelly mein Weib geworden – ich war zuletzt für die Londoner Times tätig – und fressen mich die Indianer nicht auf, so gehe ich von hier aus direkt nach London zurück und werde ein häuslicher Familienvater. Ich habe mir in der Welt die Beine wundgelaufen, ich weiß ganz bestimmt, daß mir jetzt Sitzfleisch gewachsen ist.«

Charles nahm die Hand des Reporters und schüttelte sie herzlich.

»Sie sind ein guter Mensch,« sagte er warm. »Ich wünschte jetzt nicht mehr nur meinet- und meiner Braut wegen, daß wir hier mit heilen Gliedern davonkommen, ich wünsche es auch Nellys wegen.«

»Na, machen Sie sich keine Sorgen,« tröstete Youngpig, »wir sind ja noch nicht verlassen! Mein Bruder ist nicht gefangen worden, und wäre er es, so würde er bald einen Ausgang gefunden haben. So lange er lebt, hoffe ich ganz bestimmt auf Rettung.«

»Er kann aber tot sein,« seufzte Charles.

»Natürlich. Sein Los ist auch schließlich einmal der Tod. Aber doch scheint es manchmal, als trüge Nick einen Talisman bei sich, der ihn schützt. Er hat auch wirklich einen – und es ist seltsam, wie dieser überall ins Leben eingreift.«

Youngpig schaute sinnend vor sich hin.

»Was für ein Talisman soll das sein?« fragte Charles lächelnd, der natürlich an keine geheimen Zaubermittel glaubte.

»Verachtung des Todes,« heißt er. »Nick Sharp geht dem Tode nie aus dem Wege, er sucht ihn vielmehr auf, und es gibt kein größeres Vergnügen für ihn als dieses. Ganz genau so verhält es sich mit dem Glück. Beobachten Sie nur den Spieltisch und die Liebe. Wer das Glück verachtet, dem fliegt es zu. Wem wenig daran gelegen ist, ob er am grünen Tisch verliert oder gewinnt, der streicht große Summen ein; wer dagegen gierig spielt, verliert. Bekanntlich bricht der Frauenverächter die meisten Herzen, und ganz ebenso verhält es sich beim Duell, überhaupt bei jeder Gefahr, in welcher es sich um hohe Einsätze handelt.«

»Es ist etwas Richtiges an Ihrer Theorie,« meinte Charles nachdenkend. »Wer sein Leben liebt, verliert es. Wer sein Leben verachtet, gewinnt es, sagt schon die Bibel, allerdings in anderem Sinne. Wie sprachen Sie aber vorhin? Dem Tode ins Knochengesicht zu sehen, wäre ein Vergnügen? Das bezweifle ich denn doch.«

»Es ist aber doch so,« behauptete der Reporter hartnäckig. »Fragen Sie nur einmal jemanden, der den Augenblick des Todes schon gekostet hat, etwa durch Ertrinken, Erhängen und so weiter. Ich meine nicht die Angst vor dem Tode, sondern den Todeskampf selbst. Sie werden stets die Antwort erhalten, daß ihnen dieser Augenblick scheinbar ewig gewährt hat und daß sie niemals schönere Empfindungen gehabt haben. Nick Sharp ist einmal gehängt worden, wurde aber rechtzeitig abgeschnitten; er gerät in Begeisterung, wenn er davon spricht, wie er den Tod kommen fühlte. Jetzt kann er sich allerdings jederzeit hängen lassen, er weiß durch einen Kniff die Schlinge so zu verschieben, daß sie ihm nicht die Luft raubt, und sein Halswirbel ist stark genug, ohne daß er bricht, den ganzen Körper zu tragen.«

»Ich habe davon gehört. In Südamerika hat er dieses Kunststück einmal öffentlich ausgeführt«

»Er hat es auch von einem Indianerstamme dort gelernt. Sie sind ja ein Engländer. Haben Sie nie von einer Manie gehört, welche in Ihrer Heimat hauptsächlich verbreitet ist.«

»Sie meinen doch nicht etwa jene Gesellschaft, deren Mitglieder sich gegenseitig aufhängen und rechtzeitig, aber im letzten Moment vor Eintritt des Todes, abschneiden? Ich glaube nicht daran!«

»Sie sind lange von England abwesend und haben auch keine Nachrichten erhalten, sonst würden Sie erfahren haben, daß tatsächlich eine solche Gesellschaft existiert hat, welche im Todesschauer den höchsten Genuß fand. Die Leutchen wurden bei einer ihrer Manipulationen gestört; zwei Gehängte konnten nicht abgeschnitten werden, sie starben, und dadurch kam die grausige Geschichte ans Tageslicht. Da diese Manie aber nun einmal Fuß gefaßt hat, ist sie auch nicht wieder auszurotten. Es ist das furchtbarste Laster, das bis jetzt aufgetaucht ist, es wird immer mehr Anhänger finden, und keine Strafe kann es unterdrücken. Denn was fürchtet der, welchem der Tod ein Vergnügen ist? Dieses Laster ist entsetzlicher als Trink-, Spiel- und Opiumsucht, es macht den Menschen für dies Leben vollkommen untauglich, denn um trinken, spielen und Opium rauchen zu können, muß man wenigstens manchmal arbeiten.«

»Hoffen wir, daß es nicht so schlimm ist, wie Sie es sich vorstellen,« entgegnete Charles.

