Autorenseite

 << zurück weiter >> 

31.

Vater und Kind.

Eduard Flexan sollte noch eine zweite Begegnung mit seinem Kinde haben, ehe er das Haus betrat.

Als er durch die Gartenanlagen ging, welche sich vor der Seitentür erstreckten, sah er durch die Blätter einer Laube ein rosafarbenes Kleid schimmern, wie es vorhin Martha getragen hatte.

Eduard mußte, ob er wollte oder nicht, seine Schritte dorthin lenken, vielleicht, daß in seinem versteinerten, von Leidenschaften vergifteten Herzen doch noch ein Funken von Vaterliebe glühte.

Anstatt der Tür zuzugehen, bog er in einen schmalen Weg ab, der ihn zu der Laube führte, und stand mit wenigen Schritten im Eingang derselben.

Martha war allein. Sie spielte mit bunten Steinen auf einer Bank und bemerkte nicht die Gestalt hinter sich. Erst ein Husten veranlaßte sie, sich umzusehen, und als sie den Mann von vorhin erblickte, erschrak sie heftig.

Doch gewöhnt, daß man ihr gehorchte, schrie oder weinte sie nicht, sondern trat gebieterisch auf, wenn sie die Angst auch nicht verbergen konnte.

»Habt Ihr die Tür nicht gefunden?« fragte sie. »Dort ist sie! Geht in die Küche! Sie ist gleich rechts!«

Flexan folgte nicht der Richtung, welche der ausgestreckte Arm andeutete, er blickte nur auf die kleinen, rosigen Fingerchen, auf das hübsche Puppengesicht mit den langen Locken und in die großen, dunklen Augen.

Plötzlich stieg ein anderes Bild vor ihm auf, das sich vor langen, langen Jahren und weit von hier, in seine Seele gegraben hatte. Er sah das Ebenbild der Mutter Marthas vor sich, und diese nannte er damals seine Geliebte.

»Es ist mein Kind,« murmelte er. »Noch bin ich sicher! Wer will mir wehren, daß ich es umarme und küsse? Es ist mein Fleisch und Blut, wer kann es mir streitig machen?«

»Dort ist die Tür! Hört Ihr nicht?« wiederholte die Kleine.

Flexan trat auf sie zu, doch sie zog sich in den entferntesten Winkel der Laube zurück.

»Martha!«

Er streckte die Hände aus, als wolle er das Kind fassen, und jetzt schrie dieses laut auf, es grauste ihm vor einer Berührung durch diese unförmlichen Hände.

»Rühre mich nicht an,« schrie Martha, »du garstiger, häßlicher Mann!«

Doch Flexan kam immer näher.

»Hilfe, Hilfe,« gellte es aus dem kleinen Munde, doch schon hatte Flexan sie umschlungen und küßte die frischen Lippen. Das Kind schrie, es wehrte sich, aber es half ihm nichts.

»Hilfe, er will mich töten,« klang es noch einmal. Schon wand sie sich in Zuckungen auf seinen Knien, sie schien, von namenlosem Entsetzen erfaßt, die Krämpfe zu bekommen.

»Los da!«

Eine kräftige Hand umklammerte Flexans Arm, die andere faßte das Kind, und nach kurzem Ringen war es frei. Mit fliegendem Busen stand eine Dame vor dem Manne, welche Martha an sich preßte.

Flexan zeigte sich weder erschrocken noch verlegen. Mit finsteren Augen musterte er die Dame, und diese wieder den Mann, der hier ohne Scheu wagte, bei lichtem Tage ein Kind zu küssen, wenn er nicht noch etwas Abscheulicheres vorgehabt hatte.

Schon öffnete sie die Lippen, um Dienerschaft zur Hilfe herbeizurufen, aber die Laute erstarben infolge eines Ausrufes des Mannes.

»Halloh, also hier sehen wir uns wieder!«

Die Dame betrachtete den Fremden noch genauer und erkannte ihn auch wieder, obgleich er damals, als sie ihn zuerst gesehen, sehr heruntergekommen gekleidet gewesen, während er jetzt einfach, aber anständig angezogen war.

»Sind Sie nicht der Mann ...?«

»Welchem Sie in Matagorda schon begegneten? Ja, der bin ich,« nickte Flexan grinsend. »Sie wundern sich wohl ungeheuer, mich hier wiederzusehen? Unangenehme Ueberraschung, nicht, meine Gnädige?«

Die Dame nahm eine sehr stolze Miene an.

»Ich wüßte nicht, warum mir dies unangenehm sein sollte, aber wie ...«

»Oho,« unterbrach sie Flexan abermals, »nicht unangenehm? Sie hatten damals in Matagorda einen Besuch auf dem Dampfer abzustatten – ich weiß nicht mehr, wie er heißt – und eine recht lange Unterredung mit den Passagieren, die sich am Tage nicht sehen ließen und erst bei Nacht heimlich das Schiff verließen. Können Sie sich vielleicht erinnern, Gnädige?«

Die Dame hatte bei Beginn der Rede einige Unruhe verraten, doch sofort wußte sie sich wieder zu beherrschen.

»Was geht das Sie an? Wer sind Sie überhaupt?« fragte sie kalt.

»Es galt eine kleine Unterredung mit den englischen Lords, so ein kleines Tete-a-tete. Habe ich richtig erraten, meine Gnädige – ich, wie war doch gleich Ihr werter Name?«

»Komm fort von hier, Tante!« drängte Martha und suchte die Dame fortzuziehen, aber diese blieb stehen.

»Ich weiß nicht, was Sie dies alles angeht, aber meine Pflicht ist es, zu fragen, was Sie hier zu suchen haben, und da Sie mir keine Antwort geben wollen, so werde ich Sie dazu zwingen oder Sie von hier fortbringen lassen, folgen Sie nicht gutwillig, mit Gewalt.«

Die Dame wandte sich zum Gehen, aber mit einem Sprunge, der die ihm noch immer innewohnende Kraft verriet, stand Flexan vor ihr.