Er hob plötzlich den Kopf und lauschte.

»Hören Sie. Scharrt da draußen nicht etwas an der Wand?«

»Der Wächter wird es sein, der den Mechanismus untersucht. Habe mir schon viel Mühe gegeben, kann ihn aber nicht öffnen. Das hätte übrigens auch gar keinen Zweck, wir würden doch sofort wieder überwältigt werden.«

Das Scharren und Kratzen draußen an der Wand fuhr fort, dann hörte man auch einen Indianer laut sprechen.

»Verstehen Sie, was er sagt?« fragte Youngpig.

Charles schüttelte den Kopf und lauschte weiter; der Indianer schien zornig zu sein.

»Es ist das erstemal, daß hier so eine laute Unterhaltung stattfindet. Sonst verhielten sich die Wächter mäuschenstill.«

Da schob sich die Tür plötzlich zurück, und ein Bär erschien im Rahmen derselben; wahrscheinlich hatte er seine Kunstfertigkeit, die geheimen Mechanismen zu öffnen, auch hier probieren wollen, und es war ihm gelungen, trotzdem der wachehabende Indianer ihn daran zu hindern suchte.

Jetzt trabte er herein; der Indianer packte ihn noch einmal beim Fell, aber ein Tatzenschlag schleuderte ihn zu Boden, als wäre er ein Kind und nicht ein kräftiger Mann gewesen.

Der Indianer mußte sich fügen; der Bär, Mythra, schien mit seinem Willen immer durchzudringen. Der rote Krieger blieb draußen und schob die Tür wieder zu. Knackend sprang eine Feder vor; der Mechanismus war geschlossen.

Charles und Youngpig waren nicht wenig erschrocken, als das große Raubtier plötzlich zu ihnen hereinkam. Sie wußten noch gar nicht, daß hier Bären gezähmt wurden, sie hatten solche bis jetzt nur wild oder auch im Käfig, durch Hunger gezähmt, bei einem Bärenführer gesehen. Dieses Tier aber schien im Besitze seiner vollen Kraft und Wildheit.

In den Köpfen der Gefangenen blitzte gleichzeitig der Gedanke auf, daß dieser Bär das Mittel sein sollte, durch welches sie aus dem Leben in den Tod befördert wurden. Wie römische Christensklaven sollten sie mit bloßen Händen den Kampf gegen das furchtbare Raubtier aufnehmen, während man oben dem Schauspiel zusah.

Der Gedanke war entsetzlich. Das Blut erstarrte den beiden in den Adern; dann sprangen sie gleichzeitig auf und retirierten nach der entgegengesetzten Wand.

Der Bär blieb an der Tür stehen, setzte sich dann wie ein Hund auf die Hinterschenkel und knurrte drohend.

»Unser letztes Stündlein ist gekommen,« flüsterte Charles. »Youngpig, jetzt gibt es einen kurzen Boxerkampf, und dann wandern wir in den Magen dieses gefräßigen Gesellen.«

»Der Bär frißt ebenso gern Brot wie Fleisch,« murmelte der Reporter.

»Ja, wenn er kein solches bekommt.«

»Na, dann gilt's möglichst ruhig sterben. Williams, wir greifen den Bären gleichzeitig an und suchen ihm mit den Fingern die Augen auszustechen, dürfen uns aber nicht umarmen lassen. Haben Sie kein Messer oder sonst etwas Spitzes bei sich?«

»Nichts.«

»Verdammt! Dann mal los!«

Der Reporter zog die Jacke aus und bereitete sich wirklich zum verzweifelten Kampfe vor.

»Halt!« mahnte Charles. »Wir wollen erst sehen, was er beginnt. Vorläufig verhält er sich noch friedfertig.«

»Tote soll er auch nicht anrühren.«

»Es ist zu spät, uns totzustellen.«

Der Bär erhob sich, knurrte und ging langsam auf den Korb und Wasserkrug zu, welche beiden Gegenstände er vorsichtig beschnüffelte. Der Korb war leer, sonst hätte dessen Inhalt den ersten Hunger des Tieres wohl stillen können.

Dann schritt es brummend auf die beiden zu, welche an der Wand standen und sich nicht zu rühren wagten.