»Wie? Sie wagen es, uns den Weg zu sperren?« rief die Dame erzürnt, aber nicht erschrocken. »Ich brauche nur zu rufen, so eilt Hilfe herbei.«

»Nur langsam,« höhnte Flexan, »ich habe nicht die Absicht, Ihnen oder dem kleinen Mädchen, das anscheinend Ihr Zögling ist, wehezutun, aber ich möchte mit Ihnen gern noch ein paar Worte wechseln.«

»Das ist Gewalt, ich rufe um Hilfe.«

»Hätte wenig Zweck. Wissen Sie, daß Sie rechte Aehnlichkeit mit Miß Kenworth, Marthas früherer Gouvernante, haben? Ich hätte Sie bald für dieselbe gehalten, doch jetzt finde ich einen bedeutenden Unterschied zwischen Ihnen und jener.«

Die Dame blieb ruhig, aber eine leichte Blässe bedeckte ihr Antlitz.

»Geben Sie den Weg frei!« herrschte sie ihn an.

»Einen Augenblick noch, Miß – oder soll ich Missis sagen?«

»Das geht Sie nichts an.«

»Nun ja, bei den meisten Gouvernanten ist zwischen Frau und Fräulein auch kein Unterschied zu machen,« bemerkte Flexan mit hämischem Lächeln, »man kann sie anreden wie man will, den falschen Ausdruck brauchen sie nicht übelzunehmen.«

»Wollen Sie den Weg jetzt freigeben?« fragte die Dame drohend.

»Meinetwegen, gehen Sie! Doch sag' mal, mein Kind,« wandte er sich an Martha, »seit wann ist denn deine frühere Gouvernante, Miß Kenworth, fort von hier?«

Martha achtete nicht auf die Frage, sie fing jetzt bitterlich zu weinen an.

»Für was oder wen Sie mich halten, ist mir gleichgültig, für wen ich Sie aber halte, werde ich Ihnen sofort zeigen,« sagte die Dame, »fort nun von hier.«

»Bitte,« rief Flexan, sprang zurück und eilte der Haustür zu. Die Dame wollte ihm nacheilen, um ihm womöglich zuvorzukommen, konnte aber des Kindes wegen nicht schnell genug laufen. Sie blieb zurück. Auf der Hinterseite des Hauses befanden sich keine Leute, und so gelangte Flexan unbelästigt ins Haus.

»Es war eigentlich Unsinn von mir,« murmelte er auf dem kurzen Wege nach dorthin, »so frei mit diesem Weibe zu sprechen. Ist sie eine Verräterin, so kann sie aus meinen Andeutungen Argwohn geschöpft haben. Wer aber, zum Teufel, mag sie nur sein? Wo ist Miß Kenworth? Sollte mein Vater diese fortgeschickt und sie als Gouvernante angenommen haben? Das wäre ein schlimmer Streich von ihm gewesen. Hm, dann könnte ich mir die Verräterei erklären. Aber, nein, damals, als alle unsere Plane verraten wurden, war ja Miß Kenworth bei ihm, und diese ist treu, muß treu sein. Nun, mein Vater wird mich ja in kurzem darüber aufgeklärt haben. Erst aber habe ich etwas anderes mit ihm zu besprechen, der Alte wird sich schön wundern.«

Er eilte ins Haus. Unten war alles leer, und so hielt ihn niemand auf. Oben begegnete ihm ein Diener, welcher einen Präsentierteller mit Gläsern trug. Flexan hätte bald alles umgestoßen.

»Zum Teufel, gebt acht!« schimpfte der Diener, die Augen auf die Gläser gerichtet.

»Wo ist Mister Flexan?«

Der Diener schaute auf, und bei dem Anblick des aufgedunsenen Gesichtes erschrak er so sehr, daß er das Brett fallen ließ. Klirrend zersprangen die Gläser auf dem marmornen Boden.

»Wo ist Mister Flexan? In seinen Zimmern?« herrschte Flexan den tödlich Erschrockenen an und schüttelte ihn auch noch heftig am Arme, weil er nicht sofort Antwort bekam.

»He, wache auf, Bursche! Wo ist Mister Flexan?«

Eduard lag alles daran, zu seinem Vater zu kommen, ehe ihn die Dame von vorhin erreichte. Es wäre ihr ein leichtes gewesen, den fremden, häßlichen und gewöhnlich gekleideten Mann festnehmen zu lassen. Mister Flexan hätte gar nichts von dessen Anwesenheit zu hören bekommen, und dann wäre Eduards Absicht für heute vereitelt gewesen.

Aber heute noch, gerade jetzt mußte er seinen Vater sprechen, oder alles war vielleicht verloren.

»Fort, zeigt mir das Zimmer, in dem sich der Haziendero Mister Flexan befindet – oder –«

Jetzt kam der zitternde Diener zu sich, er merkte, daß mit diesem Manne nicht zu spaßen war. Der Griff am Arme schmerzte derb.

»Mister Flexan ist im Beamtenzimmer,« brachte er stotternd hervor.

»Was tut er dort?«

»Er unterhält sich mit seinen Gästen.«

»Kommt mit – laßt die Gläser liegen.«

Eduard schleppte den Diener durch den Gang, bis er vor einer Tür stehen blieb. Sie führte in den Warteraum vor dem privaten Arbeitszimmer des Plantagenbesitzers.

»Geht schnell zu Mister Flexan – aber schnell, hört Ihr – und sagt ihm, in seinem Arbeitszimmer warte jemand, der ihn unverzüglich zu sprechen wünsche.«

»Wen soll ich melden?« stammelte der Diener.

Eduard öffnete schon die Tür.

»Einen Mann, der ihm eine Nachricht brächte, von der Leben und Tod abhinge.«

Eduard verschwand im Zimmer, und der Diener stürzte davon, als ob ihm der leibhaftige Satan auf den Fersen säße.

»Ist das der Teufel nicht selbst, so hat er ihn in sich. Nie habe ich solch eine Mißgestalt gesehen,« dachte der Diener, eilte noch einige Türen weiter und betrat das Gesellschaftszimmer.

Hier waren die oberen Beamten der Plantage versammelt, und eben ging Mister James Flexan von einem zum anderen, mit jedem einige Worte wechselnd und seine Zufriedenheit über das abgeschlossene Geschäft zu erkennen gebend.