Charles seufzte erleichtert auf.

»Es scheint kein blutdürstiges Tier zu sein, es benimmt sich sehr gemütlich und brummt auch nicht drohend,« flüsterte er. »Lassen wir es ruhig gewähren.«

Jetzt hatte der Bär sie erreicht, ging von einem zum anderen und beschnoberte ihre Füße. Als sich die beiden nicht regten, richtete er sich plötzlich an Charles in die Höhe und legte ihm die Tatzen auf die Schultern. Der Druck war so stark, daß Charles in die Knie sank.

Youngpig glaubte nicht anders, als sein Genosse wäre jetzt in Gefahr, zerrissen zu werden, er schrie laut auf und warf sich mit aller Gewalt auf den Bären, die Faust hoch erhoben, um ihn auf die Nase zu boxen. Doch der Bär war trotz seiner plumpen Gestalt wunderbar gewandt, er drehte sich, der Schlag ging fehl. Youngpig stürzte zu Boden, und mit lustigem Sprunge und wohlwollendem Brummen sprang der Bär über ihn hinweg.

Youngpig glaubte nicht anders, als sein Genosse wäre in Gefahr, zerrissen zu werden.

»Alle Wetter! schrie Charles, »Der Kerl will nur mit uns spielen.«

Der Reporter erhob sich mit verdutztem Gesicht und rieb sich die Hände, auf die er gestürzt war.

»Wahrhaftiger Gott,« murmelte er, »ich glaube es jetzt fast auch.«

Der Bär ließ sie nicht lange im unklaren, ob er nur spielen oder Ernst machen wollte, mit lustigen Sprüngen kam er angesetzt, bald vorwärts springend, bald zurückfahrend, wie es spielende Hunde zu machen pflegen, und ehe Charles noch wußte, daß es wirklich keine Gefahr bedeutete, warf ihn schon ein kräftiger, aber unschuldiger Tatzenschlag zu Boden, und gleich darauf wälzte sich Mister Youngpig neben ihm.

Der Bär aber sprang schon wieder zurück und erwartete einen Angriff seiner Spielgefährten.

Er machte wirklich nur Scherz, und jetzt war das Eis gebrochen. So wenig die beiden eigentlich zum Scherzen aufgelegt waren, die Laune des Bären durften sie auf keinen Fall verderben, und in der noch eben so ruhigen und traurigen Zelle hielt mit einem Male die wilde Jagd Umzug.

Der Bär spielte den Verfolger, die beiden Menschen mußten fliehen, und ließen sie sich fassen, was oft genug vorkam, so wurden sie zu Boden geworfen, zwar nicht gerade sanft, manchmal sogar etwas grob, aber dabei ließ es auch der Bär bewenden. Er machte weder Gebrauch von seinen scharfen Krallen noch von seinem furchtbaren Gebiß.

Er nahm nichts übel. Im Gegenteil, traf einmal ein tüchtiger Puff seinen harten Schädel, so grunzte er noch gemütlicher, und seine Sprünge wurden noch kecker.

Endlich schien er genug bekommen zu haben, er ließ nach. Hochatmend standen die beiden Menschen da, während der Bär nach der Tür ging und mit der Tatze dagegen donnerte und knurrte. Es ward ihm sofort geöffnet. Mythra huschte hinaus, und die Feder schnappte wieder ein.

Erstaunt blickten sich die beiden an. So etwas hatten sie noch nicht erlebt. Der Bär hatte sie eine halbe Stunde wie ein paar Spielkameraden behandelt.

Charles setzte sich, um die erregte Lunge zur Ruhe kommen zu lassen, auf den Boden, dicht neben den Korb. Da bemerkte er plötzlich in demselben einen weißen Streifen liegen, auf dem er trotz der herrschenden Dämmerung Schriftzeichen zu erkennen vermochte.

Ahnungsvoll nahm er ihn, ließ ihn aber sofort in der Hand verschwinden, nötigte Youngpig zum Sprechen und betrachtete heimlich das Zettelchen.

»Mut, Freunde, ihr werdet gerettet!« las Charles, und sein Antlitz übergoß sich mit einer plötzlichen Röte, die Youngpig nicht entging.

Geschickt spielte ihm Charles das Zettelchen in die Hände, denn vielleicht lugten von oben beobachtende Augen herab. Auch des Reporters Hände, welche die Himmelsbotschaft zerknitterten, bebten.

»Das kommt von meinem Bruder,« flüsterte er, »nur er kann es geschrieben haben.«

»Der Bär muß es hier gelassen haben,« entgegnete Charles.

»Er war sein Abgesandter. Nick Sharp bedient sich sonderbarer Hilfsmittel, wenn er jemandem eine geheime Nachricht zukommen lassen will.«


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