Er hatte in den drei Jahren stark gealtert. Sein Haar, das früher nur wenige weiße Fäden durchzogen, war jetzt schneeweiß, der Vollbart graumeliert, und auch der ganze Gesichtsausdruck der eines müden, abgelebten Greises.

Dies war der Grund, warum der sonst so eitle Haziendero zu keinem Haarfärbemittel griff. Er war klug genug, zu wissen, daß ein Greis mit weißen Haaren noch schön sein kann, während ein Schwarzkopf mit greisenhaften Zügen Widerwillen einflößt.

In diesem Augenblicke verjüngte sein hageres, eingefallenes Gesicht allerdings ein liebenswürdiger Zug, teils durch die Anwesenheit der Gäste, teils durch das gute Geschäft hervorgerufen. Die Wangen zeigten eine hektische Röte, die Augen strahlten in mattem Glanze.

»Was gibt es?« wandte sich jetzt Mister Flexan, das Gespräch mit dem Inspektor abbrechend, an den Diener, der eben ins Zimmer getreten war und nun mit verstörtem Gesicht und zitternden Gliedern vor dem Hausherrn stand.

»Nun, was gibt es?« wiederholte Flexan ungeduldig.

»Ein – ein Mann wünscht Sie – zu sprechen,« kam es bebend von den Lippen des Dieners.

»Ein Mann? Wie heißt er?«

»Er wollte mir keinen Namen nennen.«

»Wo wartet er?«

»Vor Ihrem Arbeitszimmer.«

»Wie? Du hast einen fremden Menschen vor meinem Arbeitszimmer warten lassen? Weißt du denn nicht, daß –«

»Ich ließ ihn gar nicht eintreten,« rief der bestürzte Diener schnell, »er öffnete selbst die Tür zu dem Wartezimmer. Er muß hier bekannt sein.«

»Dummkopf!« brauste Flexan auf und ging schnell hinaus, um den Fremden selbst zu sehen und als frechen Eindringling zur Rechenschaft zu ziehen.

Sein erster Schrecken kam daher, weil er in einem Geldschrank seines Zimmers die eben ausbezahlte Summe verwahrte. Morgen wollte er sie nach der Stadt zu seinem Bankier bringen. 80 000 Dollar sind keine Kleinigkeit, man hebt sie nicht in der Schublade auf, und wenn diese auch noch so feuer- und diebessicher wäre. Der Amerikaner ist kein Freund von totem Geld.

Auf dem Wege nach seinem Arbeitsraum beruhigte sich Flexan wieder. Er besaß keinen Schlüssel zu demselben, es war überhaupt kein Schloß daran, sondern nur ein sehr sinnreicher Mechanismus, der ihm und seinem treuen Verwalter allein bekannt war. Schließlich kann man jedes Schloß öffnen, solch einen Mechanismus aber höchstens vermittels des größten Scharfsinns, verbunden mit endloser Geduld.

Verwundert sah sich der eintretende Flexan in dem Warteraume um, er war leer.

»Hat den Diener ein Hirngespinst geplagt, oder hält mich jemand zum Narren?« murmelte er.

Plötzlich zuckte er, wie von einer Schlange gebissen, zusammen, drinnen in seinem Arbeitszimmer hörte er Schritte, ein Räuspern und dann ein Lied summen, eine Lieblingsmelodie von sich, die er früher bei guter Laune beständig gesungen oder gepfiffen hatte.

Wie ein Rasender stürzte Flexan nach der Tür, sie war geschlossen. Seine zitternde Hand schob an den Knöpfen und Stiften, bis sie die richtige Lage erlangt, ein leiser Druck an einer Erhebung, die Tür sprang auf, und Flexan erblickte die ekelerregende Gestalt des Fremden, welcher mit gekreuzten Armen an einem Tische lehnte und den Eintretenden ruhig anblickte, immer dabei die Melodie summend.

»Was habt Ihr hier zu suchen, wie kommt Ihr überhaupt hier herein?« schrie Flexan, nach dem Revolver an der Wand blickend, vor welcher der Fremde gerade stand.

»Ich habe dich erwartet,« erklang es heiser. »Schließ' die Tür! Schnell, ich muß mit dir sprechen!«

Wie geistesabwesend starrte Flexan den ihm völlig Unbekannten an. Hatte er es vielleicht mit einem Irrsinnigen zu tun? Fast schien es so.

»Wer seid Ihr?«

»Kennst du mich nicht mehr?« lachte der Fremde. »Warum blickst du so nach dem Revolver? Brauchst du ihn, um dich gegen mich zu schützen? Hier,« er nahm den Revolver von der Wand und gab ihn Flexan, der eiligst nach ihm griff, »er scheint geladen zu sein. Nimm ihn und schieß' deinen Sohn nieder, wenn du dich vor ihm fürchtest!«

»Meinen Sohn?« hauchte Flexan.

»Deinen Sohn. Nun schließe die Tür, du hast ja eine Waffe. Ich bin wirklich dein Sohn, Eduard Flexan, und genügt dir nicht schon der Beweis, daß ich die geheime Tür öffnen konnte, so werde ich mich noch besser legitimieren.«

Fast ohne zu wissen, was er tat, zog der Hausherr die Tür hinter sich zu, den Fremden, der sich für seinen Sohn ausgab, aber starr im Auge behaltend.

»Du wärest mein Sohn?« wiederholte er.

»Eduard Flexan.«

»Du lügst oder bist wahnsinnig.«

»Keines von beiden. Setze dich! Ich werde es dir so beweisen, daß du mir glauben mußt.«

»Nimmermehr.«

»Warum nicht?«

»Weil ich meinen Sohn kenne.«

»Bah, was vermag eine kurze Spanne Zeit aus dem schönsten, blühendsten Menschen zu machen! Tod, Krankheit und Schicksalsschläge anderer Art können uns innerhalb einer Sekunde völlig verändern. Setze dich und höre, wie es deinem Sohne ergangen ist. Ich habe nicht viel Zeit zur Erzählung, aber so kurz sie auch sein mag, du wirst dennoch heraushören, daß ich dein Sohn Eduard bin.«

Nach diesen bittergesprochenen Worten war der erste Zweifel des Alten schon etwas geschwunden; er setzte sich und lauschte der Erzählung jenes Mannes, den man einst als seinen schönen Sohn bewundert hatte.

Je länger Eduard sprach, einen desto entsetzteren Ausdruck nahmen die Züge des Vaters an, immer starrer wurden die Augen, und als der heftig sprechende, zahnlose Mund schwieg, da schlug der alte Mann die Hände vors Gesicht und brach in lauten Jammer aus.

»Eduard, Eduard, was ist aus dir geworden!« stöhnte er. »Ich habe nur für dich gearbeitet, für dich mich Tag und Nacht gesorgt, für dich sogar unerlaubte Handlungen begangen. Und nun? Dies sind die Folgen! Dies ist die Strafe unserer gottlosen Pläne!«

Der Sohn machte eine ungeduldige Bewegung.

»Verschone mich mit derartigen Lamentationen, die ändern mein Aussehen nicht. Kurz und bündig, glaubst du nun, daß ich dein Sohn bin?«

»Ich muß es.«

»Das ist nichts! Ja oder nein?«

»Ja.«

»Gut, das ist mir die Hauptsache, So höre denn, lieber Vater; ich brauche Geld, sofort, unbedingt!«

Flexan nahm die Hände vom Gesicht.

»Wozu?«

Ein höhnisches Lachen war die erste Antwort.

»Wozu? Seltsame Frage! Weil man eben heutzutage ohne Geld nicht leben kann, um so weniger, wenn man sich auf der Flucht befindet.«

»Auf der Flucht?«

»Ja, auf der Flucht vor jenen vermaledeiten Mädchen und Männern, mit denen wir uns jahrelang beschäftigt haben. Sie sitzen mir dicht auf den Hacken,« fuhr er schneller und heftiger fort, auf den Vater zutretend, »ich habe keine Zeit zu langen Erklärungen, darum gib mir Geld, schnell, oder meine Flucht wird verhindert! Und du kannst dir denken, daß von meiner Freiheit auch deine Sicherheit abhängt,« schloß Eduard leise mit lauerndem Blick.

Flexan war willig, seinem Sohne mit Geld zu helfen, er erhob sich.

»Wieviel brauchst du?«

»Ich gehe nach Australien. Hier muß ich das Spiel doch völlig aufgeben.«

»Gut, ich werde dafür sorgen, daß du dort ein behagliches Leben führen kannst, hier möchtest du doch einmal erkannt werden. Glaube mir, Eduard, bist du auch verändert, ich liebe dich noch immer!«

»Danke,« grinste der Sohn, »aber nun das Geld.«

»Richtig, wieviel brauchst du zur Reise?«

»80 000 Dollar.«

Wie vom Blitz getroffen sank James Flexan in den Lehnsessel zurück.

»Wieviel?« stammelte er.

»80 000 Dollar.«

»Zur Reise?«

»Unsinn. Glaubst du, ich will späterhin von deiner Großmut leben? Das Gnadenbrot essen? Und wenn du stirbst, was dann? Gib mir die Summe, dann werde ich dir nie wieder zur Last fallen.«

»Ich würde sie dir geben, aber ich habe nicht so viel hier. Es vergehen Tage, bis ...«

»Lüge nicht, dort in jenem Geldschrank liegen 80 000 Dollar, die du vorhin von dem Agenten erhieltest.«

»Woher weißt du das?« stöhnte der Alte.

»Das bleibt sich gleich. Schnell, gib sie mir! Es wird die höchste Zeit, daß ich verschwinde.«

»Sie gehören nicht mir.«

»Wem denn?«

»Ellen.«

»Bah, das bleibt sich gleich.«

»Durchaus nicht.«

»Gleiche die Bücher auf irgend eine Weise aus.«

»Diese Differenz ist zu groß, um sie unbemerkbar zu machen.«

»So laß die Summe stehlen.«

»Stehlen?«

»Stelle dich nicht so dumm. Rufe jemanden ins Zimmer, laß ihn allein, dann kannst du ihn verschwinden lassen, und er hat die Summe eben gestohlen. Sehr einfach, es gibt tausend derartige Wege. Ich empfehle dir dazu Dan, den Cow-boy, der Bursche hat ein Gaunergesicht.«

Der Alte wand und krümmte sich wie ein Aal, doch Eduard ließ mit seinem Drängen nicht nach, er begann sogar zu drohen.

»Du willst mir die 80 000 Dollar nicht geben?«

»Ich kann wahrhaftig nicht.«

»Du mußt, ich brauche sie.«

»Begnüge dich vorläufig mit tausend Dollar.«

»Unsinn.«

»Dann mit 5000, ich schicke dir das fehlende nach und nach zu.«

»80 000 Dollar.«

»Meinetwegen 10 000 Dollar, die kann ich wohl entbehren, ich beschneide dafür die Kaffeernte.«

»Höre, Vater,« sagte Eduard jetzt drohend, »erhebe dich, schließe den Kassenschrank dort auf und gib mir die Summe, oder ich greife zu anderen Mitteln.«

»Zur Gewalt?«

»Nein, solch ein Tor werde ich nicht sein. Ich werde verfolgt. Bin ich gefangen, so bist du durch meine Aussagen verloren. Bedenke das, ich gehe nicht eher von hier, als bis du mir die betreffende Summe bis auf den letzten Dollar ausgezahlt hast, und wenn ich auch darüber gefangen werde. Darum schnell, jede Stunde kann meine Häscher bringen.«

Ueber des Alten Gesicht flog plötzlich ein schlauer Zug, überlegend schaute er den Sprecher an.

»Hm, Eduard, ich glaube doch, du irrst dich, wenn du wähnst, mich durch deine Aussagen verderben zu können.«

»Durchaus nicht. Mitgefangen, mitgehangen, würde es dann bei dir heißen.«

»Weise mir eine strafwürdige Handlung nach!«

»Nur eine?« höhnte Eduard. »Hast du nicht nach Ellens Leben getrachtet?«

»Das war nur eine Vermutung von dir.«

»Dein Erschrecken bestätigte sie.«

»Aber zu beweisen ist mir nichts.«

»Nicht? Gerade ich kann alles beweisen.«

»Du hast das Aussehen und Betragen eines Wahnsinnigen, man wird dich für einen solchen halten, besonders, wenn ich diese Vermutung anrege.«

Eduard achtete nicht auf das höhnische Lächeln.

»Ich habe mächtige Beweismittel in der Hand, dich des beabsichtigten Mordes zu überführen.«

»Welche denn zum Beispiel?«

»Zum Beispiel den Seewolf.«

Die Wirkung dieses Namens war furchtbar. Flexan brach plötzlich in seinem Stuhle zusammen. Dann richtete er sich langsam wieder auf und suchte sein Erschrecken zu bemänteln.

»Nun ja,« stammelte er mit bebenden Lippen, »das war eben auch nur eine Vermutung von dir.«

»Der Seewolf lebt.«

»Das macht nichts.«

»Ich kann ihn dir jederzeit gegenüberstellen.«

»Er kennt mich nicht.«

»Er kennt dich doch, trotzdem du damals in einen langen Mantel gehüllt warst und dein Gesicht mit einer schwarzen Maske verdeckt hattest. Auch das Fehlen deines linken, kleinen Fingers bemerkte er, trotzdem du Handschuhe angezogen hattest. Ja, ja, erschrick nur. Soll ich dir erzählen, wie du überhaupt mit dem Meister in Verbindung kamst? Du suchtest ihn nicht, wohl er aber dich, weil er deine Million Dollar besitzen wollte. Durch ein geheimnisvolles Billett bot er dir seine Dienste an, und du machtest Gebrauch davon. O, dieser Meister kannte deine Absicht, Ellen verschwinden zu lassen, sehr gut, und willst du noch mehr hören, so kann ich dir nur noch sagen, daß ich jederzeit eine Quittung aufzuweisen vermag, welche dir der Unbekannte über die von dir erhaltene Million Dollar ausgestellt, die er aber vorsichtshalber, nachdem er deine Unterschrift erhalten, dir nicht gab.«

Immer entsetzter hatten die Augen des Alten auf dem Sprecher gehaftet.

»Um Gottes willen,« stöhnte er endlich, »Eduard, wer bist du, daß du dies alles so genau weißt?«

»Genug, ich weiß es. Bist du gewillt, mir jetzt die Summe zu geben? Konntest du dem Meister eine Million zahlen, so wirst du auch für deinen Sohn 80 000 Dollar übrig haben, oder ...«

Flexan schloß mit einer drohenden Bewegung.

Völlig gebrochen erhob sich der Vater, schwankte zu dem Geldschrank, schloß ihn auf und übergab seinem Sohne einige Päckchen Banknoten.

Dieser zählte nur den ersten Pack, sah nach den Zahlen der anderen und schob alles mit einem höhnischen Lächeln in die Tasche seines Rockes.

»Danke, werde wohl einige Zeit damit langen.«

»Es ist alles, was ich habe,« murmelte der Alte.

»Bah, deine Kasse füllt sich immer wieder. Finde nur ein Mittel, die Schuld einer Veruntreuung von dir zu wälzen.«

»Nun sage mir aber, woher du alles so genau weißt!« flehte Flexan.

»Sehr einfach, ich selbst war es, der dir das Billett zusteckte und dir eine Unterredung mit dem Seewolf verschaffte.«

Flexan fuhr zurück.

»Wie, du selbst?«

»Gewiß.«

»So bist du es, den man – nein, es ist nicht möglich.«

»Was?«

»Du selbst wärest der Meister?«

»Ja, ich hatte die Ehre, von verschiedenen Verbrecherbanden Meister tituliert zu werden, obgleich sie mich selbst nicht kannten.«

Sprachlos stierte der Alte Eduard an.

»O, wir waren sehr gut organisiert,« fuhr Eduard fort, »wir hätten noch die besten Geschäfte gemacht, denn endlich war die Zeit gekommen, da ich statt fortwährender Auslagen auch einmal Einnahme zu erwarten hatte, da aber tauchte dieser verdammte Nick Sharp, der Detektiv, in Begleitung der Damen und Herren auf, mit deren Verfolgung ich mich beschäftigte, und Zoll für Zoll hat er mir meine Beute entrissen. O, es ist zum Verzweifeln!«

Eduard stampfte wütend den Boden.

»Warum versuchtest du, mich ins Spiel zu ziehen, wenn du schon andere Wege gingest?« fragte Flexan leise. »Warum schicktest du Miß Kenworth hierher?«

»Du bist ein Dummkopf, daß du solche Fragen stellst!« brauste der Sohn auf. »Martha war die von Ellen eingesetzte Erbin, Martha ist aber mein Kind, wie du weißt. Miß Kenworth sollte dafür sorgen, daß alles seinen regelrechten Lauf nahm, sobald die Kunde von Ellens Tod eintraf.«

»Das hätte ich auch getan.«

»Und dann sollte Miß Kenworth hauptsächlich dafür sorgen,« fuhr Eduard fort, »daß du – jetzt kann ich es offen aussprechen, daß du mir nicht zwischen meine Pläne kamst.«

»Eduard, du mißtrautest mir?«

»Nicht dir selbst, aber deiner Dummheit. Du hättest mir leicht alles verderben können. Darum schickte ich Miß Kenworth zu dir, eine treue Freundin von mir, welche in alle meine Pläne eingeweiht war. Durch sie erfuhr ich Marthas und dein Verhalten, wie sie mir auch den Inhalt von Ellens Briefen mitteilte, welche allerdings sehr spärlich eintrafen. Nun sage mir noch, bevor ich gehe, wo ist Miß Kenworth? Wie kommt es, daß Martha eine andere Erzieherin erhalten hat, ohne daß ich davon Mitteilung bekam?«

Eduard ließ seine Augen mit einem drohenden Ausdruck auf den Vater haften, doch dieser schien über die Frage sehr verwundert zu sein.

»Eine andere Gouvernante?«

»Ja, ist sie nicht jene Dame, welche ich vorhin in Begleitung Marthas gesehen habe?«

»Eine Dame?«

»Weiche mir nicht aus! Wer war es, und wo befindet sich Miß Kenworth?«

»Aber Miß Kenworth ist ja noch die Erzieherin Marthas, hier befindet sich gar keine andere Dame.«

Eduard horchte hoch auf.

»Wer war die Dame in blauem Kleid mit schwarzen Schleifen, welche Martha Tante nannte?«

»Eben Miß Kenworth.«

»Das ist nicht wahr,« schrie Eduard auf, »ich kenne Miß Kenworth recht gut, diese war es nicht.«

»Eduard, ich versichere dir, es war Miß Kenworth, welche du mir vor drei Jahren mit deiner eigenen Empfehlung, zur Erziehung Marthas schicktest. Ich besaß die Photographie, sie stimmte.«

Eduard lehnte, die Augen weit aufgerissen, an der Wand und starrte den Vater an.

»Sprichst du die Wahrheit? Das soll Miß Kenworth sein?« stieß er endlich hervor.

»Miß Kenworth ist die einzige Person im Hause, welche den Namen Dame verdient, und hast du sie in Begleitung Marthas gesehen, so ist sie es unbedingt gewesen, denn das Kind kann keine Minute ohne sie sein.«

»Sie ist dieselbe, welche mit einer Empfehlung von mir hier ankam?«

»Dieselbe.«

»Und sie ist seit drei Jahren immer in deinem Hause gewesen?«

»Ja.«

»Als Erzieherin Marthas?«

»Ja.«

»Hast du sie beobachtet?«

»Ich tat's.«

»Das solltest du nicht,« schrie Eduard. »Doch gut, hast du etwas Verdächtiges an ihr bemerkt?«

»Nicht das geringste.«

»Schrieb sie viele Briefe?«

»Einige.«

»An wen?«

»An Freundinnen, ganz harmlose, wie ich mich selbst überzeugt habe.«

»War Miß Kenworth vor einigen Monaten verreist?«

»Ja, für etwa eine Woche. Sie sagte, sie wolle eine Freundin empfangen, welche mit dem Schiff ankäme. Aber was hast du denn, Eduard?«

Dieser begann plötzlich wie ein wildes Tier im Zimmer auf- und abzulaufen, seine Augen rollten, und Schaum stand ihm vor den Lippen.

»Verdammt!« zischte er. »Ueberall betrogen, wohin man sieht. Es ist nicht Miß Kenworth – eine andere – natürlich, die Aehnlichkeit – sie ist Sharps Gehilfin – die richtige hat er auf die Seite gebracht. Ha, nun kann ich mir erklären, woher dieser Halunke, dieser Detektiv so genau über meine Pläne orientiert war. Ich Tor schrieb der vermeintlichen Miß Kenworth alle meine Pläne, Absichten, Handlungen und Bewegungen, und sie, nun sie teilte natürlich alles sofort Nick Sharp mit. Briefe an eine Freundin, hahaha,« gellte es lachend.

»Eduard, wohin willst du?« rief Flexan, als der Rasende die Tür zu öffnen suchte.

»Fort will ich, Dummkopf elender,« brüllte Eduard, »ich möchte dich prügeln, so wütend bin ich, wenn du auch mein Vater bist. Aber ich fühle mich selbst schuld an dem Unheil, welches durch diese vermeintliche Miß Kenworth angerichtet worden ist.«

Er hatte die Tür schon geöffnet, doch Flexan hielt ihn noch am Arm zurück und schloß dieselbe wieder.

»Noch eins, ehe du gehst, dann mache, was du willst und rechne auf meine Hilfe und Unterstützung zu jeder Zeit.«

»Was willst du?«

»Ist meine Lage jetzt gefährlich geworden?« fragte der Alte mit vor Angst bebender Stimme.

Eduard drängte, fortzukommen.

»Nein, nein, nicht im mindesten.«

»Auch durch den Verrat der Gouvernante nicht?«

»Auch nicht. Ich ließ ihr in meinen Briefen nicht merken, daß du ein verbrecherisches Handwerk triebest –«

»Ich bin kein Verbrecher,« wollte sich Flexan verteidigen.

»Schon gut; sie glaubte, du bemühtest dich nur, Martha als Erbin einzusetzen, damit deine und meine Existenz gesichert sei. Das kommt häufig vor. Niemand findet darin eine besondere Sünde.«

»Ist dies wirklich wahr?« atmete Flexan sichtlich erleichtert auf.

»Ja doch, Narr!«

Flexan konnte Eduard nicht mehr halten, derselbe riß die Tür auf und stürzte durch den Korridor.

»Tor du,« zischte er in dem menschenleeren Gange, »wenn du wüßtest, daß alle deine schändlichen Pläne von dieser Gouvernante sicher ebenso verraten worden sind, wie die meinen, du würdest zittern und heulen! Ganz gewiß wird jetzt auch schon die Schlinge um ihn gezogen. Nun aber erst, bevor ich fliehe, zu Miß Kenworth, Ich will probieren, ob ich noch der Meister bin, welcher Verräter durch einen Händedruck töten kann, ohne daß man einen Laut hört. Sie muß sterben, und führte der Weg zu ihr über die Leiche meines Kindes, Rache, nur erst Rache, dann will ich an Flucht denken, und hat bis jetzt niemand den Meister fangen können, so wird er auch diesmal verschwinden, unsichtbar, selbst für den schlauen Nick Sharp. Haha, der Meister versteht noch mehr als der.«

Er rannte weiter, bis er den Korridor verließ und durch leere Zimmer seinen Weg fortsetzte. Waren diese auch von innen verriegelt, so wußte er sie doch stets lautlos zu öffnen.

Als Eduard Martha und deren Gouvernante verlassen hatte, war diese nicht, wie ersterer erwartet hatte, ins Haus geeilt, um Lärm wegen des Betragens des fremden Mannes zu schlagen.

Hatte Miß Kenworth Eduard auch nicht erkannt, so wußte sie doch, welch furchtbare Gefahr ihr durch diesen Mann drohte, Sie kannte das Komplott der beiden, des Vaters und des Sohnes, gegen Ellen, und sie hatte alle Pläne Eduards an Sharp verraten.

Sie riß Martha mit sich fort und begab sich in ihr im ersten Stock gelegenes Zimmer. Sofort verschloß sie die Türen, und dann erst kam sie etwas zur Besinnung.

Dies war der Mann gewesen, den sie in Matagorda gesehen hatte, als sie den ankommenden, englischen Herren die Nachricht brachte, wo sie die Damen finden würden, und wie sie sich verhalten sollten, um die Feinde der Vestalinnen auf eine falsche Spur zu bringen.

Ja, dieser Mann war mit im Bunde der Verbrecher, er hatte sie wiedererkannt, und nun zeigte er dem Hausherrn an, daß sie eine Verräterin sei, die drei Jahre lang gegen ihn, statt für ihn gearbeitet hatte.

Was mochte die Folge sein?

Wieder verlor sie die Besinnung; sie sah sich und das Kind von Feinden umringt. Auch dieses war als ein Opfer von verbrecherischen Plänen ausersehen, und sie hatte das Kind lieber gewonnen als ihr eigenes Leben.

Ohne zu wissen, was sie tat, raffte sie ihre Kleider zusammen und warf alles in die geöffneten Koffer; dann wieder dachte sie daran, daß es eine eilige Flucht galt, sie riß daher alles wieder heraus, um nur die notwendigsten Kleidungsstücke einzupacken.

Waren die Türen auch ordentlich zugeriegelt? Sie überzeugte sich davon, vergaß aber darüber ihren vorigen Entschluß und begann abermals, alles ohne Unterschied in die Koffer hineinzuwerfen.

Auf dem Sofa saß zwischen Paketen und Hutschachteln Martha und schaute verwundert dem Treiben ihrer sonst so ruhigen, jetzt so aufgeregten Gouvernante zu.

»Aber was hast du nur, Tante,« fragte sie nach längerem Schweigen, »willst du denn verreisen?«

»Ja, ja, mein Kind, ich muß fort, schnell fort.«

»Dann komme ich mit dir.«

»Gewiß, du kommst mit mir, du darfst nicht allein hierbleiben.«

»O, das ist herrlich!« rief die Kleine und rannte jauchzend im Zimmer umher. »Wir verreisen, wir verreisen! Wohin denn, Tantchen?«

»St, nicht so laut,« warnte Miß Kenworth erschrocken. »Niemand darf hören, daß wir fort wollen.«

»Ich verstehe dich nicht. Warum soll das niemand erfahren?« rief das Mädchen, lachend die Locken schüttelnd.

»Wir müssen fort. Der Mann, der dich vorhin küssen wollte, ist ein garstiger Mensch, er hat Böses mit uns vor.«

»O der, ich brauche es ja nur Dan zu sagen, der wird ihn gleich fortjagen.«

»Tu's mir zuliebe, Martha, sei still und hilf mir einpacken!«

»Wenn du es willst, so tue ich es gern,« flüsterte Martha jetzt. »Aber nicht wahr, du nimmst mich doch mit?«

»Ganz sicher.«

»Dann will ich schnell meine Kleider holen. Riegele die Tür auf, ich bringe sie herunter.«

»Du darfst nicht hinaus,« sagte die Gouvernante schnell, das Kind zurückhaltend, »draußen steht der böse Mann.«

»Wir haben ihm doch nichts getan.«

»Er haßt mich, er will mir etwas tun.«

»So rufe doch nur zum Fenster hinaus, dort stehen ja Dan und Fred und alle meine Freunde, die mich lieb haben. Ich brauche nur zu rufen, so kommen sie und helfen mir und dir. Die fürchten sich vor niemanden!.«

Zögernd ließ Miß Kenworth die Hände sinken.

Das Kind hatte eigentlich recht. Sie fühlte sich keines Verbrechens bewußt, im Gegenteil, sie hatte nur gute Taten vollbracht und Verbrechen vereitelt. Jene Männer dort, welche tanzten und sangen, waren zwar roh, aber unter ihren ledernen oder baumwollenen Hemden schlugen dennoch ehrliche Herzen. War es nicht richtig, sie begab sich unter den Schutz dieser halbwilden Leute? Martha war der Liebling aller, und auch Miß Kenworth genoß die Achtung der Cow-boys. Sie stritten sich darum, das kleine Mädchen vor sich auf ihr Pferd zu setzen, und Dan hatte ihr ein Reitpferd geliefert, an dessen Dressur er tagelang gearbeitet hatte, während er sonst jeden Tag, den er nicht hinter den Ochsenherden verbrachte, sechs Pferde zuritt, so daß er einen namhaften Schaden erlitten hatte.

Diese Gedanken jagten der Gouvernante blitzschnell durch den Kopf, während sie schon wieder mit fieberhafter Emsigkeit einpackte.

Nein, sie konnte die Dienerschaft nicht zu Hilfe rufen; denn dann war es nötig, eine furchtbare Anklage gegen den Plantagenbesitzer zu erheben. Sie durfte es nicht tun. Ach, wenn nur ihre Freunde hier wären! Jetzt mußte sie fliehen. Aber wie nur?

»Sei ein liebes Kind,« flüsterte sie Martha zu, »ich muß unbedingt verreisen und zwar heimlich. Du kommst mit mir, nicht wahr, Martha?«

»Ich komme mit, ich lass' dich nicht allein gehen. Wen habe ich denn sonst hier als dich, den ich liebe? Der Onkel wird mit jedem Tage garstiger, und Onkel Eduard kommt nicht wieder. Höchstens die Cow-boys haben mich etwas lieb, aber die sind manchmal so sehr roh, sie schlagen die Pferde oft halbtot für gar nichts. Nein, ich komme mit dir. Dann hilfst du mir auch, meine Kleider einpacken, nicht wahr, Tante?«

So schwatzte das Kind weiter, und Miß Kenworth stopfte unterdes alles in den Koffer, was ihr gerade in die Hände kam, während Martha, neben ihr kniend, ihr half.

Ein Gedanke quälte hauptsächlich fort und fort die Gouvernante. Wie sollte sie jetzt, sofort, eine heimliche Flucht möglich machen?

Halt, die Cow-boys! Sie konnte ihnen winken, diese verwegenen Burschen halfen ihr sicher. Sie fragten nicht erst lange, wohin und warum, sie waren gewohnt, nach der augenblicklichen Eingebung zu handeln. Nach ihrer Ansicht war der Mensch frei, wie der Vogel in der Luft, er konnte tun, was ihm gefiel. Niemand durfte ihn zur Rechenschaft ziehen.

Miß Kenworth wollte schon aufstehen, um an das Fenster zu treten und den Cow-boys zu winken, als sie plötzlich etwas sah, was ihr Glieder und Sprache lähmte.

Um des Kindes Hals legte sich plötzlich eine dicke Hand mit geschwollenen Fingern. Martha fiel lautlos zurück. Jetzt wollte Miß Kenworth schreien, aber im selben Augenblick krallten sich von hinten Finger auch um ihren Hals. Mit einem Schwung flog Martha durch die Luft auf's Sofa, gleich darauf wurde auch sie emporgerissen, sie kam auf Martha zu liegen, dann stürzte sich der menschliche Körper mit Wucht auf sie, ohne daß ihr Hals losgelassen wurde, und die der Ohnmacht nahe Dame blickte in das verzerrte Gesicht Eduards, dessen andere Hand unter ihr lag, wahrscheinlich hielt sie noch die Kehle Marthas umklammert, und durch sein schweres Gewicht hinderte der Elende beide an jeder Bewegung.

»Also Sie sind die Dame, welche sich Miß Kenworth nennt,« kam es zischend aus dem zahnlosen, schäumenden Munde. »Verräterin, du mußt sterben! Doch erkenne mich noch vor deinem Tode: ich bin Eduard Flexan, der durch deine Verräterei so scheußlich entstellt worden ist. Fahrt zur Hölle, du und Martha! Ist sie auch mein Fleisch und Blut, ehe ihr Schreien mich verrät, soll sie durch meine eigene Hand sterben!«

»Verräterin, du mußt sterben! Fahrt zur Hölle, du und Martha!« stieß Eduard Flexan hervor

Des Weibes Antlitz war schon ganz blau angelaufen; unter dem würgenden Griffe mußte der Tod jeden Augenblick eintreten. Die nach Atem ringende Brust ward schon still, und das Kind hatte wahrscheinlich bereits ausgelitten – von seinem eigenen Vater ermordet.

Da ließ der Griff nach, der Würger hob den Kopf und blickte vorsichtig zum Fenster hinaus.

Unten war lautes Geschrei entstanden, die Neger jauchzten, die Weiber kreischten, und die Cow-boys brüllten und sprangen wie gewöhnlich bei jedem besonderen Ereignis, nach den Pferden. Nur im Sattel fühlt sich der Cow-boy als Mensch.

Auf dem Rücken der Pferde
Liegt das Paradies der Erde.

Dieser Lärm veranlaßte Eduard im würgenden Griff nachzulassen, ohne daß er es wußte. Schlaff wurden seine Finger, und seine Augen blickten starr in die Ferne, wo sich unendliche Weideplätze, von Bächen durchzogen, erstreckten.

Dort brausten wilde Reiter über die grüne Fläche. Es waren weder Indianer noch Cow-boys, welche ihre Pferde zur tollsten Karriere antrieben, die höchsten Hecken und Büsche nahmen und über die breitesten Gräben wegfetzten, als waren es Rinnen, es waren Herren in Sportanzügen und Damen in wallenden Reitkostümen.

Nicht alle beteiligten sich an der wilden Jagd. Weiter zurück erkannte man einen Trupp von Reitern, welche ihre Tiere nur im Galopp hielten.

Die Spitze der Jagenden – allem Anschein nach galt es einen Wettritt – bildeten ein Herr und eine Dame. Sie hatten den anderen gegenüber einen großen Vorsprung, sie besaßen die schnellsten Pferde, oder aber sie waren die besten Reiter.

Beide gaben sich nichts nach. Kopf an Kopf, mit vorgestreckten Hälsen brausten die beiden führenden Pferde dahin. Dennoch schien es, als sollte der Herr eher an das Ziel, die Plantage, kommen. Die Dame hatte keine Reitpeitsche, er dagegen bearbeitete sein Tier mit einer solchen und den Sporen zugleich, und zwar immer mehr, je näher sie der den Hof einschließenden Fenz kamen.

Jetzt erkannte man auch, daß der Reiter unterwegs den Sattel verloren haben mußte, er saß auf dem nackten Rücken des Tieres.

Der Mörder in der Stube hatte seine Augen unverwandt auf die beiden Reiter gerichtet, ohne seine Opfer noch zu beachten. Plötzlich erweiterten sich seine Augen, sein Gesicht nahm einen schrecklichen Ausdruck an, und ein pfeifender Laut kam über seine Lippen.

»Verflucht, er ist es! Jetzt, Eduard, flieh, oder es wird zu spät. Halt, diese da muß erst sterben, ein Dolchstich wird sie unschädlich machen.«

Seine Hand fuhr unter den Rock, da aber sprang das Weib, das unterdes wieder zu sich gekommen, mit einem Satz auf und stieß ihn so kräftig zurück, daß er an die Wand taumelte.

»Mörder!« gellte es durch das Haus.

Eduard dachte nicht daran, seine Rache jetzt zu befriedigen, einen wütenden Blick nur warf er auf das Weib, auf das Kind, welches bewegungslos auf dem Sofa lag, dann floh er durch die offene Tür, durch welche er unbemerkt hereingeschlichen war.

Miß Kenworths Hilfegeschrei rief Dienerschaft herbei, aber man dachte jetzt nicht an die Verfolgung des Fremden, sondern beschäftigte sich mit Martha, welche zwar noch lebte, aber halb erstickt war. Es gelang der Gouvernante, sie langsam wieder zum Bewußtsein zu bringen.


 << zurück weiter >>